Musikalische Nachtwanderung im Museum – Caravaggio-Ausstellung München goes Opera

München, Deutschland (Kulturexpresso). Eigentlich ein guter Gedanke, zwei Genres der Kunst zu verbinden: Gesang und Malerei wurden miteinander verflochten vom Opernstudio der Bayerischen Staatsoper und der Alten Pinakothek München, das sollte öfters gemacht werden. Die Ausstellung, die seit April viele Besucher begeisterte, bot am Dienstagabend eine Plattform für junge Studierende des Opernstudios. Das musikalische Konzept von Tobias Truniger wurde unter dem Titel ‚Selbstermächtigung‘ präsentiert, ein Wort das angeblich nicht im Duden steht und das ist vielleicht gut so, denn vielleicht wäre Selbstüberwindung ein besseres Wort gewesen. Selbstüberwindung, Überwindung des Egos, war es vielleicht auch, das Caravaggio so faszinierte an den Helden/Heiligen, die er immer wieder so bezwingend klar und berührend auf die Leinwand brachte.

Auch die Musikbeiträge von Georg Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach, Francesco Bartolomeo Conti, Franz Schubert, Claudio Monteverdi und Luciano Berio gaben dem Abend eine transzendente Dimension. Die Wanderung durch den Ausstellungsbereich glich einem Pilgerpfad, den man im Dunkel zu begehen hatte. Zuschauer und Künstler bewegten sich körperlich und musikalisch tastend durch die Säle, nicht alle Bilder waren beleuchtet, geführt wurde man von den Mitwirkenden mit Neonleuchten in den Händen. Nicht für jeden Besucher gab es Sicht auf die Künstler, wer etwas Raum wünschte, blieb im Dunkel. Doch auch so konnte diese unmittelbare Kunstform gefallen. Das Finale fand im größten Ausstellungsraum inmitten der Gemälde mit weltlichen Motiven (Spieler, Musiker, Wahrsager, Geldwechsler, Kartenspieler) statt und man konnte sich zu Luciano Berios ‚Folk Songs‘ um die jungen Musiker gruppieren.

Das Künstlerische Niveau war
beachtlich, die unmittelbare Nähe zu den Mittwirkenden dürfte so
nicht mehr oft zu erleben sein. Es sangen: Anna El-Khashem (Sopran),
Niamh O’Sullivan (Mezzosopran), Caspar Singh (Tenor) und Oleg
Davydoe (Bass), alle mit beachtlicher Stimme, Charisma und sehr guter
Technik. Man könnte verleitet sein zu sagen, dass es aktuell nicht
an der Ausbildung liegt, wenn manche große Talente nicht voll
erblühen, sondern vielleicht an dem anstrengenden Alltag des
Sängerlebens, das keine Zeit für eine künstlerische Entwicklung
zulässt.

Begleitet wurde mit Violine (Felix Key Weber), Fagott (Martynas Šedbaras) und Akkordeon (Kai Wangler), auch das eindrucksvoll und aus der Nähe umso tiefgehender. So muss es jedenfalls auch das Publikum empfunden haben, denn der Applaus am Schluss war euphorisch. Die Ausstellung blieb dann nur für die Besucher noch geöffnet.

Weitere Termine: 21.06., 22.06., 25.06., 26.06.2019.




5000 Jahre Kunstgeschichte – Das Ägyptische Museum ein Stern im Kunstareal München

München, Bayern, Deutschland (Kulturexpresso). München ist eine Stadt, die mich immer wieder in Atmen hält. Habe ich in anderen Städten ein gutes Orientierungsgefühl, so verlaufe ich mich dort noch immer und das seit Jahrzehnten. So geschah es auch als ich das Ägyptisches Museum besuchen wollte, gleich hinter der Alten Pinakothek soll es sein, dort war ich zudem schon öfters vorbei gefahren. Doch dann fand ich den Eingang einfach nicht, sah nur die Hochschule für Fernsehen und Film, komisch!

Ein Stück aus dem Goldschatz von Nubien und Sudan. © SMÄK, Foto: M. Franke

Schnell erklärten mir die Studenten, dass das Museum einen unterirdischen Eingang habe und mir gingen die Augen auf. Fast war der Eingang so geheimnisvoll wie eine Eingangshalle im alten Ägypten. Das war so wohl auch gewollt. Architektonisch ist der Gebäudekomplex des Architekten Peter Böhm ein Meisterwerk. Am 11. Juni 2013 öffnete es seine Pforten gegenüber der Alten Pinakothek. Neben Berlin und Hildesheim zeigt man nun dort eine der wichtigsten Sammlungen ägyptischer Kunstschätze in Deutschland und das Haus ist zudem das einzige Museum außerhalb Ägyptens, das ausschließlich ägyptische Schätze zeigt. Ende Dezember 2013 zeichnete die Münchner Abendzeitung das Museum mit dem „Stern des Jahres“ in der Kategorie „Kunst“ aus.

© 2019, Foto: Midou Grossmann

Dem kann man zustimmen, denn betritt man das Museum über die breite Rampe, die tief in das Fundament des Gebäudes führt, gelangt man in einen großen Raum, der an eine Kathedrale denken lässt. Am Eingang begrüßen schon zwei wunderbare Kunstwerke den Besucher, quasi wie Wächter stehen dort eine hohe Horusfigur sowie eine Statue eines Musikers. Diese eindrucksvolle Sammlung wurde von Herzog Albrecht V. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begonnen. Die Entwicklung ägyptischer Kunst über 5000 Jahre hinweg wird hier sehr eindrucksvoll gezeigt.

Die Goldmaske gehört zu den Hauptwerken der Sammlung. © 2019, Foto: Midou Grossmann

Vom Neuen Reich,
ca. 1532–1070 v. Chr., sind zu sehen: Bildnisse der Pharaonen
Ramses II., Thutmosis III., Echnaton und Hatschepsut, Löwenkopf aus
Kalkstein, Kopf einer Sphinx Amenophis II., Kniefigur des Senenmut,
Goldfigur der Teje, Würfelstatue des Bekenchons, Kelch mit der
Namensaufschrift Thutmosis’ III, das älteste Glasgefäß der Welt
(1450 v. Chr.). Doch auch das alte Reich, ca. 2707–2216 v. Chr.,
ist vertreten mit der Doppelstatue des Niuserre als junger und als
alter Mann, einem Köpfchen, das vermutlich Cheops darstellt, der
Granit-Familiengruppe des Dersenet und Scheintüren aus dem Grab des
Menes. Eindrucksvoll auch die Sargmaske der Satdjehuti Satibu,
entstanden ca. 1575 v. Chr. Alte Schriften aus dem Totenbuch sind
digital abrufbar und werden übersetzt anhand eines Bildschirms, der
unterhalb des Papyrus‘ auf einer Schiene gleitet. Ein Besuch lohnt
sich allemal, er wirkt entspannend und aufbauend zugleich, man zeigt
was Kunst in der Psyche der Menschen bewirken kann und so etwas
braucht der heutige Mensch gerne immer. Es ist auch interessant zu
sehen, dass unsere aktuelle Zivilisation nicht unbedingt die Krone
der Schöpfung zu sein scheint.

Zu Recht darf dieses Museum als weiterer Stern der Kunst im Münchner Kunstareal bezeichnet werden, das zudem mit Grünflachen und Cafés zu einer wahrhaftigen Insel der Inspiration geworden ist.

https://smaek.de




Keep on playing oder „Das Altenheim in Mailand“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Auf die Frage, was wohl seiner Meinung nach sein bestes Werk sei, soll Verdi geantwortet haben: „Das Altenheim in Mailand.“

‘La Casa di Riposo per Musicisti‘, kurz Casa Verdi genannt, an der Piazza Buonarroti, beheimatet auch die Gruft, in der Giuseppe Verdi mit seiner Frau Giuseppina Strepponi bestattet wurde. Eine überlebensgroße Statue des Komponisten bildet den Mittelpunkt der Piazza, gebieterisch fordert sie Aufmerksamkeit. Betritt man La Casa, fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt, in eine Zeit bevor Europa von zwei Kriegen zerrissen wurde und in der die Musik für viele Menschen aller Gesellschaftsschichten zum Leben gehörte.

Im Casa Verdi wohnen Musiker, die auch im Alter in ihrem gewohnten künstlerischen Umfeld leben möchten und vom Leben nicht verwöhnt wurden. Verdis Stiftung ermöglicht das zu bezahlbaren Preisen, der Komponist hat die gesamten Autorenrechte aus seinen Werken dieser Stiftung vermacht. Auch heute ist das finanzielle Polster anhand kluger Investitionen, Spenden und staatlicher Hilfe noch ausreichend für die ca. 75 Bewohner. Das Ganze wirkt mehr wie eine musikalische Bildungsstätte, überall Porträts sowie Bühnenposter, die an die glanzvolle Zeit der Oper erinnern. Elegante Empfangsräume und kleine Musiksalons laden zum Verweilen ein. Mittlerweile beherbergt das Haus auch junge Musikstudenten, die dort wohnen dürfen aber sich nebenbei um die Senioren kümmern müssen. Dafür dürfen sie im Haus musizieren und sich mit Freunden treffen. Fast jeden Tag finden Konzerte im großen Musiksaal statt, an dem prächtigen Flügel, den Toscaninis Tochter Wanda gespendet hat. Auch ihr Vater hat sich um das Haus verdient gemacht.

Für die jungen
Studierenden ist es ein Geschenk mit den Künstlern der Vergangenheit
zu kommunizieren und zu lernen. So konnte ich auch einer Übungsstunde
des wunderbaren Baritons Andrea Zaupa und seiner japanischen
Begleiterin beiwohnen sowie einen der größten Tenöre der
Nachkriegszeit – Angelo Loforese – treffen, der von einem großen
Bewunderer aus China, dem Bariton Wang Huandong, fast jeden Tag
besucht wird. Aus dieser Freundschaft entstand der mittlerweile
renommierte Angelo Loforese-Gesangswettbewerb, der weltweit junge
Sänger jedes Jahr nach Mailand bringt. Vom reichen Wissen und Können
der musikalischen Vergangenheit der Senioren profitieren die jungen
Künstler und werden auf den harten Alltag in der Welt der Kunst
vorbereitet. Allein das Flair des Hauses bewirkt schon eine geistige
Erneuerung, man fühlt sich geborgen, wie eine Bewohnerin erklärt.
So hat Giuseppe Verdi mit seiner zukunftsweisenden Idee auch etwas
für die Nachwuchsförderung getan, denn Musiker werden, beinhaltet
nicht nur ein Studium, sondern lebenslanges Lernen ist gefordert.

Davon kann der berühmte Tenor Angelo
Loforese (99) berichten. Gesungen hat er schon als Kind, Musik war
immer präsent im Alltag seiner Familie, die zur Mittelschicht
gehörte. Über den Kirchenchor kam er zu einer russischen
Prinzessin/Sängerin im Exil, die ihn in das Geheimnis des Gesangs
einführte. Damals wurde er als Bass eingestuft, dann machte man ihn
zum Bariton, doch kurz darauf sang er schon Tenorpartien. Er stand
mit allen großen Namen der Nachkriegsgeneration auf der Bühne,
selbst in München durfte er die Partie des Wolfram im ‚Tannhäuser‘
singen, auf Italienisch, die Kritiker waren begeistert. Endlich
jemand, der uns zeigt, wie Wagner gesungen werden sollte, schrieben
sie.

Herbert von Karajan holte Loforese 1964 als Tenor nach Berlin für ‚Trovatore‘ mit Leontyne Price und Giangiacomo Guelfi. Karajan studierte mit dem Sänger intensiv und prophezeite ihm eine Weltkarriere. Das es zu keiner weiteren Zusammenarbeit mehr kam, führt der Tenor auf Spannungen zwischen ihm und Karajans Sekretär Mattoni zurück. Dass Angelo Loforese vielleicht nicht so bekannt ist wie seine Zeitgenossen Stefano, Corelli, Del Monaco, liegt sicherlich auch an seiner großen Bescheidenheit. Jegliches Egogehabe war und ist ihm fremd. Zudem war er sich nie zu schade für seine Kollegen kurzfristig einzuspringen. Ein gepackter Koffer lag immer unter seinem Bett.

Das Geheimnis seiner Stimmer, mit der er noch mit 96 Jahren das hohe C singen konnte, versuchen viele jüngere Sänger nun zu ergründen. Er selbst spricht von seiner Lehrerin, der russischen Prinzessin (die Degiachelli), die ihm gelehrt habe, wie man das Zwerchfell ruhig hält, wie man ohne Forcieren singt, wie der Ton ganz natürlich im vorderen Bereich des Mundes und der Lippen geformt wird, indem man einen Ausgangspunkt in diesem Bereich finden sollte und der Gesang dann darauf aufgebaut werden muss. Man darf sagen, dass hier eine Art transzendentes Singen entsteht, eine innere Stimme sozusagen, denn durch unaufhörliches Üben tritt man in einen höheren Bewusstseinszustand ein und der Gesang fließt plötzlich natürlich, frei von der Technik, die dennoch wie eine Basis agiert, bevor man auf den Flügeln des Gesangs ‚abhebt‘. Das ist letztendlich das Geheimnis eines jeden großen Genies: Hingabe, Fleiß und den unbedingten Willen immer besser zu werden, ja, auch die Öffnung hin zu einer spirituellen Dimension ist hierbei unbedingt notwendig. Manche Menschen, wie auch Angelo Loforese, sind gesegnet dieses Wissen in sich zu tragen, andere können es mit Hingabe und Fleiß erlernen.

Zum Glück ist vor einigen Jahren eine
Biografie über den großen Sänger erscheinen, die auch in einer
deutschen Übersetzung erhältlich ist. Darin spricht der Tenor
detailliert über seinen Weg in den Olymp der Oper.

www.angeloloforese.com




Alte Kunst hoch aktuell und zeitlos – „Utrecht, Caravaggio und Europa“ in der Alten Pinakothek in München

München, Deutschland (Kulturexpresso). Caravaggio oder Michelangelo Merisi (von 1571 bis 1610) ist vielen Menschen immer noch kein Begriff außerhalb der Welt der Malerei. Das kann man nun schnell ändern, denn noch bis zum 21. Juli ist eine außergewöhnliche Ausstellung in der Alten Pinakothek München zu sehen. Die Zusammenstellung dieser teilweise auch verstörenden Gemälde wird sicherlich für einige Jahrzehnte so nicht mehr zu erleben sein, wenn überhaupt. Zwar sind nur vier Originale vom Maler selbst in München ausgestellt, doch Caravaggio ist der Star. Die Grablegung von Christus, ein absolutes Meisterwerk, wird allerdings schon in drei Wochen in den Vatikan zurückkehren.

„Die Grablegung Christi“ von Caravaggio in einem Katalog. © 2019, Foto; Midou Grossmann

Caravaggio beeinflusste mit seiner plastischen Chiaroscuro/Hell-Dunkel-Malerei eine gesamte Generation von jungen Malern – auch Caravaggisten genannt – die aus ganz Europa nach Rom kamen, um diesen Malstil zu erlernen. Die ausgestellten Gemälde entstanden alle zwischen 1600 und 1630. Klare Kontraste inspirieren den Betrachter mit einer fast fotografischen Wirkung. Grelle Scheinwerfer geben den Bildern in dem schwarzen Ausstellungsraum noch eine besondere Dramatik. Das Leben der damaligen Menschen steht unmittelbar im Raum, ebenso das Erleben von Jesus und seinen Jüngern, die im Hauptsaal der Mittelpunkt sind. Körper, wie aus Stein gemeißelt, erzählen manche verstörende Geschichten. Ein posthumes Porträt des Malers vom 1614 zeigt uns den fragenden Blick eines Menschen, der tief in die Fragen des Daseins eingetaucht ist, zeigt einen Künstler der mit dem Leiden vertraut war.

Enthauptungen zeigen zudem das grausame Leben dieser vergangenen Jahrhunderte. Kreuzigungen und Verleumdungen, Verrat und Betrug scheinen eine blutige Spur bis heute über den Globus zu ziehen. Auch gerade deshalb ist diese Ausstellung mit einer unmittelbaren Aktualität so wichtig und notwendig. Es stellt sich die Frage, warum wir keine solchen Gemälde in der modernen Kunstszene sehen? Diese hier bewegen immer noch, der Besucherandrang spricht für sich selbst.

Noch zu sehen bis zum 21. Juli 2019

www.pinakothek.de/caravaggisti




25 Jahre Theaterakademie August Everding oder Blutrache auf Korsika, allerdings etwas unterkühlt – Zum Stück „L‘Ancêtre“ im Münchner Prinzregententheater

München, Deutschland (Kulturexpresso). 25 Jahre Theaterakademie August Everding im Münchner Prinzregententheater, das sollte mit einem Highlight gefeiert werden. Dafür wählte man die die gänzlich unbekannte Oper ‚ L‘Ancêtre‘ von Camille Saint-Saëns. Das 90-minutige Werk wurde zum letzten Mal 1911 in Paris inszeniert, nachdem die Uraufführung 1906 in Monte Carlo freundlich aufgenommen wurde. Die Oper war danach zudem noch in Lyon, Prag, Antwerpen und sogar in Kairo zu sehen. In der Entstehungszeit als Verismo-Werk gelobt, besaß es dennoch nicht die musikalische Kraft sich gegen die starken Opern der italienischen Komponisten durchzusetzen. Saint-Saëns‘ andere vergessene Oper ‚Proserpine‘ wurde allerdings konzertant erfolgreich vom Münchner Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer aufgeführt, die Einspielung wurde mit Preisen ausgezeichnet.

Doch irgendetwas fehlte an diesem Abend
im Prinzregententheater. Die große Entdeckung war das leider nicht,
wenngleich die Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr höchst
konzentriert wirkte mit seiner minimalistischen Strenge. Das durchweg
dunkle Bühnenbild, ebenfalls von Frau Höckmayr, hätte dagegen
etwas mehr Glut vertragen können, Korsika schien hier auf einem
verdorrten Planeten angesiedelt zu sein. Dennoch erinnerte das
Bühnengeschehen stark an das griechische Drama, der die Handlung
begleitende Chor unterstrich dies eindrucksvoll, wenngleich doch
etwas zu sehr auf Stöcken gebeugt geschlurft wurde. Auch die
Nacktkostüme am Schluss, wohl als befreiendes Symbol gedacht,
wirkten hier nun fehl am Platz, ebenso der Eremit, der mehr einem
Dorftrottel glich, als einem weisen Einsiedler.

Die Personenregie dagegen wunderbar auf dem Punkt gebracht mit vielen Details, auch die verschiedenen Bewusstseinsdimensionen der handelnden Personen wurden großartig herausgearbeitet, das war spannend zu verfolgen. Agiert wurde von den jungen Protagonisten überzeugend und natürlich. Stimmlich sei zu bemerken, dass gut gesungen wurde, doch von einer französischen Phrasierung war leider nichts zu hören. Sehr schade, hier hätte das Werk noch aufgewertet werden können. Das zum Großteil unsensible Dirigat von Matthias Foremny war ein weiteres Manko, das eine musikalische Sogwirkung verhinderte. Man brachte die Komposition in eine Form, doch zum Leben wurde sie nicht erweckt. Das Münchner Rundfunkorchester musizierte unter dem sonst bekannt guten Niveau.

Thomas Kiechle als Gast in der Partie des Tébaldo sollte aufpassen, das Forcieren könnte seiner Stimme langfristig schaden, allzu selten konnte man sein schönes Timbre hören. Als ‚Geschwisterpaar‘ Margarita und Vanina gefielen Milena Bischoff und Céline Akçağ mit gestalterischer Präsenz, auch stimmlich zeigten sich beide bestens vorbereitet. Wenngleich auch hier mitnichten von einer Gestaltung der französischen Sprache gesprochen werden kann. Viel Applaus belohnte dennoch das Team für einen Opernabend, der zeigte, was die Theaterakademie zu leisten vermag, denn nicht die Studierenden enttäuschten an diesem Abend.




Symphonieorchester Vorarlberg spielt sich in die Herzen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Jung ist es als Verein, das Symphonieorchester Vorarlberg, denn die Gründung durch eine Gruppe von Musizierenden und Musikbegeisterten aus dem Land zwischen Arlberg und Rhein fand erst im Jahr 1984 statt. Jung ist es auch in seiner Besetzung, denn hier treffen einander professionelle Musikerinnen und Musiker aus Vorarlberg und den benachbarten Regionen, die oft in keinem Orchester fest angestellt tätig sind.

120 Musiker kehren immer wieder zurück zu diesem Orchester, das in seiner kurzen Geschichte lange von nur zwei Dirigenten geprägt wurde. Mehr als zwei Jahrzehnte prägte Christoph Eberle die Arbeit des Orchesters, 16 Jahre davon als Chefdirigent. Von 2005 bis 2018 folgte ihm der Südafrikaner Gérard Korsten nach, nun ist man wieder auf der Suche nach einem neuen Chefdirigenten, so sind fast alle Maestros dieser Saison in einer Art Bewerbungsphase.

Ein britischer Abend im Festspielhaus

So auch der Dirigent des Abend, der Brite Leo McFall, der ein klassisches Konzertprogramm präsentierte. Werke von Joseph Haydn, Gordon Jacob und Felix Mendelssohn Bartholdy waren zu hören. Gordon Jacob (1895-1984) ist wohl der unbekanntere von den dreien, doch sein Konzert für Horn und Streichorchester gehört zu den meist gespielten Werken dieser Gattung. Es wurde 1951 in London unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt, Solist war damals der legendäre Dennis Brain. Es stellt enorme Anforderungen an den Solisten, doch im Bregenzer Festspielhaus agierte der renommierte Hornist Stefan Dohr souverän virtuos und erntete viel Applaus im ausverkauften Haus. Die vielschichtige Komposition kann als eine Art Serenade für Horn und Streicher beschrieben werden und wurde nach der Uraufführung als vergnügliches Stück gelobt. Ja, das war ebenfalls der Eindruck auch an diesem Abend, wenn auch das Orchester teilweise etwas zaghaft begleitete.

Angefangen hatte man mit Joseph Haydn, Symphonie Nr. 98 B-Dur, die zu den 12 Londoner Symphonien des Komponisten gehört und schon bei Uraufführung bejubelt wurde. Aber auch hier schien der Dirigent zu sehr auf einstudierte Exaktheit zu setzen, als auf ein dynamisches Musizieren, das sich aus dem Augenblick selbst manifestiert. Zu einer geistig geprägten Aufführung kam es nicht, was leider heute immer öfters der Fall ist. Zwar konnte man sich nach der Pause mit der Symphonie Nr.3, der ‚Schottischen‘, von Felix Mendelssohn Bartholdy durchaus steigern, wobei der warme Klang der Streicher sowie ein durchweg flexibles Spiel des Orchesters positiv zu vermerken waren.

Man darf gespannt sein auf das kommende Operndirigat des Orchesters, Beethovens ‚Fidelio‘ ist sicherlich eine Herausforderung für jeden Klangkörper. Die szenische Aufführung wird im Vorarlberger Landestheater ab dem 1. Februar 2019 zu erleben sein. Das SOV spielt jede Saison einen Zyklus von 6 Konzerten in Bregenz und Feldkirch, die mittlerweile ein unverzichtbarer Bestandteil des Vorarlberger Kulturlebens sind.




Einfach überirdisch schön – Werke von Morten Lauridsen neu auf der CD „Light Eternal“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Kürzlich gab es im Internet eine Diskussion über lebende Komponisten mit der Frage, wer von ihnen bestehen könnte im Laufe der Geschichte. Morten Lauridsen wurde nicht erwähnt und als ich ihn erwähnte, wurde ich belehrt, dass Lauridsen nur religiöse Musik komponiere, dies zwar sehr gut, aber eben zumeist nur Chormusik. Nun, ich frage mich, was komponierte damals J.S. Bach? Zumeist religiöse Musik und sehr viel Chormusik! Und dennoch wird er immer als einer der Größten bezeichnet. Ein Hauptmerkmal der aktuellen Zeit ist diese enorme Vervielfältigung aller möglichen Facetten des Daseins und ihre Berechtigung im Spektrum der gesellschaftlichen Diskussionen als absolut wahr. Doch das ist vielleicht gut so, um zu erkennen, dass wir gar nicht so verschieden sind von unseren Vorfahren, letztendlich läuft alles doch auf Glück und Frieden hin. Das menschliche Wesen ist eine schwingende Zellansammlung, das eine große Vorliebe für stark stimulierende Frequenzen hegt, würden wir sonst diesen unsäglichen Kampf um etwas ‚Höheres‘ jeden Tag annehmen ohne überhaupt das ‚Höhere‘ zu kennen?

Die Aufgabe der Kunst war es schon immer diesen Urschmerz im Menschen zu stillen, wenn auch nur manchmal für kurze Zeit. Morten Lauridsens Kompositionen, ob Instrumental- oder Chormusik, fließen direkt aus einem tiefen Erfahren einer höheren Ordnung. Er scheint im Einklang mit der Natur zu atmen und er kann diesen Zustand in Töne setzen. Die neue CD ‚Light Eternal‘, die nun zu seinem 75. Geburtstag bei der Deutschen Grammophon erschienen ist, beginnt mit dem wohl bekanntesten Werk ‚Lux aeterna‘. Komponiert zumeist auf einer einsamen Insel im Nordwesten der USA, nahe der kanadischen Grenze, ‚sieht‘ man förmlich das Licht durch die Wolken brechen, wie Suchlichter im Pazifik aufleuchten und verglimmen, dennoch unbesiegbar ewig. Ganz meisterhaft wird das hier musiziert von den I Virtuosi Italiani unter der Leitung von Nicol Matt, der auch den Chamber Choir of Europe auf einem hohen Niveau singen lässt, leicht und schwingend von überirdischer Schönheit. Die Tonaufnahmen fanden vergangenes Jahr in Kufstein in Zusammenarbeit mit Lauridsen selbst statt, der auch am Klavier begleitete.

Poesie ist für den Komponisten eine wichtige Quelle der Inspiration, sein tägliches Ritual, das Lesen von Gedichten. So vertonte er auch fünf Gedichte von Rainer Maria Rilke in seinem Zyklus ‚Les Chansons des Roses‘. Davon sind zwei hier zu hören, ebenso ein Gedicht aus der Renaissance sowie Pablo Nerudas ‚Ya eres mia‘. Im Zyklus ‚Nocturnes‘ wurden wieder Gedichte von Neruda, Rilke und James Agee vertont. ‚Prayer‘, nach dem Text eines Freundes, des Schriftstellers Dana Gioia, erzählt von dem Schmerz über den Verlust eines Kindes. ‚O Magnum Mysterium‘ ist eine Motette, die von dem Wunder aller Wunder spricht und sie bildet den sublim transzendenten Schlusspunkt dieses Musikjuwels, mit dessen Tönen Licht und Trost wahrhaft zu erfahren sind.




800 Jahre und noch sehr rüstig – Das Vorarlberger Landeskonservatorium gratuliert Feldkirch mit einem Konzertmarathon

Feldkirch, Vorarlberg, Österreich (Kulturexpresso). Im Bundesland Vorarlberg feiert man gerne und viel, somit ist der 800. Geburtstag der Stadt Feldkirch ein Ereignis, das man dieser Stadt seit Jahresbeginn zelebriert. 800 Jahre sind nicht wirklich alt in der europäischen Geschichte, doch die zweitgrößte Stadt Vorarlbergs ist sicherlich eine der schönsten in der Region, die zudem ihre historische Substanz erhalten konnte und gleichzeitig ein weltoffenes Flair ausstrahlt. Feldkirch beheimatet einige wichtige Institutionen des Landes, so auch das Vorarlberger Landeskonservatorium, und dieses wollte natürlich auch einen wichtigen Beitrag zum Stadtjubiläum liefern.

Der Streifzug durch 800 Jahre Musikgeschichte, anhand von sechs Konzerten à 35 Minuten, an vier verschiedenen Orten, versprach eine spannende Zeitreise zu werden. Dass dies nicht ganz so gelang, lag vielleicht auch an der Moderatorin des Abends Natalie Knapp, die partout das Publikum davon überzeugen wollte, dass die europäische Musikgeschichte mit der menschlichen Evolution übereinstimme. Oder so ähnlich. Wahre Kreativität sieht sie nur im pubertierenden Jugendlichen, der die Welt allein verändern könne. Wollen wir nicht vertiefen. Die musikalische Reise begann im Dom St. Nikolaus mit ‘O ignee Spiritus‘ von Hildegard von Bingen, gefolgt von weiteren spirituellen Gesängen des Mittelalters, bewegend gesungen vom Kammerchor Feldkirch sowie Studierenden des Landeskonservatoriums unter der Leitung von Benjamin Lack.

Danach wanderte das Publikum durch die Altstadt über den Fluss zum Landeskonservatorium, in dessen Kapelle das Ensemble ConCorda Musik aus dem 16. Jahrhundert u.a. von Francesco Turini, Biagio Marini und Dario Castello mit Violine, Viola da Gamba und Cembalo zart zu Gehör brachte. Diese sanften Weisen benötigte man auch, um sich von den ‚tiefgehenden‘ Gedanken der jugendlichen Philosophin Natalie Knapp zu erholen.

© 2018, Foto: Midou Grossmann

Danach ging es hinunter in den Festsaal. Hier warteten schon die ‘24 Geigen des Königs‘ – das gleichnamige Orchester des Königs Louis XIV war legendär. In einer aufwendigen Arbeit wurden die verschollenen Instrumente in Frankreich nachgebaut und nun geht man damit erfolgreich auf Tournee. Benjamin Lack leitete das Klangensemble sowie erneut den Kammerchor Feldkirch mit sichtlicher Begeisterung, die auch vom Publikum geteilt wurde. Beschwingt begab man sich dann erst einmal in eine längere Pause und an das reichhaltige Buffet.

Natürlich durften Bach (Carl Philipp Emanuel) und Joseph Haydn nicht fehlen, Werke beider wurden nach der Pause vom Epos:Quartett virtuos musiziert. Es war schon spät an diesem vielleicht letzten Sommerabend als die ‚Verklärte Nacht‘ von Arnold Schönberg zu hören war, es musizierte wieder das Epos:Quartett, abschließend die ‚6 Bagatellen für Streichquartett‘ von Anton Webern. Die Zukunft erklang dann noch zu später Stunde im Pförtnerhaus des Landeskonservatoriums mit einer Neukomposition von David Helbock mit dem Titel ‚No Borders! Parallelen in der Ewigkeit‘. Das große Tutti mit Musiker/innen des Abends, dem Kammerchor Feldkirch unter der Gesamtleitung von Benjamin Lack bewies, dass sich auch Parallelen berühren können.

Man darf von einem gelungenen Abend sprechen. Es ist wichtig die sogenannte Klassik aus dem Korsett des gängigen Abonnementkonzerts zu befreien. Es muss ja nicht immer so aufwendig sein, wie an diesem Abend, wenngleich die Alte Oper Frankfurt vor einiger Zeit ein Konzertmarathon von 75 Konzerten in 24 Stunden an 18 Orten, nach einer Idee von Daniel Libeskind, sehr erfolgreich und ausverkauft durchführen konnte.




Bregenzer Festspiele 2018

Halbzeit in Bregenz – Festspiele vermelden einen erfolgreichen Start

Bregenz, Österreich (Kulturexpresso). Bis jetzt spielte auch das Wetter mit und bescherte der Seebühne ausverkaufte Vorstellungen mit grandios inszenierten Sonnenuntergängen. Die ‚Carmen‘- Produktion musste heuer nur einmal ins Haus verlegt werden.

Zum Festspielfinale stehen noch zwei interessante Musiktheater-Ereignisse auf dem Programm. Die Uraufführung ‚Das Jagdgewehr‘ des Komponisten Thomas Larcher, in der Regie von Karl Markovics auf der Werkstattbühne, verspricht ein musikalisches Highlight zu werden. Rossinis ‚Der Barbier von Sevilla‘ im Kornmarktheater, in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender, mit ausschließlich ganz jungen Künstlern, die schon an der Masterclass des Opernstudios Bregenz teilgenommen haben, schließt dann den Premierenreigen.

Zwei Epochen im Orchesterkonzert

Das gestrige Konzert der Wiener Symphoniker präsentierte vorab eine weitere Komposition von Thomas Larcher. ‚Alle Tage‘ – Symphonie für Bariton und Orchester, nach vier Gedichten von Ingeborg Bachmann (österreichische Erstaufführung). Vorläufige Erkenntnis: Die Stärke des gefragten Komponisten liegt doch wohl mehr in der orchestralen Gestaltung. Wenngleich von der menschlichen Stimme fasziniert, arbeitet Larcher überwiegend mit einem melodischen Sprechgesang, welcher zuweilen die Entstehung einer notwendigen Dynamik vermissen lässt.

Bariton Benjamin Appl wird als indisponiert angesagt, doch davon ist nichts zu bemerken, seine Interpretation der schwierigen Gesangspassagen klingt kraftvoll und entwickelt dennoch in den lyrischen Passagen eine große Sensibilität.

Spricht Thomas Larcher im Einführungsgespräch noch von der Angst der Frauen vor dem großen Orchesterapparat, als er gefragt wird, warum er sein Werk für Bariton geschrieben habe, beweist hier Dirigentin Karina Canellakis, dass sie durchweg furchtlos mit einem großen Klangkörper umzugehen versteht.

Einfühlsam und doch mit Zielstrebigkeit arrangiert sie mit den Wiener Symphonikern die recht schwierige Partitur und versteht es dennoch, die bekannte Klangschönheit der Wiener zu Gehör zu bringen.

Das Schicksal pocht an die Tür

Ludwig van Beethovens fünfte Symphonie zeigt sich nach der Pause als interessante Entwicklungsstudie der klassischen Musik in der Gegenwart. Beethoven soll den prägnanten Auftakt mit den Worten: „So pocht das Schicksal an die Pforte“ erklärt haben. Ganz so dramatisch klingt das Werk an diesem Abend nicht. Karina Canellakis besitzt einen Dirigierstil, der vordergründig mit visuell ansprechenden Bewegungen zu fesseln scheint; Kommentare nach dem Konzert bezüglich des visuellen Aspekts sind interessanterweise zu vernehmen.

Cannellakis ‚begleitet‘ die Symphoniker mehr als sie zu leiten, selten ist eine prägnante ‚Vorabzeichengebung‘ zu bemerken. Schnelle Tempi geben ihrer Interpretation Schwung sowie Pathos, dennoch bremsen letztendlich die oft extrem langsamen Ausdeutungen einiger Pianopassagen den Fluss der Sinfonie. Eine überhöhende musikalische Dimension kann sich leider nicht wirklich entfalten.

Dennoch großer Jubel vom Bregenzer Publikum für die Dirigentin sowie die brillant musizierenden Wiener Symphoniker. Auf die Entwicklung der sogenannten ‚ernsten‘ Musiktradition in den kommenden Jahren darf man gespannt sein.




Eröffnung der 73. Bregenzer Festspiele.

Eine Welt der schönen Bilder – Die Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2018

Bregenz, Österreich (Kulurexpresso). Traumsommertag in Bregenz. Trachtengruppen und Militär begrüßen den Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, einige Minister aus Wien sowie Vertreter aus Land und Stadt. Alles, wie seit Jahrzehnten festgelegt. Das Volksfest nach der Eröffnungs-Gala (Direktübertragung nach draußen) zeigt sich gewollt bürgernah, Speis und Trank für Alle am See, welcher leider nicht mehr zu sehen ist, hinter all der Technik.

Drinnen im Saal gibt es musikalische Kostproben des Programms 2018 sowie die üblichen Reden der VIPs. Nichts lässt vermuten, dass der Planet Erde gerade in einer heiklen Phase seiner Geschichte zu sein scheint, Unruhen und Kriege zuhauf, Menschen auf der Flucht, und das millionenfach.

Der Staatspräsident Alexander Van der Bellen sinniert in seiner Rede über die Freiheit der Kunst, die für ihn unantastbar ist. Auch die Angriffe auf die ‚Lichtgestalt‘ Karl Böhm, der einige Male das Festspielorchester – Wiener Symphoniker – in Bregenz geleitet hat, werden angesprochen, Karl Böhm wird als williger Diener der Nationalsozialisten bezeichnet. Das Schauspiel ‚Böhm‘ von Paulus Hochgatterer und Nikolaus Habjan wird diesen Sommer zudem zur Aufführung kommen.

Erstaufführung Österreich

Am Abend wird die Premiere von Berthold Goldschmidts Oper ‚Beatrice Cenci‘ nicht zum Skandal. Bregenz steht für die österreichische Erstaufführung in deutscher Sprache. Das Libretto zeigt leider nur eine etwas eindimensionale Sprachdramaturgie, vielleicht bedingt durch diese deutsche Fassung. Goldschmidts Oper entsteht 1949/1950 in London, nach einem Roman von Percy Bysshe Shelley (1819), der das Leiden zweier Frauen im dekadenten Rom des 16. Jahrhunderts zum Thema hat. Beatrice Cenci ist die Tochter des Adligen Francesco Cenci, der seine Söhne ermorden lässt, seine Tochter vergewaltigt sowie seine zweite Frau misshandelt; was aus der ersten geworden ist, erfährt man leider nicht. All das wird von der Kirche geduldet, Cenci kann sich immer wieder frei kaufen. Die verzweifelte Beatrice und ihre Stiefmutter Lucrezia beschließen Cenci zu ermorden, das gelingt, doch beide Frauen enden ebenfalls auf dem Schafott.

Regisseur Johannes Erath ist bekannt für seine ästhetische Gestaltungsmaxime. Katrin Connans klares und stilvoll bestechendes Bühnenbild gibt der Handlung, die in der geschichtlichen Epoche des Geschehens angesiedelt bleibt, einen eleganten Rahmen. Die durchweg phantasievollen, leicht überzeichneten Kostüme von Katharina Tasch, ergänzen noch das ‚Sehvergnügen‘ mit geschmackvoll angeordneten nackten Männern, Strapsen und funkelnden Penisschützern. Doch bleibt das Geschehen auf der Bühne, auch wegen der etwas entrückten Regieauslegung von Johannes Erath, immer in einem surrealen Bereich. Der bildhafte Eindruck der Szene dominiert das Geschehen, welches durchaus dramatischere Akzente hätte vertragen können. Träume, Phantasien, Wesen des Unterbewusstseins, werden eingesetzt. Eine Puppe zeigt die Verletzungen der Titelheldin. Allerdings wird dieses Konzept konsequent bis ins letzten Detail von Johannes Erath umgesetzt, und das auf einem hohen künstlerischen Niveau.

Musikalisch etwas blass

Über die Partitur der Oper kann man sagen, dass hier viel Mahler, Strauss, Korngold zu hören ist, doch ohne große Prägnanz. Es fehlen die starken dynamischen Strukturen, wenngleich man mit dieser Partitur gewiss noch tiefer gestalterisch hätte arbeiten können. Dirigent Johannes Debus begnügt sich mit einer verhaltenen Romantik, die sich so auch in der Szene wiederfindet. Ist das ein Konzept?

Die Wiener Symphoniker musizieren vielleicht gerade deshalb sehr differenziert mit klarer, schöner Phrasierung und Flexibilität. Somit können die Sänger aus dem Piano heraus gestalten, was für einige Stimmen hilfreich ist. Wie auch für die Sängerin der Titelpartie Gal James, die ihr Stimmvolumen hier geschickt lyrisch einsetzen kann, wobei die vordergründig kindliche Rollengestaltung der Beatrice ebenfalls hilfreich ist. Der Slogan der Festspiele ‚Starke Frauen‘ kann allerdings nicht umgesetzt werden, denn beide weiblichen Wesen, Beatrice sowie Stiefmutter Lucrezia, tragen von Anfang an das Stigma der Verliererinnen. Dshamilja Kaiser gibt der Lucrezia nur eine verhaltene Präsenz, doch stimmlich kann sie gefallen. Der ruchlose Francesco Cenci hat in Christoph Pohl einen überzeugenden Interpreten, der die Szene zumeist dominiert. Stimmlich hat er zudem die besten Momente, denkt man nur an eine Szene, in der er als Rockstar agiert. Per Bach Nissen sowie Michael Laurenz (Kardinal Camillo und Orsino) ergänzen mit guter Stimme und Gestaltungspräsenz. Der Prager Philharmonische Chor, seit Jahrzehnten die große Stütze der Bregenzer Festspiele, ist wie immer mit großartigem Gesang zu erleben.

Sicherlich wird sich Goldschmidts Oper nicht im Repertoire etablieren können. Als Eröffnungsabend für die Bregenzer Festspiele bleibt das Werk wohl als gelungene Arbeit, ohne belastende Bilder, in Erinnerung. Trotz Drama, man kann beruhigt zur Premierenfeier gehen. Das Gemütspendel bleibt im grünen Bereich. Der Applaus ist durchweg als mehr als nur wohlwollend für das gesamte Team zu bezeichnen.