Garten der Akademie der Künste im Hanseatenweg im Hansaviertel bei Nacht.

Sagen Sie’s den Steinen… BIS WIR BEGINNEN, ETWAS ZU SEHEN! Rencontre II am 10. und 11. 11., Retrospektive endet am 5. November im Fsk mit Christophe Clavert live

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Avantgarde ist bisweilen die Justiz. So in den 80ern, als das Bundesverfassungsgericht das Recht auf informationelle Selbstbestimmung festhielt. Wahrhaft prophetisch angesichts der Bedrohungen dieses Rechts jedes einzelnen durch neue Technik und Begehrlichkeiten großer Unternehmen.

Die am Tiergarten angesiedelten Häuser der Akademie der Künste und der Kulturen der Welt sprengen ebenfalls die Enge des durchschnittlichen Denkens. Die Akademie der Künste im Hansaviertel trägt dem frischen Wind der Hanse Rechnung. In frischer Luft lässt es sich besser denken.

Während die Bevölkerung den Kunstbegriff wohl enger zieht – Kunst wird dort ausgestellt, die Akademie lehrt – denken sich die Akademiker immer neue Querverbindungen aus und weichen Grenzen auf.

Kunst, Kino, Musik – drei klar getrennte Rubriken, nicht wahr? Schon die Architektur lässt ahnen, dass dem hier nicht so ist. Der „Kinosaal“ der Akademie ist ein Mehrzwecksaal mit einer Bühne; das Publikum sitzt vorn – oder hinten, wie bei den Buchpräsentationen und Lesungen aus „Die Schraube“, „El Tornillo“ und „Potslom“ aus Lino Santacruz‘ Alamos-Verlag. Oder beiderseits der Bühne.

Wo ist überhaupt vorn und hinten? Man sieht schon, herkömmliche Grenzen verschwimmen. Die Moderne bricht auf oder gibt zu denken.

Das Ganze ist recht gehirnig. In dem Sinne, dass auch im Gehirn, mit dem viele täglich denken, die Sache nicht so einfach ist, wie sich viele vorstellen.

Das beginnt schon mit dem oben und unten, vorn und hinten.

Computer-Tomographien kranker Gehirne, Schichtaufnahmen, lassen zum Beispiel vermuten, dass „da vorne“ etwas geschrumpft sei oder „am Rand“.

Unsere zwei- und dreidimensionalen Denkgewohnheiten, die durch Fernsehen, Twitter & Co. teils noch verkleinert und verengt werden, reichen zum Verstehen und Beschreiben des Geschehens nicht aus.

Längst haben die Neurowissenschaftler noch nicht alle Rätsel gelöst.

Seele, Hypophyse, drahtlose Kommunikation von Mensch zu Mensch, Träume und Liebeskummer – restlos erklärt ist das alles nicht.

Die Akademie, Ort des Forum Expanded der Berlinale

Zurück in die Akademie. Das an die Grenzen normalen Verständnisses und gewöhnlicher Rubriken stoßende „Forum expanded“ der Berlinale ist auch ein Beispiel von grenzüberschreitenden Begegnungen. Immer wieder am Hanseatenweg stattfindend.
Das nächste Mal wohl im Februar. Voriges Mal war es im Februar.
Ob wir nach vorn oder zurückblicken, wir erhalten dasselbe Ergebnis.
Das kann auch der Kreis.

Grenzüberschreitungen

Von der vorübergehenden Aufhebung des Rechtsstaats im September 2015 mal abgesehen: Vielleicht sind die grenzüberschreitenden Migrantenströme des 21. Jahrhunderts Zeichen der Zeit. Nicht zwingend biblisch angekündigt, jedoch Denkvorgänge abbildend.

Gedanke, Wort und Handlung

Gedanke, Wort und Handlung folgen üblicherweise aufeinander. Das Wort kann weggelassen werden.
Viele Handlungen, seien sie nun schnell vorgenommen, wie das Löschen einer umgekippten Kerze, hinterrücks – wer kündigt ein Verbrechen schon an – oder von einem wortkargen Menschen ausgeführt, geschehen ohne Worte.
Sogar Karikaturen und Witze ohne Worte gibt es.

Immer steht vor der Handlung der Gedanke

Doch immer steht vor der Handlung der Gedanke. Irgendetwas müssen sich die Migranten gedacht haben, bevor sie sich mit Handy und Bündel aufmachten. Das Tele-phon transportiert den Klang, Musik und Sprache schon seit Reis weit über (die) Grenzen.
Die Rechner der Welt zeigen auf Bildschirmen das Innere des Vatikans genauso wie Norwegens Einöde und die Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor.

Der Satz „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“ weist in seiner humorvollen Unvollkommenheit in die richtige Richtung.

Der Werbespruch eines Reiseführerverlages „Man sieht nur, was man weiß“ ebenso.

Wenn wir uns mit dem Jetzt von Danièle Huillets und Jean-Marie Straubs Werk beschäftigen, „bis wir beginnen, etwas zu sehen“, könnte das den Horizont erweitern.

Was sehen wir denn?

Was sehen wir denn?
Bevor man nicht von anderen darauf hingewiesen wird, sehen wir manchmal noch nicht einmal den WALD VOR BÄUMEN.

Die obige in der Akademie der Künste aufgenommene Photographie ist bestimmt nicht das, was wir erwarten, wenn wir uns ein Bild von der Akademie machten.
Und selbst das, was wir auf dem Bild sehen, ist nicht einstimmig feststellbar.
Der eine sieht „nichts“, der andere „grün“, der Dritte bemerkt immerhin die Personen, die sich in der Fensterscheibe spiegeln, die an sich unsichtbar ist.

Eiernde Planeten

Ähnlich wie in der Astronomie manche Himmelskörper nur wegen der merkwürdig eiernden Bahnen eines Nachbarn entdeckt wurden, von einem klugen Kopf entdeckt wurden,
„sehen“ wir die Scheibe nicht, sondern „erkennen“ sie durch die Spiegelung.

Das Treffen mit Peter Nestler, Christophe Clavert, Florian Schneider, Mikhail Lylov, Elke Marhöfer, Patrick Primavesi und Ute Holl

Das Treffen „Rencontre II“ zum Abschluss der Ausstellung greift die Fäden des bisher Gesagten und Gesehenen auf, spitzt Fragen und Erkenntnisse zu, um auf verschiedene Weise in der Gegenwart anzukommen. Der Titel des Rencontre II lehnt sich an die beiden Cézanne-Filme Danièle Huillets und Jean-Marie Straubs, „Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet“ (1989) und „Une Visite au Louvre“ (2003, ‚Ein Besuch im Louvre‘), an und betont die Bedeutung, die das Werk des Malers und vor allem sein Verständnis des Sehens für beide Filmemacher hatte.
In Anwesenheit von Jean-Marie Straub und Barbara Ulrich (BELVA-Film).

Regisseur Peter Nestler und Kameramann Christophe Clavert – Gäste des Rencontre II
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Studio, 16 und 19 Uhr

Am 10. November stehen mit dem Dokumentarfilmer Peter Nestler Filme im Mittelpunkt, die Nestler und Huillet/Straub dem jeweils anderen gewidmet haben – in einer jahrzehntelangen Freundschaft, die nicht zuletzt auf dem geteilten Respekt für den Akt des Sehens beruht. Auch Christophe Clavert, der bei den meisten der von Straub seit Huillets Tod (2006) realisierten Filme die Kamera geführt hat (u.a. „Kommunisten“, 2014), wird zum Rencontre und den letzten Programmen der Retrospektive (4. und 5.11. im Kino fsk) anwesend sein.

Öffentliches Seminar mit Florian Schneider und Interventionen von Mikhail Lylov, Elke Marhöfer, Patrick Primavesi, Ute Holl und anderen – auf Englisch

Wo und wann?
Akademie der Künste, Hanseatenweg am Tiergarten, Foyer, 14 bis 18 Uhr
Das Seminar am 11. November beschäftigt sich mit der Frage, was der von Serge Daney so genannten „Straub’schen Pädagogik“ zu Grunde liegt und welche Bedeutung diese in einem postdigitalen Zeitalter haben könnte.

Musikalische Inszenierung des Antigone-Scripts von Huillet/Straub

New Composers Collective (Spin-Off von Mouse on Mars) und Astrid Ofner
Wann und wo? Akademie der Künste, Hanseatenweg, Studio, 19 Uhr

Ganz in der Gegenwart angekommen ist der Programmzyklus der Akademie der Künste zu Huillet/Straub mit der Uraufführung einer musikalischen Inszenierung des Antigone-Scripts, die zum Abschluss des Rencontres am 11. November auf dem Programm steht.

Die Zusammenarbeit mit der Schauspielerin und Regisseurin Astrid Ofner, die in Huillet/Straubs Film von 1991 die Antigone verkörpert, ist das erste Projekt des New Composers Collective, eines Spin-Off-Projekts des Elektronikduos „Mouse on Mars“.

Das New Composers Collective (Jan St. Werner, Andi Toma, Matti Gajek und Michael Rauter) ist ein Zusammenschluss von Komponisten, Produzenten und Musikern, die sich außerhalb der traditionellen Kategorisierungen der Künste und Musik bewegen, mit anderen Künsten und Disziplinen zusammenarbeiten und experimentell neue Technologien, Kompositionstechniken und Aufführungsformate zusammenführen.

Veranstaltungsdaten:

Was? „Sagen Sie’s den Steinen“
Zur Gegenwart des Werks von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub

Ausstellung
Wann? … bis 19. November 2017

Was? Treffen: Rencontres II „Bis wir beginnen, etwas zu sehen“
Wann? Am 10. und 11. November 2017.

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Website:
huilletstraub-berlin.net




Plakat zu Klavierkonzert mit Dirk Fischbeck.

Spitzenmusiker im Brüsseler Kiez: Klavier-Konzert mit Dirk Fischbeck in der Kinderkunstwerkstatt „Seepferdchen“ in Wedding

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte: Samstagabend um 20 Uhr spielt Dirk Fischbeck, Konzertpianist, Musikpädagoge am Francke-Gymnasium und Dozent an der Kirchenmusikschule in Halle/Saale ein Klavierkonzert, wie es sonst in der Brüsseler Straße nicht zu hören ist. Auf hohem Niveau und in bester Qualität.

Freier Eintritt, Spenden erbeten

Das Ganze bei freiem Eintritt, Spenden erbeten. So, wie die ohne staatliche Hilfe auskommende „Kinderkunstwerkstatt“, in der viel musiziert wird, finanziell aufgebaut ist.
In oft selbstloser Arbeit wird das Zentrum von Ehrenamtlichen getragen, allen voran die Vereinsvorsitzende Silke Fischbeck. Als „Mädchen für alles“ muss sie Spenden einwerben, die Buchhaltung erledigen, zu Sitzungen einladen, das Programm gestalten, die wöchentlichen Abläufe festlegen, Kontakt zu den Eltern halten, aufräumen, saubermachen und und und. Am liebsten sind ihr die „Arbeit“ mit den Kindern, das Spiel, würden die Kinder es wohl nennen, und die Musik.

In der Sprache der südamerikanischen Indianer, die das Glück hatten, in einem erdöllosen Urwald zu leben und bis ins 20. Jahrhundert hinein von den „Segnungen“ der modernen Zivilisation, wie Wehrpflicht, Emulgatoren und teilweise gehärteten Fetten verschont zu bleiben, gibt es kein Wort für „ARBEIT“.

„Tun“ statt „Arbeit“ und „Spiel“

Es gibt Wörter für alles, was getan wird: Gartenarbeit, Arbeit im Haushalt, Körperpflege – stop, das ist wieder unsere Art zu denken. Die Yequana, venezolanische „Indianer“, sprechen von Pflanzen setzen, gießen, Unkraut jäten (Un-Kraut gibt es vielleicht auch nicht in ihrem Wortschatz), Zäune bauen, Wege anlegen, Trittsteine auslegen, ernten.
Regenplane aushängen, Bett bauen etc pp. Aber nie: „ARBEIT“. Deshalb sind sie glücklich. Eine Tätigkeit als „Arbeit“ zu entfremden, kann der Beginn des Unglücks bei derselben Tätigkeit sein.

Jean Liedloff berichtet darüber schon vor 1999 in ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit“.
Die Autorin, die mehrere Jahre bei den Yequana-Indianern in Venezuela gelebt hat, schildert eindrucksvoll deren harmonisches, glückliches Zusammenleben und entdeckt seine Wurzeln im Umgang dieser Menschen mit ihren Kindern: Sie zeigt, dass dort noch ein bei uns längst verschüttetes natürliches Wissen um die ursprünglichen Bedürfnisse von Kleinkindern existiert, das wir erst neu zu entdecken haben.
John Holt meinte zu diesem Buch: „Wenn die Welt durch ein Buch gerettet werden könnte, könnte es gerade dieses Buch sein.“ (Im englischen Original: „If the world could be saved by a book, this just might be the book.“)

Originaltitel: „The Continuum Concept: In Search Of Happiness Lost“
(in der Reihe „Classics in Human Development“)

Klavierkonzert

und
Musikbegleitung mit Nachhilfe

Wann?

15 Uhr Tips für Eltern und Musikschüler
gefolgt von gemütlichem Kaffeetrinken mit Kuchen und Musizieren

20 Uhr Konzert

Wo? Veranstaltungsort:
„Seepferdchen“ Brüsseler Straße 43 im Wedding (Nähe Antwerpener Straße), Berlin

Das „Seepferdchen“

Zu den sporadischen Unterstützern zählen Rolf und Monika Zuckowski und Jocelyn B. Smith.

Nach einer regelmäßigen Unterstützung wird noch gesucht.
Auch ein „Sponsor“ (O-Ton Vereinsvorsitzende) zur Übernahme der wenige hundert Euro betragenden Monatsmiete ist erwünscht.

http://www.seepferdchen-berlin.de

Die „Berliner Kinderhilfe – Seepferdchen e.V.“ ist eine Einrichtung der Berliner Kinderhilfe in freier Trägerschaft und eingetragen beim Amtsgericht Charlottenburg.

Zitat von der Seepferdchen-Website:
„Vom Finanzamt sind wir anerkannt als gemeinnützig, besonders mildtätig und förderungswürdiges Hilfswerk. Wir finanzieren uns ausschließlich aus Spenden und können allen Spendern Spendenbescheinigungen für das Finanzamt ausstellen.“

„Ab 15 Euro im Monat haben Sie die Möglichkeit zu einer Projektpartnerschaft.“




Fluchtpunkt Risiko von Sedlmeir

Die Romantik der Eigenbrötler – Punkrock, Spacepop, dicke Lippe – Annotation zu „Fluchtpunkt Risiko“ von Sedlmeir

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es sind die einfachen Wahrheiten wie „Du bist gut zu mir und ich kaufe dir ein Bier“ die wir immer wieder hören wollten. Schöner Quatsch, herrliches Selbst in einer langweiligen Welt, wo alles von der Wiege bis zur Bahre ohne Überraschung bleibt.

Sedlmeirs neue Platte verrät uns neues vom lyrischen Ich des Meisters: Der einsame, abgeklärte, halbwilde und halbvernünftige Rocker, der sich nüscht erzählen lässt, informiert in unmittelbaren Stücken (im Vergleich zur vorherigen Platte) vom guten Leben mit seiner Freundin, Frühstücksei, man isst zusammen. Er regt sich ungefiltert über schlechte VerkäuferInnen auf und geht für uns: immer geradeaus. Was hängen bleibt, ist das Lied Richtlinien für junge Männer. Es geht im Song um junge Männer wie Sedlmeir sie sich vorstellt, oder wie er sich als jungen Mann heute vorstellt. Dynamit im Hosenbein, immer nie nichts unterschreiben, dieses freie, schöne, ehrliche Leben. Dazu hat er eine wunderbare Duett-Partnerin, die da singt „Hol mir mal ein Bier“. Musikalische bestimmt Rockfeeling die Platte, Beats zwischen NDW und Rock’n’roll. Man denkt es muss so sein und weiß was er tut. Sedlmeir gibt immer 110%, weil er denkt das macht man so, er kniet sich voll in seine Rock’n’roll Identität rein. Weil einer es tun muss, hat sich Herr Sedlmeir (von sich und der Welt da draußen) breitschlagen lassen, genau das zu übernehmen. Besser als „Mathematik ist der Triumph der Kreatur im Sumpf“ kann man nicht dichten. Also alle ab zu Sedlmeirs Konzerten und dann die LP kaufen.

* * *

Sedlmeir, Fluchtpunkt Risiko, Gesamtlänge: 33:54, Label: Rookie Records, Erscheinungstermin: November 2017, Preise: Vinyl 16,99 EUR, Audio CD 12,99 EUR, MP3 9,99 EUR




Wohin zum Feiertag? Jocelyn B. Smith und verschiedene Voices mit einem einmaligen Konzert in der Universität der Künste: „Spirit of One – Die Konzertsensation am Reformationstag“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dieser Feiertag kam unerwartet. Jetzt ist er da. Alle Läden zu, außer im Hauptbahnhof, doch da geht man ungern hin: Zu viele Ketten, die nicht nur hier kaum Steuern zahlen, wenig inhabergeführte Geschäfte und ab und zu fällt ein riesiges Betonteil von der Fassade. Am Sonntag fuhren noch nicht einmal Züge. Nicht, weil die deutsche Bahn so christlich ist, sondern wegen Sturm Herwath, der auch gestern noch Zugausfälle auslöste.

Zum Konzertsaal der UdK in der Nähe des Zoos

Wohin also? Der ultimative Tip: 19 Uhr in die UdK zu Jocelyn B. Smith und „Spirit of One – Die Konzertsensation am Reformationstag“ mit dem Orchester der Kulturen; sich die besten Plätzen sichern für die Musik, die um 20 Uhr beginnt.
Auf einer Website mit vielen „o“s, die zu allem Überfluss auch noch eine org-Endung hat, erfährt man etwas über SpiritofOne.

„Zeit, etwas Neues zu wagen“

Es sei Zeit, etwas Neues zu wagen. Das kann man ruhig in Welt hinaus trompeten.

Aber was? Schließlich will man nicht vom Regen in die Traufe. Unendliches Leid und Flüchtlingsströme brachten die Oktoberrevolution und andere Brüche.

„Spiritualität ohne die Grenzen konventioneller Religionen. Ein Weg, der für jede und jeden offen ist.“ Nun gut. Lassen wir uns überraschen.
„Entdecke einen neuen Weg“, wird dort vorgeschlagen und ein Trailer ist im Angebot.

„Glauben ist wie die Stille, die die Liebenden zueinander bringt…“

Dazu als Motto ein Zitat von Abraham Joshua Heschel: „Glauben ist wie die Stille, die die Liebenden zueinander bringt, wie ein sanfter Hauch, vereint im Wind.“
Wollen wir das glauben? Cui bono?
Die Gedanken sind frei, das ist das Gute.
Das Schöne ist, dass man die Musik hören kann, ohne etwas unbeweisbares Glauben zu müssen. Der neutrale Ort wird auch wenige Agnostiker vom Konzertbesuch abhalten. Und vielleicht wird der Abend ja so wunderbar, wie es zu vermuten steht.-

Reformationstag bundesweit nur 2017

Der Autor erfuhr selbst erst vor kurzem davon. Der Reformationstag wird in Deutschland schon lange gefeiert, auch in der Bundesrepublik, aber nur in den vier Bundesländern, die sich alle in der Nähe von Wittenberg befinden. Die Ausweitung auf die anderen 75% oder drei Viertel des Landes ist schon ein Ding. Einmalig.
Sonst wird nur in den Bundesländern Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt gefeiert, wo die Lutherstadt Wittenberg an der Elbe liegt mit der berühmten Kirche, an die der Überlieferung nach Martin Luther seine 95 Thesen genagelt haben soll. Die Schloss- und Universitätskirche. Wenn zwischen 1517 und 1817 die Universität eine Kirche hatte, dann kann ein bisschen Spiritualität an der Uni in der Hardenbergstraße wohl nicht schaden.

Was? JSB & Orchester der Kulturen

„Spirit of One – Die Konzertsensation am Reformationstag“

Wann? Datum und Uhrzeit: Reformationstag, Dienstag, 31. Oktober 2017, 20 Uhr

Wo? Ort: Konzertsaal der UdK (Universität der Künste, ehemals HdK), Hardenbergstr. 33, 10623 Berlin
Berlin-Charlottenburg, U- und S- und Regionalbahn-/ Fernbahnhof Zoo = Berlin Zoologischer Garten.
BVG-Bus 245 Steinplatz

http://www.jocelynbsmith.com

https://www.spiritofone.org




Mendelssohn-Haus Leipzig

Tag der offenen Tür im Mendelssohn-Haus Leipzig

Leipzig, Deutschland (Kulturexpresso). Am 4. November 2017 ist Tag der offenen Tür im Mendelssohn-Haus Leipzig, jedenfalls in der Zeit von 10 bis 18 Uhr. Für geladene Gäste finden am Abend des 2. November 2017 die Eröffnung statt und somit „zwanzig Jahre nach der Eröffnung am 4. November 1997“, wie es in einer Medienmitteilung der Berliner Agentur Artefakt Kulturkonzepte im Auftrag Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung.

Samstag, der 4. November 2017, ist zudem der einhundertundsiebzigsten Todestag von Felix Mendelssohn Bartholdy, dem sich der ehemaligen Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur verpflichtet sieht. Maestro Masur wörtlich: „Wie sehr haben wir in den ver­gan­genen 20 Jahr­en da­rum ge­kämpft, Felix Men­dels­sohn Bartholdy nicht nur in Leipzig, son­dern inter­na­tional zu einer ihm ge­büh­renden Auf­merk­sam­keit und Ehre zu ver­hel­fen. Wie viele Ini­tia­ti­ven haben wir mit viel Mü­he und Lie­be ins Le­ben ge­ru­fen: Das Men­dels­sohn-Haus mit sei­nem be­deu­ten­den Museum ist das be­ste Bei­spiel da­für. Wie vie­le groß­artige in­ternationale Er­fol­ge konn­te Men­dels­sohn da­durch be­reits feiern! Die Musik­stadt Leip­zig und vor allem auch das Gewand­haus­or­che­ster ha­ben dem Kom­po­ni­sten, Mu­si­ker und Ge­wand­haus­ka­pell­mei­ster Men­dels­sohn viel zu ver­dan­ken. Sei­nen Geist müs­sen wir mit höch­ster Prio­ri­tät wei­ter­tra­gen, das ist eine Ver­pflich­tung!“

Besuchenswert scheint die Dauerausstellung des Mendelssohn-Hauses, dem original erhaltenen Wohn- und Sterbehaus in der Leipziger Goldschmidtstraße 12, die sich nunmehr über drei Etagen des authentischen Kulturdenkmals erstreckt, das „ein Ort mit hoher musikalischer Kompetenz und internationaler Leuchtkraft zu sei“.

Eine völlig neu gestaltete Abteilung widmet sich dem Leben und Werk von Fanny Hensel, der älteren Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys. In einem zweiten Teil findet nunmehr das Internationale Kurt-Masur-Institut sein Zuhause und ehrt den Initiator und langjährigen Präsidenten der Stiftung mit einem multimedialen Informations- und Begegnungszentrum.

Das alles und noch ein Kammermusiksaal, ein Saal für museumspädagogische Angebote und ein Raum für Sonderausstellungen im Gartenhaus erwarten die Besucher nicht nur am Tag der offenen Tür.




Sara de Ascaniis

Heute oder nie? Moon Suk wird ihren Salon weltreisebedingt schließen – Zu Gast: die Pianistin Sara de Ascaniis

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Moon Suk reiste 1989 zu einem Aufnahmestudium nach Deutschland, seitdem hat sie hier ein beispiellose Karriere hingelegt und das Kunst- und Musikleben entscheidend bereichert. Seit 3 Jahren ließ sie die Berliner Salonkultur wieder aufleben und zieht vervorragende junge Künstler an. Diesmal die Pianistin Sara de Ascaniis. Die Italienerin ist bei der Koreanerin zu Gast, doch Länder zählen schon lange nicht mehr in der Welt der Musik. Sprachen, ja. Sara de Ascaniis hat beim Lesen der Noten und Partituren zweifellos einen Heimvorteil, da sie als Muttersprachlerin nicht erst lernen muss, was adagio bedeutet, oder andante oder piano. Das Piano, Klavier, der Flügel ist ihr Instrument. Sie studierte in Vicenza in Venetien, das ca. 60 Kilometer nordwestlich von Venedig liegt. Die norditalienische Großstadt mit etwa 112.000 Einwohnern ist unter anderem für ihre Keramik und Musikintrumente bekannt. Andrea Palladio Renaissancebauwerke führten zur Anerkennung eines Unesco-Welterbes.

Sara de Ascaniis‘ Italien

Sara de Ascaniis Eltern sind Musiker, haben aber ihr aber alle Freiheit gelassen. Nach einer Veranstaltung wiederholte die Zweieinhalbjährige das gerade mehrfach gehörte Hauptthema am Klavier, was bei den Eltern Erstaunen auslöste und sie langsam an das Instrument heranführen ließ. Von Schulbeginn an begann dann eine zehnjährige Ausbildung. Es ist diese Freiheit und Freiwilligkeit, die Sara de Ascaniis‘ Ausdruck und Entfaltung ermöglicht gemacht hat. „Perfekte“ Pianisten, deren technische, teils seelenlose „Perfektion“ wenig lebendig und noch weniger herlich ist, deckeln einen Teil ihrer Persönlichkeit, um in einem kleinen Teilbereich bessere Ergebnisse zu erzielen. Professor Bernd Senf würde von Unterdrückung der Lebensenergie sprechen.

Qualität durch Freiheit und Freiwilligkeit

Dass Sara de Ascaniis‘ Entwicklung wunderbar und in Freiheit geschah, ist nicht anders vorstellbar. Wenn sie als Violinduo mit Julia Pérez Gámez auftritt, ist ihre Fähigkeit, ganz im Spiel zu versinken und gleichzeitig perfekt mit ihrer Partnerin zu harmonieren, voll ausgebildet. Ein Genuss, dies zu beobachten. Der Musikgenuss ergibt sich von ganz allein.

Moon Suks Verdienst, ist es immer wieder solche begnadeten Talente aufzuspüren, die doch sehr menschlich sind. Von Moon Suks Kunst und Gesang – die Sopranistin beherrscht allein 500 Stücke auswendig – wäre noch viel zu berichten.

Moon Suk setzt sich in einen VW-Bus und ist dann einfach mal weg

An dieser Stelle kurz der Hinweis, dass ihre Berliner Tage vorübergehend gezählt sind. 2018 wird sie auf eine vielleicht anderthalbjährige Weltreise gehen – in einem VW-Bus? – und unterwegs mit örtlichen Künstlern auftreten. Ein Datum der Wiederkehr wurde nicht festgelegt.

Der monatliche Salon pausiert auf unbestimmte Zeit – was das heißen kann, wissen wir vom ICC

Der monatliche Salon wird also ab Anfang der Jahres auf unbestimmte Zeit aussetzen. Die 1000 glücklichen Zuhörer ihre monatlichen Salons und diejenigen, die es bisher nicht schafften, werden wohl jetzt zum Run auf die Eintrittskarten ansetzen. Lediglich 50 werden für die Beletage in der Charlottenburger Altbauwohnung am Olivaer Platz verkauft.
Als einmal 70 Musikliebhaber Einlass begehrten, wurde es einfach zu eng.

Zu allem Guten obendrauf gibt es auch noch ein selbstzubereitetes schwäbisch-koreanisches Dinner-Büfett.

Sonntag, 15. Oktober 2017: „Musikalisches Oktoberfest“ im Salon Moon

www.salonmoon.de

www.moonsuk.de




Hossein Pishkar

Hossein Pishkar aus dem Iran gewinnt Deutschen Dirigentenpreis 2017

Berlin, Deutschland (Kulturexpesso). Dass der 1988 im Iran geborene Dirigent Hossein Pishkar den Deutschen Dirigentenpreis 2017 gewonnen hat, das kommt nicht von ungefähr. Zwar absolvierte Pishkar ein Kompositionsstudium in Teheran, reiste aber 2012 nach Deutschland, um an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf Orchesterleitung bei Prof. Rüdiger Bohn zu studieren.

In kurzer Zeit brachte er es zum Chefdirigent des Concerto Langenfeld und war dort bis 2015 Leiter. Laut „Dirigentenforum“ assistierte er „als ‚Conductor-in-Progress‘ … in der Spielzeit 2015/16 dem Chefdirigenten Daniel Raiskin beim Staatsorchester Rheinische Philharmonie in Koblenz und leitet eigene Konzerte. Eine Assistenz führte ihn 2016 zur Jungen Deutschen Philharmonie, wo er die Vorproben für Bergs ‚Lulu‘ und für die Uraufführung von Saunders ‚Still‘ übernahm. 2017 assistierte er Thomas Gabrisch bei der Produktion von Haydns ‚Die Welt auf dem Monde‘ mit Orchester und Sängern der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf und übernahm mehrere Vorstellungsdirigate.“

Der 2015 in die Förderung des Dirigentenforums aufgenommene Pishkar überzeugte als einer von zwölf Dirigenten im ersten internationalen Dirigierwettbewerb, der vom 22. bis 29. September 2017 in Köln stattfand, die Jury mit seiner Interpretation von Robert Schumanns „Manfred-Ouvertüre“ und einem Ausschnitt aus Verdis Oper „Rigoletto“. Das teilten die Organisatoren in Köln mit, denen zufolge der Deutsche Dirigentenpreis „ein vom Deutschen Musikrat in Partnerschaft mit der Kölner Philharmonie, der Oper Köln, dem Gürzenich-Orchester Köln und dem WDR-Sinfonieorchester ausgetragener internationaler Wettbewerb für junge Dirigenten“ sei.




Carpe Diem – Ewiges Leben und Sieg über den Tod! Eine experimentelle Oper beschließt die Kosmismus-Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein Tag geschenkt, wo könnte man den besser verbringen als im Haus der Kulturen der Welt? Der 3. Oktober liegt an einem Dienstag. Nach dem ersten Besuch im Hause zum Thema Kosmismus blieb der Wunsch, tiefer zu gehen, doch ständig kam etwas dazwischen. Da endlich, der Tag der deutschen Einheit am Horizont! Nun wird’s was! Die Ausstellung „Art Without Death: Russischer Kosmismus“ ist zur Finissage sogar bis 22 Uhr geöffnet, Ausschlafen freigestellt.
Und es lockt ein von den Ideen des Russischen Kosmismus inspiriertes neues Werk mit einer digitalen Übersetzung von Klängen in visuelle Muster: Dorit Chrysler (Theremin, Sprechgesang) und Carsten Nicolai (Sampled ANS-Synthesizer) präsentieren um 20 Uhr eine Experimentaloper.

    Victory over Death!
    Победа над смертью!
    Sieg über den Tod!

Die Russische Revolution und die Entdeckungen jener Jahre ermutigten Künstler und Wissenschaftler zu Pionierarbeiten.
Dorit Chrysler und Carsten Nicolai schaffen mit verschiedenen Instrumenten, gesampelten Sounds und Bildern eine Performance, die an diese Geschichte anknüpft.

Der Erfinder Léon Theremin und das russische Saxophon

Der sowjetische Forscher Léon Theremin entwickelte das gleichnamige Instrument als eines der ersten elektronischen Instrumente überhaupt und ließ es 1928 patentieren.
Für „Sieg über den Tod!“ spielt Chrysler zwei speziell gefertigte Theremins: Die Peilantenne auf der linken Seite des Instruments kontrolliert die Lautstärke, während die aufgerichtete Antenne die Tonhöhe aussteuert. Die elektrischen Signale des Instruments werden verstärkt und an einen Lautsprecher gesendet.

Nicolai spielt gesampelte Sounds, die vom legendären ANS-Synthesizer generiert werden.
Das optoelektronische Musikinstrument ist eine Erfindung des sowjetischen Ingenieurs Evgeny Murzin (1914-1970) und nach dem Avantgardekomponisten Alexander (Nikolajewitsch) Skrjabin (A. N. S.) benannt. Der Moskauer Pianist und Komponist lebte von 1872–1915.

Exkurs: Namenkunde

Übrigens sagt niemand alle drei Teile des Namens. Man spricht man neutral von Alexander Skrjabin. Da der Familienname nicht selten ist, kann man den Vornamen dazusagen. Zudem auch Alexanders Sohn Julian (1908-1919) Pianist und Komponist wurde. Russische Musiker würden unter sich im vertrauten Ton auch von Sascha Skrjabin sprechen. Dieser Vorname ist nicht wie im Deutschen (Sascha Hehn) eigenständig, sondern ein Diminutiv von „Alexander“ wie das im Deutschen, Englischen und vielen anderen Sprachen gebräuchliche Kurzwort Alex.
Solange er lebte, wurde Skrjabin selbst mit Alexander Nikolajewitsch angesprochen (oder genannt), eine respektvolle Anrede, die nicht zu vertraut ist. Niemand hätte im Alltag Alexander Skrjabin gesagt, außer vielleicht der Polizei. Im Pass steht in Russland und Weißrussland immer „Alexander“, nie Sascha oder Alex. In der Bundesrepublik Deutschland ist das anders, hier können auch Kurzformen wie Hans, Tanja, Alex den offiziellen Rufnamen bilden. Sogar Verkleinerungsformen kommen zum Zuge, meist zum Leidwesen der Kinder.
Der in Kanada und den Vereinigten Staaten gebräuchliche Mittelname entspricht nicht dem Patronym oder Vatersnamen im Russischen.

Murzins Erfindung

Technisch basiert Murzins Erfindung auf der Methode der graphischen Tonaufzeichnung, die auch im Kino zum Einsatz kommt. Das Verfahren wurde in der Sowjetunion parallel zu ähnlichen in den USA verwendeten Systemen entwickelt. Es erlaubt das Generieren des Bildes einer Klangwelle beziehungsweise das Synthetisieren eines Klangs aus einem künstlich gezeichneten Sound-Spektrogramm. Tarkovsky-Fans werden die vom ANS erzeugten Klänge vertraut sein: Der Komponist Edward Artemiev (Eduard Artemjew), geboren 1937 in Nowosibirsk, erschuf mit diesem Synthesizer die ikonische Filmmusik zu „Solaris“ (1972).

Alexander Svyatogors „Biokosmistisches Manifest“

Dorit Chrysler wird außerdem – als Referenz an die Geschichte des „Gesamtkunstwerks“ – das 1922 vom futuristischen Dichter Alexander Svyatogor geschriebene Biokosmistische Manifest aufführen:
„Die Fragen der Unsterblichkeit und des Interplanetarismus dürfen weder unabhängig voneinander betrachtet noch automatisch miteinander verbunden werden. Beide ergeben sich aus dem jeweils anderen Phänomen und ergänzen einander. Sie konstituieren ein einheitliches, organisches Ganzes – vereint unter einem einzigen Begriff: Biokosmismus.“

Die (Klang-) Künstlerin Dorit Chrysler: Komponistin und Theremin-Spielerin

Dorit Chrysler wurde in Graz geboren und lebt in New York und Österreich. Die virtuose Theremin-Spielerin, Klangkünstlerin und Komponistin ist Mitgründerin der NY Theremin Society und Initiatorin der ersten Theremin-Akademie KidCoolThereminSchool. Für diese entwickelte sie einen eigenen Lehrplan für die frühkindliche Erziehung im Bereich elektronische Musik. Weitere neue Werke Chryslers werden demnächst bei der Ars Electronica zur Aufführung kommen, eine Auftragsarbeit wird sie beim Steirischen Herbstfestival vorstellen und im Rahmen der „Sisters Academy“ wird eine Sound Performance bei Den Frie, CPH zu hören sein. Chrysler realisierte zahlreiche künstlerische Koproduktionen, unter anderem mit Jesper Just, Phillippe Quesne, Anders Trentemøller, Cluster, Sasha Waltz und Elliot Sharp.

Carsten Nicolai aus Karl-Marx-Stadt

Carsten Nicolai aka Alva Noto ist einer der renommiertesten Künstler an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft und bekannt für seinen minimalistischen Ansatz. 1965 in Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) geboren gehört er einer Generation an, die vor allem im Grenzbereich von Musik, Kunst und Wissenschaft kreativ tätig ist. Als bildender Künstler will Nicolai die Grenzen zwischen den sensorischen Wahrnehmungen des Menschen überwinden, indem er technische Phänomene wie Klang und Lichtfrequenzen für das Auge und Ohr wahrnehmbar macht. Seine Installationen sind von faszinierender Eleganz und Konsistenz und werden durch ihre minimalistische Ästhetik ausgezeichnet. Neben Teilnahmen an großen internationalen Ausstellungen wie der documenta X sowie der 49. und 50. Biennale von Venedig werden Nicolais Werke weltweit in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert. Zu seinem künstlerischen Oeuvre zählen auch die unter dem Pseudonym Alva Noto durchgeführten Klangexperimente, die von einem prägnanten Reduktionismus begleitet unmittelbar in die Sphäre elektronischer Musik führen. Für sie entwickelt Nicolai alias Alva Noto eigene Zeichencodes, eine spezifische Akustik und visuelle Symbole.

Russischer Kosmismus – Begeisterung für Wissenschaft und Technik inklusive

Der Russische Kosmismus stand für die Forderung nach physischer Unsterblichkeit, Wiedererweckung der Toten und Reisen ins All. In seinen Lehren verbanden sich westliche Aufklärung und östliche Philosophie, russisch-orthodoxe Tradition und Marxismus, gepaart mit der Begeisterung für Wissenschaft und Technik. Die Bewegung inspirierte sowjetische Denkerinnen und Denker, fiel später der Unterdrückung durch den Stalinismus zum Opfer und ist heute nahezu vergessen.

Eine Utopie – und ein Opfer des Stalinismus

„Art Without Death: Russischer Kosmismus“ blickt auf diese verwegene Utopie und ihre Resonanzen in Kunst, Wissenschaft und Politik. Die Ausstellung verknüpft Arbeiten der russischen Avantgarde aus der Sammlung Costakis – ausgewählt von Boris Groys – mit zeitgenössischen Positionen: Filme von Anton Vidokle und eine Installation von Arseny Zhilyaev reflektieren philosophische, wissenschaftliche und künstlerische Konzepte des Russischen Kosmismus.

„Art without Death: Russischer Kosmismus“ endet mit dem Konzert Sieg über den Tod! um 22 Uhr

Art Without Death: Russischer Kosmismus ist Teil von „100 Jahre Gegenwart“ und wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Das Haus der Kulturen der Welt wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Auswärtigen Amt.

Eintrittskarten: tickets@hkw.de / +49 – (0)30 – 39 78 7175, Online www.hkw.de/cosmism

Oper: 3. Oktober 2017, 20 Uhr
Ausstellung: bis 22 Uhr
Kombiticket (Konzert und Ausstellung) EUR 10/ermäßigt EUR 8

Haus der Kulturen der Welt (ehem. Kongreßhalle), John-Foster-Dulles-Allee im nördlichen Großen Tiergarten




Harfe

Der Feiertag macht’s möglich: Morgens Harfe und sax live. Das Jerusalem-Duo begleitet ökumenischen Gottesdienst in Mainz am Tag der deutschen Einheit

Berlin/ Mainz, Deutschland (Kulturexpresso). Mit dem Zweiten hätten Sie mehr gesehen (außer, Sie halten etwas zu). Doch obwohl der ökumenische Gottesdienst zum säkularen Tag der deutschen Einheit in Mainz abgehalten wird, sendet nicht das ZDF, sondern die ARD. Damit sitzen Sie wenigstens in der 1. Reihe, im Heimkino mag das gehen, im Cinemax, Cinestar oder Filmkunst 66 gilt das nicht als Vorteil. Widersprüchlich ist die Werbung, die leicht zu Antiwerbung gerieren könnte, dächte man darüber nach. Wer wirbt schon für Fern-SEHEN damit, dass er sich die Augen zuhält? Zugegeben nur eines, doch der 3D-Effekt, den viele versuchen, mit den verschiedensten Tricks und teurer Technik zu erreichen, ist automatisch – weg. Zudem könnten Blinde sich beleidigt fühlen, wenn sie jene Augen-Zuhalte-Werbung denn sehen könnten. Denn ein gutes sehendes Auge wäre für viele Sehbehinderte ein Geschenk des Himmels. Doch so, wie sich nicht nur Affen die Augen zuhalten, weil sie es nicht mit ansehen können (ursprünglich, um nichts Böses zu sehen), ruinieren junge Leute freiwillig ihr Gehör in zu lauten Discos und ihre Gesundheit mit Drogen und Alkohol.
Doch wollen wir nicht nörgeln und meckern, sondern feiern! Jene Sorte feiern, die auch ohne Bier auskommt, obschon Dr. Helmut Kohl sehr daran gelegen war, dass man den deutschen Feiertag draußen verbringen kann. Zum Beispiel auf dem Oktoberfest. Obwohl das im September stattfindet. Wenn schon der Tag der deutsche Einheit am 17. Juni wegfiel, der an den Volksaufstand 1953 erinnerte.

Harfenklänge zum Fest

Michail Gorbatschow sei Dank wurden 1990 die DDR und die BRD zu einer neuen Bundesrepublik Deutschland vereinigt, der Berliner Republik. die auf die Bonner folgte. Deutschland errang damit erstmals seit 1945 die Souveränität und konnte wieder über den eigenen Luftraum bestimmen.
Der Freude über die „Wiedervereinigung“ muss einfach Luft gemacht werden, trotz aller Häme gegen Ossis, hoher zusätzlicher Steuerbelastung der Wessis und unzufriedener Mainstreampolitiker, die nicht ganz verstehen, warum in den neuen Bundesländern und im Osten Berlins so viele die Linken und die AfD wählen.

Feiern mit Musik

Feiern also, Fête, Party. Da darf die Musik nicht fehlen. Schon früh um zehn, wenn viele noch in den Federn schlummern, spielt das Jerusalem-Duo. Allerdings kein ganzes Konzert, sondern
im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes. Warum am Tag der deutschen Einheit überhaupt ein Gottesdienst gefeiert wird, obwohl es kein Sonntag ist (gut, manche feiern auch am Samstag), sei dahingestellt. Feiern steht ja im Mittelpunkt, nicht die Kritik und der Dissens. (Mutet es nicht schon ein bisschen merkwürdig an, nachdem der Sonntag am Dienstag nur zwei Tage her sein wird und die deutsche Einheit keine religiöse Angelegenheit ist?)

Einheit

Zum Thema Vereinigung passt immerhin die Ökumene, die zeigt, dass man sich zusammenschließen kann, auch wenn man anderer Meinung ist.
Da das geteilte Deutschland kein natürlicher Zustand für ein Volk, für ein Staatsvolk war, sondern eher Machtausübung nach dem Prinzip „Divide et impera – Teile und herrsche“, können sich die Deutschen wirklich freuen.

Gründe zu feiern

Feiern kann der Souverän auch sein Wahlrecht in freier, geheimer, direkter und allgemeiner Wahl, das auch für Frauen und nicht in drei Klassen gilt.
Ein weiterer Grund zum Feiern ist die Nichtdurchführung des Morgenthau-Planes, der Wirtschaft und Kultur der Deutschen zurückgeworfen hätte. Dann schon lieber Care-Pakete und Marshallplan.
Nur ewige Nörgler können dem Morgenthau-Plan Gutes abgewinnen und Stichworte wie Selbstversorgung und „Zurück zur Natur“ ins Feld führen. Auch wenn saisonal, regional und bio zurzeit im Trend liegen.

Also: Musik!

Die Harfe zählt mit zu den festlichsten Instrumenten überhaupt; die Ehrfurcht vor ihr lässt das Gerede und Gequatsche im Publikum umgehend verstummen. Morgen früh um 10 braucht man nur den Fernseher einzuschalten, die Rundfunkgebühren sind schon bezahlt. Das 1. Programm ist bei vielen Geräten festeingestellt, man braucht dann noch nicht einmal den Programmknopf zu berühren. Derart früh am Morgen an einem Feiertag durchaus von Vorteil.

Mainzer Dom

Gespannt sein darf man auf die Akustik in Mainzer Dom. Der Hohe Dom zu Mainz ist 83einhalb Meter hoch (Höhe des Westturms: 83,50 Meter mit Wetterhahn, Höhe des Mittelschiffs 28 Meter).
Friedrich II. wurde 1212 hier durch Siegfried II. von Eppstein gekrönt (nicht der alte Fritz).

Andere Könige auch, darunter Agnes von Poitou im 11. Jahrhundert.

Das Recht zum weltlichen Herrschen ist keine Geschlechterfrage, das Wahlrecht hingegen schon. Bis ins 20. Jahrhundert, sogar in der direkten Demokratie der Schweiz, wie der wunderbare Spielfilm „DIE GÖTTLICHE ORDNUNG“ seit August diesen Jahres in Deutschland zeigt. (Als eines der letzten europäischen Länder führte die Schweiz erst 1971 das Wahlrecht für Frauen ein.)

1942, 1944 und ’45 trafen mehrere Fliegerbomben den Mainzer Dom, zerstörten Dächer, die abbrannten, und das OG des Kreuzgangs. Zum Glück blieben die Gewölbe heil und die Geschichte des Doms konnte trotz der Luftangriffe weitergehen.

1975 beging man die 1000-Jahr-Feier des Gebäudes, das nun schon 1042 Jahre steht.

Das Duo

Das Jerusalem-Duo versteht sich als eine neue Stimme in der Musikwelt, die die Grenzen der konventionellen Genres überschreitet.

Was wäre das Leben ohne Zufälle?

Frau Hila Ofek und Andre Tsirlin haben an der „Jerusalem Academy of Music and Dance“ studiert und wie viele gute Dinge im Leben ergab sich auch der erste Auftritt des Jerusalem-Duos eher zufällig.
Die Harfenistin Hila Ofek war zur Hochzeit eines Freundes eingeladen, um mit einem Flötisten zu aufzutreten, der aber leider krankheitsbedingt absagen musste.
Eine spontane, zuerst halb im Scherz gemeinte Idee, dass André den Flötisten ersetzen könnte, wurde in die Tat umgesetzt.

„Flöte oder Saxophon – egal!“

„Die Leute interessiert nicht, ob es eine Flöte oder Saxophon ist, sie kümmern sich nur um die Musik“, sagte die Mutter der Braut.
Es kam, wie es kommen sollte, die Aufführung war ein großer Erfolg und ein Kompliment das häufig gemacht wurde, war, dass die Kombination der beiden Instrumente so natürlich und melodisch klingt und nichts vermissen lässt.

Selten gehörte Kombination

Im Zusammentreffen eines der ältesten mit einem der jüngsten Instrumente der Musikgeschichte eröffnete sich ein bislang selten gehörtes Klangerlebnis.
„Die individuellen Klangfarben des Jerusalem-Duos auf ihren so sehr unterschiedlichen Instrumenten macht es manchmal fast unmöglich, zu erkennen, welches der Instrumente spielt“, meinte Florance Sitruck, ehemalige künstlerische Leiterin des Internationalen israelischen Harfenwettbewerbs.

Nach ihrer ersten gemeinsamen Auftritten konzertierte das „Jerusalem-Duo“ in zahlreichen Städten Europas und Israels, nahm an wichtigen Festivals teil, erhielt prestigeträchtige Stipendien wie Live Musik Now in Frankfurt und gewann mehrere Wettbewerbe wie zum Beispiel den 3. Internationalen TEREM-CROSSOVER-Wettbewerb in St. Petersburg.

Auftritte mit Giora Feidman

Darüber hinaus arbeiteten sie bereits erfolgreich mit so renommierten Künstlern wie Giora Feidman zusammen. Auf seiner Tournee im Januar waren die beiden die „special guests“ und traten im Dom auf, in Wesel und Ratzeburg, sowie in der Heilig-Kreuz-Kirche Augsburg, der Friedenskirche in Ludwigsburg und der Martinikirche in Siegen, aber auch an weltlichen Orten wie dem Rossini-Saal in Bad Kissingen und der Stadthalle in Biberach an der Riß.
Mainz wurde auf der Januar-Rundreise nicht angesteuert, aber jetzt.

Am 3.10.2017 um 10 Uhr übertragen ARD und SWR live den ökumenischen Gottesdienst aus dem Hohen Dom zu Mainz, als offizielle Feierlichkeit zum Tag der Deutschen Einheit – musikalisch umrahmt vom Jerusalem-Duo.

Das Jerusalem-Duo:
Hila Ofek, Harfe
Andre Tsirlin, Saxophon




Jung, frisch, philharmonisch und klassisch. Ostseeklänge: Carl Nielsen, Sergej Prokofjew und Kaija Saariaho im Konzerthaus Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Werke von Saariaho, Prokofjew, Nielsen, so steht es auf der Eintrittskarte. Wer Sergej Prokofjew nicht kennt, für den war es höchste Eisenbahn und das Konzert ein Muss. Nielsen klingt zumindest nicht unbekannt, aber wer ist dieser Saariaho? Sprachkenntnisse sagen einem: Ein Finne. Vielleicht hilft das Programmheft weiter, dass am Eingang käuflich zu erwerben ist. Gleich zu Beginn steht im Programm unter „Programm“: Kaija Saariaho (geb. 1952), LATERNA MAGICA für Orchester. Erleichtert nimmt man das Geburtsdatum aus der Zeit der Koreakriegs zur Kenntnis. Nichts, dass man hätte kennen müssen. „Laterna Magica“ sagt einem schon eher etwas, aber Kaija? Wieder stößt man an die sanfte Wand der eigenen Unkenntnis.
Saariaho heißt mit vollem Namen Kaija Anneli Saariaho Der finnische Komponist ist eine Frau. Sie wurde am 14. Oktober 1952 in Helsinki geboren. Mit anderen Worten: In gut zwei Wochen feiert sie ihren 65. Geburtstag und ein Geschenk hat die Komponistin sicher: Dass ihre Musik im altehrwürdigen Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte gespielt wurde, an einem ruhigen, noch angenehm spätsommerlich-frühherbstlich warmen Abend. Dunkel genug, um ins Konzert zu gehen, warm genug, um nach dem Musikgenuss noch ein paar Bushaltestellen weit zu Fuß zu gehen, oder U-Bahnhöfe. Denn wer wollte sich nach einer so exquisiten Entspannung, die einem exzellente Musiker bescherten, schon in der deutschen Hauptstadt hinter das Steuer des eigenen Wagens setzen? Zudem man vorher lange einen Parkplatz hätte suchen müssen oder das Parkhaus für mehrere Stunden bezahlen.

Die jungen Musiker und Musikerinnen auf der Bühne haben alles, was ihre hauptberuflich tätigen Kollegen auch haben, außer vielleicht einen Tick Enthusiasmus und Begeisterung mehr, und vor allem fehlt ihnen manches, das als Fehlendes zur Tugend zählt.
Ihnen fehlt zwar wohl kaum der Ehrgeiz, doch vermutlich die Überheblichkeit, Hochnäsigkeit, die Starallüren, die Routine samt aller ihrer Nachteile, und auch das Ego scheint nch nicht so groß zu sein. Stattdessen spürt man bis in den Zuschauerraum hinein Freundschaft und Harmonie. Philharmonie.

64 Jahre, für eine Komponistin ist das wenig. Dirigent Jukka-Pekka Saraste, der bei der Stückauswahl naturgemäß ein Wörtchen mitreden konnte, hat die fast gleichaltrige Saariaho zurecht mit gepusht. Wäre Bach ein Unbekannter gewesen, hätte Karajan ihn trotzdem spielen müssen. Herbert von Karajan ist zugegeben Österreicher, doch das tut nichts zur Sache.
Übrigens: nebenbei gesagt ist Jukka-Pekka zwar ein eindeutig finnischer, doch kein seltener Name. Noch nicht einmal ein Name, an dem man das Geburtsjahrzehnt ablesen könnte, so wie bei dem in Deutschland den Namen Claudia zu Sarastes Geburtsjahr 1956 plus minus ein paar Jahre als typisch zuordnen kann.
Valkeapää, der Regisseur von Muukalainen (Der Besucher) und anderen Filmen, die einige Preise einheimsten und u.a. in Venedig zu sehen waren, ist Jahrgang 1977 und trägt denselben Vornamen.
Saraste wählte Saariaho nicht, weil sie etwa aus demselben Ort stammten. In China wäre eine derartige Solidarität normal.
Saraste wurde in der 20.000-Einwohner-Kleinstadt Heinola geboren. Die liegt zwar auch in Südfinnland, aber in der Nähe von Lahti und fast 140 Kilometer von der Hauptstadt Suomis entfernt.

Eine berechtigte Frage wäre, warum der Dirigent hier so eng mit der Jungen Deutschen Philharmonie zusammenarbeitet. In dem Zusammenhang ist es vielleicht gut zu wissen, dass er nicht nur Künstlerischer Leiter des Sibelius-Festivals in Lahti ist, 30 Kilometer von Heinola entfernt, sondern seit Beginn der Saison 2010/2011 Chefdirigent des WDR-Sinfonieorchesters Köln ist (bis mindestens 2019).

Zeitgenössische Musik lag ihm schon früh am Herzen. 1983 gründete er mit Esa-Pekka Salonen das Avanti Chamber Orchestra vor allem für genau diese Musik.

Dabei ist das kein Rückzugsort, keine Nische.

Sarastes Karriere kann sich sehen lassen. Nicht nur in Oslo war er der Hauptdirigent. Es scheint fast, als hätte er eine Vorliebe für Orte mit Os: Orchester in London leitete er ebenso wie das Toronto und Boston Symphony Orchestra. Doch er war auch in Mailand und Dresden, um nur einige herausragende Stationen zu nennen.

Auch der Name Carl Nielsen taucht in Sarastes Wirken zentral auf: Die Schallplattenaufnahmen des Dirigenten umfassen Gesamtaufnahmen der Sinfonien von Jean Sibelius, um den man in Finnland nicht herumkommt und Carl Nielsens (1865-1931). Der Däne aus Fünen starb in Kopenhagen. Im Konzerthaus hörte man nach der Pause die 4. op. 29 („Das Unauslöschliche“). Ein schöner Titel. Die Sätze: Allegro – poco allegretto – poco adagio quasi andante und letztlich wieder Allegro.

Für die Jugend auf der Bühne zweifellos geeignet. An einzelnen Stellen hatte man wirklich das Gefühl, dass der handwerkliche Aspekt des Musizierens, die Arbeit, hervortrat, so schnell fast sägeartig huschte der Bogen über die verschiedenen Saiteninstrumente.

Apropos: Ein schöne Geste des Dirigenten zum Schluss, als er nach dem Empfang der Blumen diese sogleich und entschlossen an eine hervorragende Bratschistin weiterreichte.

Von Sergej Prokofjew mit dem scharfen ‚S‘ wurde das Konzert für Klavier und Orchester Nr.3 gegeben (in C-Dur op.26). Warum Ostseemusik? Nun, nachdem das Zarenreich vor Jahrhunderten Schweden als europäische Großmacht besiegt hatte (Schweden gehörten und anderem Teile Norddeutschlands, so auf der Insel Rügen), war ein Zugang zum baltischen Meer geschaffen worden. Sehr wichtig für den „Mann mit den zugenähten Ärmeln“ wie das Riesenreich aufgrund des Mangels an eisfreien Überseehäfen genannt wurde.
Sogleich wurde St. Petersburg dort an der östlichsten Ostsee gebaut, Keimzelle zunächst die Haseninsel in der Newa, nach abgeschlossenem Städtebau wurde die Metropole zur Hauptstadt des gesamten Reiches bestimmt, obwohl ganz am Westrand gelegen. Prokofjew selbst stammt aus Bachmut in der Oblast Donezk, die eher am Asowschen und Schwarzen Meer liegt, und starb in Moskau. Der russische Komponist war auch ein brillanter Pianist. Prompt muss also ein Solist am Flügel Platz nehmen; in Berlin Nikolai Lugansky. Dieser angenehme Zeitgenosse mit dem Lächeln im Gesicht legte sich am Klavier mächtig ins Zeug und interpretierte Prokofjew angemessen. Viel Energie konnte man in die Pause mitnehmen. Ganz sicher ein, wenn nicht der Höhepunkt des Abends.

Lugansky, der Moskauer mit dem absoluten Gehör, arbeitete schon mit Neeme und Paavo Järvi, Kurt Masur und Kent Nagano zusammen, unter vielen anderen.

Stellvertretend für viele andere sehr gute Musiker im Orchester sei hier wenigstens ein Name genannt: Caroline Fischbeck. Die Violonistin ist in ihren Zwanzigern und hört wohl seit der Geburt Musik. Auch ihr Vater ist, vor allem in Halle, als Konzertmusiker tätig. Manchen wird es eben in die Wiege gelegt, was nicht bedeutet, dass der Fleiß fehlen darf.