Geld und Gift oder Ein anständiger Anwalt im Kampf gegen Industriekapitalisten – Zum Spielfilm „Vergiftete Wahrheit“ von Todd Haynes

Bill Camp (links) als "Wilbur Tennant" and Mark Ruffalo (rechts) als "Robert Bilott" in "Vergiftete Wahrheit" von Regisseur Todd Haynes. © Credit : Mary Cybulski / Focus Features, Participant & Killer Films

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Endlich wieder ein sozialkritischer Film, sogar ein Film, der den Kampf der Klassen zeigt, wenn auch nicht den um Lohn und Profit. In „Vergiftete Wahrheit“ wird nicht nach dem Mehrwert gesucht, sondern nach PFOA, auch C8, dem unsichtbaren Gift.

Der Spielfilm „Vergiftete Wahrheit“ beginnt 1998 in Cincinnati, wo der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt Rob Bilott (Mark Ruffalo), für den die Kanzlei ein Zuhause ist und wichtiger als die eigene Familie scheint, gerade Teilhaber geworden ist. Das Anwaltsunternehmen arbeitet vor allem für Geldkapitalisten und Manager der chemischen Industrie wie DOW Chemical und DuPont, dem größten Verschmutzer von Wasser in den Vereinigten Staaten von Amerika (VSA).

Als unangemeldet zwei Bauern in den Hochhausbüros auftauchen, taucht Bilott zurück in die Vergangenheit. Dort, wo Wilbur Tennant seine Farm hat, spielte er als Junge, der noch nicht viel von Gift und Geld wusste. Dorthin fährt er und schaut sich das Desaster an. Vergiftete Tiere, töte Kühe, wahnsinnige Rinder. Langsam aber sicher versteht Anwalt Bilott das, was in Parkersburg, West Virginia, vor sich geht. Schritt für Schritt sammelt er Beweise, studiert Akte um Akte und stößt auf PFOA, auch C8 genannt.

Eine Szene mit Mark Ruffalo in „Vergiftete Wahrheit“. © Le Pacte

Der eher einfache wie ehrliche und uneitle Anwalt, der in Echt als Robert Bilott am 2. August 1965 geboren wurde und Rechtswissenschaften an der Ohio State University studierte, zeigt sein Gewissen und sich gewissenhaft. Dabei wird er von Big-Kanzlei-Boss Tom Terp (gespielt von Tim Robbins) und seiner Frau Sarah (gespielt Anne Hathaway), die sich in der klassischen Geschlechterrolle eingerichtet hat, unterstützt so gut es gediegen geht. Robert Bilott ist nicht Erin Brockovich und so zieht sich der Kampf David gegen Goliath über die Jahre.

Bilott findet Beweise und mehr oder weniger unabhängige Wissenschaftler, die zeigen können, dass das Perfluoroctansäure (PFOA) des Teflon-Herstellers, hochgiftig und bioakkumulativ ist. Der sehr gefährliche Stoff reichert sich also in Körpern an und führt zu diesem und jenen Krebs, zu Missbildungen.

Bilott deckt einen gigantischen Umweltskandal von ungeheurem Ausmaß auf. Er begreift: „Das ganze System ist korrupt.“

Am Ende hat er mit Sarah nicht nur eine Hand voll Kinder, sondern gewonnen, aber der Preis ging über seine eigene Gesundheit und vielleicht auch sein großes familiäres Glück. Zwischenzeitlich starben Tausende Tiere und Hunderte Menschen, darunter auch Wilbur Tennant und seine Frau, der den Fall ins Rollen brachte. 19 Jahre später, die Eigentümer von DuPont machten Jahr für Jahr Milliarden Dollar, wurden die Veranstalter verurteilt. Die Geldgierigen mussten den überlebenden Opfern 671,7 Millionen Dollar Schadenersatz zu zahlen.

Zum Thema muss der Dokumentarfilm „The Devil We Know“ (2018) der investigativen Regisseurin Stephanie Soechtig empfohlen werden, in dem es um PFOA geht, das auch als Teflon bekannt ist, und um die Schuldigen der DuPont Corporation.

„Vergiftetes Wasser“ ist jedoch ein Spielfilm auf Basis von wahren Begebenheiten. Das Drehbuch stammt aus den Federn von Mario Correa und Matthew Michael Carnahan und basiert vor allem auf dem New-York-Times-Magazine-Artikel „The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare“ von Nathaniel Rich.

Regie und Kamera sind angenehm unaufgeregt. Der Film lebt von einem famosen Zusammenspiel personaler und auktorialer Erzählsituation.

Filmographische Angaben

  • Deutscher Titel: Vergiftete Wahrheit
  • Originaltitel: Dark Waters
  • Staat: VSA
  • Jahr: 2019
  • Originalsprache: Englisch
  • Regie: Todd Haynes
  • Drehburch: Mario Correa und Matthew Michael Carnahan
  • Kamera: Edward Lachmann
  • Schnitt: Affonso Goncalves
  • Musik: Marcelo Zarvos
  • Darsteller: Anne Hathaway (Sarah Bilott), Mark Ruffalo (Robert Bilott), Tim Robbins (Tom Terp), Bill Camp (Wilbur Tennant), Victor Garber (Phil Donnelly), Mare Winningham (Darlene Kiger), Bill Pullman (Harry Dietzler), William Jackson Harper (James Ross), Louisa Krause (Karla), Kevin Crowley (Larry Winter), Denise Dal Vera (Sandra Tennant), Scarlett Hicks (Amy Tennant), Brian Gallagher (David Hollings), John Newberg (Dr. Gillespie), Elizabeth Marvel (Dr. Karen Frank (Stimme) und andere
  • Produzenten: Pamela Koffler, Mark Ruffalo, Jeff Skoll, Christine Vachon
  • Länge: 128 Minuten
  • Altersfreigabe: FSK 6, JMK 8
  • Kinostart: 8.10.2020
  • Genre: Drama, Thriller

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