Geheim! Die Fremde in Das Fremde in der Fremde – an einem unbekannten, brutal nebulösen Ort. Björn Zahns Stück mit Betty-Despoina Athanasiadou bringt die Message in die Botschaft

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Elefantenwolke
Elefantenwolke © 2017, Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wir Journalisten sind gewohnt, Informationen zu überliefern. Bei einem Theaterstück Ort, Zeit und vielleicht noch den Eintrittspreis. Einen Preis, den man in diesem Fall gewiss zahlen muss, ist, selbst den Ort herauszufinden. Denn wir kennen ihn nicht. Nicht, dass wir ihn wüssten und verheimlichen – er ist tatsächlich geheim. Das Fremde: Ein Geheimtip, der seinen Namen verdient. Der Aufführungsort ist Berlin. Die Uhrzeit steht fest: 21 Uhr. Viel Spaß beim Suchen.

Berlin ist größer als ein Drittel Luxemburgs. Viermal so groß wie Malta, die Insel. Aussichtslos. Die Veranstaltung wird deshalb zweimal wiederholt, nach der Premiere am Samstag, 9. Dezember, am 15.12., Freitag, und am Donnerstag, den 21.12. Fände die Theateraufführung in Jübar, Hanum oder Oedeme statt, hätte man vielleicht eine Chance, den Ort zu finden und pünktlich zu kommen. Nicht so in der deutschen Hauptstadt. Da hilft es auch wenig, dass das „Theater in einer Berliner Botschaft“ ‚ist‘. Von den Kneipen, die sich „Botschaft“ nennen, einmal ganz zu schweigen. Fast in jeder Kirche wird die ‚Gute Nachricht‘ verkündet, Gotteshäuser sind Orte für Botschaften. Zählt die Vertretung der 1911 gegründeten Republik China, als Taiwan bekannt, dazu?
Ein Konsulat wird es wohl nicht sein, der Veranstaltungsort für das Event.

Und das Stück?

Nebulös

Wir wissen von dem Stück nicht mehr als der Leser. Mancher Leser durchbohrt vielleicht mit dem Laserstrahl der Kenntnis den Nebel des Unwissens.

Nebel

Das Theater heißt „Nebel brutal“. Brutal ist die schonungslose Wahrheit, die man manchmal nicht hören möchte, wie in den im August 2017 aufgeführten „Wirtuationen“, die gar nicht wirr erschrecken ließen wie der Löwe, Tiger oder Bär, die im klaren Wasser ihr Spiegelbild erblicken und es für einen Fremden halten.
„wir wissen das-
wir wissen, dass wir jetzt dran sind-wir waren zu lange nicht dran
allmählich müssen wir dran sein
und es wird bald sein
jetzt“.

Mit Verlaub, wem läuft da nicht ein Schauer den Rücken herunter?
Dem Ignoranten? Oder dem Schönfärber? Dem Ewiggestrigen? Dem Gläubigen, der um die Realität einen allzubrüchigen Kokon zu stricken versucht?

Der Reiz des Unbekannten

Die erste Zigarette wurde (genauso wenig wie die zweite, wenn sie denn folgte) nicht geraucht, weil sie schmeckte. Auch nicht wegen des unweigerlichen Hustens. Sie hatte soziale oder Entdeckungsgründe.
Drogen, Alkohol – in der Jugend vom Reiz des Neuen umgeben. Einem Nebel, den zu durchdringen man durchs „Ausprobieren“ hofft(e). Vergeblich. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Eyes Wide Shut

So eine Veranstaltung wie die Aufführung des Stückes „Das Fremde“ lässt sich nur noch vergleichen mit der Swingerparty aus „Eyes wide shut“. In dem Spielfilm ist das zentrale Ereignis eine geschlossene Veranstaltung an einem geheimen Ort, zu dem man Zutritt nur nach Einladung hätte, ohne eigentlich eine Einladungskarte vorzeigen zu können.

Heimlich muss sie stattfinden, da die sexuellen Ausschweifungen, denen maskierte Wohlhabende frönen, nicht in das moralische Bild der umgebenden Gesellschaft der USA passen. Die puritanisch-frigiden Sonntagsreden der Politiker und Moralapostel, die den Wert der Familie predigen, würden als Doppelmoral enttarnt, wenn die Öffentlichkeit von dem Event oder den aus dem Fernsehen bekannten Teilnehmern erführe.
„Geachtete Mitglieder der Gemeinde“ und „tragende Säulen der Gesellschaft“ würden mit Stumpf und Stiel ausgerottet, hinfortgejagt, geteert und gefedert, wenn ihr Treiben ans Licht käme.

Spannend

ist das Theaterstück also allemal. Selbst wenn gar nichts passierte. Selbst, wenn es nicht treffend „Das Fremde“ hieße.

Der erste Farbfilm, der erste 3D-Film, die erste Rundfunk-oder Fernsehübertragung wäre auch dann mit Spannung verfolgt worden, wenn sie Oma Krause beim Stricken oder die Bilder einer Verkehrsüberwachungskamera gezeigt hätten.

Der geheime Ort – nur ein Marketingtrick? Nun, niemand will Massen von Interessierten abweisen, seien es nun vor dem begrenzten Platz der Räumlichkeiten der Botschaften Lesothos, Monacos oder Bruneis oder vor den großzügigeren Palais der ehemaligen Besatzungsmächte.

Wir sind also doppelt und dreifach gespannt und haben selbst ob der Reservierungspflicht keine Teilnahmegarantie.

Das Fremde in und außerhalb der Dose

Yoko Tawada verfasste „Das Fremde in der Dose“. Die deutschschreibende Japanerin aus Hamburg verpackte es noch oder beschrieb das Eingedoste.
Bekanntes in der Dose wäre die Berliner Luft.

Nebel schwebt in der Luft und entzieht sich dem Zugriff fast wie die Wolken. Filmemacher wie Hitchcock oder einige Japaner wussten das in Farbe und Schwarzweiß zu nutzen.

Das Theaterplakat zeigt einen Menschen (eine Figur?) unter einer pelzigen, flocatiähnlichen (furry) Maske. Ein gute Verbildlichung des Fremden.

Fremd ist das, was wir noch nicht kennen. Es gibt Menschen, darunter Politiker, die fahren jedes Jahr an denselben Ort in Urlaub. Dieser war ihnen beim ersten Mal fremd.

Lernen wir jemanden kennen, wandelt sich der Fremde automatisch in einen Bekannten.

Das Unbekannte, das wir entdecken, wir zwangsläufig bekannt.

Kolumbus entdeckte Amerika. Die Wikinger und Indianer (First Nations) kannten es, nannten es Schildkröteninsel.
Die Europäer bemühten Amerigo Vespucci zur Benennung, einen Europäer. Unter dem Namen ‚Amerika‘ ist es heute auch dort bekannt.

Philip Reis erfand das Telefon, Konrad Zuse den Computer.
Vielleicht benutzten Außerirdische, uns Fremde, die anderen bekannt sein mögen, nach ähnlichen Prinzipien funktionierende Geräte schon lange.

Das Fremde ist nur so lange fremd, wie wir es nicht kennengelernt haben. Die Fremde ist nur so lange fremd, wie wir sie nicht kennengelernt haben.

Das Fremde.
Ein theatrales Mixtape von Björn Zahn. Eine Nebel-brutal-Produktion.
(Erläuterung ‚Mixtape‘ für Einheimische, denen die englische Sprache oder der Begriff fremd ist: Das Mixtape ist ein Begriff aus der Zeit, als Compact-Cassetten alternativlos waren oder nur vom überlegenen Tonband ersetzt werden konnten (oder, von den wenigen, die sie selber pressen konnten, von Schallplatten). Das unbespielte, „leere“ Band – Tape – wurde dann zum Mixtape, wenn man nach eigenem Gusto dort etwas aufnahm, mehr als ein, zwei Stücke – Quellen konnten Radio und Schallplatte sein.)

9., 15. & 21.12.2017 jeweils um 21 Uhr. Theater in einer Berliner Botschaft. GEHEIMER ORT. Begrenzte Teilnehmerzahl.
Nur mit Reservierung.
(Anmeldung und Infos zur Location unter nebelbrutal@gmail.com)
Darsteller: Betty-Despoina Athanasiadou, Marc C. Behrens, Lena Milde, Simon Mayer, Björn Zahn, Celina Basra und Till-Jan Meinen.

Regie/ Kostüm/ Konzept: Björn Zahn
(Mit Unterstützung des Theaterhauses Mitte.)

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