Löse von der Welt mich los oder das Wunder im Orchestergraben – Premiere von Wagners „Tristan und Isolde“ an der Oper Leipzig

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Ein Blick auf die "Tristan-und-Isolde-Bühne der Oper Leipzig am 5. Oktober 2019. © 2019, Foto: Midou Grossmann; BU: Stefan Pribnow

Leipzig, Deutschland (Kulturexpresso). Wer – wie ich – seinen ersten Tristan 1986 in Bayreuth erlebt hat, wird diese Produktion wohl nie mehr vergessen. Das war der sagenhafte Ponnelle-Tristan, mit dem berühmten silbrigen Baum im zweiten Akt. Dazu noch Peter Hofmann und Janine Altmeyer als Titelpaar! Ich glaube, ich habe jede Aufführung damals gesehen. Löse von der Welt mich los…, das gelang grandios, alle Mitwirkenden sowie das Publikum werden das jederzeit bestätigen. Der große Zauberer Jean-Pierre Ponnelle wusste genau, wie man die Opern von Richard Wagner zu inszenieren hatte.

Der Eindruck der Leipziger Premiere ist ein gespaltener. In den Opern von Richard Wagner geht es immer um den ‚dreidimensionalen‘ (ganzheitlichen) Menschen: Körper, Geist und Seele. Auszugehen ist zudem auch von einer Wiedergeburt der Seele in einem neuen Körper. Diese Sichtweise war Wagners Philosophie und darauf basierte die Erlösung letztendlich in seinen Opern: es geht für uns Menschen in einem anderen Schwingungsfeld als Seele weiter. Nichts mit schwarzem Loch oder Nirwana, das wäre zu einfach.

Außenansicht der Oper Leipzig zur Aufführung „Tristan und Isolde“ am 5. Oktober 2019. © 2019, Foto: Midou Grossmann; BU: Stefan Pribnow

Wagner sowie Schopenhauer basierten ihre Suche auf den uralten indischen Veden, auch der Buddhismus in seiner aktuellen Form ist aus dem Ur-Hinduismus entstanden. Das Schopenhauer-Archiv in Frankfurt spricht von 179 Werken, die er zu diesem Thema studiert hat, im Archiv selbst ist noch ein Rest von 125 indologischen Titeln vorhanden. Wagner schreibt ebenfalls immer wieder in seinen Aufzeichnungen von diesen uralten indischen Lehren, den Upanischaden, er liest die indischen Märchen und Sagen regelmäßig. Des Weiteren finden sich unzählige Hinweise auf dieses Thema in seinen Schriften, diese Lebensphilosophie ist ihm Trost.

Zeigt Richard Wagner mit seinem Ring des Nibelungen eine karmische Gruppenhandlung über mehrere irdische Leben hinweg, begrenzt er die Handlung bei „Tristan und Isolde“ auf die intime Form der menschlichen Liebe zwischen zwei Menschen, die sich schon vor dem ersten Treffen in Irland in einer anderen Zeit und Form geliebt haben. Daraus ergeben sich nun die tragischen Ereignisse, alles ganz einfach letztendlich.

Theaterregisseur Enrico Lübbe traute der Geschichte wohl nicht so ganz und daher gab es noch den Co-Regisseur Torsten Buß. Gezeigt wird gutes Theater aber kein wirklich großes Musiktheater. War der erste Akt noch spannend, was hoffen ließ, wurde der transzendente zweite Akt zu einer konfusen psychologischen Parabel, die dann letztendlich mit der wunderbaren Musik aus dem Orchestergraben gar nichts mehr zu tun hatte.

Überhaupt geschah das Wunder des Abends im Orchestergraben. Intendant und GMD Ulf Schirmer sowie das Gewandhausorchester zauberten Töne in den Raum, ganz auf der Linie von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein, welche man so lange nicht mehr gehört hatte. Schon das Vorspiel löste den Geist von der Erdenschwere und hier wurde mit geschlossenen Augen gelauscht, verpasst habe ich dann wohl einige Hinweise hinter dem Gazevorhang. Lieber Theaterregisseur, so ist das eben mit Opernbesucher, bitte keine Vorlesungen. Die silbrigen Klänge im zweiten Akt, die ganz unterschwellig auch kontinuierliche Walzerrhytmen als Hinweis auf eine höhere Welt beinhalten, wurden durch das Versteckspiel von Tristan und Isolde empfindlich gestört, getrennt wanderten beide nervös am Bühnenrand entlang. Anfassen oder Ansehen war gar verboten.

Was aus dem Graben im dritten Akt erklang, ist so nur sehr selten zu erleben. Wahnsinnsakkorde, die Tristan auf der Bühne fehlten, peitschten das Gewandhausorchester bis an die Grenze des menschlich machbaren Musizierens. Ulf Schirmer hatte die Uraufführungspartitur von München 1865 zur Verfügung und konnte anhand der Anmerkungen erkennen, welches Klangbild Richard Wagner vorschwebte. Breiter, ruhiger Fluss, mit zugleich immer wieder starken Gefühlsausbrüchen, die wie Wellen aus einem Meer aufsteigen und verebben.

Ich gehe nicht im Detail auf das Bühnenbild von Etienne Pluss ein, es genügt zu wissen, dass man sich in einem Schiffswrack befindet, schief und dunkel das Ambiente. Viel Licht gab es daher nicht, wenngleich Olaf Freese doch einiges richten musste, wohl auch die Neonstäbe, die eine Art Rahmen auf der Bühne bildeten, aus diesem Rahmen ‚fallen‘ durften am Premierenabend nur Tristan und Isolde.

Auch gesanglich sowie darstellerisch kann man leider von keiner homogenen Leistung sprechen. Meagan Miller war sicherlich der Pluspunkt der Inszenierung. Ihr gelang es schon den ersten Akt enorm spannend zu gestalten, mit kluger Phrasierung und ausgefeilter Diktion. Sie besitzt eine schöne Stimme mit klarer Höhe, die noch wachsen kann. Darstellerisch blieb sie ebenfalls ungeschlagen an diesem Abend, bis zur letzten Szene eine verheißungsvolle Leistung. Barbara Kozelj, die junge Mezzosopranistin in der Partie der Brangäne, wirkte zuweilen doch unsicher, die gesangliche Linie klingt etwas unausgeglichen, abgesehen von dem berühmten Wachgesang, hier schwebte ihre Stimme mit perfektem Legato durch das Haus. Sebastian Pilgrim als König Marke zeigte eindrucksvoll wie Wagner zu singen ist, nämlich mit sprachlicher Stilsicherheit aber auch mit viel Belcanto. Er war ein weiterer Höhepunkt des Abends.

Nun kommen wir zum Helden Tristan alias Daniel Kirch. Das ist nicht seine Partie, Kirch fehlt das heldische Timbre, auch an Ausstrahlung mangelt es ihm. Währen den ersten beiden Akten frug man sich, wie Kirch den dritten Akt schaffen wolle, seine Stimme klang brüchig und sehr baritonal, doch dann überraschte er. Es war nun eine One-Man-Show und hier konnte er gestalten ohne auf andere zu achten, es gab schöne Stellen, die durchaus beachtlich klangen, dennoch fehlte auch in dieser tragischen Szene das Gestalterische. Eigentlich war man froh als Meagan Miller ihren wunderschönen Liebestod sang und endlich mit Tristan vereint in den Kulissen entschwinden durfte. Einspringer Jukka Rasilainen als Kurwenal immer noch sehr beachtlich, ordentlich auch Martin Petzold (Hirt), Franz Xaver Schlecht (Steuermann) und Alvaro Zamrano (junger Seemann).

Mit einigen Retuschen im zweiten Akt könnte diese Inszenierung dann wohl auch für den Wagner-Marathon 2022 zu einem Highlight werden, denn wie gesagt, das Schönste kam aus dem Orchestergraben.

Nächste Vorstellung: 12. Oktober 2019

Weitere Informationen auf der Heimatseite https://www.oper-leipzig.de im Weltnetz.

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