Der unsterbliche Weg. Peter Handke zeigt in einem Film, wie und wo er arbeitet – und allerorten fragen sich die Leute, wie sie leben sollen

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© Foto: Andreas Hagemoser, 2016

Berlin/ Bodensee, Deutschland (Kulturexpresso). Handke ist scheu. Fast behutsam nähert man sich ihm.
Zu Anfang bin ich enttäuscht. Ein Polaroidbild Handkes, unscharf zudem, soll einführen.
Das Innere eines Waggons, Menschen stehen. Pendler. Dann draußen. Der Zug verlässt den Bahnhof. Auf dem regennassen Bahnsteig bilden sich Pfützen. Danach sehen wir Tropfen auf den Blättern und einen Herrn zuhause, dem wir im Zug schon begegnet sind. Es scheint der Schriftsteller zu sein.
Die langsame Annäherung scheint banal, ihre Vorsicht tut aber letztlich gut.
Die Haltestangen im Waggon kennt man aus deutschen S- und U-Bahnen. Der ankommende Regionalzug fährt als Hochbahn, das könnte vielerorts sein. In Hamburg zum Beispiel. Berlin ist es nicht, aber das liegt nur daran, dass wir Berlin sehr gut kennen. Später sehen wir eine der wenigen, schönen Panoramaaufnahmen. An ihnen kann man sich sattsehen.
Der Häuserteppich einer Stadt füllt bald die ganze Leinwand aus, obwohl der Kamerastandpunkt weit von der Stadtmitte liegt.
Durch eine grüne, wunderschöne Landschaft im kilometerweit entfernten Vordergrund windet sich ein Zug auf den Geleisen, auf denen sich das Sonnenlicht spiegelt. Nur langsam wird die Eisenbahn kleiner.
Hinten links im Bildmittelgrund erkennen wir den weltbekannten Turm des Herrn Eiffel und wir wissen nun, wo wir sind.
Handke liest aus seinen Werken. Unter anderem seine Lieblingsstellen. Langsam, nur für die Kamera. Wir sehen privat zu.
Handke liebt das Leben und scheint sich in Achtung zu üben. Er überwindet sich, einen Steinpilz zu zerschneiden, obwohl er sich sicher ist, dass dieser wurmfrei. Das wunderbare weiße Fruchtfleisch erfreut. Peter Handke weist auf das Geräusch des Zerschneidens hin, das ihn begeistert. Andere nennen ihn einen Pilztrottel. Die Scheu vor Menschen und die Liebe am Kleinteiligen sind unter anderem in diesem Begriff exemplarisch enthalten.
Auf dem Holztisch im Garten, in den die Feuchtigkeit große Löcher gefressen hat, die den Blick auf den darunterliegenden Rasen freigeben, liegen kleine Äpfel, deren Genießbarkeit infrage steht, zwischen Stiften.
In einer anderen Szene markiert der Autor mit weißen Muscheln einen Trampelpfad im Garten und sinniert darüber, dass der Sand in einer spiralförmig gedrehten Muschel, der sich seit „zwei Millionen Jahren dort befindet“, nicht salzig sei.

Rechner sind unerotisch

Handke hat nie etwas am Computer verfasst.
Nicht weil er technikfeindlich wäre oder zu alt, um Rechner zu verstehen.
Das Bedienen der Tastatur ist ihm schlicht zu unerotisch.
Elektrische Schreibmaschinen – „Gibt es die noch?“, fragt er die Frau hinter der Kamera zwischendurch – hätten ihm in ihrem erwartungsvollen Brummen zuviel abverlangt und die Stille gestört.
Mechanische Schreibmaschinen mochte er, wegen des Geräusches. Prompt sehen wir eine alte Szene in Schwarzweiß, in dem der junge Handke einen Buchstaben auf das Papier hackt und den Bogen anschließend gleich ausspannt und zerknüllt. –
Meist jedoch sehen wir Blätter seiner Notizbücher; mit TINTE geschrieben. Mit dunkler, zuweilen aber auch roter Tinte. (Bestimmt, weil sie sinnlicher ist als der vom Kugelschreiber zerdrückte Brei.)
Manchmal verwaschen, wie es mit wasserlöslichen Tuschen passieren kann. Von Tränen, vom Regen? Unklar.
Handkes Sätze sind genau gesetzt.
Ge-sätzt.
Er beschreibt es als harte Arbeit, Als die Filmemacherin nachbohrt – manchmal geht ihm das zu weit – findet er eine ihm nicht hinlänglich erscheinende Metapher für seinen Schreibprozess; so wie er sich bisweilen gestaltet.
Manchmal wolle, müsse man durch eine Tür, aber es gelinge auf keine Weise. Die Klinke würde abbrechen, aber die Tür gebe keinesfalls nach. Verzweiflung.
Birgit Jochens, ehemalige Charlottenburger Museumsdirektorin, publizierte selbst recht häufig und fungierte als Herausgeberin. Einen bestimmten, groben Schreibstil, den sie nicht veröffentlicht sehen wollte, beschrieb sie als „holzschnittartig“.
Handke würde für seinen Stil sagen: Das trifft es nicht. Das ist nicht das richtige Wort.
An einer Stelle des Films fehlt ihm ein Ausdruck und die Frauenstimme der Filmemacherin Corinna Belz macht ihm aus dem Off einen Vorschlag. Fest und bestimmt sagt er mit dem Nachdruck des vielverlegten Schriftstellers, der manche Worte nicht findet, aber weiß, welche es nicht sind: „Das ist nicht das richtige Wort.“
Handke lebt. Anders als die Schriftsteller, die in teils großen Streifen in diesem Jahr auf der Leinwand verkörpert werden – darunter Ernest Hemingway, Thomas Wolfe, F. Scott Fitzgerald in „Genius – Geschichte einer Freundschaft“ von Michael Grandage mit Colin Firth, der seit dem 11. August im Kino ist (die genannten Autoren werden von Dominic West, Jude Law und Guy Pearce gespielt) – ist er selber präsent. Er kann in seinem Alter auf ein größeres Œuvre zurückblicken. Mehrfach fährt die Kamera an den hohen Bücherstapeln empor, die ausschließlich aus Handkes Werken bestehen. Immer neue Buchtitel tauchen auf, andere entschwinden den Blicken.
Wer in der Bundesrepublik Deutschland aufwuchs und in den Siebziger und Achtziger jahren zur Schule ging, bevor die Wiedervereinigung nicht nur das Schulwesen in der ehemaligen DDR auf den Kopf stellte, kam an Handke nicht vorbei. Nachdem man Goethe und Schiller kennengelernt hatte, Ibsen vielleicht, Fontane? kam man mit Handke in der Gegenwart der BRD an. Der „Ritt über den Bodensee“. Bitte interpretieren sie. Was möchte der Autor sagen? „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“.

Der Himmel über Berlin – schwarz auf weiß und in Schwarzweiß

„Der Himmel über Berlin“. Eine Würstchenbude an der Bundesallee Ecke Güntzelstraße an einer Tankstelle rühmte sich lange, Drehort zu sein, von Wim Wenders‘ Schwarzweißfilm mit Engel und Siegessäule. Die Namen der weltbekannten Schauspieler prangten in der fettbespritzten Scheibe.
Und wer hat’s geschriiieben? Der Mann mit dem PH-Wert.
Handke ist, nebenbei gesagt, denn der Film thematisiert das nicht, nicht nur Verfasser.
Er übersetzte unter anderem „Der Kinogeher“ von Walker Percy. Gerade in Frankreich gilt der Übersetzer als co-auteur, als Ko-Autor, der dem Ersteller des Originals in gewisser Weise ebenbürtig ist und letztlich über die Perzeption eines Textes für eine Sprachgemeinde entscheidet. Eine Tatsache, die bei den Leserinnen von aus dem amerikanischen Englisch übersetzter Unterhaltungsliteratur genauso vergessen wird wie von den meisten anderen Rezipienten bedruckten Papiers und irgendwelcher auf dem Bildschirm aufflackernder Wortfetzen, von denen man noch nicht einmal weiß, ob sie in der Originalsprache deutsch geschrieben oder getippt wurden oder von einem maschinellen Programm trans-holperiert.
Walker Percys Erstlingswerk ‚The Moviegoer‘ (französisch ‚Le Cinéphile‘, ‚L’uomo che andava al cinema‘) nannte Handke „Eine seltene wahre Geschichte“. Das Buch machte Percy gleich berühmt.
Ein guter Übersetzer ist die halbe Miete.
Peter Handkes Texte wurden nicht in Blut geschrieben, aber es sind keine Dünnbretttexte. Die Mühe des Herstellens ist (Gott sei Dank) nicht immer zu spüren, aber seine Worte haben Gewicht.
Handke ist wohl selbst ein Kinogeher, wie der Romantitel, der nicht von ihm stammt, es besagt. Vielleicht hat ihn der Titel sogar angezogen. Doch er beließ es nicht beim Schauen:
Eine Filmsequenz wird zitiert. Schwarzweiß schauen wir auf eine regendämmrige (Land?) Straße. Ein Wagen hält vor einem Gehöft. Große Schrift erscheint auf der Projektionsfläche.
„Allerorten beginnen sich die Menschen zu fragen, wie sie leben sollen.“ (Das Zitat ist nicht wörtlich bzw. nicht vollständig.)
Doch wenn man es sacken lässt, wenn man sich die Zeit nimmt, Wörter und Worte sacken zu lassen – und nicht zum 200. Mal an diesem Tag auf sein Smartphone guckt, um nachzuschauen, ob die Welt einen nicht doch vergessen hat oder um mangels Armbanduhr die Uhrzeit zu erfahren, die jetzt „17 Uhr 30“ heißt und nicht halb sechs, schon gar nicht mehr „kurz nach halb sechs“, sondern immer 17 Uhr 32 oder 33 oder 34 –
wenn man sich geistig noch Texten öffnen kann, die in diesem Handyzeitalter, auf das bestimmt ein anderes folgen wird, von 160 Zeichen einer SMS als Leseeinheit bestimmt wird,
dann könnte man Sinn spüren, seinen Horizont erweitern, den großen Wortozean hinter den Dünen vielleicht doch im Wind erahnen und Freiheit verlangen.
Unbegrenzte und ungebremste Möglichkeiten bietet der Geist. Heute wird fast jeder Computer eingekastelt und eingeschränkt durch Programme und ein Betriebssystem, das achsoviel ermöglicht – und doch fast nichts.
Immer wieder hört man, wir nutzten nur einen geringen Teil unseres Gehirns. Ja, das ist so. Doch gibt es Wege, am Salz des ungebremsten, unzensierten, undogmatierten weiten offenen Ozeans der Worte zu schmecken, der spiegelglatt und sonnig sein kann oder von einem wilden, nächtlichen Sturm gepeitscht.
Die Gedanken sind frei. Die Wörter waren es mal. Leute wie Handke können uns in die richtige Richtung bringen, auf den Weg, selbst zu denken, zu formulieren, zu verstehen. Wirklich weiterzukommen. „Nie wieder Krieg“ war 1946 ein weitverbreiteter Gedanke, ein Spruch, ein Konsens. Die Umformulierung in „Nun endlich Frieden.“ „Friede und weiter Frieden!“ ist schon ein geistiger Akt.
In Zeiten eines verengten und sich noch verengenden Mainstreams, der schon gar nicht mehr fließt, sondern faulig in der Sackgasse dümpelt wie die Alte Spree und jeder andere, abgetrennte alte Flussarm als Folge einer sinnlosen BEGRADIGUNG, ist jede Anregung hilfreich. Handke gab und gibt solche Anregungen.
Den geistige Stillstand des beginnenden 21. Jahrhunderts, übertüncht von dem, wie man hört, sich immer schneller verdoppelnden Wissen, von den angeblich unbegrenzten Möglichkeiten und der angeblichen Freiheit des Internets, können wir nur durch Denken hinter uns lassen.
Handke weiß nicht, was mit den Wörtern passiert, nachdem er sie so kombiniert freigelassen hat.
Gewollte und ungewollte Ergebnisse zeitigt die Literatur.
Jeder Beitrag zur Freiheit des Geistes, jeder Ruderschlag auf dem Weg zum Horizont des Ozeans ist hilfreich.

„Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ startet am 10. November 2016 in den bundesdeutschen Kinos.

(Premiere wurde gefeiert auf dem Filmfestival Locarno am Samstag, den 6. August 2016 um 16 Uhr im „La Sala“, wiederaufgeführt am Di., 9. August im PalaVideo. Lief im Wettbewerb – Außer Konkurrenz.)

(Die Stadt im Hintergrund: Paris, die Hauptstadt Frankreichs.)

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