Verfälschte Demokratie – Stefan Puchers Inszenierung „Ein Volksfeind“ beim Theatertreffen

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Quelle: Pixabay, CC0 Public Domain

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Henrik Ibsens Stücke sind an deutschen Bühnen beliebt. Gleich zwei davon waren beim diesjährigen Theatertreffen zu erleben: „John Gabriel Borkmann“ inszeniert am Burgtheater Wien von Simon Stone und „Ein Volksfeind“, Regie Stefan Pucher vom Schauspielhaus Zürich. Der 1828 geborene norwegische Dramatiker hat Themen aufgegriffen, die auch heute noch brandaktuell sind, und seine Dialoge lassen sich, nach Geschmack, modisch aufpeppen oder auch ironisieren.

Der Autor und Journalist Dietmar Dath hat für „Ein Volksfeind“ eine entstaubte, blitzblank polierte Textfassung geschaffen. Die Handlung des Stücks ist kaum verändert, die provinzlerische Sprechweise der AkteurInnen bleibt hörbar, auch Bekanntes aus früheren Übersetzungen ist erhalten geblieben.

Stefan Puchers Inszenierung liefert eine vereinfachte, dabei durchaus intelligente Interpretation des Stücks. Wenn der Softwareunternehmer Aslaksen (Matthias Neukirch), der so gern die Worte Mäßigkeit und Mäßigung im Mund führt, den Kurarzt Dr. Thomas Stockmann (Markus Scheumann) zum Volksfeind erklärt, dann klingt das schauerlich, wie ein Aufruf zum Mord. Dabei hat Aslaksen Recht. Stockmann ist ein Feind des Volkes, das sich als unbelehrbare Masse gegen ihn aufhetzen lässt. In einer Rede fordert er die Herrschaft einer Elite und die Abschaffung des Wahlrechts für die „niederen Klassen“. Damit stürzt Stockmann als moralische Instanz und schadet seinem eigentlichen Anliegen.

In Stefan Puchers Inszenierung geht Stockmanns Rede größtenteils unter im Gebrüll anderer, von Aslaksen aufgestachelter Wutbürger. Als Politiker ist der Kurarzt nicht tauglich, aber in diese Rolle wurde er hineingedrängt um etwas zu verteidigen, was nicht politisches Programm sondern Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen ist.

Thomas Stockmann hat in der Stadt Bodenproben entnommen und ein Gutachten in Auftrag gegeben, in dem die Verseuchung des Grundwassers festgestellt wurde. Verantwortlich dafür ist ein Energiekonzern, der mittels Fracking Öl aus dem Boden holt und dabei auch Giftstoffe in Umlauf bringt.

Die Bloggerin Hovstad (Tabea Bettin), immer auf der Suche nach brisanten Meldungen, will Stockmanns Bericht sofort ins Netz stellen. Selbstverständlich ist klar, dass der Energiedeal unverzüglich beendet werden muss.

Dagegen wendet sich der Bruder von Thomas, Peter Stockmann, der als Stadtvorsteher, Polizeichef und Vorsitzender der Kurverwaltung alle bedeutenden Ämter der Stadt innehat. Er gibt zu bedenken, dass ein Ausstieg aus dem Fracking-Projekt erhebliche Kosten verursachen würde. Steuererhöhungen wären die Folge, die Wirtschaft bräche zusammen, der derzeit florierende Kurort würde zu einem traurigen Nest mit vielen Arbeitslosen.

Die Inszenierung macht deutlich, dass sich nun alle Verantwortlichen zusammensetzen müssten, um den Schaden möglichst gering zu halten. Aber im, laut Programmheft, „Städtchen mit der fortschrittlichsten Kommunalverwaltung aller Zeiten“ ist es trotz Transparenz und Partizipation möglich, unliebsame Informationen unter den Teppich zu kehren oder ihnen eine andere Bedeutung zu verleihen.

Das Demokratie-Portal „DEMOnline“ ist nicht die freie Presse. Es wird von Aslaksen finanziert, dem sein gut gehendes Geschäft wichtiger ist als mögliche Gefahren für die Gesundheit. Um ihr Portal weiter betreiben zu können, bleibt Hovstad und ihrem eifrigen Assistenten Billing (Nicolas Rosat) nichts anderes übrig, als Thomas Stockmanns Bericht zurückzuweisen.

Während Aslaksen als übler Demagoge erscheint, verleiht Robert Hunger-Bühler dem Politiker Peter Stockmann sympathische Züge. Er wirkt seriös, gibt sich gelassen, abwägend

und realistischer als sein hitzköpfiger Bruder Thomas. Hunger-Bühlers Peter Stockmann gelingt es den Eindruck zu erwecken, es gehe gar nicht um die durch das Gutachten einer Universität belegten Missstände, sondern um eine unausgegorene Idee von Thomas Stockmann.

Peter Stockmann warnt vor Übereilungen und Panikmache und macht den demokratischen Vorschlag, ein zweites Gutachten einzuholen. Die Entscheidung, nicht über dass Gutachten, sondern darüber, ob sie Peter oder Thomas Stockmann ihr Vertrauen aussprechen, sollen die BürgerInnen der Stadt fällen.

Stefan Pucher lässt das Publikum mitspielen. Es kann Peter Stockmann und Aslaksen ins Foyer folgen oder auf seinen Plätzen bleiben und Thomas Stockmanns Rede anhören.

In Berlin ließ sich nur ein geringer Teil der ZuschauerInnen mit dem Versprechen auf kühle Getränke hinaus locken. Filmmitschnitte zeigten fröhliche Stimmung im Foyer und übermittelten suggestive Publikumsbefragungen, auf die nur ablehnende Antworten bezüglich Thomas Stockmann möglich waren.

Die Inszenierung wirkt wie ein Videospiel. Die AkteurInnen in den Kostümen von Annabelle Witt sehen aus wie Playmobilfiguren mit den Bewegungen von Avataren. Sobald sie auftreten sind ihre Gesichter als riesige Bilder auf der Rückwand zu sehen. In diesem total vernetzten Städtchen scheint alles öffentlich und einsehbar. Zu Beginn demonstriert der eingeblendete Globus die Verbindung des Kurbads mit der ganzen Welt.

Das elegante Bühnenbild von Barbara Ehnes verbindet das private mit dem öffentlichen Leben. Peter Stockmanns Haus und die Arbeitsplätze der BloggerInnen gehen ineinander über. In der Mitte thront ein Modell der Stadt. Das steigt am Ende in den Himmel auf und hinterlässt ein hässliches Loch, aus dem der verfemte Außenseiter Thomas Stockmann mit seiner Familie herauskriecht.

Rhythmisch aufgeladen wird die Inszenierung durch die Musikerin Becky Lee Walters. Sie ist Teil des Städtchens und bringt die BewohnerInnen zum Tanzen. Zur fortschrittlichen Gesinnung gehören auch viel Bewegung und gesunde Ernährung, auf die Thomas Stockmanns Ehefrau (Isabelle Menke) sich spezialisiert hat.

Als Thomas Stockmanns Tochter Petra (Sofia Elena Borsani) ihrer Mutter vorwirft, dass sie ausschließlich für die Familie lebe, erklärt die, sie sei bei ihren vielseitigen, durchdachten Tätigkeiten eine wissenschaftliche Hausfrau und bezeichnet sich als „Systemadministrator“.

Ähnlich wurde der Beruf der Hausfrau in den 1950er Jahren beschrieben.

In der Zukunft ist Stefan Puchers Inszenierung wohl doch nicht angesiedelt. Sie ist wohl eher ein hoch aktuelles Gedankenspiel über die Gefährdungen der Demokratie.

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