Home. If You want me to. Country-Sänger Joe Diffie starb in Nashville

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Country-Sänger Joe Diffie bei einem Konzert am 22.7.2007 (Ort: Ross Field, Great Lakes, USA). Photo public domain, photographer Scott A. Thornbloom (Wikimedia)

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Home. Zuhause, auch Heimat. Heimat, ein deutsches Wort wie Gemütlichkeit und Glockenspiel. Ein gemütliches Zuhause wünschen sich viele. Ein Heim. Der Wunsch vom Eigenheim – meist als Einfamilienhaus oder Doppelhaushälfte –dominiert seit Jahrzehnten die Rangliste der Wünsche der Bundesbürger. Die Nummer 1 steht so fest, dass Marktforscher nur auf die nächsten Plätze schauen, ob sich irgendwelche neuen Wünschen gebildet hätten, die die Wirtschaft befriedigen könnte.

Home, zuhause zu sein, jeden Tag ohne Pause mit den Kindern oder im „Home office“ (Büro zuhause) – oder beides – wird für viele gerade zur Belastung. Auch weil die Bevölkerung nicht weiß, wie lange der Zustand der Reglementierungen und De-Facto-Einschränkungen von Grundrechten anhalten soll. Wir wissen nicht, warum sich in Bayern eine Mutter getötet hat und ihre Kinder ermordet. Doch da es statistisch gesehen zu Weihnachten viele häusliche Probleme gibt und zurzeit möglicherweise auch die häusliche Gewalt ansteigt, kann man sich da etwas zusammenreimen. Um die Wahrheit herauszufinden, müsste man beide Seiten hören. Nach dem Tod geht das nicht mehr.

Fakt ist, dass die Situation viele überfordert oder überlastet. Sie ist neu, nie dagewesen und scheint endlos. Im Leben stört es uns nicht, dass wir nicht wissen, wie lange es dauert. Warum zuhause in der Situation staatlich verordneter Kontaktbeschränkungen?

Wieviele Probleme es verursacht, wenn man sein Todesdatum wüsste, thematisierten verschiedene Spielfilme und Legenden. Der jüngste Film „Countdown“ von Justin Dec, der am 30. Januar 2020 noch in die deutschen Kinos kam, verdeutlichte die Frage wieder einmal. Untertitel „Sterben? Da gibt‘s ne App für!“

Home, Heim

Heimgehen, das sagen Bestatter, Pastoren und Pfarrer zuweilen, auch manche Menschen aus einem kirchlichen Umfeld, um das Unausweichliche, das uns allen am Ende dieses wunderbaren Lebens bevorsteht, tröstend zu umschreiben.

„Home“-Sänger Joe Diffie ist heimgegangen. Im Alter von 61 Jahren.

„Home“ – der Beginn einer großen Karriere. 1990 war das Lied sein erster „Hit“. 20 Wochen blieb er in den „Billboard charts“, eigentlich Billboard Hot Country Song Charts, den Ranglisten für die meistverkauften Country-Songs in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nach diesem Nummer-1-Hit hatte er 1990 vom selben Album – „A Thousand Winding Roads“ – noch ein Single-Auskopplung, die Rang 2 einnahm „If You Want Me To“ – ebenfalls 20 Wochen. Wahrscheinlich stand er sich selbst im Weg, weil während „If You want me to“ auf Nummer 2 lag, „Home“ die Nummer 1 war.

In Kanada war die beste Plazierung beider Songs die 1.

Chartplazierungen seiner Songs

„If You want me to“, „New Way“ (bester Platz: Platz 2), „Third Rock from the Sun“ (der dritte Fels von der Sonne (ab gezählt) (1), „Ships that don‘t come in“ (Platz 5), „So Help Me Girl“ (2), „This is Your Brain“, „I‘m in Love with a capital ‚U‘“ – die Erfolgsgeschichte setzte sich die 90er Jahre fort.

Bis 2002 landete er jedes Jahr mindestens einen großen Treffer in den US-Billboard-Charts und dann 2004 noch einmal. 2004 war „Tougher than Nails“ bis auf Platz 19 geklettert, ein weiterer Song kam auf Platz 50.

Auch in den US-Charts landete er achtmal, also in der allgemeinen Rangliste, in der nicht nur Country-Songs stehen. „Home“ gehörte noch nicht dazu, im Jahr der deutschen Wiedervereinigung war er dazu noch nicht bekannt genug. Doch die Verkäufe seiner Platten zog an.

Erstmals 1993 wird er in dieser Rangliste aufgeführt, bleibt mit „John Deere Green“ von der LP „Honky Tonk Attitude“ 11 Wochen gelistet und kommt bis auf Rang 69. „Third Rock from the Sun“ hatte 5 Singles in den Charts, davon 3 in den „großen“ Charts: 2mal Platz 84 mit dem Titelsong und „So Help Me Girl“ (1995), am höchsten bis dahin mit „Pickup man“: Platz 60. Allerdings hielt sich dieser Song am kürzesten, nur fünf Wochen. Da versteh‘ einer die Welt. 2000 erreichte er Platz 57 mit „It‘s Always Somethin‘“ und die beste Plazierung 1999 mit „ A Night to Remember“ aus dem gleichnamigen Album: Platz 38.

Vita (Auszüge)

Geboren am 28. September 1958 in Tulsa in Oklahoma, aufgewachsen, das erste Mal mit Musik aufgetreten mit 14 Jahren in der Band seiner Tante. Die Mutter sang, der Vater Joe R. spielte Gitarre und Banjo. Der Sohn verband beides miteinander: Seine Instrumente sind Stimme und Gitarre (vocals and guitar). Seine Familie zog nach San Antonio in Texas und danach in den Bundesstaat Washington und weiter nach Wisconsin. Dann ging es wieder zurück nach Oklahoma (Okla-homa), wo er ursprünglich home war.

Dort in Velma auf der Highschool war er zum Schluss des beste männliche Allround-Athlet. Er war in mindestens vier Sportarten unterwegs, darunter Mannschaftsportarten und Laufen. Seinem Lungenvolumen und damit seiner Stimme und seiner Gesundheit wird das gut getan haben. Ein großes Lungenvolumen spricht für ein langes Leben.

Für die Uni blieb er im Bundesland und studierte an der Cameron University in Lawton. Er war dabei, Medizin zu studieren, entschied sich dann aber dagegen, als er 1977 heiratete und verließ schließlich die Uni vor dem und ohne Abschluss.

Jobs

Nun musste er arbeiten. Diffie tat es auf den Ölfeldern.

Dann als Fahrer eines Betonmischers auf einem Ölfeld in Alice, Texas.

Warum in Texas? Oklahoma ist der direkte nördliche Nachbar, hat eine lange texanische Grenze und bildet quasi eine Einheit mit dem Nachbarstaat, da es selbst im Norden eine gerade mit einem Strich gezogene Grenze hat.

Auch wirtschaftlich sind die beiden sehr eng wegen derselben Art der Bodenschätze: Erdöl.

Anschließend zog er zurück nach Duncan und arbeitete in einer Gießerei (engl. foundry).

Duncan mit seinen gut 20.000 Einwohnern liegt 30 Meilen östlich von Lawton, wo die Cameron-Universität ist, und 80 Meilen (130 km) südlich von Oklahoma City (OKC), der Hauptstadt und größten Stadt des Staates.

Die Stadt Duncan nennt sich „Schnalle des Ölgürtels“ und ist stolz darauf, Gründungsort der Halliburton Company zu sein, von der viele Europäer erst durch George Bush, Rumsfield und den dritten Irakkrieg gehört haben. Die Arbeitsplätze wurden später u.a. nach Houston verlegt.

Für englischlernende Deutsche vielleicht interessant, was Casting auch bedeutet: metal casting = Metallguss.

Gecastet wurde Joe Diffie in dieser Zeit nicht. Casting-Shows waren in den 80ern noch nicht in Mode. Vielleicht war casting auch zu langweilig; Gießen gibt es schon seit 7.000 Jahren. Nicht neues.

Higher Purpose

Doch hatte Joe Diffie in dieser Zeit nicht nur in der Gießerei Geld verdient. Gern arbeitete er nebenbei als Musiker in einer Gospelgruppe (gospel group). Sie hieß „Higher Purpose“. Dann in einer Bluegrass Band, „Special Edition“. Danach baute sich Diffie ein Studio auf. Ein Aufnahmestudio. Mit „Special Edition“ tourte er durch die Nachbarstaaten und schickte Demotapes nach Nashville. Die Haupt- und heute einwohnerreichste Stadt Tennessees ist ja für die Musik bekannt. Im Mai 2017 überholte Nashville eine andere Stadt und wurde die Nummer Eins nach Bevölkerung. Die andere Stadt heißt Memphis, Tennessee. Klingelt‘s?

Hank Thompson nahm Diffies Lied „Love on the Rocks“ auf. Liebe auf den Felsen? Eher nicht.

Eine andere Sache wurde versprochen, zerschlug sich dann aber.

Stellenverlust, Scheidung, Depression, Umzug und Neuanfang

Als die Gießerei 1986 schloss, meldete Diffie Insolvenz an und verkaufte das Studio weil er es musste, weil er das Geld brauchte.

Er ließ sich auch von seiner Frau scheiden, die ihn mit seinen zwei Kindern verließ. Diffie danach depressiv. Mehrere Monate. Dann die Entscheidung: ‚Ich ziehe nach Nashville‘. Dort angekommen, nahm er einen Job bei einer Gitarrenfirma an. Ein altes, bekanntes Unternehmen, das 1902 in Kalamazoo gegründet wurde.

Joe nutzte den Job und die Zeit, um mehr Demos aufzunehmen und trat an einen Songwriter heran, einen Stückeschreiber, also quasi einen musikalischen Librettisten. Die Songs dieser Zeit wurden später unter anderem von Billy Dean, Alabama und den Forester Sisters aufgenommen.

1988, 1989, 1990 – Glück in der Liebe, Glück im Beruf. Kündigung und Carpe Diem

Mitte 1989 kündigte er bei Gibson und begann, hauptberuflich Demobänder aufzunehmen.

Diffie traf Debbie.

Die beiden heirateten dann*.

Im selben Jahr, in Mitteleuropa wurden 40 Jahre DDR und die D-Mark gefeiert, Honecker dankte ab, Krenz kam und die Mauer fiel, kam Bob Montgomery auf Joe Diffie zu. Der Songwriter und Plattenproduzent hatte mit Buddy Holly zusammengearbeitet.

Montgomery, Vizepräsident A&R – Artists and Repertoire, der redaktionellen Abteilung einer Plattenfirma – sagte, er wolle Diffie unter Vertrag nehmen, dieser müsse sich aber noch ein Jahr gedulden.

Wieder nutzte Diffie die Zeit. Er verfasste den Country-Song „There Goes My Heart Again“ mit und war sich nicht zu schade, die ‚backing vocals‘ im Hintergrund zu singen.

Holly Dunn brachte den Song schon im September – in der DDR war noch alles eitel Sonnenschein und man bügelte die Flaggen – als zweite Singleauskopplung der LP „The Blue Rose of Texas“ heraus. „There Goes My Heart Again“ landete in den Billboard Hot Country Song Charts auf Platz 4! In den Canada Country Tracks auf Rang 8. Die Ko-Autoren waren Lonnie Wilson und Wayne Perry.

Der Name HOLLY brachte Diffie anscheinend Glück.

Nun ging es bei Epic Records schneller und zog sich nicht mehr episch in die Länge. Platz vier ist kein Pappenstiel. Das wusste man auch bei Epic; der Rubel rief.

Nicht erst im Sommer 1990, sondern bereits Anfang des Jahres unterschrieb Joe Diffie dort.

Von 1989 bis 2020 war er als Singer-Songwriter tätig. 21 oder dreimal sieben Jahre; bis zu seinem Lebensende.

Joe Diffie (1958-2020)

Joe Diffie war viermal verheiratet: Mit Janise Parker neun Jahre, 1977-1986, die Kinder heißen Parker und Kara. Parker Diffie arbeitete vor fünf bis sieben Jahren als Diffies Tourmanager auf der Straße (unterwegs). Er und sein Bruder Kara bewarben sich 2010 bei American Idol.

Auch mit Debbie Jones* hatte Joe zwei Söhne. 1988-1996 war er mit ihr verheiratet. Zur Trennung kam es etwas unglücklich: Diffie kannte das Ehepaar Allison. Davey war Rennfahrer, verunglückte am 12. Juli 1993 im Alter von 32 Jahren bei einem Landeversuch mit seinem frisch gekauften Hubschrauber tödlich. Seine Frau Liz, nun Witwe, rief in Diffies Büro an, um die Noten zu dem Lied „Ships That Don’t Come In“ zu bekommen, einem Lieblingslied ihres verstorbenen Mannes. Diffie erbot sich, den Song auf Daveys Beerdigung zu singen. Liz suchte in den folgenden Monaten Trost bei Joe Diffie. Das führte irgendwann zu einer engen Beziehung. Und zur Trennung und Scheidung von Debbie.

2000 heiratete Joe Diffie Theresa Crump, die er bei einem Konzert in einem Hotel in Nashville kennengelernt hatte. Tochter Kylie wurde 2004 geboren. Diesmal hielt die offizielle Beziehung 17 Jahre, bis sie geschieden wurde; bis 2017, als die Tochter Teenager wurde. 2018 heiratete Joe Diffie Tara Terpening in der Nashviller „The Musicians Hall of Fame“. Zwei Jahre blieben den beiden, bevor er aus dem Leben gerissen wurde.

Diffie war: seit „Home“ ein Star, der nun verlöscht ist. Ob er zuhause verstarb, wissen wir nicht. Am 27. März, die Corona-Angst war in den USA angekommen, verlautbarte Diffie, dass er positiv auf das Coronavirus getestet worden sei. Zwei Tage später, am 29. März 2020, starb Joe Diffie im Alter von 61 Jahren.

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1 KOMMENTAR

  1. Ergänzen und nachtragen könnte man:

    + Holly Dunn wurde auch nur knapp 60 Jahre alt (1957–2016), die amerikanische Country-Sängerin und -Songschreiberin.

    Hall of Fame:
    Joe Diffie hatte es (ja) geschafft: 2002 wurde er in die Oklahoma Music Hall of Fame aufgenommen. Im gleichen Jahr auch Hank Thompson (der mit ihm „Love on the Rocks“ aufgenommen hatte).
    (Übrigens auf Ronnie Dunn (2003) und Bob Dunn (2013), Namensvetter von Holly Dunn, die es nicht soweit gebracht hat.)

    2 Platin-LPs:
    + „Honky Tonk Attitude“ (1993) und „Third Rock from the Sun“ (1994) waren in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Diffies erfolgreichste LPs/ Alben, beide erhielten Platin (1 Million verkauft).

    5mal Nr. 1:
    + Fünfmal war er mit einem Lied die Nummer 1 in den Hot Country Charts der Zeitschrift Billboard (Was Plakatwand bedeutet) : Mit HOME, THIRD ROCK FROM THE SUN, PICKUP MAN, BIGGER THAN THE BEATLES sowie einem weiteren. „Home“ war nicht nur der 1. Top-Hit, sondern auch seine Debütsingle.

    LPs:
    + Weitere LPs hießen „Life’s so funny“ (!) (1996), funny auch die Formulierung „Twice upon a time“ (1997), „Greatest Hits“ erschien schon 1998 mit dem Nummer-4 Hit „Texas Size Heartache“, „In Another World“ (prophetisch?) erschien am 30.10.2001, also nach dem 11. September, nun stirbt er bei einem ähnlich einschneidenden Ereignis. 2 Top-50-Hits waren dabei, darunter der Titelsong auf Platz 10 der Biilboard Charts (und Platz 66 der US-Charts).

    „All in the same Boat“, das letzte Album von 2013, ist jetzt auch ein zutreffendes Motto.

    Unsichere Zukunft:
    + Noch erscheinen soll (Zeitpunkt unklar) „I Got This“.