My Fair Lady – auf „Berlinerisch“ – Zur Neuinszenierung des weltberühmten Musicals an der Komischen Oper Berlin

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Kurz bevor der Vorhang aufgeht ... © Andreas Hagemoser 2017

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wer Vergleiche mit der Verfilmung des Musicals My Fair Lady in der Starbesetzung mit Audrey Hepburn durchführt, ist hier teilweise fehl am Platz. Eine ureigene, originelle Variante bietet die Inszenierung von Andreas Homoki, ehemaliger Intendant der Komischen Oper Berlin, nun Direktor im Züricher Opernhaus.

Die bekannte Story zur Erinnerung: Elyza Doolittle, das Blumenmädchen wird von Professor Higgins, einem Sprachforscher, „aus der Gosse aufgelesen“. Higgins schließt mit seinem ebenfalls renommierten Kollegen Oberst Pickering eine Wette ab, dass er es schafft, aus Elyza binnen drei Monaten eine Lady zu machen, die bei einem Diplomatenball reüssieren kann.

Gesagt getan – der Publikumsliebling Katharina Mehrling verkörpert Elyza glaubwürdigst als „berlinernde Rotzgöre“ – das Publikum biegt sich vor Lachen und ständig gibt es nach den Ohrwürmern wie „Et jrient so jrien, wenn Spaniens Blüten blühen“ und „Ich hätt‘ getanzt heut Nacht,…“tosenden Zwischenapplaus.

Ob im Arbeiterblaumann mit Schiebermütze, mit Kieselsteinen im Mund bei den Sprachübungen, im glamourösem weißen, langen Kleid mit riesigem Hut und Sonnenschirmchen beim Ascot-Pferderennen mit verpatztem Probeauftritt in der Gesellschaft oder in Audrey-Hepburns kleinem, langem Schwarzen mit Diamant-Diadem und -Collier bei der Feuertaufe des Diplomatenballs – die kleine, dynamische, feurige Mehrling zieht das Publikum in seinen Bann. Gänsehautfeeling entsteht, als Elysa (Katharina) endlich – nachdem schon alle vor Erschöpfung durch das Nächtehindurch-Üben auf dem Boden liegen – „Es grünt so grün“ in perfektem Hochdeutsch singt – eine Erlösung!

Um nichts steht dem Max Hopp als Professor Higgins nach – er gibt den blasierten Frauenverachter und redet von Elyza überzeugend widerwärtig als „das Ding aus der Gosse“. Bei seinen Sprachübungen mit Elyza kugelt sich das Publikum vor Lachen und urkomisch ist seine Darbietung von „Lass ein Weib an Dich heran…“.

Christoph Spät gibt den Oberst Pickering und zusammen mit Max Hopp bieten sie ein witziges Über-die-Bühne fegen.

Die dynamische, starke Susanne Häusler als die Professoren-Mutter Mrs. Higgins ist in ihrem Hosenanzug die moderne Frau von heute, die mit den Marotten ihres neurotischen Sohnes gelassen umzugehen weiß und die Geschicke mitbestimmt.

Den Vater Elyzas, Alfred P. Doolittle, spielt und singt eindrucksvoll mit seinem dröhnenden Bass Jens Larsen. Der Chor tanzt und singt im Blaumann mit Schiebermützen im Industrieviertel, in Ascot-Gala mit Riesenhüten beim Pferderennen oder in eleganten Roben beim Diplomatenball. Die Kostüme von Mechthild Seipel sind der gelungene Kontrapunkt zum minimalistischen Bühnenbild.

Den Verehrer Elyzas, Freddy, spielt liebevoll eindringlich Johannes Dunz.

Das grandiose Orchester wird bravourös von Kristiina Poska geleitet, der man die Daumen drücken darf, dass sie sich in der Männerdomaine behaupten wird.

Beim sehr minimalistische Bühnenbild erfolgen die Szenenwechsel durch Zu- oder Aufziehen eines blauen oder goldenen Vorhangs, vor denen gespielt wird. Zig Grammophone in den Größen normal bis überdimensioniert wechseln sich in buntem Reigen auf der Bühne ab – sie symbolisieren den Sprachunterricht Elyza Doolittles – das Vorher- Nachher-Ergebnis wird auf Schallplatten aufgezeichnet. Eine riesige, sich drehende Schallplatte dient bei einem Aufzug als Untergrund für die darauf tanzenden Darsteller.

Es gab tosenden Applaus, ständig Zwischenapplaus und das Publikum ging teilweise singend aus dem Saal nach der Vorstellung. „Am liebsten hätte ich die ganze Zeit mitgesungen.“ spiegelt ein Premierengast das Feeling vieler wieder!

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