Sehen mit den Augen eines Greifvogels. VR-Installation „Inside Tumucumaque“ zeigt Kaiman- und Frosch-Perspektive

Bild aus der VR-Installation Inside Tumucumaque "Waldlichtung im brasilianischen Regenwald"
Brille aufsetzen! Wer nach Karlsruhe reist, sieht diese Waldlichtung im brasilianischen Regenwald und kann sich 360 Grad umschauen. VR-Installation "Inside Tumucumaque" im ZKM vom 6.4.-27.5.2018 © 2018 Interactive Media Foundation

Berlin/Karlsruhe, Deutschland (Kulturexpresso). VR bedeutet vieles, Völkerrecht zum Beispiel, Vorsignal und Volksrepublik. Es steht auf dem Nummernschild des Kreises Vorpommern-Rügen, bezeichnet den schwedischen Wissenschaftsrat in Stockholm und die Zeitschrift „Vermessungstechnische Rundschau“, die dann „Vermessungswesen und Raumordnung“ hieß. Die gab es aber nur im 20. Jahrhundert, seit 2000 nicht mehr. Das Periodikum wurde in Flächenmanagement und Bodenordnung (fub) umbenannt. Mit vermessen und Raumordnung kommen wir der Sache aber schon näher. Denn man muss eine ganze Menge messen und vermessen, sogar den Raum, in dem es gezeigt werden soll, um etwas wie die VR-Installation „Inside Tumucumaque“ auf die Beine zu stellen. In diesem Zusammenhang bedeutet VR „Virtuelle Realität“.

Die Macher der Zeitschrift VR, die nun FUB heißt, dachten sich vielleicht auch, dass sie gegen die aus den Vereinigten Staaten von Amerika kommende Abkürzung, die sich weltweit verbreitet und in Zukunft immer wichtiger werden wird, nicht „ankommen“. Auch im deutschsprachigen Raum ist das zwei-Buchstaben-Kürzel „VR“ häufig. Mit den Lettern FUB dagegen konkurriert das Periodikum nur mit wenigen, zum Beispiel der Freien Universität Berlin in Dahlem.

Die VR-Installation „Inside Tumucumaque“ sieht man nicht auf der Leinwand

Um die Virtual-Reality-Installation „Inside Tumucumaque“ sehen zu können, muss man schon eine Brille aufsetzen. Es ginge auch mit einer einfachen handelsüblichen VR-Brille ab 100 Euro, doch natürlich stehen im ZKM Brillen zur Verfügung. Das ZKM ist das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe. Brillenträger können die eigene aufbehalten, unter der VR-Brille ist genügend Platz.

Noch muss man nach Karlsruhe reisen, um die Grundeinstellung, eine Waldlichtung im brasilianischen Regenwald, zu sehen. Später soll das auch im Naturkundemuseum Berlin möglich werden.

Wer die „rosa Brille“ auf hat, kann sich zu 360 Grad umschauen, das heißt: in alle Richtungen. Auch nach oben und nach unten!!

Schwindelfreiheit ist von Vorteil, aber nicht Bedingung.

Der Clou der VR-Installation „Inside Tumucumaque“: die Frosch- und Vogelperspektive

Das Beste kommt noch, nach dem man sich an die Umgebung gewöhnt hat: man kann eines von drei Tieren anpeilen und dann nach der Erfassung durch einen lenkbaren Strahl anklicken.
Dann sieht man die Welt nicht mehr aus der Zweibeinerperspektive – etwa 1,40 bis 2,10 über dem Erdboden – sondern aus der Perspektive des ausgewählten Tieres.

Die anderen Wahrnehmungsarten des jeweiligen Wesens werden dabei nachempfunden. Es wird versucht, sie für uns sichtbar umzusetzen.

Die drei Tiere, deren Sichtweise man einnehmen kann

Die Harpyie.
Der im Wald jagende sperber- oder habichtähnliche Greifvogel heißt wissenschaftlich Harpia harpyja. Dabei ist die Harpyie die einzige Art der Gattung. Sie ist der wohl stärkste Greifvogel überhaupt und unter den größten des Planeten Erde.

Aus ihrer Sicht kann man sich den Überblick verschaffen. Man fliegt in ihrer Flughöhe über und durch den Wald oder über dem Fluss mit seinen Stromschnellen und Wasserfällen. Nebenbei erfüllt man sich einen Menschheitstraum.

Gleichzeitig ist es eine kohlendioxidsparende Art und Weise, Dinge zu sehen, Natur in fernen Ländern, ohne zu reisen.

Der Rumpf der Harpyie ist recht kräftig, die Flügel vergleichsweise kurz, aber sehr breit. Der Schwanz ist lang. Auf diese Weise ist der Vogel im Wald wendig. Er kann wunderbar manövrieren und erreicht hohe Geschwindigkeiten. Da die Harpyie zu den schnellsten und schwersten Vögeln gehört, kann sie große Beute jagen, die selbst schnell ist.

Durch diese Vorteile konnte sie sich weit verbreiten und bis heute in einem großen Gebiet halten. Nicht nur in Brasilien gibt es sie, sondern von Südmexiko über Mittelamerika bis Nordargentinien.

Sei ein Frosch!

Der Pfeilgiftfrosch. Er sieht die Sache ganz anders, nicht nur, weil er nur wenige Zentimeter über dem Boden lebt und sitzt. Das amphibische Tier taucht gern ins Wasser ein. Keine Sorge: Solange man die Brille auf hat, fängt er keine Fliegen und hüpft kaum, so dass man nicht seekrank wird.

Auch die Harpyie wird nicht vor unseren Augen jagen und Beutetiere reißen. Die Darbietungen sind außergewöhnlich in ihrer Art, aber familienfreundlich. Zudem wird davon ausgegangen, dass viele Besucher des Zentrums für Kunst und Medien das erste Mal die VR-Brille aufhaben. Die Anwendung ist dementsprechend nicht für versierte Gamer oder First-Person-Shooter konzipiert. Computerfreaks könnten finden, dass es hier zu wenig zu ballern gäbe.

Doch wir setzen wie die meisten, die Brille auf, um etwas Unvergleichliches zu sehen. Etwas, dass man in der Realität wohl nie sehen können und schon gar nicht werden wird. Unvergessliche Momente, bei Tag, bei Nacht und in der Dämmerung. Man kann den Sonnenaufgang im Urwald erleben.

Die Farben, die der Frosch sieht, werden wohl auch von Indianerstämmen Mexikos gesehen (wie den Huicholes), die in Ritualen heilige Pilze zu sich nehmen. Zumindest lassen Berichte darauf schließen und die bunten, um nicht zu sagen grellen Farben, in denen sie Masken herstellen.

Der Kaiman.
Diese Tiere sind eine Unterfamilie der Alligatoren innerhalb der Familie der Krokodile. Es gibt sie nur in Mittel- und Südamerika. (In Mittelamerika kommt nur der Krokodilkaiman vor.) Das Reptil aus der Installation, der Kaiman, ist also wirklich sehr typisch und woanders nicht zu sehen.
Im Gegensatz zu den Fröschen, die mancherorts an die Wand geschmissen werden, damit sie sich zu Prinzen verwandeln – als gäbe es zu viele davon.

Als Kaiman, oder neben einem, auf der sonnigen Sandbank zu liegen, dann fast lautlos ins Wasser einzutauchen und unter der Wasseroberfläche durch den Fluss zu sausen, wo gibt es das sonst schon?

Ein Erlebnis sondergleichen.

Wo und wann die VR-Installation „Inside Tumucumaque“ zu finden ist

Was? Wann? Wie lange?

VR-Installation „Inside Tumucumaque“ im ZKM Karlsruhe vom 6.4.-27.5.2018

Wo? Veranstaltungsort:

ZKM Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
Lorenzstraße 19
76135 Karlsruhe

Öffnungszeiten:

Ausstellungen in Lichthof 1 + 2 sowie 8 + 9
Montag/Dienstag geschlossen; Mittwoch–Freitag 10–18 Uhr
Samstag 14–18 Uhr, Sonntag 11–18 Uhr

Tel. +49 (0) 721 – 8100 – 0

info@zkm.de

zkm.de

Auf Kulturexpresso.de weiterlesen:

VR wird immer wichtiger, am besten zu verfolgen auf der IFA

360°-Anwendungen und virtuelle Realität breiten sich aus, es gibt immer mehr davon. Die internationale Funkausstellung auf dem Berliner Messegelände, die inzwischen jährlich im September stattfindet, legt davon Zeugnis ab und zeigt jeweils aktuelle Entwicklungen. Für Sport und Spiel wird das wichtig; aber nicht nur im privaten Bereich, auch in der Ausbildung und anderen beruflichen Anwendungen hat und wird sich die Technik weiter ausbreiten.

IFA als Designhochburg. Auf der Internationalen Funkausstellung werden die UX-Design-Awards vergeben

Wegen hervorragender Bildgestaltung und wegen des tollen Tonschnitts von Nelson Ferreira & Co. vielfach oscarnominiert:

Wassergestalt. Der Spielfilm „The Shape of Water“ gewinnt am meisten: 4 Oscars „…– Das Flüstern des Wassers“

Das Wesen aus dem Spielfilm „The Shape of Water“ wirkt ähnlich real und irreal wie die virtuelle Abbildung der tatsächlichen Urwaldrealität Brasiliens.

Anzeige

Vorheriger ArtikelDas Grüne-Woche-Partnerland Bulgarien überrascht! Rosenöl, ja – aber auch Bio, vegan und Schokolade ohne Milch
Nächster ArtikelFotoreportage: Liam Neeson fährt höchste Eisenbahn in „The Commuter“