«Das Konzertwesen, Genossen, es entwickelt sich« – Die Dresdner Philharmonie begeht ihren 150. Jahrestag unter außergewöhnlichen Bedingungen

Dresdner Philharmonie im Kulturpalast Dresden. © Copyright Bjoern Kadenbach

Dresden, Deutschland (Kulturexpresso). »Das Konzertwesen, Genossen, es entwickelt sich», hätte Manfred Krug gesagt (frei nach Michail Sostschenko, Die Kuh im Propeller). Das kann man mit einem bitter-süßen Lächeln wohl nachfühlen, nachdem Theater, Konzertsäle, Kinos, Kabaretts, Klubs und Bibliotheken mit einem Schlage dicht waren. Auch die Musiker der Dresdner Philharmonie hatte es kalt erwischt. Denn kaum hatten sie am 13. März ihr Programm für die Spielzeit 2020/2021 bekanntgegeben, wurde der Kulturpalast Dresden komplett geschlossen – Konzertsaal, Kabarett »Die Herkuleskeule», Zentralbibliothek – alles. Mit ihrem sorgfältig erdachten Programm für ihr 150jähriges Jubiläum am 29. November fanden sie sich plötzlich auf dem Schleudersitz wieder. Alles kam ins Rutschen, was werden würde, wusste niemand. Damals reichte der Horizont noch bis zum 19. April, aber die Prognosen waren schlecht. Das Virus war unberechenbar.

Die Intendantin Frauke Roth nahm es erstmal unaufgeregt. Sie meinte, die Dresdner Philharmonie habe ihren Spielplan und könne den Betrieb planmäßig fortsetzen, sobald die Lage die Aufhebung der Beschränkungen erlaube. Die ausgefallenen Veranstaltungen würden nach Möglichkeit nachgeholt, auch Fremdveranstaltungen. Nicht erfüllte Ansprüche würden »rückabgewickelt».

Neue Erfahrungen

Und tatsächlich: am 18.Juni gab das Orchester im Konzertsaal zwei geplante Konzerte unter Leitung des Chefdirigenten Marek Janowski. Gespielt wurden die Sinfonie Nr. 99 von Joseph Haydn und das Streichquartett op. 18/2 G-Dur von Ludwig van Beethoven. Nach dem behördlich genehmigten Hygienekonzept waren 498 Besucher zugelassen (deshalb wurde zweimal gespielt). Je Sitzreihe wurden zwei Plätze besetzt, zwei blieben frei, zwei besetzt und so fort. Jede zweite Sitzreihe wurde freigelassen. Auf der Bühne waren 40 Musiker beziehungsweise das Quartett Quatuor Ebene platziert. Die Realisierung der Abstandsregeln im Orchester hatte der Fernsehzuschauer bereits bei den Berliner Philharmonikern betrachten können. Wie sich das aber mit Publikum ansieht und anhört, konnte niemand ausprobieren, es kann auch keine Dauerlösung sein. Doch es war ein Erfolg. Eine Befreiung. Das erste Konzert war ausverkauft, das zweite zu 80 Prozent. Es gab großen Beifall. Viele Besucher waren begeistert. Der Erste Konzertmeister Wolfgang Hentrich fand bestätigt, dass der Saal auch in dieser Besetzung phantastisch ist. Dazu trugen auch die akribische Arbeit Marek Janowskis und die hohe Qualität des Orchesters bei.

Es geht weiter bei den Dresdnern. Planmäßig folgen am 4. und 5. Juli Konzerte unter der Leitung von Wassili Petrenko (mit einem veränderten Programm), und schließlich gibt die Dresdner Philharmonie acht Open-Air-Konzerte im Rahmen der »Dresdner Filmnächte am Elbufer». Auch in diesem Falle kann nicht, wie geplant, die Neunte von Beethoven gespielt werden, aber mit vier Kinderkonzerten mit »Peter und der Wolf» von Sergej Prokofjew und mit vier Sommerlichen Serenaden können die Dresdner ihr »Bürgerorchester» wieder hören und sehen.

Highlights und Besonderheiten der neuen Saison

Geplant war die Eröffnung der neuen Saison am 5. September mit der Missa solemnis von Beethoven. Das ist wegen der Abstandsregeln nicht möglich, doch es findet ein Beethoven-Festival statt, in dem zum Beispiel sämtliche Klavierkonzerte des Meisters gespielt werden. Im Jahresprogramm stehen interessante Highlights wie die Thementage »Geschichtsmomente» mit Kompositionen »aus der DDR-Zeit». Werken aus der DDR werden Werke zeitgenössischer westdeutscher Komponisten gegenübergestellt. Von DDR-Komponisten werden die Uraufführung der Sinfonie Nr. 2 »In memoriam Martin Luther King» von Christfried Schmidt aus dem Jahre 1968 (!) sowie »Klangszenen» von Friedrich Goldmann geboten. Von Bernd Alois Zimmermann erklingt die »Ekklesiastische Aktion» (1970). Die Dresdner Philharmonie ist eines der wenigen Orchester, die Werke von DDR-Komponisten spielen und wahrscheinlich das einzige, das dies systematisch tut.

Vom 22. bis 29. November soll die Festwoche zum 150. Jahrestag des Orchesters stattfinden. Sie wird eröffnet mit der Uraufführung der »Piogge diverse» – fünf Gesänge für Bariton und Orchester – vom Composer in Residence, Salvatore Sciarrino. Irgendwie scheinen Festreden bei der Dresdner Philharmonie eine Domäne der CDU zu sein. Zur Wiedereröffnung im April 2017 sprach Wolfgang Schäuble, zum 150. Jahrestag wird sich Thomas de Maizière zum Thema »Wem dient die Musik?» äußern. Beide waren einst Bundesinnenminister (Wer wäre als nächster dran?).

Von besonderer Bedeutung im Jubiläumsjahr wird ein Konzert des Philharmonischen Kammerorchesters unter Leitung von Wolfgang Hentrich sein. Es ist den beiden ehemaligen Konzertmeistern Szymon Goldberg und Stefan Frenkel gewidmet. Beide waren in den zwanziger Jahren gleichzeitig Konzertmeister der Dresdner Philharmonie. Sie wurden als Juden aus Deutschland vertrieben, Goldberg 1934 vom Platz des Ersten Konzertmeisters des Berliner Philharmonischen Orchesters und Frenkel 1935 als »freischaffender» Geiger. Dies ist ein würdiges Vorhaben, das die Vorstellung der »Violinen der Hoffnung» aus der Sammlung des israelischen Geigenbauers Amnon Weinstein Im November 2018 im Rahmen der Gedenkwoche an den Pogrom von 1938 fortsetzt.

Mit Spannung darf man das Buch zum Jubiläum erwarten, mit dem die Dresdner Philharmonie ihre Geschichte aufarbeiten will. Es wird interessante Kapitel enthalten wie »Das Orchester in der NS-Zeit» und »Die Philharmonie in der DDR».

Unter Vorbehalt

Nicht offiziell, aber faktisch steht das Programm wegen möglicher Folgen der Pandemie unter Vorbehalt. Wann das Orchester wieder in voller Besetzung und vor vollem Saal spielen kann, wagt Frauke Roth nicht zu sagen. Auf die Lockerungen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen angesprochen, meint sie: »Die sind Vorreiter, andere sind entsetzt. Es lohnt sich nicht zu spekulieren.» Vorerst werden die Konzerte gekürzt auf etwa eine Stunde, ohne Pause, gespielt. Auch zögern die Besucher zum Teil, weil diese Form nicht jedem behagt. Der Beginn der neuen Saison hat einen gewissen Versuchscharakter. Das geht anderen Orchestern und Opernhäusern nicht anders. Auch mit dem Nachholen der Konzerte ist es nicht so einfach. Frau Roth und ihr Team haben mit allen Dirigenten und Solisten gesprochen und im Rahmen ihrer Pläne neue Termine vereinbart. Unter ihnen sind viele, wie der Dirigent Markus Poschner, deren Herz an der Dresdner Philharmonie hängt. Junge Künstler wollen und sollen ihren ersten großen Auftritt im Kulturpalast nicht verlieren. Das alles muss bedacht werden. Die Dresdner Philharmonie wird sich den Gegebenheiten anpassen und wahrscheinlich, wie alle Orchester, ihr Programm alle ein, zwei Monate präzisieren.

Drei gute Jahre

Im übrigen kann die Dresdner Philharmonie mit Selbstvertrauen ans Werk gehen, denn auch die Neueröffnung des Kulturpalasts Dresden im April 2017 war mit Unwägbarkeiten verbunden, aber gestützt auf das treue Dresdner Publikum waren die ersten drei Jahre erfolgreich. Von 2017 bis 2019 stieg die Zahl der Besucher der Dresdner Philharmonie und ihrer Chöre von 185 000 auf 200 000. Konzerte stiegen von 203 auf 234. Zusammen mit den Veranstaltungen anderer Agenturen besuchten 2019 313 000 Menschen den Konzertsaal. Durch die Anziehungskraft des neuen Konzertsaals stieg die Auslastung der Konzerte von 87 auf 92,5 Prozent. Besonders stolz ist das Orchester auf seine Projekte der kulturellen Bildung. Es will erreichen, dass jedes Dresdner Schulkind in seiner Schulzeit mindestens ein Konzert mit großem Orchester gehört hat.

Internationale Orchester kehren zurück

Vor seinem Umbau wurde der Kulturpalast von fremden Orchestern wegen seiner schlechten Akustik gemieden. Im neuen Konzertsaal spielten unterdessen das Gewandhausorchester Leipzig, die Wiener Philharmoniker, die Staatskapelle Dresden, die Staatskapelle Berlin, das Orchestre de Paris, das London Philharmonic Orchestra, das Orchester des Mariinski-Theaters Sankt Petersburg, das Curtis Symphony Orchestra Philadelphia, das Concertgebouworchest Amsterdam, und, kurz vor der Pandemie, die Berliner Philharmoniker. Dies sei einer der besten Konzertsäle der Welt, urteilen die Musiker. Doch die Medien haben Lücken in der Wahrnehmung. Wie westfixiert TV-Sender sind, bewies am 15. Juni das ZDF. Es berichtete weitschweifig vom geplanten Bau eines neuen Konzertsaals in München. »Natürlich» ist das Vergleichsbeispiel die Elbphilharmonie Hamburg.

Kosten und Mehrkosten

Die voraussichtlichen Kosten wollte in München noch keiner preisgeben. Man schielt nach Hamburg, wo, nebenbei bemerkt, die effektiven Kosten das Elffache des Geplanten betrugen. Kein Wort, dass auch im Kulturpalast Dresden ein neuer Konzertsaal mit exzellenter Akustik gebaut wurde. Nicht nur die Qualität des Konzertsaals ist bemerkenswert. Während zum Beispiel die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden fast das Doppelte des Geplanten kostete, wurden die Kosten des kompletten Umbaus des Kulturpalasts um ein Viertel überschritten. Auch kommt es auf die Größenordnung der Überschreitung an. In Hamburg betrug sie 789 Millionen, in Berlin 201 Millionen, in Dresden 20,5 Millionen. Das mag etwas mit Mentalität zu tun haben. Oder mit Fähigkeit.

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