Läuft was schief im Journalismus? Der preisgekrönte Reporter Birk Meinhardt hadert mit der „Süddeutschen Zeitung“

"Wie ich meine Zeitung verlor" von Birk Meinhardt. © Das Neue Berlin in der Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Sind Qualitätsmedien wirklich immer der Wahrhaftigkeit verpflichtet? Blenden sie nicht zuweilen die Wirklichkeit aus? Das fragt sich Birk Meinhardt, doppelter Egon-Erwin-Kisch-Preisträger, einst Aushängeschild der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), zuständig für großformatige Reportagen auf Seite drei.

Er schreibt nun in einem „Jahrebuch“ über seine Zeit bei diesem Blatt. Meinhardt, 1959 in Berlin-Pankow geboren, war schon in den letzten DDR-Jahren als Journalist tätig, im Sport-Ressort der „Jungen Welt“. 1992 kam er zur SZ. Als einziger Ostdeutscher fühlt er sich in der Redaktion unsicher. Zugleich wähnt er sich im „journalistischen Paradies“: Endlich kann er das schreiben, was er denkt. 1999 und 2001 erhält er den Kisch-Preis, die höchste Auszeichnung für Reporter.

Doch im Laufe der Jahre kommt es zu einer Entfremdung gegenüber „seiner“ Zeitung. Einige seiner Texte bleiben ungedruckt bleiben oder werden umfassend geändert. Natürlich, mit solchen Vorgängen muss jeder Journalist leben. Mal ist ein Bericht wirklich verbesserungsbedürftig, mal fällt der Platz weg durch eine Anzeige; oder das Thema ist bei Drucktermin schlicht nicht mehr aktuell.

Doch Birk Meinhardt geriet ins Grübeln, weil es gerade seine brisantesten Recherchen, seine wohl gelungensten Reportagen nicht ins Blatt schafften. Bereits 2004, weit vor der Finanzkrise, intervenierte die Wirtschaftsredaktion der SZ gegen seine im Nachhinein geradezu prophetische Geschichte über die verheerenden Folgen des hochriskanten Investment-Banking bei der Deutschen Bank. 2010 fiel dann ein Veto gegen eine Reportage über zwei zu Unrecht verurteilte Neonazis im Osten Deutschlands.

Als einstiger DDR-Bürger hatte Birk Meinhardt noch gut im Ohr, mit welchen Argumenten man damals bei der Jungen Welt ungewollte Artikel ablehnte: Das könne dem Klassenfeind in die Hände spielen. Bei der SZ hieß es hingegen, mit bedenklich paralleler Logik: Der Artikel könnte von den Rechten als Beleg für ungerechtfertigte Verfolgung genutzt werden.

Meinhardts Buch enthält diese beiden und weitere zuvor unveröffentlichte Reportagen, etwa über den Drohnenkrieg der Amerikaner vom US-Stützpunkt Ramstein aus. Auch aus dem Briefwechsel mit den SZ-Redakteuren wird zitiert. So kann sich jeder selbst ein Bild machen.

Der Autor beklagt das allzu fest zementierte Weltbild vieler seiner Journalisten-Kollegen. Deren schlichte, „politisch korrekte“ Weltsicht mit der Sortierung in Gut und Böse. Richtige Haltung gelte mehr als Differenzierung, genaues Hinhören, sorgfältige Recherche. Dadurch wird, so folgert Meinhardt, der Journalismus selbst zum Teil des Problems, trägt zur Verhärtung der Fronten bei.

In seinem klugen, autobiografischen Büchlein klagt Meinhardt nie selbstgerecht an, sondern reflektiert besonnen sein Selbstverständnis als Journalist, das zu seiner Entfremdung und Desillusionierung gegenüber der Medienbranche führte. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich der von Meinhardt angestoßenen Debatte bislang nicht gestellt. Eigentümlich ist es, dass das Buch nun bei Eulenspiegel, im kleinen, einstigen DDR-Verlag erscheint. Meinhardts zwei Romane hingegen wurden beim renommierten Hanser-Verlag veröffentlicht.

Bibliographische Angaben

Birk Meinhardt, Wie ich meine Zeitung verlor, Ein Jahrebuch, 144 Seiten, Format: 12,5 x 21 cm, Klappenbroschur, Verlag: Das Neue Berlin in der Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH, Berlin, 14. August 2020, ISBN 978-3-360-01362-0, Preis: 15 EUR (Deutschland), E-Buch: ISBN 978-3-360-50177-6, Preis: 12 EUR

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