Zündende Idee: Besuchen Sie Welthölzer & Co im Grafenwiesener Zündholzmuseum

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Ein Zündholz brennt. Quelle: Pixabay, Foto: markito, BU: Stefan Pribnow

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wir wollten unsere Gewohnheiten nicht ändern, aber wir haben es getan. Wir reisten weniger. Jetzt geht es wieder, wenn auch nicht grenzenlos und ohne Umstände. Doch nicht nur Kontaktbeschränkungsgesetze und beschönigend genannte Ausgangssperren – im Frieden äußerst ungewöhnlich und in Deutschland sowieso – sondern auch höhere Preise und ein geringeres Angebot finden wir Reiseweltmeister 2022 vor.

Und neuerdings, verstärkt durch die Medien, wird angeblich alles teurer. Und dann auch tatsächlich. Glauben Sie mir, nach so einer Vorlage hätte jeder die Preise erhöht, ob er Grund gehabt hätte oder nicht. Eine Grund finden, das kann man. Doch bis Februar haben die hohen Spritpreise niemanden interessiert. Jetzt plötzlich sind Preissteigerungen eine Nachricht wert.

Wer nicht weit fahren will, bleibt eben im Land

Die Lösung des Problems „höhere Reisekosten“? Im Land bleiben. Ab und zu. Kurze Anreisezeiten und bei Autoreisen die möglicherweise letzten Monate oder Jahre ohne Tempolimit auf wenigen Straßen locken hinaus in die Nähe. Warum es in den Vereinigten Staaten soviel Motels gibt? Nun, bei größeren Entfernungen und der Liebe zum Auto will man trotzdem nicht die Gewohnheit aufgeben, jede Nacht zu schlafen. Deutschland dagegen ist winzig. Aber zu sehen gibt es viel. Und wenn man schon einmal hier ist, warum nicht vieles anschauen? Alles anschauen geht ja nicht, zu wenig Zeit und alles ist ja auch nicht öffentlich. Also begnügen wir uns einstweilen mit Natur und Museen. Den Eiffelturm kann man schließlich auch in Grafenwiesen sehen – aus brennbarem Material.

Womit wir endlich beim Thema wären. Denn was ist eine Reise ohne Ziel? Kann ja auch was Nettes sein, doch brauchen die meisten von uns nunmal ein Ziel, sonst gehen oder fahren sie nicht los.

Ein Museum für das zündende Holz

Das Zündholzmuseum ist so ein Ziel. Wie wir gerade jetzt darauf gekommen sind? Zum einen stellten wir nach Weihnachten fest, dass ganz viele Nachbarn jetzt mit dem Weihnachtsbaum elektrischen Storm verbrauchen und auch im Hintergrund noch Licht
brennt. Wir kennen das noch so: Wenn der Weihnachtsbaum entzündet wird – ein magischer Moment – wird das andere Licht gelöscht. Und 20 Baumkerzen aus einer handelsüblichen Packung reichten allemal um die gute Stube und die Augen zum Leuchten zu bringen. Erst wenn nach der Bescherung eine Bedienungsanleitung zu lesen war, wurde vorübergehend das Licht eingeschaltet.

Das Aussterben der Kerzen und Streichhölzer

Heute hat man das Licht kaltgemacht. Vielleicht kehrt man ja wieder zum Kerzenlicht zurück, ist es doch ein Herzenslicht und verbraucht u.U. weniger Energie, weniger Strom sowieso. Wer im Sicherheitsland Deutschland Sicherheit braucht, sollte eben immer einen gefüllten Wassereimer bereitstehen haben. So haben es schon die Römer gemacht und das funktionierte auch andernorts wunderbar.

Wer keine Kerzen mehr entzündet und sich das Rauchen abgewöhnt hat, braucht selten Feuer. Doch wie kann man heute Feuer erzeugen? Supermärkte und Discounter wie PENNY bieten gar kein Streichhölzer mehr an! Feuerzeuge gibt es dagegen überall. Teuerzeuge. Zurück bleibt nicht recycelbarer Plastikmüll mit Metallteilen. Oft genug am Wegesrand, im Gras oder irgendwoanders, wo er nicht hingehört.

So ein Streichholz – wie sich das schon anhört, fast wie Streichelholz – dagegen verschwindet vollständig im Ofen. Früher hat man auch noch die Schachtel hinterhergeworfen, ins Feuer. Ob Zündholz oder Streichholz, das ist sprachliche Geschmackssache. Holz oder Gas dagegen nicht. Gas kann niemand selbst herstellen, genausowenig wie ein Feuerzeug. Im Werk- oder Chemieunterricht könnte man ein Zündholz schon herstellen. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, der in Mitteleuropa ausreichend vorkommt. Wie das mit der Reibung funktioniert, wissen das Lexikon, das Netz und der Chemielehrer. Man braucht manchmal und für manche Hölzer auch keine Reibfläche.

Streichhölzer ohne Holz hießen auch so

Und natürlich gab es auch schon Zündhölzer ohne Holz. Für den römischen und griechischen Flottenbau (und die warmen Bäder) holzte man Italien und Griechenland ab, auch Malta ist nicht sonderlich bewaldet. Der Apennin lässt grüßen. Die italienische Halbinsel heißt nicht umsonst Apenninenhalbinsel. Das Gebirge ist noch da, die Staaten Italien und San Marino auch, von den Bäumen ist im Moment nicht viel übrig. Den Zusammenhang zwischen Erosion und Zivilisation konnte man am Mittelmeer früh lernen. Zu viele Kriege. Da hilft Aufforstung irgendwann auch nur noch begrenzt, wenn die Erde über Bäche und Flüsse ins Meer geschwemmt wurde. Wo Holz knapp war, gab es Anmachhilfen ohne Holz; Not macht erfinderisch. Hölzer hießen sie trotzdem, obwohl Ersatzstoffe verwendet wurden. Zundstäbchen oder ähnliches hat sich nie durchgesetzt.

Allgemeines

Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Wo Feuer ist, muss kein Rauch sein. In Rom gibt es, wenn auch selten, weißen Rauch, in dem winzigen Staat in der Stadt. Rauch enthält Kondensationspartikel und diese braucht der Regen.

Weißer Regen in der Nähe

Er fällt nicht, er fließt. Der Weiße Regen. Und das Zündholzmuseum Grafenwiesen ist ganz in der Nähe. Näher ist ihm nur der Totenbach. Über dem Bach die Metzgerei Wieser und gegenüber an der Perlingerstraße Edeka und Nah und gut. Wer ob der hohen Preise für Fortbewegung nicht einkehren möchte, kann sich hier versorgen. In der Hohenbogenstraße gibt es einen Elektrofachmarkt. Die Gemeinde Grafenwiesen im Landkreis Cham hat anderthalbtausend Einwohner.

Wegbeschreibung

Von der bayerischen Staatsstraße 2140 kann man gegenüber des Kurparks Grafenwiesen mit seiner besuchenswerten Kneippanlage in die Schönbuchener Straße abbiegen. Man lässt den Rathausplatz, wo man auch Geld abholen kann, wenn man kein Bargeld dabeihaben sollte, rechts liegen und die Hohenbogenstraße links liegen. Dann passiert man links ein Kreuz mit Totenbrettern und rechts die Kirchstraße. Spätestens, wenn man links das Gefallenendenkmal sieht, kann man Gas wegnehmen. Man lässt die Pfarrkirche im Dorf (links) und könnte in die Sackgasse links einbiegen, um einen Parkplatz zu finden, den es an Kirche und Friedhof gibt. Das dritte Haus nach der kleinen Stichstraße links ist das Zündholzmuseum.

Der Totenbach und der Regen

Gegenüber münden erst der Schloßweg und dann der Kothwieselweg in die Schönbuchener Straße. Beide verlaufen nördlich des Totenbachs, der, bevor sich seine Wasser in den Weißen Regen ergießen, auf seinem Weg die Berghäuser und die Perlingerstraße unterspült, den Rathausplatz rechts liegen lässt, die Staatsstraße unterquert um dann im Kurpark sichtbar zu werden mit seinen Gewässern.

Kurpark mit Kneipp

Wenige Meter später endet der Totenbach und seine Wasser werden Teil des Weißen Regens. Hier südlich des Kurparks verläuft der Zittenhofer Weg bis Hausnummer 28. Für Autos eine Sackgasse. Als Fußgänger kann man den Fluss mit seinen zwei Armen queren und dabei die Insel im Regen überschreiten. Auch wenn es nicht regnet.

Der Zittenhofer Weg setzt sich am Nordufer des Flusses fort, denn er hat ein Ziel, die an einer Straße und einem Gewässerchen gelegene Hofkapelle Zittenhof. Das dortige kleine Gewässer, dass in seiner Breite dem Totenbach ähnelt, führt sein H2O von der anderen Seite dem Regen zu. Erst fällt der Regen, dann sammelt er sich in den Bächen und fließt dann wieder in den Regen. Ein Kreislauf sprachlich sichtbar gemacht. Den Deutschen, den Bayern und Franken kann man danken.
Und dem Feuer. Was wären wir ohne Feuer und Verbrennung?

Anschrift:

Deutsches Zündholzmuseum Grafenwiesen e.V., Schönbuchener Straße 31, 93479 Grafenwiesen

Nicht täglich geöffnet. Tel. (0 99 41) 94 03 17
https://deutsches-zuendholzmuseum.de/

Anfahrt mit der Bahn – auch wichtig wegen des 9-Euro-Tickets: Von der weit im Westen liegenden Kreisstadt CHAM bis Lam im Osten fährt die Kursbuchstrecke 877 über 22 km weit (Oberpfalzbahn). Von Cham via Runding kommend könnte man in Miltach umsteigen Richtung Straubing, weiter geht es über Blaibach-Pulling-Bad Kötzting und Zellertal nach Grafenwiesen. Wer da weg will nach Osten kommt nach Watzelsteg, Hohenwarth Campingplatz, Arrach und Frahelsbruck und dann zur Endstation. Seit 2005 kann man von Cham bis Lam ohne Umsteigen durchfahren.

Wenn das 9-Euro-Ticket Geschichte ist, gilt vermutlich wieder und immer noch das Bayerwald-Ticket und das GUTi = Gästeservice Umweltticket. Auf jeden Fall ist die Strecke im Verbundtarif VLC, Verkehrsverbund Landkreis Cham. Weg vom Bahnhof zum Museum.

Wenn man mit der Bahn angekommen ist, steigt man aus und gelangt im rechten Winkel zu den Gleisen nach wenigen Metern die Straße Bahnhofweg entlang – der Kurpark liegt rechter Hand – zur Staatsstraße 2140, die man überqueren muss. Die Fortsetzung des Bahnhofwegs auf der anderen Seite der Hauptstraße ist bereits die Schönbuchener Straße. Das Museum mit der Nummer 31 ist das vierte Haus hinter der Kirche. Ein Satteldachhaus , das mit dem Giebel zur Straße steht. Leicht zu finden. Rechts stehen eh keine Häuser.
Aktuelles (Veraltendes):
Aktuelle Ausstellung: „Solo-Girl und Walfischzündhölzer“.
Immer da sind Streichholzschachteln, Bastelarbeiten und Wissenswertes über die Herstellung der feurigen Sticks.

Historisches und Spaßfaktoren

Das Museum gibt es seit 2008. Wer also meint, da müsse er nicht wieder hin, da wäre er schon auf Klassenfahrt gewesen vor langer Zeit oder vor 20 Jahren – nee, das kann nicht sein.

Es ist das deutsche Zündholzmuseum, nicht irgendeins. Salz und Feuer braucht der Mensch zum Überleben. Genau wie das Deutsche Salzmuseum nicht irgendwo ist, sondern im über 1000jährigen Lüneburg ist das Zündholzmuseum eben hier in der Oberpfalz. In die Lüneburger Heide hätte man vielleicht ein Ginmuseum hinstellen können, aber genug Bäume zum Zündeln gab‘s da nicht, fressen doch die Heidschnucken regelmäßig die Triebe weg, so dass Erika und Wacholder bleiben. Der Landkreis Cham gehört dagegen zum Oberpfälzer und Bayerischen Wald und ist in seiner Gesamtheit Teil des Naturparks Bayerischer Wald.

Allerdings gibt es das Deutsche Salzmuseum in der Salzstadt schon länger, die Lüneburger Saline schloss 1979/80 und bot Platz für das Museum. Die Saline ist sogar so groß, dass das Museum mit seinen vier Dauerausstellungen und Sonderausstellungen nicht in der Lage ist, das Gebäude zu füllen. Unter dem selben historischen Dach findet auch noch ein Riesensupermarkt Platz.

Das Grafenwiesener Zündholzmuseum ist von 2008, also 2022 14 Jahre alt und noch ein Teenager. Das Salzmuseum ist erwachsen und schon lange volljährig. 1991 erhielt es den Museumspreis des Europarates. Dazu kommt, dass die Lüneburger Saline der älteste Industriebetrieb Mitteleuropas ist und der einstmals größte.

Zufälle gibt es keine. Die Wirtschaft denkt wirtschaftlich.

Natürlich ist das Grafenwiesener Museum nicht zufällig dort. Zufälle gibt es keine. Ein Jahrhundert lang wurden in der Gegend Streichhölzer hergestellt. Es gab eine Zündholzfabrik Allemann. Schließlich brauchen alle Mann Feuer – irgendwann. Und das Holz gibt es nebenan.

Weil man für Eisen und Stahl die Zutaten Erz und Kohle nicht gleichgewichtig, sondern im Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel braucht, baut man eine Hütte am liebsten in die Nähe des Rohstoffs, den man zu 2/3 braucht. Eine Saline baut man da hin, wo das Salz ist, ob nun in Lüneburg oder auf Ibiza, das jedes Jahr Streusalz nach Skandinavien liefert. Und was macht gewichtsmäßig bei einem Schwefelholz den größten Anteil aus – Schwefel?

Nein. Also … ab in den Wald mit der Fabrik.

Welthölzer aus dem Bayerischen Wald. Welthölzer kennt man heute nicht mehr allgemein, wie Nachfragen bei jüngeren Verkäufern in Läden täglichen Bedarfs beweisen. Es gab Zeiten, da war ein Monopol an Streichhölzern noch etwas wert.

Ein Schloss und ein Kirche mit Rokokoausstattung gibt es auch

Grafenwiesen liegt im Landkreis Cham im Regierungsbezirk Oberpfalz im Freistaat Bayern in der Bundesrepublik Deutschland. Cham ist der 5tgrößte Landkreis Bayerns und grenzt an den tschechischen Bezirk Pilsen/ Plzen. Der Kreis Cham ist doppelt so groß wie Hamburg und anderthalbmal so groß wie Berlin. Das Schloss in Grafenwiesen wurde 1660 fertig (Schloßweg). Die Kirche neben dem Museum, die Pfarrkirche Hlg. Dreifaltigkeit, ist jünger als mein Großvater: von 1923. Aber sie hat eine Rokokoausstattung, aus der ehemaligen Schlosskapelle.

Die erwähnte Bahnstrecke von Cham nach Lam wurde im Königreich Bayern errichtet; der östliche Teil Kötzting-Lam über Grafenwiesen 1891.
Ein Frage zum Schluss: Was hat man, wenn man hier drei parkende Autos hintereinander sieht? Cha-Cha-Cha.
Nachtrag zu Pfingsten 2022 – Bahn sagt: Überlastet waren nur die Strecken zu touristischen Zielen

Gerade wurde das neue 9-Euro-Ticket gültig – mit dem man seit 1.6.‘22 für den Betrag, der der Fahrkarte den Namen gab, einen Monat im Sommer fast alle Busse und alle Nahverkehrszüge und Bahnen in der Bundesrepublik benutzen kann – da ereignete sich in Bayern bei Burgrain, einem Stadtteil des Marktes Garmisch-Partenkirchen, ein Zugunglück. Am 3.6. Die 2000-Seelen-Siedlung an der Loisach ist seit 1939 bewohnt. Die Deutsche Bahn AG bat darum, für die Dauer der Bergungsarbeiten die Region zu meiden.
Die Bahnstrecke wurde zwischen Oberau (km 92) und Garmisch (km 100) gesperrt, ein Ersatzverkehr sollte eingerichtet werden, per Bahn ging es von Garmisch nur noch mit der Karwendel- oder Mittenwaldbahn Richtung Seefeld in Tirol und Innsbruck. Dort in
Mittenwald an der Isar, der Heimatfilmkulisse der 50er Jahre, gibt es ein besuchenswertes Geigenbaumuseum. Der 7000-Einwohner-Ort an einer alten Römerstraße von A nach B (von Augsburg nach Bozen) ist seit 1984 weltbekannt durch Paul Kohls Roman „Nazigold“, der seitdem Schatzsucher anzieht.

Nach Grafenwiesen kann man aber beruhigt reisen, ohne irgendwelche Arbeiten zu behindern. Denn die österreichische Grenze und das Karwendelgebirge sind weit weg.

Der Weg führt per Bahn über Straubing und München, von wo es über Gauting, Starnberg, Tutzing, Weilheim (Oberbayern) und die Künstlerstadt mit Schloßmuseum und „Russenhaus“(Münter-Haus) bis nach Garmisch noch etwa 100 Kilometer sind.
Die Ursache für das Unglück ist unbekannt. Es wurde am 5.6. bekannt, dass unter den fünf Todesopfern des Unglücks zwei geflohene Ukrainerinnen waren; falls man nicht herausfinden kann, warum der Zug in der leichten Linkskurve an der Loisach entgleiste, … vielleicht war es ja Putin …

Anschriften:

Münter-Haus Murnau am ‚Russenhaus‘, Kottmüllerallee 6. Das erste Murnauer Haus, dass jenseits der Bahngeleise gebaut wurde. Es liegt am Hang.

Geigenbaumuseum Mittenwald, Ballenhausgasse 3.

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