Die Seele der Fernstraße – Annotation zum Buch „Autobahn – Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“ von Michael Kröchert

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"Autobahn. Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum" von Miachel Kröchert. © Tropen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das grüne Herz der Bundesrepublik ist zerschnitten. Tiefe Furchen ziehen sich durch die Landschaft. Betonromantik. Der Mensch hat sie Autobahn genannt. Sie ist laut und dunkel. Sie riecht schlecht, sie wird, sie ist Mittel zum Zweck. Sie bringt Menschen und Dinge in Fahrzeugen von A nach B. Sie spukt durch die Hirne der Menschen, wird erforscht, erweitert, gehasst, geliebt, bekämpft.

Die Band Kraftwerk schenkte ihr 1974 ihr viertes Studioalbum und sang politisch unkorrekt und metaphysisch aufgeladen „Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn/Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn/Vor uns liegt ein weites Tal/Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl“.

Der Autor Michael Kröchert hat der deutschen Autobahn nun ein ganzes Buch gewidmet. Er setzte sich ein Jahr lang immer wieder in Kraftfahrzeuge, um Seele und Substanz der deutschen Bundesautobahn auskundschaften, sie zu beschnüffeln, zu bewandern, geheimnisvolles und banales zu finden.

Sein Antrieb war Neugier, doch mit viel Respekt für Mensch und Landschaft. In seinem Buch „Autobahn – Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“ wertet er nicht und drängt den Leser in keine Richtung. Er erzählt wirkliche Geschichten, die ihm auf der Autobahn passiert sind und schrieb eine ideologiefreie Langzeitrecherche, die ihn immer wieder auf die Straße führt.

Einmal ist er zu Fuß auf einem Stück Autobahn unterwegs, welches noch nicht für den öffentlichen Verkehr freigegeben wurde. Der Text erzählt von und mit Jörg Fauser, dieser starb am 17. Juli 1987 gegen 4 Uhr auf der A 94 zwischen den Münchner Stadtteilen Riem und Zamdorf, als er in Fahrtrichtung Anschlussstelle Feldirchen von einem LKW erfasst wurde.

„Es war eine einsame Wanderung. Nur ab und zu bretterten Lastwagen mit einer Ladung Erde an mir vorbei. Ich begann, mit mir selbst zu reden, leise zu pfeifen, auf mein Handy zu schauen, mich zu langweilen. Ich sah Männer, die oben auf der Böschung Wildzäune montierten, Männer, die neben ihren Lastern standen und warteten, Männer, die in ihren Baufahrzeugen schliefen.“

Kröchert webt ein poetisches Band, wenn er über Schutzeinrichtungen wie Stahlschutzplanken oder Betonschutzwände schreibt, dabei kurz die Fahrbahnbefestigung verfolgt, möglicherweise den Beton- oder Asphaltbelag berührt und die Einsamkeit der Autobahnraststätten und Autobahnparkplätze aufsaugt.

Manche Kapitel, wie das über Fauser, einen Ausflug in den Hambacher Forst oder eine Jugendliebe/Autobahnbrücke, sind bedrückend schön. Andere, wie der Text über den Trucker oder Autobahnanrainer sind schrecklich depressiv. Wenn Kröchert mit einer Polizeistreife zu Weihnachten auf der Autobahn unterwegs ist, weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Sein Buch ist aufregend und poetisch, romantisch, banal, trist und schön. Wir erfahren von seltenen Blümchen (die Salz, Hitze und CO2 lieben) am Autobahnrand, hangeln durch Legenden, wundern uns in einer Autobahnkirche, nehmen den Trip durch Staus, Unfallstellen und öde Orte. Unter Anwohnerprotesten geht es immer weiter – den ewigen Lindwurm aus Beton entlang. Immer weiter, immer weiter…

Neben den Texten zieren eine eindrucksvolle Auswahl s/w Fotos Kröcherts das Werk.

Kauft euch die Schwarte bevor es zu spät ist!

Bibliographische Angaben

Michael Kröchert, Autobahn – Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum, 248 Seiten, mit S/W-Fotografien des Autors, gebunden, Verlag: Tropen, 1. Auflage, Berlin 2020, 242 Seiten ISBN: 978-3-608-50448-4, Preis: 20 EUR (Deutschland), 20,60 EUR (Österreich), auch als E-Buch erhältlich.

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