»Elb-Philharmonie» Dresden bei aufgehender Sonne – Willkommen und Abschied in der Chefetage der Dresdner Philharmonie

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Ein Blick auf Dresden in der Dämmerung. Quelle: Pixabay

Dresden, Deutschland (Kulturexpresso). In der laufenden Saison 2018/2019 nimmt der Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, Michael Sanderling, Abschied von seinem Orchester. Seinen Vertrag hatte er nicht verlängert, aus Protest gegen Etat-Kürzungen durch den Stadtrat. Besonders verärgert hatte ihn, dass die Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) ihn von den Kürzungsplänen nicht informiert hatte, sondern dass er es aus der Zeitung erfahren musste. So ein Vertrauensbruch schmerzt. Nichtsdestoweniger ging er gemeinsam mit dem Orchester ans Werk, den neuen Konzertsaal im Kulturpalast in Betrieb zu nehmen. Sie alle hatten die unglaubliche Mühe auf sich genommen, während des Umbaus des Kulturpalasts von 2012 bis 2017 in ihren »Wanderjahren» bei schwierigen akustischen und räumlichen Bedingungen ohne Unterbrechung für die Dresdner zu spielen und gleichzeitig das Niveau eines erstklassigen Klangkörpers zu halten. Auch war es eine Leistung, die akustischen und räumlichen Vorzüge des Konzertsaals aufzuspüren, zu erlauschen und sie dem Publikum überzeugend zu erschließen. Indiz: Auch die Staatskapelle Dresden zweifelt nicht mehr an der Akustik des Saals und wird in der neuen Saison Konzerte in eigener Regie veranstalten. Im Konzertsaal spürt der Beobachter die große Sympathie der Dresdner für Michael Sanderling. Er ist eben der Dirigent, der ihnen mit seinem Orchester den Konzertsaal erschlossen, ja übereignet hat. Auch Sanderling weiß, dass er einen Traum erfüllt hat. Auf die Frage eines Journalisten, »Anfangen oder aufhören – was fällt Ihnen schwerer?», antwortet Sanderling in der neuen Ausgabe der Philharmonischen Blätter: »Beides, also auch das Aufhören, ist nicht leicht für mich. Ich freue mich auf meine letzten Konzerte mit der Dresdner Philharmonie als ihr Chefdirigent und werde gern als Gast ans Pult zurückkehren.»

Marek Janowskis Pläne

Nachfolger im Amt des Chefdirigenten ist Marek Janowski. In der Jahrespressekonferenz der Dresdner Philharmonie stellte er sich der Öffentlichkeit vor, wenngleich er in Dresden gut bekannt ist, da er bereits zum zweiten Mal »den Stab» übernimmt. Sein erstes Engagement hatte er 2003 im Zorn verlassen, weil der Stadtrat sein Versprechen, den Festsaal akustisch zu erneuern, nicht gehalten hatte. Desto mehr freut er sich nun auf den phantastischen Saal und auf die Qualität des Orchesters. Janowski würdigte das Verdienst Michael Sanderlings, das Orchester auf hohem Niveau geführt und den Konzertsaal erschlossen zu haben.

Janowski weiß sehr wohl, dass im Raum die Frage seines Alters steht. Dafür ist er ganz offen. Das Alter relativiert manches, meint er, doch fühle er sich gesundheitlich in der Lage, das Amt für drei Jahre zu bestreiten. Er müsse einen Weg finden, den das Orchester aktiv mitgehen will. Er wolle die richtige Wellenlänge finden. Nach drei Jahren stehe es dem Orchester frei, ihn zu wollen oder abzulehnen.

In die Saison 2019/2020 fallen sowohl der 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens als auch der 150. Jahrestag der Dresdner Philharmonie und der 50. Jahrestag des Kulturpalasts. Im Beethovenjahr werden Höhepunkte die konzertante Aufführung der Oper »Fidelio» und die Missa Solemnis unter Leitung Marek Janowkis sein. Alle fünf Klavierkonzerte des Meisters, das Violinkonzert und die neunte Sinfonie werden gespielt werden. Als besondere Idee plant Janowski die Kombination der Sinfonien Nr. 1 und 4 mit den in der gleichen Periode entstandenen Streichquartetten. Die klassik-interessierte Hörerschaft soll sie hörend vergleichen können. Dazu wurde das Streichquartett Quator Ebene verpflichtet.

In das 150. Jubiläum der Dresdner Philharmonie werden ein Symposium zur Zukunft des Hörens sowie eine Vortragsreihe zur Geschichte des Orchesters einführen. Die eigentlichen Feierlichkeiten werden in einer Festwoche im November 2020 begangen werden.

Erinnerung an Szymon Goldberg

Im Programm der neuen Saison erscheint ein interessantes Detail. Unter den Schlaglichtern auf 150 Jahre Dresdner Philharmonie steht: »1925 – 1929 Szymon Goldberg Konzertmeister». Aus dem Schlaglicht könnte ein Thema der Orchestergeschichte werden. Der weltberühmte Violinvirtuose, Schüler von Carl Flesch, begann seine Karriere mit 16 Jahren als Konzertmeister in der Dresdner Philharmonie und setzte sie 1929 – 1934 im Berliner Philharmonischen Orchester unter Wilhelm Furtwängler fort. Furtwängler schätzte ihn als den besten Konzertmeister in Europa. Als Hitlergegner musste Goldberg Deutschland verlassen, dann vor der deutschen Okkupation aus Brüssel fliehen. Auf einer Konzertreise durch Niederländisch-Indien wurde er als Jude von den japanischen Militärbehörden auf Java 1942 bis 1945 interniert. Nach der Befreiung gründete er das Niederländische Kammerorchester, lebte später in den USA und Japan, wo er 1993 starb. Seine Rückkehr an seine Stelle als Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker war trotz gerichtlicher Entscheidung vom Intendanten Wolfgang Stresemann verhindert worden. Auf Initiative des Kammervirtuosen Volker Karp nahm die Dresdner Philharmonie Verbindung zur Witwe Goldbergs auf, mit deren Unterstützung Karp 2009 in Dresden-Hosterwitz eine Goldbergausstellung gestaltete. Das Philharmonische Kammerorchester Dresden konzertierte 2015 zu Ehren des neu geschaffenen Goldberg-Archivs in Tokyo. Goldbergs Witwe Miyoko Yamane-Goldberg verfasste Goldbergs Biographie, die 2013 in Tokyo erschien und bisher nur auf japanisch vorliegt. Sie enthält wertvolle Handreichungen des Meisters für die Kunst des Geigenspiels. Das 150. Jubiläum wäre ein würdiger Anlass für die Dresdner Philharmonie, die Biographie des Meisters in deutscher Sprache herauszugeben.

50 Jahre Kulturpalast Dresden

Ein Blick auf den Kulturpalast, als er umgebaut wurde. Quelle: Pixabay

2019 wird der Kulturpalast 50 Jahr alt. Im Gegensatz zu anderen prägnanten Bauten der DDR-Moderne hat er dank der Weisheit der Dresdner Stadtväter und der Bürger überlebt: erhalten als Denkmal und gleichzeitig beispielhaft modernisiert, mit erhöhtem Gebrauchswert in Gestalt eines Konzertsaals, der Stadtbibliothek und des Kabaretttheaters »Die Herkuleskeule».

Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) erschien persönlich zur Pressekonferenz der Dresdner Philharmonie, um das Ereignis für den Oktober anzukündigen. »Wir erfreuen uns seit zwei Jahren an diesem wunderbaren Haus», ließ er sein Herz sprechen. Am 5. Oktober werden im Kulturpalast eine Jubiläumsgala und auf dem Altmarkt ein Open-Air-Konzert stattfinden.

Den Oberbürgermeister treibt unausgesprochen eine Sorge um: Dresden will 2025 Kulturhauptstadt Europas werden. Als traditionelle und moderne Kunststadt ersten Ranges hat Dresden alle Voraussetzungen für diese Ehrung. Doch die Umtriebe der rassistischen Zusammenrottung Pegida verderben nicht nur das politische Klima der Stadt, sondern auch ihr Ansehen in der ganzen Welt. Am 30. September muss die Bewerbung abgegeben werden, im Dezember ist sie in Berlin vor der Jury zu verteidigen. Dresden kann sich nicht nur auf seine alte Kultur stützen, sondern es hatte die Courage, einen Prototypen der DDR-Moderne zu bewahren und gleichzeitig ein modernes Operettentheater und das Theater junge Generation in einer Industrieruine zu etablieren. Kunststadt hier und Hochburg von Nazis und Rassisten da – wie soll das eine europäische Öffentlichkeit beurteilen? Mit dem Motto »Neue Heimat Dresden 2025» rücken die Stadtoberen die Stadt in gefährliche Nähe der Agitation der Alternative für Deutschland für »Heimatliebe». Heimat für wen? Die Dresdner Bevölkerung kann noch so kunst- und friedliebend sein, wenn sie die Nazis und Rassisten nicht zum Schweigen bringt.

Ehrgeizige Pläne

90 Prozent Auslastung hatte der Kulturpalast 2018. 362.000 Besucher kamen in den Konzertsaal. In diesen Zahlen spiegeln sich sowohl die Anziehungskraft des Gebäudes als auch der Fleiß des Kollektivs der Dresdner Philharmonie. Die Zahl der Abonnenten stieg von 7.200 im Jahre 2015 auf 9.060 im Jahre 2018. Das Programm 2019/2020 hat das Potential, diese Erfolge auszubauen. Es sieht 68 Orchesterkonzerte, 4 Kammerkonzerte, 15 Konzerte Weltmusik und Film, 9 Orgelkonzerte, 14 Chorkonzerte, 14 Familienkonzerte, 12 Schulkonzerte und 8 Veranstaltungen gemeinsam mit der Herkuleskeule und der Zentralbibliothek vor. Viel Kleinarbeit verlangt die geplante Bildungsoffensive mit Schulkonzerten, Probenbesuchen, der Zusammenarbeit mit einem Jugendorchester und vieles mehr.

Interessant ist ein »Thementag 30 Jahre Mauerfall» unter dem Motte »…und der Zukunft zugewandt» – sinnigerweise eine Zeile aus der Nationalhymne der DDR. Die Autoren finden die Zeit für gekommen, neu auf Kompositionen der DDR-Zeit und ihre Schöpfer zu blicken. In einem Konzert am 9. November wird die »Sinfonie in memoriam Martin Luther King» von Friedrich Schenker wiederaufgeführt. Ihre Uraufführung 1972 unter Kurt Masur wäre fast zum Skandal geraten. Nun erfährt sein Werk eine Wiedergutmachung.

Der neue Konzertsaal weckt das Interesse vieler bedeutender Orchester. Das London Philharmonic Orchestra unter Leitung von Wladimir Jurowski war bereits da und kommt im November wieder. Im Februar 2020 gastieren die Berliner Philharmoniker unter Leitung ihres neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko. Auch die Staatskapelle Dresden zeigte sich sehr zufrieden mit der Akustik des Saales. Der Bann aus dem alten Saal ist gebrochen.

Der »Außenauftritt»

Als Anliegen Marek Janowskis wurde ein neues Logo der Dresdner Philharmonie entwickelt. Es prangt bereits auf allen Druckschriften des Orchesters. Seine sechseckige Form nimmt laut Pressematerial den Umriss des neuen Konzertsaals auf. Es solle die »enge Symbiose von Orchester und Saal» symbolisieren. Auf neue Weise greife es die Tradition des Klangkörpers auf und weise gleichzeitig in die Zukunft. Seine Facetten, vergoldet, erscheinen im Anschnitt auf dem Programm der Saison als aufgehende Sonne – ein neuer Tag beginnt. Die Philharmoniker erblicken eine Parallele zu einem sechseckigen Grundriss, den der Architekt Leopold Wiel bereits 1961entworfen hatte, freilich als eine Variante von vielen, die nicht realisiert wurde. Eines der Gedankenspiele von Architekten ist das »anatomische Theater», wo die Studenten von allen Seiten dem Operateur zuschauen können – hier etwa skizziert. Wiels Muster ist praktisch. Es klebt bereits auf den Glastüren des Kulturpalasts. Der »Außenauftritt» wirkt etwas gezwungen, als ob man sich selbst Mut machen müsste. Der aber ist nicht nötig, denn der »Innenauftritt» des Orchesters ist markant genug. An ihrem neuen Arbeitsplatz, dem Konzertsaal, fühlen sich die Musiker wohl, wie der Orchestervorstand Peter Conrad versichert.

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