„Der Wille des Volkes? – Darauf geschissen“ in „Die Kakerlake“ von Ian McEwan

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"Die Kakerlake" von Ian McEwen. © Diogenes

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Mit dem Roman „Die Kakerlake“ legt der 1948 in Aldershot, einer Stadt in der englischen Grafschaft Hampshire des Vereinigten Königreiches (VK) geborene und bei London lebende Autor Ian McEwan ein 144 Seiten umfassendes Werk im Hosentaschenformat vor, dass beachtlich beult, auch den Kopf.

Der einst englische und französische Philologie studierende VK-Schriftsteller, der mit „Erste Liebe, letzte Riten“ (1975) seinen ersten Wurf landete, und dann beinahe jedes Jahr einen Roman oder eine Kurzgeschichte rausballerte, zwischendurch auch einmal ein Theaterstück schrieb und Drehbücher raushaute, legte im letzten Jahr erst „Maschinen wie ich“ vor und lud dann mit „Die Kakerlake“ nach.

Nicht die City of London gerät ins Visier seiner Linguistikartistik, sondern Westminster. Daher wirkt es wohl besonders witzig, wenn die bitterböse Politsatire als eine „Novelle … der Fiktion“ vorgestellt wird mit dem Warnhinweis, dass „Namen und Figuren … der Phantasie des Autors“ entsprungen seien „und jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Kakerlaken … rein zufällig wäre“. Kalauer und Konsorten ziehen sich wie ein Kaugummi durch das Werk, so dass dies manche für einen roten Faden halten werden.

Und das beginnt so: „Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwacht, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt. Eine Weile blieb er auf dem Rücken liegen (nicht gerade eine bevorzugte Stellung) und betrachtete verwundert die fernen Füße, die wenigen Gliedmaßen. Bloß vier, natürlich, und zudem recht unbeweglich…“ Sams ist nämlich nicht mehr eine krabbelnde Kakerlake mit sechs Beinen, die mit unzähligen Artgenossen hinter der Täfelung des „angenehm modrigen“ Palastes von Westminster lebte, sondern zweifüßig in 10 Downing Street unterwegs.

Staat sicher „hinter den Palastpaneelen und unter den Bodendielen“ des Westminster-Palastes oder – no risk, no fun – auf Ausflügen zu den Gourmand-Haufen der Horse Guards steht die Kakerlake als Premierminister seinen Mann, erst im Mansardenzimmer, dann im Ministersaal.

Am Rednerpult der Prime Minister`s Questions wird die Kakerlake am Rednerpult zum Hecht im House of Commons genannten Unterhaus und aalt sich zwischen „ausgelassenen Beifallsrufen“ und dem Blocken der „Schafe“ und im Glanz der Gewissheit, „nach einem kurzen Blick in die Zeitungen … gewiss nicht schlechter“ dafür gerüstet zu sein „als die anderen“. McEwan lässt kein gutes Haar am Polit-Klimbim im VK und seine Romanfiguren sagen: „Der Wille des Volkes? Darauf geschissen.“

McEwans Kakerlake ist als „mächtigster Mann“ im VK auf einer Mission, wie es beim Verlag Diogenes heißt, um „den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen. Er ist wild entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen: weder von der Opposition noch von den Abweichlern in seiner eigenen Partei. Und erst recht nicht von den Regeln der parlamentarischen Demokratie. Ian McEwan verneigt sich vor Kafka, um eine Welt zu beschreiben, die kopfsteht.“

Oder wie McEwan schreibt: „Wenn das Parlament geschlossen wird, sodass die Regierung in einem kritischen Moment nicht herausgefordert werden kann, wenn Minister schamlos lügen wie einst die Sowjetführer, wenn Brexiters in hohen Positionen die Katastrophe eines No-Deals geradezu herbeiflehen – dann muss ein Schriftsteller sich fragen, was er tun kann. Es gibt nur eine Antwort darauf: schreiben.“

Ein beachtliches, bissiges Buch zum Brexit, das darüber hinaus weist.

Bibliographische Angaben

Ian McEwan, Die Kakerlake, Roman, 144 Seiten, aus dem Englischen von Bernhard Robben, gebunden, Leinen, Verlag: Diogenes, 1. Auflage, 27. November 2019, ISBN: 978-3-257-07132-0, Preise: 19 EUR (Deutschland), 19,60 EUR (Österreich), 26 SFr

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