Eistanz oder Eiertanz? Nette Mörder töten länger (oder doch kürzer?) – Annotation zum Buch „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze

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"Die rechtschaffenen Mörder" von Ingo Schulze. © S. Fischer

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Immer mit der Ruhe, natürlich hat Ingo Schulze keinen banalen Krimi geschrieben.

Das wandelnde Gewissen Ostdeutschlands nennen ihn böse Zungen, ihm wird es herzlich egal sein, denn seine Bücher sprechen eine andere Sprache.

Ohne Frage ist „Die rechtschaffenen Mörder“ ein ungemein fesselndes Buch. Auf drei Ebenen lässt Schulze die Stadt Dresden und einige ihrer unangenehmen Bewohner auf uns los.

Das Abenteuer ist findig angelegt, erst langsam zeigt sie das Grauen hinter den Fassaden der braven Bürger. Hat man die ersten hundert Seiten eine gewisse Sympathie für diesen seltsamen, wie aus der Zeit gefallenen Buchhändler Norbert Paulini entwickelt, ergeben sich nach und nach einige wesentliche Punkte, die unser anfängliches Faible vergessen lässt.

Ohne allzu viel vorweg zu nehmen, denn dieses Buch muss „bestiegen“ werden, kann jeder Mensch, der graue Arbeitskittel aus unbestimmten Gründen nicht mag, seinem Gefühl die hohe Fünf geben.

Ja, Paulini ist ein Kauz, ja er hat es mit den Büchern. Und er mordet vielleicht auch nicht. Nein, er liebt keine Menschen. Weder seinen Sohn noch seine Frau. Und über Gefühle spricht man nicht. Oder nur mit dem Tier, das in einem wütete. Oder mit der Tür, wenn sie schön geschlossen ist. Nein, ihn interessiert seine Umwelt nicht, zumindest solange die nicht in seine Kemenate dringt und ihn beim Bücherverkaufen oder beim Lesen stört.

Ob Paulini, der Autor selbst oder die Menschheit ein Mörder ist, ob es nun ein doppelbödiges, hintersinniges, alles in Frage stellendes Ossieklischeebuch ist?

Ein hier ist der ignorante Westen-Buch, ein auf ewig leidendes Dresdenbuch. Friseusenhirne, Professorenhirne, Nazihirne – alles findet man im neuen Schulze, sogar den Autor selbst, der zum Schultze mutiert auch die Sinnfrage stellen darf, barvo, feines Werk!

Bibliographische Angaben

Ingo Schulze, Die rechtschaffenen Mörder, 320 Seiten, fester Einband, Verlag: S. Fischer, Frankfurt am Main, 4.3.2020, ISBN-13: 3-103-9000-19, Preis: 21 EUR (Deutschland), auch als E-Buch erhältlich für 18,99 EUR

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