60 Jahre Melodie des Glockenspiels der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

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Noten der Melodie des Glockenspiels der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). 60 Jahre Melodie des Glockenspiels, oder wie der Komponist es niederschrieb, Motiv für das Glockenspiel der Gedächtniskirche werden es am 2. November.

Natürlich gibt es mehrere … Gedächtniskirchen. Auch in Berlin. Andere erinnern an andere Honoratioren. Doch wer Gedächtniskirche sagt, meint meist die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Touristen wie Einheimische, Neu-Berliner und Urberliner.

Selbst wer die Kirche nicht besucht, wird früher oder später das Glockenspiel der Kirche hören. Vielerorts erklingen Glockenspiele. Im Carillon in Tiergarten am Haus der Kulturen der Welt oder im Lüneburger Rathaus während der warmen Jahreszeit. In Lüneburg sind die Glocken aus Meißner Porzellan, weshalb sie während frostiger Zeiten nicht bespielt werden. „Glockenspiel“ ist sogar ein Fremdwort im Englischen, so dass die Glockenspiele Australiens, Neuseelands und Kanadas für deutsche Muttersprachler dort leicht zu finden sind.

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing‘“ gilt nicht für das Gedächtniskirchenglockenspiel. Die Melodie war wichtig (und unwichtig) genug, dass darüber „demokratisch“ abgestimmt werden konnte.

Eine Versicherung spendete 1959 das Geld für die Anfertigung eines Glockenspiels (18.000 D-Mark). Nicht nur war die Kirche im Krieg zerstört worden und daher der Turm verkürzt; auch das alte Glockenspiel ging in den 40ern verloren. Es war bei seiner Zerstörung erst ein paar Jahrzehnte alt gewesen. Die Kirche wurde gegen Ende des deutschen Kaiserreichs erbaut.

60 Jahre Melodie des Glockenspiels: Motiv eines Prinzen


Genauer gesagt eines preußischen Prinzen. Nun mag mancher sagen: Na klar, Vitamin B, Beziehungen und Pfründe … Halt. Seit der Weimarer Republik, die gerade, glaube ich, sind die Pfründe und Privilegien allerdings weg. Geschichte.

Es gab einen Wettbewerb für die Melodie. Sechs Einreichungen gingen ein. Eine gewann. Die Wahl war geheim.

Louis Ferdinand Prinz von Preußen, der auch noch Oskar und Christian hieß, war ein Kriegskind und starb jung, 33jährig. Eine standesgemäße Hochzeit war ihm noch vergönnt. Etwa zwei Jahre Eheglück mit Countess Donata of Castell-Rüdenhausen. Als er im Hochsommer ‘77 in Bremen starb – am 11. Juli 1977 – hatte er die dreiunddreißig noch nicht einmal vollendet. Im Club der 27er und 28er ist er nicht, aber er war schöpferisch tätig und hat sich mit seinem Choral verewigt, dessen erste fünf Takte auch nach 1977 bis heute rund um den Breitscheidplatz erklingen. Manche Wartende am Bahnhof Zoo und Besucher des Zoologischen Gartens vernahmen die Melodie – ohne zu wissen, dass sie sie einem echten Prinzen verdanken, einem deutschenobendrein, einem Preußen.

Prinz von … ?

Preußen, das einst an der Ostsee lag als Herzogtum, verstehen heute viele als das Land um Berlin herum und ein bisschen weiter. Das ist weder falsch noch richtig. Erst seit 1701, als sich Kurfürst Friedrich III. in Königsberg i.Pr. zum König in Preußen krönte und anschließend seine Frau, die Tochter des Kurfürsten von Lüneburg-Braunschweig, gibt es „Brandenburg-Preußen“. Bis dahin lag Berlin im Kurfürstentum Brandenburg. Und erst zwei Könige später, mit seinem Namensvetter, durfte sich der König „von“ nennen.
Friedrichs III. Frau, Sophie-Charlotte, wurde nach ihrem Tod 1705 auf Wunsch Königs Friedrich I. (ganz einfach, es ist derselbe Mensch) und seiner großen Liebe zu ihr Namensgeberin der ebenda neugegründeten Stadt.


Diese reichste Stadt Preußens mit ihren über 300.000 Einwohnern wurde als „Juwel der Krone“ von den Sozialdemokraten mitsamt dem Schloss, das bis 1918 Residenz war, als Bezirk Groß-Berlin eingemeindet und einverleibt. In Charlottenburg liegt unweit dessen Schlosses die Urkirche der Stadt, die Luisenkirche zwischen Schloß- und Wilmersdorfer Straße. Diese Gemeinde beschloss um die Jahrhundertwende den Bau der Kirche, in dessen Vitrinen heute das Notenblatt des preußischen Prinzen Louis Ferdinand ausgestellt ist, geboren am 25. August 1944 in Mysliborz. Kennt keiner?


In Berlin erinnert die Soldiner Straße* an die Stadt, die bis 1945 in der Neumark lag. Das ehemalige Soldin ist 14 Stunden zu Fuß oder eine Autostunde von Stettin/ Szczecin, der Hauptstadt der Woiwodschaft Westpommern, in deren Südwesten Myślibórz liegt. Die 46 Kilometer bis zur Oder schafft man mit dem Wagen in weniger als einer Dreiviertelstunde. Das Städtchen mit gut 11.000 Einwohnern liegt an einem großen See, etwa so weit nördlich wie Chorin oder Joachimsthal, nach dem die Straße westlich der Kirche benannt ist.

Wie feiern?

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Hier unten in der Gedenkhalle sind die Noten zu besichtigen. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Die Komposition wurde signiert am 2. November 1959. Das macht dann 60 Jahre Melodie des Glockenspiels.

Wie der 60. Geburtstag der Melodie gefeiert wird, möge sich jeder selbst überlegen. Kerze anzünden in der Kirche? Erzeugt Kohlendioxid? Sich warme Gedanken machen? Etwas weniger. Den ganzen Choral anhören (ginge theoretisch ja auch zuhause am warmen Ofen)? Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Beim Einkaufen im Bikini einfach mal zur richtigen Zeit raus- oder auf die Dachterrasse gehen?
Damit Zeit bleibt zum Planen der Feier, erfolgt schon jetzt die Erinnerung an das Ereignis, das jahrzehntelang hörbare Folgen hatte – und hat.


*Zur Verständnis der Lage der Soldiner Straße nutzt in Blick in den Beitrag über die Galerien in der Koloniestraße. https://kulturexpresso.de/made-in-wedding-made-in-germany-kunstausstellung-in-der-koloniestrasse/

Was in der Gedächtniskirche so los ist: https://kulturexpresso.de/gedaechtniskirche-the-place-to-be-the-berlin-orchestra-in-der-kirche/

https://www.gedaechtniskirche-berlin.de/

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche: Dort oben das Glockenspiel. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser
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