Kurz und gut. Das Kurzfilmprogramm der Berlinale 2017 und warum dessen Präsentationsform keine Selbstverständlichkeit ist

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Maike Mia Höhne bei der Vorstellung des Kurzfilmprogramms. © 2017, Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Seit dem die Berlinale(lang)filme alleine laufen – ohne Vorfilm – hat sich einiges geändert. In der 80er Jahren der Berlinale war auch Berlin anders. Viele der heutigen Spielstätten, darunter der Kern mit Berlinalepalast, Cinemax und Cinestar im Sonycenter, existierten noch gar nicht. Die Kinos hießen Zoo-Palast, Delphi und Arsenal. Da sind doch von Z-A dieselben?

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin liefen „nur“ in West-Berlin, also in 3/5 der Bezirke mit 2/3 der Einwohnerzahl und einem freien Zugang für alle nationalen und internationalen Gäste. Drumherum die Mauer, wie ein moderne Stadtmauer an den Außengrenzen und dann die Stadt in der Mitte zerschneidend. Sie stand nicht auf West-Berliner Territorium und hinderte die Berliner wenig am reisen, obwohl sie mit ihren mehr als 143 km die ganze Stadt West-Berlin umschloss, oder Halbstadt, je nachdem.

Das Festival hatte große Glanzzeiten und spielte in Kinos, die es heute in Berlin nicht mehr gibt, die umgewidmet oder gar abgerissen wurden. Besonders am Kurfürstendamm gab es viele Lichtspieltheater, heute bleibt das Astor als Filmlounge. Das alte Astor eine Ecke weiter ist ein Bekleidungsgeschäft, in den 80ern lief dort noch die Retrospektive. Das Delphi ist das gute alte, der Zoo-Palast völlig neugemacht und möbliert und das Arsenal in der Welserstraße mit dem Forum, ein bisschen muffig, aber Schauplatz heißer Diskussionen, lag noch in Schöneberg. Heute ist es in Tiergarten, das seit 2001 Mitte heißt und ist merkwürdig halbversteckt, vielleicht um den unkundigen Besucher erstmal ins Sonycenter und in Richtung Imax zu locken.

Doch nicht nur Atmosphäre, Spielorte und die Haifischflossen an den Autos unterschieden die alten Festspiele von den heutigen: Der Kurzfilm fand jeden Tag statt.
Er war im Saal 1 des Zoopalasts mit seinen Premieren und seiner großen Bühne ebenso zuhaus wie an den anderen Wettbewerbsspielstätten, da er als Vorfilm zu einem längeren Wettbewerbsbeitrag lief.

Kurzfilme der 67. Berlinale im Colosseum und Cinemaxx

Heute kann man in fünf Blöcken konzentriert alle Kurzfilme anschauen. „Visit Europe in 3 days!“ Aber um den Preis, dass der Kurzfilm aus dem Bewusstsein des breiten Publikums verschwunden ist. In Randbereichen wie dem Kinderfilmfest „Generation“ und dem Teddy Award hat der Kurzfilm zwar noch seinen Platz, doch die Mehrheit der Menschen versteht „Berlinale“ primär synonym mit dem Wettbewerb und Berlinalefilme sind zunächst einmal Wettbewerbsfilme. Vor allem anderen. Das ist zwar widersinnig und kurzsichtig. Ausgerechnet die Wettbewerbsfilme gelangen am häufigsten auch nach den Festspielen ins Kino. Doch so ist es nun mal.

Die Kurzfilme sollte man sich bei den Filmfestpielen auf jeden Fall anschauen, denn ins Kino kommen sie nicht mehr.


Die Filme der Berlinale Shorts 2017:

Altas Cidades de Ossadas (Hohe Städte aus Totengebein), João Salaviza, Portugal, 19’ (WP)
Avant l’envol, Laurence Bonvin, Schweiz, 20’ (IP)
The Boy from H2 (Der Junge aus H2), Helen Yanovsky, Israel / Palästinensische Gebiete, 21’ (WP)
Call of Cuteness, Brenda Lien, Deutschland, 4’ (WP)
Centauro (Zentaur), Nicolás Suárez, Argentinien, 14’ (IP)
Cidade Pequena (Kleine Stadt), Diogo Costa Amarante, Portugal, 19’ (IP)
Coup de Grâce (Gnadenschuss), Salomé Lamas, Portugal, 26’ (WP)
The Crying Conch, Vincent Toi, Kanada, 20’ (WP)
Ensueño en la Pradera (Träumerei in der Prärie), Esteban Arrangoiz Julien, Mexiko, 17’ (WP)
Estás vendo coisas (Du siehst Dinge), Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Brasilien, 18’ (IP)
Everything, David OReilly, USA / Irland, 11’ (WP)
Le film de l’été (Der Film des Sommers), Emmanuel Marre, Frankreich / Belgien, 30’ (WP)
Fishing Is Not Done On Tuesdays, Lukas Marxt & Marcel Odenbach, Deutschland / Österreich, 15’ (WP)
Fuera de Temporada (Außerhalb der Saison), Sabrina Campos, Argentinien, 23’ (WP)
Hiwa, Jacqueline Lentzou, Griechenland, 11’ (WP)
Os Humores Artificiais (Die Künstlichen Humore), Gabriel Abrantes, Portugal, 30’ (WP)
keep that dream burning, Rainer Kohlberger, Deutschland / Österreich, 8’ (WP)
Kometen (Der Komet), Victor Lindgren, Schweden, 11’ (IP)
Martin Pleure (Martin weint), Jonathan Vinel, Frankreich, 16’ (WP)
Miss Holocaust, Michalina Musielak, Polen / Deutschland, 22’ (WP)
Monangambeee, Sarah Maldoror, Algerien, 15’ – Außer Konkurrenz
Oh Brother Octopus, Florian Kunert, Deutschland, 27’ (WP)
The Rabbit Hunt, Patrick Bresnan, USA / Ungarn, 12’ (IP)
Street of Death, Karam Ghossein, Libanon / Deutschland, 23’ (WP)

MONANGAMBEEE, SARAH MALDOROR, ALGERIEN, 15’ – Außer Konkurrenz

Gespräch mit Maike Mia Höhne

Wir fragten Maike Mia Höhne, Kuratorin der Berlinale Shorts:

„Welche Kurzfilme sind dieses Jahr im Wettbewerb?“
„Wirklich alle, bis auf eine Ausnahme: Monangambee. Der Film von 1969 lief 1971 an der Croisette [in Cannes, d.Red.] und kurze Zeit später bei uns. Er passt einfach sehr gut.“
„In den vergangenen Jahren war es sogar für die Filmemacher teils recht unersichtlich, welche Kurzfilme am Wettbewerb teilnehmen.“

„Das haben wir nur die ersten zwei Jahre so gehandhabt, das hat sich nicht bewährt. Inzwischen nehmen einfach alle Filme am Wettbewerb teil.“

„Wir begrüßen diese übersichtliche Lösung, die auch mehr Anreize für die Regisseure schafft und viel verständlicher ist für das Publikum.“

Die Jury

Über die Jury der Berlinale Shorts wurde an dieser Stelle schon berichtet.
Maike Mia Höhne über die Zusammenstellung der diesjährigen Jury: „Die hochkarätigen Biografien von Jankowski, Drew und Núñez ergeben als Jury-Dreiergespann eine Mischung aus sehr versierten und höchst unterschiedlichen Blickwinkeln. Ich freue mich sehr!“

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