Ernte- oder Blutmond? Je reißerischer, desto häufiger verwendet werden die Begriffe, auch bei Vollmond

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 25. Oktober war in Berlin und an vielen anderen Orten Vollmond. Mittwoch abend, 18.45 Uhr wurde angegeben. Kurz nach Sonnenuntergang, als der Mond aufging, war er in Berlin allerdings noch hinter den Häusern, wenn es nicht jemand rechtzeitig auf den Kreuzberg, den Teufelsberg oder den Funkturm am ICC geschafft hatte. Bergbesteigungen empfohlen sich aber am 25.10. wegen der Regenschauer und Sturmböen keinesfalls. Um den Lesern die bestmöglichen Bilder zu bieten, musste also abgewartet werden, bis sich der Mond scheinbar über den Häuser-Horizont erhob.
Der ist abhängig von den in Berlin bis zur Regenrinne höchstens 22 Meter hohen Häusern plus Dach. Traufhöhe nennt man das. Hochhäuser brauchen Ausnahmegenehmigungen.

Unkontrollierte Macht der Wolken – auch bei Vollmond

Doch auch dann machten Wolken noch einige Zeit einen Strich durch die Rechnung. Zwar lag die Hauptstadt im für das Vollmond-Betrachten begünstigten Nordosten der Bundesrepublik Deutschland. Doch Wolken gab es auch. Wegen des starken Windes zogen sie allerdings so schnell, dass man immer wieder eine neue Chance bekam. Neue Sichtfenster taten sich schnell auf. Ein halbe Stunde nach dem Höhepunkt guckte der Vollmond endlich dauerhafter über die Wolkendecke. Der vom Regen saubergewaschene, staublose Himmel ermöglichte eine denkbar klare Sicht.

Berlin war um diese Zeit zweigeteilt. Östlich einer Linie, die durch Reinickendorf über den Zoo nach Neukölln verlief, war die Sicht nach oben erschwert.

Übrigens macht der kurze zeitliche Abstand zum theoretisch idealen Photozeitpunkt 18.45 Uhr kaum etwas aus.

Nach Mitternacht betrug die Rundheit und Lichtabdeckung immer noch 99,7%. Nicht nur Horst Seehofer hätte sich über so einen Wert für Bayern vorigen Sonntag gefreut; diese Zahl ist von den Wahlen zur DDR-Volkskammer bekannt.

Eine halbe bis Dreiviertelstunde nach dem kalendarischen Vollmond ist ein Unterschied mit bloßem Auge nicht festzustellen.

Jeder der meist 12 Vollmonde im Jahr hat mindestens einen Namen. Der im Oktober heißt Blut-, Ernte- oder Jägermond. Die Bezeichnung Erntemond gilt auch im August und September.

Nach dem Großereignis Mondfinsternis plus Vollmond, die in den Boulevardzeitungen gern mit „Blutmond“ angekündigt wurde, ist der Hype etwas abgeflaut.

Wer aber online über ecosia.org oder andere Suchmaschinen wissen wollte, wann genau Vollmond ist vor Ort, wurde gern mit der reißerischen Vokabel konfrontiert. Klicks und Quote regieren scheinbar.

Im Sommer nahm der Mond wenigstens noch eine rötliche Färbung an. Dass dem im Oktober nicht so war, beweisen unser und andere Photos.

Daumenkino: Fotoreportage zu Vollmond – Ernte- oder Blutmond? 3 Minuten am Wolkenrand

Wenn die Verdunklung erhellt. Die in Deutschland sichtbare Mondfinsternis, ein Jahrhundertereignis




Zugfälltaus. Berlin hat einen neuen Stadtteil. Mindestens. Ring und Zug fällt aus

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Kennen Sie die Geschichte von Herrn Kannitverstahn? Macht nichts. Mein Vater hat sie mir mehrfach erzählt, in größeren zeitlichen Abständen und mit Variationen, wie es sich für mündliche Überlieferung gehört. Das Nibelungenlied Mittelasiens, das Manas-Epos aus Kyrgystan, wurde Jahrhunderte und Jahrtausende nur mündlich überliefert, bis es vor (relativ) kurzer Zeit erstmals niedergeschrieben wurde. Herrn K. verschieben wir auf später. Hier geht es um einen neuen Stadtteil.

Die Berliner S-Bahn kommt ab und zu zu spät. Kann ja mal vorkommen, denkt der nachsichtige Beobachter. Der nachsichtige Fahrgast dachte das auch – vor ein paar Jahren. Inzwischen ist die Geduldsleine gerissen und man macht sich Luft.
Irgendwie hat man das Gefühl, die S-Bahn kriegt‘s nicht hin. Wobei: Dahinter steht die Bahn. Die Deutsche Bahn. Die ist inzwischen ein Unternehmen.
Unter den deutschen Tugenden wird die Pünktlichkeit genannt, sowohl von befragten Ausländern wie auch von Deutschen. Manchmal hat man das Gefühl, dass im Rahmen der Globalisierung auch diese verlorengeht.

Vielleicht sollte man die Schweizer bitten, in Zürich und Luzern, in Basel und Bern die Flagge der Pünktlichkeit hochzuhalten. Ein bisschen deutsch sind sie ja, zumindest sprachlich. Die Standarte Pünktlichkeit ist einfach zu schwer geworden und muss einmal kurz abgesetzt werden.

Berlin hat einen neuen Stadtteil?

Über die Größe Berlins wurde manches geschrieben. Gemeint ist hier die schiere Größe der Stadt Groß-Berlin (size) und nicht ihre greatness. Dadurch und durch die Zusammenlegung kleinerer Orte mit Berlin zu dem Groß-Berlin, das wir heute haben, wenn es auch fast niemand korrekt so nennt, gibt es von allem mehr. Mehr als in anderen – deutschen – Städten. Manchmal auch europäischen.
Mehr Brücken als in Venedig, hört man von Stadtführern. Manche sagen auch: mehr als im Hamburg. Mehr Straßen, mehr Straßennamen (sogar „Berliner Straßen“), mehr Rathäuser …

Mehr Stadtteile? Das wurde noch nicht verifiziert oder geprüft, soviel wir wissen. Doch schon bevor die Stadtteilzähler ihren Bleistift spitzen und die Möchtegern-Wikipedia-Autoren abstruse Vergleiche anstellen, sind ein oder zwei neue Stadtteile hinzugekommen. Berlin hat einen neuen Stadtteil? Das wüsste ich, werden manche denken – oder interessiert aufhorchen.

Vorm Flaneur Franz versteckt

Zumindest handelt es sich um einen neuen Stadtteil, den der Flaneur Franz Hessel noch nicht entdeckt hat. Neu muss er also sein, vielleicht auch neo.
Schwarz auf weiß hört man von ihm nicht oder wenig, wenn, dann in „der App“. Vielfahrer in Berlin und alle, die es aufgegeben haben, Parkplätze zu suchen, da diese immer seltener werden – 20% des Stickoxidausstoßes entfallen auf den Parksuchverkehr, erfuhren wir jüngst bei Maybrit Illner – meinen meist die App vom VBB; manche „Öffi“. Virtuell gibt es ihn also schon, einen neuen Stadtteil.

Nicht schwarz auf weiß, sondern Weiß auf Blau leuchtet er uns entgegen, der neue Ort. Auf manchem Bahnhof finden wir den Hinweis (und im Zug).

Die Berliner S-Bahn, zurzeit von der Deutschen Bahn verwaltet, steuert ähnlich wie die U-Bahn der BVG Orte an.
Die in London hilfreichen Hinweise „southbound train“ oder „northbound“ für Züge, die nach Süden respektive Norden fahren, gibt es in Berlin nicht. Man muss schon genau wissen, wo man hin will – und, wichtiger noch – wie der Ort heißt.

Wegen der kürzeren Distanzen zwischen zwei U-Bahnhöfen – im Vergleich mit der S-Bahn – heißen Stationen der Untergrundbahn oft nach Straßen, Plätzen oder Rathäusern. Bei der S-Bahn gibt es das auch (Osdorfer Straße, Yorckstraße, Rathaus Reinickendorf).
Häufiger sind allerdings S-Bahnhöfe mit Ortsnamen, die Viertel oder Bezirke benennen.

Außerhalb von Berlin fahren die S-Bahn-Züge auch Städte wie die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam oder mit der S46 Königs Wusterhausen an, das allen Unkenrufen zum Trotz mit seinen über 36.000 Einwohnern auch eine Stadt ist.

Manchmal kann man es lesen, meist jedoch hört man nur von dem einen neuen Stadtteil Ring.

Da heißt es zum Beispiel: „S41 nach Ring“.

Berlin hat einen neuen Stadtteil oder: Wo liegt Ring?

Erneuter Zugausfall bei der Berliner S-Bahn.
Zug fällt aus. Ring @ (am 29.10.2018 um 17.22 Uhr) © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Ausländer, Touristen und fleißige Appbenutzer – manche scheinen sich aus praktischen Gründen das Handy schon an die Nase haben nähen lassen – suchen unverzüglich online nach diesem Ort. GPS wird eingeschaltet und die vier Buchstaben des kurzen Wortes werden geschwind eingetippt: R I N G.
Kein Ergebnis; außer vielleicht: Kaufen Sie „Ring“ bei Otto o.ä.

Nun ist Berlin ja bekanntlich aufgrund der schieren Anzahl seiner Stadtbezirke und Kieze darauf angewiesen, immer wieder neue Namen zu finden.

Ganz normale Wörter, die auf deutsch oder englisch eine Bedeutung haben wie „Mitte“ oder „Wedding“, werden hier zu Bezirken und Ortsteilen. Jetzt anscheinend auch „Ring“. Sogar die S-Bahn fährt schon dahin. Ganz so neu scheint der Berliner Ort doch nicht zu sein, doch wo befindet er sich?

Such, such.

Menschen scheinen dort auch zu wohnen, heißt es doch „innerhalb des Rings“ oder: „Wer außerhalb des Rings wohnt, braucht keine Umweltplakette“. Während der Ring der Nibelungen schon mal verballhornt wurde als „Ring, der nie gelungen“, sogar in Buchform, ist der Berliner Ring in den 1990er Jahren (wieder-) erbaut worden.

Doch einfach nur die Ringbahn, die historisch älter als die S- oder Stadtbahn ist, kann nicht gemeint sein.

Denn es heißt ja ausdrücklich nicht: „S41 Ringbahn“ oder „Ringbahn S42“.

Nein, es heißt „S41 nach Ring“. Genauso, wie es „ S9 nach Spandau“ heißt. (Jetzt mal ohne die Diskussion, ob das eine Stadt sei.)

Ring oder den Ring muss es also geben wie den Wedding oder Mitte. Bitte.

Bei wem es noch nicht klingelt, der fahre einfach mal auf der Ringbahn und warte an einem Bahnhof, bis zwei Züge nacheinander „nach Ring“ fahren.

Da steht dann „Ring, Ring“ und zumindest die Engländer, Kanadier und US-Amerikaner wachen dann auf.

Eigene Welt mit eigener Sprache

Auch die Berliner S-Bahn ist eine eigene Welt, so wie ihre Mutter Erde, die Deutsche Bahn. Die Deutsche Bahn, die alles kann. Sie spricht sogar eine eigene Sprache, wie sich das für Länder und andere Welten so gehört.

Berlin hat anscheinend einen neuen Stadtteil, einen ganz neuen. Doch: Wo liegt Zugfälltaus?

Zug fällt aus. Signalstörung in Wannsee. S7 Potsdam nur im 20-Minuten-Takt. Alltag bei der Berliner S-Bahn? © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

In der Nähe der Zugspitze? Oder doch weiter hinten?

Vielleicht liegt Zugfälltaus eher querfeldein.

Denn ein Zug fährt da einfach nicht hin. Obwohl die Bezeichnung immer wieder, sehr häufig sogar, im Zugzielanzeiger auftaucht.

Man sollte mal mit einem SUV hinfahren, einem Geländewagen. Viele haben ja auch Navi an Bord, da könnte man auch gleich versuchen, das Ring-Rätsel zu lösen. Da wird es dann wahrscheinlich nicht heißen:
„Bitte biegen Sie jetzt rechts ab!“, sondern eher: „Bitte fahren Sie jetzt im Kreis!“

Niki Lauda, der Rennfahrer und Organisator der Fluglinien Laudamotion und Niki Luftfahrt GmbH, hatte 1979 in Kanada die Worte ausgesprochen, die in die Geschichte eingingen:

„Ich will nicht mehr im Kreis fahren“.

Sich ewig im Kreis bewegen und nicht vorwärtskommen, ist ja auch eher eine Schreckensvorstellung.

Positiv betrachtet das Leben darstellend ist „Der ewige Kreis“ – ein Lied aus dem Musical „König der Löwen“ von Jocelyn B. Smith (The Circle of Life).

Der Pilot konzentrierte sich dann auf die Fliegerei und gründete im selben Jahr Lauda Air. Er war schon immer sehr schnell und wollte dann auch ein Ziel erreichen und nicht ewig im Kreis fahren. Niki Lauda kehrte 1982 wieder in die Formel 1 zurück, um seinem Unternehmen mehr Geld zu verschaffen. Auf dem Nürburgring hatte er 1976 einen schweren Unfall gehabt. Autos und Fliegen sind seine beiden großen Leidenschaften. Laudamotion begann als Autovermietung.

Wer weiß, würde Niki Lauda Züge managen, vielleicht hieße es dann seltener: Nächster Halt „Zugfälltaus“.




Vorankündigung einer neuen Aktion vom Zentrum für Politische Schönheit im November

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) sei laut Impressum der Heimatseite www.politicalbeauty.de „ein Projekt von Dr. Philipp Ruch in Berlin“.

Auf dieser Heimatseite wird vom Verantwortlichen Ruch das ZPS als „eine Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit – zum Schutz der Menschheit“ vorgestellt. Außerdem sei diese Veranstaltung „ein Zentrum des intellektuellen Widerstands gegen Rechts“.

Neun Aktionen des ZPS werden gelistet, ganz oben steht „Holocaust-Mahnmal Bornhagen“.

Ob die Aktionisten „Menschlichkeit als Waffe“ zeigten, den „aggressiven Humanismus“ vertraten und „mit den Gesetzen der Wirklichkeit“ experimentierten? Widerstand sei „eine Kunst, die weh tun, reizen und verstören muss“.

Weiter im Text: „Grundüberzeugung des ZPS ist, dass die Lehren des Holocaust durch die Wiederholung politischer Teilnahmslosigkeit, Flüchtlingsabwehr und Feigheit annulliert werden und dass Deutschland aus der Geschichte nicht nur lernen, sondern auch handeln muss. Das ZPS gehört zu den innovativsten Inkubatoren politischer Aktionskunst in Deutschland.“

Die Inkubatoren scheinen für November 2018 laut Pressemitteilung des Maxim-Gorki-Theaters Berlin vom 19.10.2018 „eine neue Arbeit“ zu planen.

„Wie immer wird die Aktion kurzfristig auf www.politicalbeauty.de und www.gorki.de bekanntgegeben, wir werden Sie außerdem per Mail darüber informieren“, lauten die letzten Worte zur Ankündigung. Die Welt darf gespannt sein.




Ratlos Wedding? Wird am Rathaus herumgehampelt? Bezirk Mitte gebiert neuen Platz an Leo und Müllerstraße: das Rathausumfeld

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wir finden, Rathausumfeld ist ein tolles Wort. Schließlich gibt es seit der Bezirksreform 2001, die die einst 20 Bezirke Groß-Berlins und dann 23 der „Hauptstadt der DDR“ plus West-Berlin auf handlich-unhandliche 12 zusammenschmelzen ließ, sowieso kein richtiges Rathaus Wedding mehr.

Berlins Bezirke: Das neue Jahrtausend begann mit einem runden Dutzend teils eckiger, sperriger Begriffe. Bezirke heißen jetzt lang Kreuzberg-Friedrichshain – die einzige gleichberechtigte Ost-West-Zusammenführung – oder „Steglitz-Zehlendorf“. Manchmal blieb ihnen ob ihrer Größe eine Vereinigung oder ein Verschlucken erspart. Wo soviele Menschen wohnen wie in Island, in Berlin-Neukölln, bleiben Name und Bezirksgrenzen erhalten. Der Staat im nordwestlichen Atlantik soll 2018 um die 350.000 Einwohner haben, Neukölln hatte 2016 etwa 330.000. Bei beiden gab es Zuwachs.

Auch die Bezirke Reinickendorf (ehemals französisch) und Spandau (britisch) gibt es immer noch.

Wo ist das Weddinger Rathausumfeld?

Bäume in (der) Mitte: Die Bank im Rathausumfeld ist eine runde Sache. Im Mittelgrund die Müllerstraße, Das Rathaus steht links. (Weiter rechts auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Leopoldplatz.) © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Der andere ehemals zum französischen Sektor gehörende Bezirk hieß „Wedding“. Er durfte kleiner sein, da er auch vor 1920 schon zum Stadtgebiet Berlins gehörte (seit 1861), genau wie Friedrichshain, Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Tiergarten mit Moabit (auch seit 1861).

Der sechste im Bunde durfte nicht mehr Berlin heißen, umfasste die Altstadt mit (dem anderen) Neukölln und Friedrichswerder sowie die kurfürstlichen Privatstädte Dorotheen- und Friedrichstadt. Er hieß kurz „Mitte“ und trug sinnvollerweise die Nummer 1.

Mitte gibt es immer noch, hat aber genau wie „Pankow“ gewaltig zugelegt. Erst gab es einen Ortsteil Pankow, dann einen Bezirk. Ob es Udo Lindenbergs Sonderzug dorthin ist oder die (Zu-) Vielsilbigkeit der Namenskonkurrenten vom Prenzlauer (Nicht-)Berg wissen wir nicht. Jedenfalls ist Pankow heute gegenüber 1921 ein Superbezirk mit kurzem Namen. Nur Spandau und Neukölln können – außer Mitte – auch noch mit Zweisilbigkeit aufwarten. Je kürzer zum Stadtzentrum, desto weniger Buchstaben, könnte man vermuten. Nicht ganz.

Nicht einsilbig.
Zweisilbig mindestens – Silbenzählung der Namen Berliner Bezirke – Exkurs

Das Doppel-L des heutigen Ortsteils und Bezirks lässt eine klare Rangfolge der Kürze unter den Zweisilbigen entstehen: Mitte, Pankow, Spandau, Neukölln. 5, 6, 7 und 8 Buchstaben. Ein Drittel der Verwaltungs-Groß-Stadtteile hat zum Aufatmen aller Beteiligten die Würze der Kürze.

Dreisilbig ist (leider) nur Lichtenberg, um die Jahrhundertwende bereits Stadt und im Namen unverändert, an Fläche gewachsen.

Viersilbig ist das ebenfalls alte Reinickendorf, der Nordbezirk in Berlin (West) mit viel CDU und Platz für den Flughafen Tegel (TXL). Die historisch erste Fußgängerzone Berlins gibt es hier in der Gorkistraße und Bäume so groß, alt und bedeutend, dass sie im Stadtplan auftauchen. Dafür mussten sie erstmal die kalten Winter der Blockade überstehen.

Die Bezirke mit Doppelnamen sind Verwaltungsdeutsch, die im Sprachgebrauch der Berliner seltenstmöglich auftauchen.

Dabei ist nicht immer das kürzere Wort an erster Stelle, wie die Bindestrich-Ortsnamen „Charlottenburg-Wilmersdorf“ und „Friedrichshain-Kreuzberg“ beweisen.

Die Hälfte der Bezirksnamen ist lang – zu lang?

Wer will da noch zählen? Zu lang ist zu lang. Prompt stellte die Verwaltung gelbumrahmte grüne Schilder auf, um die Verbundenheit der Berliner mit ihrem Bezirk oder Kiez zu stärken.

Bei Nummernschildern an Kraftfahrzeugen funktioniert das wunderbar. Oranienburg musste sich schon in den 90ern von OR- verabschieden. Nachdem in manchen Landkreisen alte Kennzeichen wiedereingeführt wurden, werden sie verstärkt nachgefragt. Und plötzlich gibt es sie wieder, die Autos mit verschwunden geglaubten Kennzeichen. Wer die Umstellung nicht mitbekommen hatte, fragte sich schon, wie so mancher Kleinwagen in so gutem Zustand durch die Zeit gekommen war.

Um die Zählung zu vervollständigen: Friedrichshain-Kreuzberg, Marzahn-Hellersdorf, Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick schaffen es mit 5 Silben. Dieses Drittel Viertel zählt zu den kurzen unter den langen.

Das letzte Sechstel ist abgeschlagen kurz vor dem Besenwagen: „Tempelhof-Schöneberg“ bringt es auf 6 Silben, „Charlottenburg-Wilmersdorf“ auf 7; kann sich so wenigstens am Längenrekord erfreuen. 1920 bis 2001 trug Charlottenburg die Bezirksnummer 7.

Mehr Rathäuser als Städte

Rathausumfeld Wedding: Links das Rathaus, rechts das Jobcenter, dazwischen der Elise-und-Otto-Hampel-Weg. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Berlin ist mit Rathäusern geradezu vollgestopft. Während es in Pritzwalk, Wittstock/ Dosse oder Lüneburg gerade mal eines gibt, und zwar an zentraler Stelle, meist am Marktplatz, strotzt die heutige Wieder-Hauptstadt nur so von Rathäusern. In vielen wird allerdings nicht mehr Rat gehalten. Das Rathaus Schmargendorf bietet einer Bibliothek und dem Standesamt Platz; auch Ratskeller gibt es noch mancherorten.

In Wedding („im Wedding“ ist Umgangssprache) wurde das Rathaus 1928-30 gebaut, im Stil der Neuen Sachlichkeit.
Dem selben Stil wie Erich Mendelssohns Wohn- und Geschäftskomplex WOGA am Kurfürstendamm mit dem damals größten Kino Berlins, dem „Universum“ (1927-1930). Einst an der Bezirksgrenze, heute an der Nahtstelle zwischen Halensee, Wilmersdorf und Charlottenburg gelegen und durch die Schaubühne am Lehniner Platz bekannt, die die Räume des ehemaligen Kinos nutzt.

Das schmuckloseste Berliner Rathaus hat stilentsprechend nur den Schriftzug „Rathaus Wedding“ über dem Eingang und ein graues Wappen aus Stein über dem Erdgeschossbereich an der Ecke.

Welches Umfeld, wenn es kein Rathaus mehr gibt? Das Rathausumfeld!

Dort Ecke Limburger Straße beginnt heute der Elise-und-Otto-Hampel-Weg, der ehemals nördlichste Teil der Limburger. Im Brüsseler Kiez, der auch Belgisches Viertel genannt wird, gibt es naturgemäß viele Straßennamen aus dem westlichen Nachbarland, den ehemaligen österreichischen Niederlanden. Gent, Antwerpen, Lüttich und Ostende sind Namensgeber aus Benelux. Die Luxemburger Straße bildet den südöstlichen Abschluss des Kiezes und die Grenze zum Sprengelkiez.

Es gab vorübergehend Bestrebungen, die Fläche vor dem Rathaus nach Elise und Otto Hampel zu benennen. Das misslang. Gut für die einen, schlecht für die anderen. Ausdruck eines demokratischen Prozesses.

Dafür hat man den Teil der Limburger Straße, der bis an die Müllerstraße reichte, nach dem Weddinger Arbeiterehepaar benannt. Der Weg ist heute ein Fußweg, wird aber auch von Radfahrern rege benutzt. Zählungen ergaben ohnehin, dass Hunderte Menschen pro Stunde in der Verlängerung der Nazarethkirchstraße die Müllerstraße nach Süden überqueren. Darunter Radfahrer, die eine Alternative zur Trasse Schul- und Luxemburger suchen.

Straßenumbenennungen können auch rückgängig gemacht werden!

Der Kaiserdamm sollte in Adenauerdamm umbenannt werden. Berlin (West) gehörte noch nicht einmal zur Bundesrepublik Deutschland, obwohl das gleiche Geld genutzt wurde und es fast die gleichen Geschäfte gab. Die Straßenbenennungsschilder hingen schon, darunter das durchgestrichene, „alte“ „Kaiserdamm“. Die Hauptstraße zwischen Theo und Ernst-Reuter-Platz, westliche Verlängerung der Bismarckstraße, schien den Berlinern ans Herz gewachsen. Jedenfalls gingen sie auf die Straße. Nicht auf irgendeine: Zum Kaiserdamm. Einige versuchten, die neuen Schilder abzumontieren, andere wollten beschmieren.

Das Ende vom Lied: Die Verwaltung machte einen Rückzieher, West-Berlin blieb eine neue Straße erspart. Schließlich wurde der Knubbel, der dadurch am Kudamm entstand, dass die Wilmersdorfer zur neuentstandenen Lewishamstraße geleitet wurde, damit sich nur zwei Straßenführungen kreuzen, in Adenauerplatz benannt. Das Konrad- schenkte man sich, der Familienname ist ja auch schon lang genug.

Am Rathausumfeld und anderswo – Veränderungen sind möglich, sich wehren lohnt sich

Manch einer feixte und frohlockte, dass der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik in Berlin nur „klein“ verewigt wurde. Christdemokraten konnten sich damit trösten, dass der neue U-Bahnhof auch den Namen des Kanzlers tragen durfte. Einen U-Bahnhof „Kurfürstendamm“ gab es schließlich schon.

Es ist gut, dass nicht bei allen das Gefühl entsteht, dass ständig über ihre Köpfe hinwegentschieden wird. In der DDR geschah das zu oft. Innere Kündigung, Flucht ins Private oder anderswohin und letztlich Auflösung waren die Folge.

Heute versucht man, die Bevölkerung intensiv in Planungen einzubeziehen. Vom Weddingplatz im Süden bis fast zum U-Bahnhof Rehberge im Nordwesten verläuft das „Aktive Zentrum Müllerstraße“ links und rechts eben dieser Magistrale. Die Müllerstraße verlängert die Chausseestraße im Bezirk Mitte, die wiederum die Fortsetzung der Friedrichstraße ist, die bis nach Kreuzberg reicht.

Falls das Gelände an Rathaus, Jobcenter und Konditorei wirklich benannt werden „muss“, dann hat das auch noch Zeit. Rathausumfeld ist jedenfalls eindeutig.




Jocelyn B. Smith, Otto Waalkes und 27 andere. Bundespräsident ehrt Kulturschaffende mit Bundesverdienstkreuz

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das Bundesverdienstkreuz verbindet sie. Jocelyn B. Smith ist neben Otto und Hans Zimmer wohl unter den bekannteren, doch darum geht es nicht. Die 29 Geehrten sind aus vielen Bereichen der Kultur.

Unterstützt Bildung und Kultur, wie die Vermittlung des ABC: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im September 2018 im Garten seines Amtssitzes. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Am 3. Oktober war der Tag der Deutschen Einheit, am Vorabend ehrte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier knapp drei Dutzend Persönlichkeiten bei einem Gala-Diner im Schloss Bellevue, dem Hauptstadt-Sitz des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland.

Bewusst wurden Menschen ausgewählt, die sich mit Kultur und Bildung beschäftigen oder durch ihre Tätigkeit darunter fallen. Also alles Leute, die im Kulturexpresso stehen könnten. 16 Männer, der Rest Frauen. Rest ganz wertneutral gemeint, klar.

Bundesverdienstkreuz für Jocelyn B. Smith

Die Sängerin, Musikerin, Pianistin, Singer-Songwriterin, Jazzerin, Charity-Queen und und und … ist nicht für die Anzahl ihrer herausgebrachten CDs ausgezeichnet worden. Nicht für ihre Arbeit mit Kindern. Sie setzte sich vor der Landminen-Ächtungs-Konferenz in Norwegen für die Verbannung dieser furchtbaren, erschreckenden Krieggeräte ein, die noch lange, manchmal jahrzehntelang im Boden bleiben. Kaum Militär, sondern vor allem Kinder sind dann betroffen und verlieren Beine oder Leben. Im „günstigen“ Fall werden sie lebenslang zu Sozialhilfeempfängern; ein furchtbares Los.

Hier ist sie – Here I am. Jocelyn B. Smith und Volker Schlott im Ernst-Reuter-Saal in Berlin-Reinickendorf

Gute Musik und offene Ohren. OPEN HOUSE in der Heilig-Kreuz-Kirche mit den „Different Voices of Berlin“ und Jocelyn B. Smith

„Shine a Light“ und viele andere Aktivitäten initiierte Jocelyn B. Smith oder nahm daran teil. Doch dem Vernehmen nach wurde ihr am 2. Oktober 2018 das Bundesverdienstkreuz für ihre langjährige Arbeit mit den Different Voices of Berlin verliehen. Einem integrativen Chorprojekt, das aktuell im Theaterstück „Auf der Straße“ im Kleinen Haus des Berliner Ensembles mitwirkt (nächste Termine um den 28.10.). Der Chor sang schon vor Bundesministern der Justiz, Arbeit und anderen. So vor der vielleicht-Kanzlernachfolgerin von der Leyen, als sie andere Ressorts bekleidete.

Im Theater. Jocelyn B. Smith mit Different Voices of Berlin im Brecht-Theater Berliner Ensemble

Bundesverdienstkreuz auch für 28 weitere Kulturleute

Der Tagesspiegel stellt Filmemacherin Caroline Link heraus https://www.tagesspiegel.de/kultur/tag-der-deutschen-einheit-bundespraesident-ehrt-29-kulturschaffende/23095084.html und Rainald Goetz. Filmkomponist Hans Zimmer, in seiner Branche neben Elfman und wenigen anderen ein ganz großer Name, gehört auch zu dem erlauchten Kreis.
Kulturexpresso berichtete über ihn.

Zimmer im Konzertsaal – Komponist Hans Z. tritt live an Gitarre und Keyboard mit seiner Filmmusik auf zusammen mit Band, Chor, Orchester und Lebo M


Selten vor der Kamera, aber wichtig: Synchronsprecher Christian Brückner. Verwandtschaft mit Autor Peter Brückner war vor Redaktionsschluss nicht zu klären.

Auch aus dem Bereich Film ist die tolle Schauspielerin Julia Jentsch.
Thomas Ostermeier ist Chef der Schaubühne. Bei weitem nicht nur Deutsche wurden ausgezeichnet. François Ozon ist Franzose, man denke bei Filmen unter anderem an deutsch-französische Ko-Produktion „Frantz“.

Im Alphabet noch nach Zimmer ist Tabea Zimmermann, die Bratsche spielt.
Auch Annette Humpe ist genau wie Jocelyn B. Smith und Frau Zimmermann Musikerin.
Damit sind vielleicht die meisten unter den ausgezeichneten Frauen der Musik verpflichtet.

Zwei Übersetzerinnen erhielten das Verdienstkreuz, Larissa Bender und Anne Birkenhauer-Molad; Barbara Vinken (München) ist Literaturwissenschaftlerin.

Jim Rakete ist Porträtfotograf; Kathrin Ollroge und Wolfgang Tillmans sind „Fotokünstler“.

Neo Rauch ist Maler, Martin Schläpfer Choreograph.

Be van Vark Tanzpädagogin.

Chemiker und Köche, könnte man denken, hatten die Kreuz-Vergeber nicht im Köcher. Doch Ulrich S. Schubert ist Chemiker, er gründete 1994 die Internationale Junge Orchesterakademie und organisiert Wohltätigkeit.

Christian Bau ist Koch aus dem Saarland. Das erinnert mich an den Witz, wie sich in der Bahn zwei Reisende vorstellen: „Ich bin Pfarrer aus Passau“, sagt der eine. Der andere erwidert: „Ich bin Lüneburger Heide.“




Theater

Realismus im Theater oder Reden über ungeschminkte Wahrheiten auf dem Boden der Bühnen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In Berlin wird gleich an zwei Tagen über Realismus im Theater gesprochen. Die ungeschminkte Wahrheit auf den Boden der Bretter, die für manche die Welt bedeuten, zu bringen und also den Begriff in Übereinstimmung mit seinem Gegenstand, braucht einen Standpunkt, am besten einen Gegenstandpunkt in einer Welt der Ware und des Spektakels.

Dafür dürfte das Theater als Spielwiese der Berliner Republik nicht der rechte Ort sein und wenn er es ist, dann als Bahnhofsmission für Berufsbedienstete in eigener Sache, aber lassen wir das Meckern und melden zwei Veranstaltungen, geben Hinweise zu Diskussionen, die vermutlich als Spektakel und also Unterhaltung veranstaltet werden, was zu vermuten steht, denn der Ort, an dem diskutiert werden soll, ist unter anderem der Rote Salon der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Und es sollen mit Ulrike Krumbiegel, Wolfram Lotz, Armin Petras und Bernd Stegemann gleich vier verschiedene Personen über Realismus im Theater diskutieren. Das ist mit Moderator Jakob Hayner am Freitag, den 9. November 2018, ab 19 Uhr, allerhand und also absurd, aber so ist das, wenn Bühnen nur noch den Boulevard und die Bourgeoisie sowie Proletarier bedienen, die sich als Kleinbürger kleider und leiden, und diejenigen, die sich dazu als Alternative verstehen, aber das Abspülbecken einer Gesellschaft, in der sie stecken, nicht erklären können, und als ein beiläufiger wie belangloser Ort konfligierender Interessen bloß Aftergang politischer Korrektheit betreiben.

Dazu heißt es in einer Presse- und Veranstaltungsmitteilung des Eulenspiegel-Verlages vom 27.9.2018: „Eine der wichtigsten Debatten in den Künsten ist die über einen neuen Realismus. Im Theater ist sie dem Unbehagen an der postdramatischen Ästhetik entsprungen. Formlosigkeit bedroht Kunst als Medium kritischer Reflexion. Dagegen opponiert Realismus, der mehr meint als die einfache Widerspiegelung der Realität oder deren unmittelbare Präsenz im Theaterraum. Ist Realismus möglicherweise das, was den späten Brecht interessierte: Dialektik auf der Bühne? Darüber diskutieren Menschen aus dem Theater, die in den Bereichen Dramatik, Schauspiel, Regie und Dramaturgie arbeiten. Wie funktioniert ein Text auf der Bühne? Was macht eigentlich ein Schauspieler – und wie ist dessen Verhältnis zum Text? Wie befördert die Regie Text und Schauspiel durch das Einrichten einer Szene? Und wie blickt die Dramaturgie auf die dramatische Situation? Und zuletzt: Wie steht das so entstandene Bühnenwerk zur gesellschaftlichen Wirklichkeit?“

Ja, wie, wenn nicht in Widerspruch zu Wahrheit und Klarheit?

Zum Thema passt auch die einen Tag später, nämlich am Samstag, den 10. November 2018, ab 10 Uhr im Magnus-Haus Berlin
Am Kupfergraben 7, 10117 Berlin stattfindende „Elfte wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft“ unter dem Motto „Mensch sein ist Ursach sein – Realismus auf dem Theater“ zu der es in derselben Pressemitteilung heißt: „In acht Beiträgen werden zentrale Begriffe der Ästhetik von Peter Hacks (Realismus und Dramaturgie) geklärt und damit an Debatten der vergangenen Jahren, die zur Krise des postdramatischen Theaters und zur Wiederbelebung des Realismus geführt wurden. Geprüft wird, in welche Traditionslinien sich Hacks stellt und welche er ablehnt, wie sich Hacks’ Begriff des Realismus auf die gegenwärtige Diskussion beziehen lässt und wie sich derzeitige dramaturgische Ansätze, Realität auf der Theaterbühne zu repräsentieren, aus diesem Blickwinkel ausnehmen.“




Volksbühne Ost am 16. März 2016 noch mit Räuberrad.

Es ist wieder da! Das Rad auf zwei Beinen steht wieder vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Seit dem 24. September 2018 steht es wieder da, das Rad auf zwei Beinen oder Räuberrad. Frank Castorf, der von 1992 bis Sommer 2017 die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz prägte, ist jetzt der unsichtbare Dritte, der Verschwundene. 25 Jahre sind eine lange Zeit, ein Vierteljahrhundert. Das laufende Rad, im Gegensatz zum fliegenden, das die Eisenbahn symbolisiert, fasste die Zeit zusammen und brachte sie auf den Punkt. Zierte die TheaterFlyer.

Bert Neumann erfand das Rad neu: Das Rad auf zwei Beinen

Bert Neumann hatte das Speichenrad auf Beinen, das auf großen Füßen lebt, 1990 entworfen, im Jahr der Wiedervereinigung. Am 1. Juli wurde die D-Mark als offizielles Zahlungsmittel auch in Ost- und Mitteldeutschland eingeführt einschließlich Ost-Berlins, wo in Mitte, dem Bezirk Nummer 1 in der Zählung von 1920, dem Gründungsjahr Groß-Berlins, die Volksbühne steht. Am 3. Oktober wurde die Vereinigung, für manche die „Wiedervereinigung“, vollzogen durch Beitritt von fünf Bundesländern als Verwaltungsakt. 2018 wird der 28. Geburtstag mit einem Riesenfest begangen. Der 3.10.2018 ist ein Mittwoch. Seit Montag, dem 24.9.2018 steht das Räuberrad wieder da, als wäre nichts gewesen. Abschied und Entfernung dagegen ließen die Wogen hochschlagen. Manche meinte sogar, es sei Castorfs Rad oder er habe es geraubt. Oder nachdem Castorf Berlin beraubt wurde, wäre das Rad gleich mitgegangen.
Oder jemand hätte das Rad mitgehen lassen, irgendeine dunkle demokratische Institution. Nichts dergleichen. Die, die wenig wissen, spekulieren viel, urteilen schnell.

Der Bildhauer Rainer Haußmann baute das Rad auf zwei Beinen

Die Faktenlage ist natürlich anders, selten stimmen Legenden zu 100%. Die Senatskulturverwaltung hatte verlautbaren lassen, dass das „Rad, das der Schweizer Bildhauer Rainer Haußmann nach den Plänen Bert Neumanns gebaut hatte“, restauriert an den Rosa-Luxemburg-Platz zurückkehre. An der „Optik“ habe sich „nichts verändert“. „Nur die Statik wurde angepasst und die Füße erneuert.“ Wir übersehen jetzt einmal die Widersprüche der Mitteilung und erinnern uns ans Prinzip, an den Anfang. Bert Neumann hatte das recht einfache Rad mit sechs Speichen, das Rad auf zwei Beinen, 1990 für die Inszenierung der „Räuber“ durch Frank Castorf entworfen. Deswegen „Räuber“-Rad oder Räuberrad. Honi soit qui mal y pense, wer waren die Räuber? Die Politiker, die den später ehemaligen DDR-Bürgern die D-Mark schenkten, taten dies auf Kosten der westdeutschen Steuerzahler der Bundesrepublik. Trotz des Geschenks wurde vielen DDR-Bürgern am 3. Oktober ihre alte Identität geraubt. Für manche war das zuviel.

Wer sind die Räuber?

Ob alle, die in den 90ern auf Brandenburgs vielen schönen Alleen in den Tod fuhren, wirklich nur die Motoren der Westautos von Volkswagen, Audi und BMW nicht beherrschten? Auch im Zusammenhang mit der Treuhand denken viele an Raub und Räuber. Von verschiedenen Standpunkten aus. Am 1. April 1991 wurde die Treuhandanstalt ihres Präsidenten beraubt. Detlev Rohwedder wurde ermordet. Der oder die Täter sind bis heute unbekannt. US-amerikanische Investmentbanken waren nicht unglücklich über die Wirkung seines Todes. Bei der neuen Chefin ging alles viel schneller und Verkäufe waren mit weniger verbindlichen Verantwortlichkeiten für ausländische Investoren verbunden.

Ob Deutschland dabei seines östlichen Tafelsilbers beraubt wurde – zum Zeitpunkt der DM-Einführung am 1.7. 1990 waren 8500 Betriebe Volkseigentum und treuhänderisch verwaltet – oder nur viele Menschen ihrer Arbeit – mehr als 4 Millionen waren in den über 8000 VeBs tätig – ist wie so vieles Ansichtssache. Gras wächst über die Sache. So wie auf dem Rosa-Luxemburg-Platz.

„… die Menschen materiell und seelisch nicht unter die Räder kommen zu lassen.“

Detlev Rohwedder wurde am 10. April 1991 mit einem Staatsakt geehrt. Das ehemalige Reichsluftfahrtministerium Wilhelm- Ecke Leipziger Straße (jetzt Bundesfinanzministerium), in dem die Zentrale der Treuhandanstalt ihren Sitz hatte, wurde nach ihm benannt. Auch eine Straße in Duisburg, nicht weit vom Wohnort des gebürtigen Gothaers entfernt. Detlev Karsten Rohwedder wurde in seinem Düsseldorfer Haus erschossen. Durch das Fenster, aus über 60 Meter Entfernung.
Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte über Rohwedders Wirken bei der Treuhand: „Kaum einer sah von Beginn an die Schwierigkeiten so deutlich wie Rohwedder. Ihm war das gewaltige Ausmaß der notwendigen Umstellungen mit ihrem Zeitbedarf und ihren tief einschneidenden sozialen Wirkungen vollkommen bewußt. Um so kraftvoller bemühte er sich darum, die Menschen materiell und seelisch nicht unter die Räder kommen zu lassen.“

Das eine Rad, für manche Symbol des rebellischen Theaters, das umso wichtiger wurde, wie die reiche Beschenkung der ehemaligen DDR-Bürger für viele in den Hintergrund rückte.

Der Streit ums Rad

 

Temporäres Räuberrad auf der triangulären öffentlichen Grünfläche vor der Berliner Volksbühne
Auf- und abgebaut an einem Nachmittag: „Stärkung der Freiheit von Kunst und Kultur durch Eröffnung der Geistkonserve.“ © 2018, Foto/BU: Andreas Hagemoser

In den Vordergrund geriet der Schmerz über Verlorenes, war dies nun gut oder schlecht gewesen. Als das Rad, das Lücken schloss, gar zum Symbol des Widerstands gerierte, selbst verschwinden wollte, gab es einen Aufstand. Eigentümer ist das Land Berlin. Frank Castorf wollte die Plastik partout zum Gastspiel beim Theaterfestival in Avignon mitnehmen und das passte nicht jedem. Nachfolger Chris Dercon war es egal, hatte es den Anschein gehabt. Lange blieb er nicht. Der Intendant schmiss im April das Handtuch, aktuell leitet Klaus Dörr das Haus kommissarisch. Dem Eigentümer Land Berlin hätte es nicht egal sein sollen. Doch gemeckert hatten Bert Neumanns Erben. Sie befürchteten einen Abriss gar und waren wohl auch deshalb mit dem Abbau nicht einverstanden.

Was jetzt passiert ist, ist nichts anderes als das in einem Kompromiss vereinbarte. Abbau – Castorf durfte zum Amtszeitende das Rad nach Avignon mitnehmen – Transport, Sanierung in Berlin, Aufbau am alten Standort.

Gutes Rad teuer

22.000 Mark hatte das Rad auf zwei Beinen gekostet, gut 11.248 Euro. Die Restaurierung war teurer als die Anschaffung. Verlautbart wurde, dass für „die Restauration Kosten in Höhe von ca. 25.000 Euro entstanden, die die Kulturverwaltung trägt“. Mehr als das Doppelte. Ans Bein gepinkelt haben die Hunde dem Rad. Deshalb der Austausch der Füße.

Rebellisches im Berliner Ensemble

Wirklich Rebellisches findet zurzeit wohl andernorts statt. In der Berliner Theaterlandschaft zum Beispiel das Stück „Auf der Straße“ im Berliner Ensemble. Ausverkaufte Vorstellungen, bestes Theater, erschütterte Besucher, die verändert wieder aus dem Kleinen Haus herauskommen. Das nächste Mal am 27. und 28. Oktober. Waren das Neue, die Wirkung, nicht einmal der Maßstab? Veränderung – Change? Karen Breece trifft den Nagel auf den Kopf und spart nicht mit Kritik. Sie trifft ins Herz und jeden anders, persönlich.

Das Rad der Geschichte dreht sich langsam. Langsam wie eine Laus.

Es scheint, dass das schwere Rad weitergelaufen ist. Weit ist es noch nicht gekommen, gerade mal zum Bertolt-Brecht-Platz am Schiffbauerdamm. Hier scheint es mit seiner Energie eine Weile verweilen zu wollen. Jocelyn B. Smith und die Different Voices tragen dazu bei und wirken an Karen Breece‘ Stück mit.

Das Rad der Geschichte dreht sich langsam. Langsam wie eine Laus.

Am Rosa-Luxemburg-Platz steht nur noch das Symbol. Die Energie ist weg.

Sie kann nicht verschwinden, das wissen wir. Der Energieerhaltungssatz. Wir erinnern uns.

Die Energie ist immer da, sie ist lediglich woanders

Die Energie ist woanders, verwandelt vielleicht, aber sie ist immer da.

Noch in Mitte, aber näher an der Friedrichstraße, näher an der Spree. Ein bisschen weiter westlich. Im Berliner Ensemble ist die Energie der Veränderung jetzt spürbar, „Auf der Straße.“

Im Theater. Jocelyn B. Smith mit Different Voices of Berlin im Brecht-Theater Berliner Ensemble

Büchse auf! Aus der Dose Leben. Feuerstein öffnet Geistkonserve (vor Volksbühne) – für Stärkung der Freiheit von Kunst und Kultur




Barrie Kosky

Barrie Kosky und der gewöhnliche Antisemitismus oder die Frage »Wie antisemitisch ist Deutschland?»

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Umfragewerte sind alarmierend. Während die Zahl der Straftaten in Deutschland 2017 zurückgegangen ist, sind die judenfeindlichen Vergehen um 2,5 Prozent gestiegen. Dazu gehört alles, von Beleidigungen und Schmierereien bis zu schwerer Körperverletzung.

2018 wollte das ZDF in einer Umfrage wissen: »Wie groß ist die Judenfeindlichkeit in Deutschland?» 51 Prozent meinten: »nicht groß», 23 Prozent »groß», 16 Prozent meinten, es gäbe keine. 55 Prozent der Befragten meinen, man solle unter das Erinnern an den Holocaust keinen Schlussstrich ziehen, aber immerhin sind 40 Prozent für einen Schlussstrich. 35 Prozent sind der Auffassung, Deutschland nehme wegen des Holocaust zu viel Rücksicht auf Israel, 46 Prozent finden »Rücksichtnahme» richtig und 6 Prozent meinen, es werde zu wenig Rücksicht genommen. Letztere Frage führt allerdings vom Problem weg, denn viel oder wenig Unterstützung der imperialistischen Politik des Staates Israel ist kein Kriterium für Judenfeindlichkeit. Die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung, der Landraub in Palästina, der Krieg gegen Gaza, die Okkupation des Golan durch den Staat Israel werden von humanistisch denkenden, friedliebenden Menschen abgelehnt, aber nicht die Juden als Bürger, als Personen oder als Nationalität. Aus einer politischen Meinung kann Kritik entstehen, aber keine Judenfeindlichkeit.

Fakt aber bleibt, dass der Antisemitismus in Deutschland zunimmt, aggressiver wird. Jeder zweite Anhänger der »Alternative für Deutschland» (AfD) meint, Juden hätten in Deutschland zu viel Einfluss, und der Landtagsabgeordnete Bernd Höcke wird umjubelt, wenn er das Holocaustdenkmal »ein Denkmal der Schande im Herzen Deutschlands» nennt.

Ein Stimmungsbild und seine Folgerungen

Was ist aus solchem Stimmungsbild zu folgern? Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper Berlin, geht in einer Dokumentation der Frage nach. »Wie antisemitisch ist Deutschland? Muss man als Jude in Deutschland Angst haben?» In Australien geboren, Jude, seit zehn Jahren in Deutschland lebend und arbeitend, hat er den Vorteil, dieses Land unvoreingenommen, mit fremdem Blick zu sehen – eine Form der Verfremdung also, die zu nüchterner Analyse befähigt.

Kosky zieht aus, um Leute auf der Straße zu fragen: »Was ist Antisemitismus?», »Ist der Holocaust ein Problem? Soll man einen Schlussstrich ziehen?» Er interviewt auch Leute, die sich mit dem Thema politisch beschäftigen oder damit Politik treiben, und jene, die von Anfeindungen betroffen sind.

Betroffene, Verbündete und Agitatoren

Die Familie Michalski aus Berlin nahm ihren Sohn von der Schule, weil er beleidigt und geschlagen wurde. Die Schule unternahm nichts. Ein Jude wurde von Jugendlichen auf der Straße krankenhausreif geprügelt. Benjamin Steinitz von der Informationsstelle Antisemitismus schildert viele Einzelfälle von Antisemitismus im Beruf, auf der Straße oder in der Schule, zum Beispiel von einem Steuerberater, der statt Holocaust lieber »Endlösung der Judenfrage» sagt. Der Sportler Marik Wajnstejn erzählt, wie er Beschimpfungen von Juden auf dem Sportplatz erlebt. Kosky befragt den Träger einer Deutschlandfahne auf einer Demo, der meint, Antisemitismus sei »nicht präsent». Die Antisemitismusdebatte müsse ein Ende haben.

Mit dem Lehrer Dervis Hizarci erörtert Kosky die Frage, ob der Antisemitismus mit den muslimischen Flüchtlingen importiert werde, denn 70 Prozent der Juden fürchten ein Anwachsen des Antisemitismus durch die Flüchtlinge.

Wie steht die evangelische Kirche zum Antisemitismus? Hat das Jubiläum der Reformation den Antisemitismus Martin Luthers verharmlost oder verschwiegen? Der Bischof Markus Dröge erkennt an, dass Luther mit seinem Judenhass einen schädlichen Einfluss auf die Gesellschaft hatte und die Naziideologie beförderte. Diese Belastung der Kirche müsse Konsequenzen haben. Nötig sei eine Kultur des Dialogs von Christen und Juden sowie von Christen und Muslimen.

Kosky interviewt auch Träger der antisemitischen und rassistischen Ideologie oder ihre Verharmloser. Der AfD-Kommunalpolitiker Wolfgang Fuhl aus Lörrach, selbst Jude, leugnet die rassistische Ideologie seiner Partei. »Wir haben keine Rechtsextremen.» Der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Das »deutsche Volk in seiner Mehrheit» entscheide, wer zu Deutschland gehöre. Kosky: So entschied auch das deutsche Volk in der Nazizeit über die Juden.

In dem »Volkslehrer» Nikolai Nering, der in Berlin wegen seiner Hetze und Verschwörungstheorien aus dem Schuldienst entlassen wurde, findet Kosky die Parolen und Lügen der neofaschistischen Ideologie gebündelt. »Deutscher ist, wer sein Land und sein Volk liebt.» Man müsse den »Deutschen» das Schuldbewusstsein nehmen. Kosky sei Staatsbürger der BRD, aber kein Angehöriger des deutschen Volkes. »Antisemit ist nicht einer, der die Juden nicht mag, sondern einer, den die Juden nicht mögen.» Kosky disqualifiziere sich als Deutscher. Der Film zeigt erschreckend, mit welcher Selbstsicherheit und Aggressivität die Ideologen und Agitatoren des Antisemitismus und Rassismus ihren faschistischen Geist verbreiten.

1965 schuf Michail Romm den Film »Der gewöhnliche Faschismus». Er ging der Frage nach, was Menschen dazu bringt, den Faschismus zu bejahen oder sogar zum Mörder zu werden. Vieles von dem, was Barrie Kosky eruiert, liefert sinngemäß Steine zu dem Mosaik »Der gewöhnliche Antisemitismus».

Was aber tun?

Koskys Fazit: Der Antisemitismus in Deutschland war immer da. Das Problem ist nicht gelöst. »Unsere Verantwortung ist, mit den Dämonen und Furien zu kämpfen.»

Da gibt der Film zu wenige Anhaltspunkte. Breit, wenn nicht überbreit, schildert der Film das Selbstverteidigungssystem Krav Maga, quasi die letzte Rettung bei einem physischen Angriff. Unterbelichtet ist, was sich in der Gesellschaft ändern muss, damit der Antisemitismus im Denken und Handeln zurückgedrängt wird. Die Frage drängt sich im Falle des Schülers Michalski auf. Wie müssen die Kinder bereits im Kindergarten und in der Schule zu Völkerfreundschaft, Antirassismus und Solidarität erzogen werden? Hier wäre ein Interview mit dem zuständigen Minister oder mit dem Vorsitzenden der Rektorenkonferenz der Universitäten interessant gewesen. Denn wenn an deutschen Universitäten der Begriff Faschismus verpönt ist oder wenn In Politik und Presse die Nazis vornehm zu »Nationalsozialisten» stilisiert werden, wie soll eine antifaschistische Grundeinstellung vermittelt werden? Oder wenn sich deutsche Polizisten zur AfD hingezogen fühlen? Wie können sich Parteien, Gewerkschaften, Kulturvereine, Kirchen und Verbände gegen Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus engagieren? Wer hält Juden, zum Beispiel jüdische Künstler und Wissenschaftler, zurück, die wegen des Antisemitismus Deutschland verlassen oder sich mit dem Gedanken tragen zu gehen?

Unterschwellig bleibt die Fiktion, das Land Deutschland habe seit der Befreiung vom Faschismus 1945 als Einheit bestanden. Gab es keine Unterschiede zwischen den deutschen Staaten?

In der DDR stand in der Verfassung, die Bekundung von Glaubens-, Rassen- und Völkerhass werde als Verbrechen geahndet. Wie beeinflusste das die Haltung der Bevölkerung, die Schulbildung, Literatur und Kunst? Was ist davon geblieben? Welches geistige Gut muss erhalten werden?

Ein Film kann eine solide Information bieten, er kann nicht alle Fragen beantworten, aber eine Diskussion einleiten. Thorsten Berrars und Barrie Koskys Film vermittelt eine humanistische Botschaft. Er gehört in alle Schulen (und in die Lehrerbildung).

Filmographische Angaben

Titel: Wie antisemitisch ist Deutschland?
Land: Deutschland
Jahr: 2018
Genre: Dokumentation
Buch und Regie: Thorsten Berrar
Mit: Barrie Kosky
Produktion: Labo M im Auftrag von 3sat und ZDFinfo, Ausführender Produzent Torsten Berg
Länge: 44 Minuten

Ausstrahlung

ZDFinfo, Donnerstag, 27.9.2018, 19.30 Uhr
ZDFinfo, Freitag, 5.10.2018, 05:30 Uhr
ZDF, Mittwoch, 7.11.2018, 00:30 Uhr
3SAT

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Dr. Sigurd Schulze wurde im WELTEXPRESS unter dem Titel „Der gewöhnliche Antisemitismus – Barrie Kosky geht der Frage nach: »Wie antisemitisch ist Deutschland?»“ am 26.9.2018 erstveröffentlicht.




Vollpfosten.

Viele Vollpfosten machen noch keine Entlassung oder „Künstler, Kulturschaffende und Kulturvermittler“, die sich nicht entblöden

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dass Dutzende „Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende, Kulturvermittlerinnen und -vermittler“ (sic!) den Rücktritt des Bundesinnenministers Horst Seehofer (CSU) forderten, davon ist derzeit viel zu lesen und zu hören. Von beinahe 300 Unterzeichnern ist die Rede, die sich in einer „Erklärung zur Politik des Bundesinnenministers Horst Seehofer“ (Berlin, 21.9.2018) besonders „entsetzt“ zeigen, „dass der Bundesinnenminister fortwährend die Arbeitsfähigkeit der Bundesregierung sabotiert und dem internationalen Ansehen des Landes schadet“.

Wenn das so ist, dann darf alle paar Tage mit einer Erklärung von Künstlern, Kulturschaffenden und Kulturvermittlern wie Hugo Egon Balder zu diesem oder jenem Minister gerechnet werden samt einer Rücktrittsforderung aus gutem Grund. Andere und zwar Gewählte haben gute Gründe, Minister zu ernennen. Das ist Aufgabe des Bundespräsidenten, der Minister auf Vorschlag des Bundeskanzlers ernennt und entlässt.

Dass Jan Böttcher, Matthias Luthardt, Rebecca Raue, Moritz Rinke und Mathias Schönsee, die kaum einer in der Berliner Republik kennt, das nicht dürfen, das ist gut so.

Sie dürfen auch nicht die Bundesminister und die Richtlinien der Bundesregierung bestimmen, das macht der Bundeskanzler. Seehofer ist Merkels Minister. Punkt.

Die fünf Genannten wie Unbekannten sind angeblich die Verfasser des sich „Erklärung zur Politik des Bundesinnenministers Horst Seehofer“ nennenden Geschriebenem. Dass sie unbekannt und bedeutungslos sind, das sollte niemanden stören, aber dass sich dieser Abfassung aus dem Abflussrohr bundesdeutscher Kunst und Kultur nicht nur Hunderte anschließen, sondern Tausende, ja, Zehntausende, die sich für Künstler, Kulturschaffende und oder Kulturvermittler halten, das steht zu befürchten.

Wahrlich, wahrlich, zu viele halten sich für Künstler und nicht still, sondern behaupten, dass Seehofer „die Migrationsfrage zur ‚Mutter aller politischen Probleme‘ erklärt und damit 18,6 Millionen Menschen, die mit migrantischen Wurzeln in Deutschland leben, in Geiselhaft“ genommen habe. Dass Seehofer vieles Tut und manches Unterlässt, das ist wohl wahr, aber dass er das Unterstellte gemacht haben soll, das ist so falsch wie die Erklärung, scheint aber den Künstlern Wurst zu sein, die auch nicht von Können kommt, sondern aus der Fleischfabrik – in der Regel jedenfalls. Nein, diese Künstler sind keine Wissenschaftler, die es besser wissen müssten, sie sind Metzger, die das Messer wetzen. Das ist der neue Mob der alten Linken, die sich mit der Antifa Zeckenbiss, die mit ihrem Video die Republik in Rage brachte, gemein macht. Die Antifa Zeckenbiss muss mit ihrem Video als Beweis herhalten für Hetzjagden (Merkel, CDU) und Pogrom (Trittin, Grüne), die es in Chemnitz nicht gegeben hat. Gegen hat es muselmanische Messerstecher. Der Tote und die Verletzten sind der Beweis. Doch das interessiert diesen Mob, der sich hinter Hetze formiert, nicht.

Unter seehofermussgehen.de werden diese Künstler, die sich nicht entblöden, beim Namen genannt.

Das ZDF-Satiremagazin mit dem Titel „Heute-Show“ verleiht vermutlich zum Jahresende wieder den „Goldenen Vollpfosten“ für eine besondere Dummheit. Ich schlage diese Künstler vor. Alle!




Riesendrachen über dem Tempelhofer Feld in Berlin.

Festival der Riesendrachen zum siebten Mal auf dem Tempelhofer Feld in Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ob`s stürmt oder schneit, das siebte Festival der Riesendrachen soll am Samstag, den 22. September 2018, auf jeden Fall starten. Erwartet wird nicht nur ein herbstlicher Tag, sondern allerlei Berliner, Brandenburger und Begeisterte aus aller Welt.

Zehntausende Besucher werden insgesamt erwartet, doch ob die Zahl vom Vorjahr, als rund 85.000 Zuschauer vor Ort waren, geknackt werden kann, die Antwort mein Freund, weiß ganz allein der Wind.

Der Veranstalter, die Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft mbH, freut sich auf „super tollen Wind“. In der Tat dürften Windstärken von 4 bis 5, in Böen 6 zu erwarten sein.

Ein paar Dutzend Drachensteigenlasser mit ein, zwei Dutzend Drachen werden erwartet. Am Himmel über dem Tempelhofer Feld werden wohl wieder Dutzende Drachen, wenn nicht über 100 Drachen zu sehen sein.

Nicht nur für Hans gilt am Samstag: Guck in die Luft!

Besser noch: „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen“, sangen schon die Puhdys.