Bester Gesang seit lang‘ – Musical Rock of Ages erstmalig in Deutschland!

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Eintrittskarte zum Musical Rock of Ages und Nikolausdekoration. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2018

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Soll man schmollen, weil das Musical so lange nicht in hiesigen Gefilden zu sehen war? Oder sich freuen, dass es jetzt endlich – Ende 2018 – in Berlin auf der Bühne zu sehen ist? Es steht auf der Liste der 30 Musicals, die die längste Laufzeit am Broadway hatten. Das Musical Rock of Ages. Es wurde 2012 verfilmt. Das Musical Rock of Ages – ist jetzt da! Da man das Vergangene ändern nicht kann, aber den Genuss der Gegenwart erleben – oder eben leer ausgehen – lautet unser Rat: Hingehen, ausgehen, rausgehen. Schon allein der Gesang ist der beste, den man seit langem hören konnte. Die Songs – nun: Jesus Christ Superstar ist die Messlatte; das Musical Rock of Ages reicht da nicht heran, doch gibt es viele Gründe, es jetzt zu besuchen. Jesus Christ Superstar kann man nicht jeden Monat hören.

Das Musical Rock of Ages ist auch eine schöne 80er-Jahre-Erinnerung mit vielen Hits und Hitzeilen, die einem sofort einfallen.
Allein die Hauptdarstellerin ist Grund genug, sich jetzt auf den Weg zu machen. Sie spielt das nicht dumme, aber vielleicht naive Mädchen vom Lande mit Talent. Sie will Schauspielerin werden. Shocker – sagt der Moderator. Etwas Langweiligeres hätte man ihm nicht sagen können. Alle jungen, hübschen Mädchen und Frauen kommen nach L.A. (el ej!) und in seinen Stadtteil Hollywood und träumen davon, berühmt zu werden. Reich, begehrt, noch schöner und – dann den Mann ihres Lebens zu finden. Ein tolles Haus zu haben – oder zwei. Mit tollen Möbeln, einem Garten, irgendwann Kindern. Was fehlt noch? Der Hund.

COUNTRY GIRL trifft CITY BOY im Musical Rock of Ages

Geht noch mehr Klischee? Es geht. Doch Los Angeles ist auch der Ort, wo die Klischees Wirklichkeit sind. In ihrer Naivität wird „Tracy aus Texas“, die aus einem anderen Bundesstaat kommt und Sherrie heißt, nicht Cherry, wie die Kirsche, sondern Sherrie wie der Wein und gleichzeitig der Liebling auf französisch (Cherie). Und das ist sie. Verkörpert von Jodie Steele. Groß, blond, lockiges Haar, unbedarft und gutmütig, nicht böse, tanzen kann sie – und wer sich immer noch nicht in die Schönheit verliebt hat, warte ab, bis ihre Stimme ertönt. Dann erfolgt der innere Kniefall.

Jodie Steele kann‘s und ist Sherrie. Das erste, was Sherrie passiert, ist ein Handtaschendiebstahl. Nachdem das Portemonnaie weg ist, tröstet sie Drew (Luke Walsh). Er ist der Mann ihres Lebens. Sie weiß es nur noch nicht, oder lässt sich zwischendurch ablenken.

Drew bittet sie für den Diebstahl, für den er nichts kann, um Entschuldigung und hilft ihr in die Bar, in der er auftritt. Obwohl der Chef, Dennis, wunderbar stimmig rübergebracht von Cameron Blakely, „niemanden einstellt“ – wir kaufen nichts – ändert er die Meinung, als er ihr Äußeres zu Gesicht bekommt. Die Barschaft ist weg, doch ein Job gefunden, es scheint bergauf zu gehen. Doch auch bei Drew, und das führt zu Irritationen. Nachdem ein kleines Missverständnis beim ersten Date – ist er ihr Freund oder will er nur „Freunde“ sein? – sie enttäuscht und irritiert, wendet sie sich kurz dem Blender und echtem A…. Stacee Jaxx zu. Einem Bühnenstar mit Allüren und einem One-Day-Stand. Ihren Vornamen kann er aber nie erinnern.
Scham und Verzweiflung – niemand liebt mich! – treiben sie auf die Straße. Selbstbewusst ist Justice, die souveräne Tori Allen-Martin, die Sherrie als Stripperin einstellt; nichts, was Sherries Selbstbewusstsein schüren könnte.

Am Sunset Strip gibt es ein Happy-End

Nach einigen Wirrungen und einem weiteren zufälligen Zusammentreffen auf der Straße finden das Mädchen vom Land und der Junge aus der Großstadt nicht gleich zusammen. Justice, die nichts Böses wollte, bereut, bei einem entscheidenden Gewissenskonflikt professionelle Arbeit verlangt zu haben („Suck it up!“), als der hochnäsige „Rockstar“ Stacee mit seiner Kreidtkarte wedelte. Als sie den Stadtjungen erkennt, bestätigt sie ihm, dass Sherrie (nur?) ihn liebt – (She loves You, Yeah, Yeah, Yeah) und beseitigt damit bei ihm die nagenden Zweifel in diesem wichtigen Punkt.

Warum heißt das Musical Rock of Ages so?

Man könnte bei dem Titel, den das Musical Rock of Ages hat, schon denken, dass die gesamte Rockgeschichte betrachtet wird. Außerdem sind die 80er Jahre nicht wegen der Rockmusik bekannt, sondern wegen andere Phänomene – Disco, die bunte Kleidung, ein hedonistischer Lebensstil …
Zudem fällt dem des Englischen Mächtigen auf, dass hier sogar der Plural auftaucht. „Rock der Zeitalter“ ist nicht nur übertrieben, sondern Quatsch. Das Rock-Zeitalter, „THE AGE OF ROCK“, na gut, das gibt es, das kann man sagen. Aber ein Musical Rock of Ages? Rockmusik gab es nur in einem einzigen Zeitalter und auch dort nicht lange. Da muss also etwas anderes dahinterstecken.

Tut es auch. Die Doppeldeutigkeit ist schon vor Jahrzehnten in die Überschriften und Titel eingezogen. Das ist auch gut so. Doch nicht alle verstehen immer den manchmal sogar doppelten Hintersinn oder bemerken noch nicht einmal, dass es zwei Bedeutungen gibt.

„Rock of Ages“, ein christliches Lied

„Rock of Ages“ ist unter anderem der Titel eines christlichen Liedes. Ein Calvinist schrieb es im 18. Jahrhundert, ein Pfarrer. Er hieß Augustus Toplady und veröffentlichte den Text zu Zeiten Friedrichs des Großen im „Gospel Magazine“. Der „Fels der Ewigkeit“, wer könnte das schon sein? Die Göttin oder Gott. In der Bibel im Buch Jesaja Kapitel 26 Vers 4 formuliert der Schriften-Übersetzer Martin Luther: „Darum verlasset euch auf den Herrn immerdar, denn Gott der Herr ist ein Fels ewiglich.“ Ganz allein ist Toplady also nicht auf den Titel gekommen, er wurde durch den Bestseller der Heiligkeit inspiriert. Der Liedtext hat dann endgültig nichts mehr mit dem Musical Rock of Ages zu tun. Toplady betont, dass über die Erlösung nur Gott selbst entscheidet; also weder die Werke des Menschen noch sein Glaube.

Methodisten wie John Wesley sehen das anders. Einig sind sich alle, dass der Mensch soviel „Gutes“ tun kann, wie er will, das Himmelreich wird ihm deshalb noch lange nicht garantiert. Doch Wesley sieht es so, dass der Mensch durch seinen Glauben die Erlösung finden kann. Topladys Liedtext drückt dagegen noch einmal aus, dass Gott das ganz allein entscheide.

Das Lied gibt es auch auf deutsch, der Titel lautet nicht „Fels der Ewigkeit“, sondern „Fels der Heils“.

Spannende Story

Nicht nur im Musical Rock of Ages gibt es eine gute Story (BOY MEETS GIRL), sondern auch für die Entstehung des Liedes. Toplady soll in Somerset eine Schlucht durchquert haben und vom Sturm überrascht worden sein. In einer Felsspalte fand er Schutz – und den Titel, der ihm dort in den Sinn kam. Dann soll er, in Ermangelung eines Notizbuches und um die Bibel nicht zu verschmieren – oder hatte er sie nicht dabei? – auf der Rückseite eine Spielkarte (sic) – die hatte er dabei! Soso, honi soit qui mal y pense – den Text des Liedes niedergeschrieben haben. Er hatte also etwas zu schreiben dabei, als es noch keine Kugelschreiber gab und viele Federkiel und Tinte benutzten.

„Rock of Ages“ auf der Landkarte

Legende hin oder her – in der Nähe des englischen Dorfes Blagdon findet man bis heute auf Landkarten die Fels – (Rock!)-Spalte des Namens „Rock of Ages“.

Fazit

Gute Unterhaltung, wenn einen die Gesten mancher Schauspieler, die zwei Finger emporrecken, nicht stören. Angehörigen strengchristlicher Sekten mit Hunderten von Verhaltensregeln kann man den Besuch dieses Musicals weniger empfehlen. Diese können versuchen, sich das Lied aus dem 19. Jahrhundert herunterzuladen. Der Text stammt aus dem 18. Jahrhundert, die Melodie wurde 1830 veröffentlicht.

Für alle anderen gilt: Es gibt viele Gründe, in das Musical Rock of Ages zu gehen.

Zuallererst die Gesangsqualität, die vor allem bei Jodie Steele und Luke Walsh fast an die Power Ingrid Arthurs oder Jocelyn B. Smiths heranreicht.
Die schauspielerischen Leistungen sind auch allemal sehenswert. Cameron Blakely ist der erdverbundene Fels in der Brandung, Tori Allen-Martin, Sam Ferriday und besonders Lucas Rush als Erzähler Lonny verkörpern wunderbar ihre sehr unterschiedlichen Figuren.

Statt ständig wehmütig im Fernsehen 80s-Shows zu glotzen, schaue man sich besser einmal das Musical Rock of Ages im Admiralspalast in der Berliner Friedrichstraße an. Jetzt ist die Zeit! Die Wartezeit in der Bundesrepublik war ja auch lang genug.

Dann gibt es auch noch die Figur der klugen, kleinen Frau (natürlich mit Brille), die Strick-BHs trägt und Demonstrationen gegen den Abriss von alten Bauwerken und Institutionen anzettelt. Regina. Gespielt von Rhiannon Chesterman. Göttlich.

Viele Gründe, jetzt aber los, Karten besorgen.

Musical Rock of Ages

Wo? Admiralpalast, Friedrichstraße 101, Berlin-Mitte
U-, S- und Fernbahnhof Friedrichstraße

Wann? 4.-9. Dezember 2018

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