Volle Dröhnung „PanikCity“ – Das Lebenswerk des Deutschrockers Udo Lindenberg als digitale Erlebniswelt auf St. Pauli

PanikCity in Hamburg. © PanikCity

Hamburg, Deutschland (Kulturexpresso). Hamburgs bekanntester Rock’n Roller hat eine eigene Kultstätte bekommen. Das wieder eröffnete „Udoversum“ ist ein interaktiver Trip durch das Leben Musikers

Wo, wenn nicht auf der Hamburger Reeperbahn, die Lindenberg einst als „geile Meile“ besungen hatte? Mitten im Amüsierviertel auf St. Pauli zwischen Großer Freiheit, Davidswache und Herbertstraße befindet sich das Hightech „Udoversum“. Kein traditionelles Museum, keine belehrende Ausstellung ist in den vierten Stock des Klubhauses St. Pauli eingezogen, sondern eine „multi-sensorische, interaktive Erlebniswelt“ wie Geschäftsführer Damian Rodgett erklärt.

„Herzlich willkommen in der bunten Republik.“ © PanikCity

„Bunte Republik Deutschland“

Acht Jahre nach dem Misserfolg der ambitionierten „Beatlemania“-Museumspilgerstätte über die legendären Hamburger Jahre der Fab Four – jetzt: ein neuer Versuch am fast gleichen Ort, sich hanseatisch einer deutschen Legende des Rock’n Roll zu besinnen – oder zu vermarkten.

Auf 700 Quadratmetern werden die Lebensstationen des musikalischen Allround-Talents dargestellt: von Lindenbergs Jugendzeit, seiner Wohnstätte im Hotel „Atlantic“ über den politischen Rock’n Roller, der gegen Schwulenfeindlichkeit, Alt- und Jungnazis gesungen hat bis seiner letzten Konzerttournee.

Ein Raum widmet sich Lindenbergs Geburtsstadt Gronau – mit einem videoanimitierten Zwiegespräch zwischen seiner Schwester und ihm. Dabei wird klar: Schon als Kind wusste der Panik-Mann, dass er auf die große Bühne will, um sein Ding zu machen.

PanikCity in Hamburg. © PanikCity

„Hau rein, ist Tango“

Was dabei auffällt: Die Macher haben für das zwei Millionen Euro teure Projekt fast vollständig auf Artefakte mit auratischer Wirkung verzichtet. Es gibt keinen Lindenberg Hut, keinen Udo Schreibtisch, keine Original Panikorchester Songtexte.

Stattdessen flimmern überall bunte Filmchen mit Udo Interviews; es gibt Panoramaleinwände, 3-D-Projektionen, Augmented-Reality-Stationen – aber, und das erstaunt: alles nur auf Deutsch! Fremdsprachige Besucher sind scheinbar keine Zielgruppe von PanikCity, – sondern die 50 bis 70-Jährigen aus der Schweiz, aus Österreich und natürlich aus Deutschland. Alles mit Zustimmung von Lindenberg, der inhaltlich, aber nicht finanziell an „PanikCity“ mitgewirkt hat.

PanikCity in Hamburg. © PanikCity

Honky-Tonky-Show

Im Erdgeschoss, in der Bar „Alte Liebe“, beginnt die Tour. Nach einer kurzen Einführung geht es mit dem Guide per Fahrstuhl in den vierten Stock und hinein in die Welt des Panik-Machers. Die erste Tür des Udo-Universums öffnet sich und die Besucher finden sich in der nachgebauten Raucherlounge des altehrwürdigen Atlantic Hotels wieder.

Und hier sollen sie lebendig werden, all diese Gestalten, die nachts in der Raucherlounge des Hotels Atlantic vielleicht entstanden sind: Bodo Ballermann, Elli Pirelli, Rosa, die sich immer auszieht, Chubby Checker, Rudi Ratlos, die ganze Honky-Tonky-Show. Das soll sich so anfühlen, als ob man tatsächlich das Nobel-Hotel betritt, in dem Lindenberg seit über zwanzig Jahren seinen festen Wohnsitz hat.

Die Besuchergruppe nimmt auf den gepolsterten Hockern Platz – gegenüber der Rockstar höchstpersönlich. Allerdings nicht zum Anfassen, denn Udo ist dort als Videoinstallation auf einer Panoramaleinwand zu sehen – dafür aber täuschend echt.

PanikCity in Hamburg. © PanikCity

„Herzlich Willkommen in der Udo-Welt, macht euch locker“, begrüßt Lindenberg das Publikum. Und schon gibt es die ersten Eindrücke seiner Geschichte im Video – überraschend, schnell und bunt, so wie das Leben des Rockers bislang auch verlaufen ist: Das Atlantic Hotel, wo er gerne an der Bar die berühmte „Likörelle“ malt, seine Suite, die „Panik Bude“, zahlreiche weitere Bilder und Schlagzeilen aus den vergangenen Jahrzehnten rauschen über den Bildschirm. Nachdem die Geschichte des Panikorchesters bis zum Comeback Lindenbergs im Jahr 2008 verblasst, teilt sich die Leinwand und öffnet den Weg in den nächsten Raum – hinein in Udos Kindheit.

PanikCity in Hamburg. © PanikCity

Der nächste Themenraum widmet sich Lindenbergs Geburtsstadt Gronau – mit einem videoanimitierten Zwiegespräch zwischen seiner Schwester Inge und ihm. Ich habe das Gefühl, als wäre ich tatsächlich mit den beiden in einem Raum. Der Karrierestart in „Gronau an der Donau“, wie Lindenberg es nennt, hat seinen „westfälisch-amerikanischen Traum“ wahr werden lassen. Dabei wird mir hier suggeriert: Schon als Kind wusste der Panik-Mann, dass er auf die große Bühne wollte, um sein Ding zu machen. 1946 geboren, wächst er mit drei Geschwistern im Elternhaus in der Gartenstraße 3 auf. Ein angedeuteter Nachbau des Hauses sowie seiner Gronauer Stammkneipe sind ebenfalls zu sehen. Auch Schulfreund Clemi sowie Hanspeter und Kalle tauchen auf den Bildschirmen vor dem Elternhaus und der Kneipe auf. Der Besucher erfährt hier, dass Udo seinen Eltern Gustav und Hermine sein musikalisches Gespür zu verdankt.

Weiter geht es in das nachgebaute Boogie-Park-Studio im Hamburger Stadtteil Bahrendfeld, wo Lindianer Udos „Mein Ding“-Song audiovisuell aufnehmen können. Kopfhörer auf, Mikrofon an. Der Panik-Macher begrüßt die Gruppe und animiert sie per Videoinstallation, gemeinsam seinen Hit zu singen und zu tanzen. Da steht man auf grünen Fußabdrücken vor einem Mikro, weil Udo ja so gern grüne Socken trägt. Anschließend kann man das Video per USB-Stick kostenlos mit nach Hause nehmen.

Alles bewegt sich, alles dreht sich. Sogar eine Likör-Bar („Alkohol und Kunst“) hat man aufgebaut: Dort dürfen die Besucher Udos Kultbilder auf Tischtablets nachmalen. Kreativ ist das nicht, dafür aber Screen-wisch-und-weg animiert.

PanikCity in Hamburg. © PanikCity

Honecker-Gitarre, Stasi-Akte, goldener Trabi

Ein eigenes Zimmer hat auch die DDR, gegen die Lindenberg nach Kräften angesungen hatte. Umgeben von Sirenengeheul betrete ich den schlicht gestalteten komplett weißen Raum in schummriger Beleuchtung. Ein irgendwie beklemmendes Gefühl. In der Ecke steht Udos goldfarbener Original-Trabi, ein DDR Kassettenrekorder, eine Eintrittskarte für Udos Konzert im Palast der Republik.

Hier hängt auch jene Gitarre, die er einst Erich Honecker vermachte. Udo erzählt von „meterhohen Stasi-Akten“, die es zu Songs wie „Mädchen aus Ostberlin“ und „Sonderzug nach Pankow“ gegeben hat.

In der letzten Station steht der Besucher mit spaciger Virtual-Reality-Brille live im Stadion auf der Bühne: „Reeperbahn, du geile Meile!“ Mehr Kathedrale geht kaum. Hier wurde mit Technik nicht gekleckert, sondern geklotzt. Zu den Initiatoren und Investoren von PanikCity gehört Corny Littmann, Chef des Schmidt-Theaters, ehemaliger Präsident des Fußballvereins FC St. Pauli und einst Mitglied der Theatergruppe Brühwarm: „Ich glaube, die Leute werden von Udo überrascht sein, nämlich von der Vielfältigkeit seines Schaffens. Da werden viele Aspekte erlebbar gemacht, die viele Menschen gar nicht kennen und erwarten. Und da sind ganz viele persönliche und berührende Momente auch dabei.“

PanikCity in Hamburg. © PanikCity

Knall, Rauch, Zisch

Trotzdem bleibt der Mensch Lindenberg merkwürdig unnahbar. In der „PanikCity“ geht es vielmehr um Emotionalisierung mit den multimedialen, interaktiven Möglichkeiten unserer Zeit. Überall wird der Besuchervon einem optisch-klanglichen Sperrfeuer aus Tönen, Bildern und Geräuschen begleitet. Ob das reicht – singen, malen, staunen mit und über Udo Lindenberg? Unter die Haut geht das jedenfalls nicht.

1991 beschreibt Lindenberg in seinem Lolita-Song, wie ein älterer Mann ein junges Mädchen begehrt. Nur ein Beispiel dafür, dass es in Songs des Musikers auch um erotische Fantasien mit Minderjährigen geht. Wenig überraschend: In der PanikCity wird das nicht thematisiert. Lindenbergs Alkoholexzesse? Bleiben unerwähnt! Drogenmissbrauch – kein einziges Wort darüber. Dabei hatte er 2019 in seiner Biografie geschrieben: Das große Ding geht nur ohne Suff im Kopp!

Was den ungebrochenen Ruhm des Deutschrockers ausmacht, der mittlerweile 74 ist? Die Frage bleibt unbeantwortet. Am Ende der 90-minütigen Tour steht – ganz analog und unmultimedial – ein Museumsshop mit dem bekannt-kitschigen Andenkensortiment: Kappen mit Udos Konterfei, T-Shirts mit dem „Sonderzug nach Pankow“, Lindenberg Bildbände – nur Kaffeetassen mit „Naziland ist abgebrannt“ sucht man vergeblich. Dafür gibt es zum Schluss einen Eierlikör gratis.

PanikCity in Hamburg. © PanikCity

INFO-BOX

PanikCity
liegt auf der Reeperbahn; ist mit dem Pkw erreichbar, der S-Bahn / Station „Reeperbahn“ (S1/S3) oder der U-Bahn / Station „St. Pauli“ (U3);
Spielbudenplatz 21-22, 20359 Hamburg
Mail: info@panikcity.de
Web: www.panikcity.de

Die Touren
finden mittwochs bis sonntags zwischen 12.00 und 17.00 Uhr statt (Maskenpflicht während der Tour, maximal 10 Gäste pro Tour) und lassen sich vorab online buchen:
https://tickets.panikcity.de/webshop/webticket/timeslot
Tel.: +49 (0)40 – 6466 5500
Treffpunkt 30 Minuten vor Beginn im Café „Alte Liebe“.

Alle Führungen werden von einem Guide begleitet, sind nur auf Deutsch und dauern 90 Minuten.

Der Eintritt kostet aktuell wochentags ab 18,50 € pro Person und am Wochenende 29,50 € pro Person. Darin enthalten ist ein Eierlikör-Gutschein.
Buchungen über das Internet: tickets@panikcity.de

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