Internationaler Frauentag. Der überraschende Feiertag – nur echt in Berlin

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Frau mit Kind. © Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Internationaler Frauentag? Seit Berlin zur Bundesrepublik Deutschland gehört – wir erinnern uns, 41 Jahre Jahre lang war das nicht der Fall, West-Berlin war das einzige militärisch regierte Territorium Europas und trotz ähnlichen Lebensstandards, Freizügigkeit und Reisefreiheit juristisch und völkerrechtlich nicht Teil der Bundesrepublik – wurde der Internationale Frauentag nicht offiziell begangen.

In Ost-Berlin, der „Hauptstadt der DDR“, obwohl das Territorium gar nicht Teil des Staatsgebietes der DDR war und sein durfte, wurde der Internationale Frauentag mehr oder weniger gefeiert. Manche Frauen ärgerten sich darüber, dass zwar gefeiert wurde, doch Tee und Kaffee sowie Schnittchen doch wieder von ihnen vorzubereiten waren und die Feier dadurch auch Nachteile hatte.

Jedenfalls waren die Frauen am Frauentag doch wieder am arbeiten; sogar noch mehr, da ja die ‚ganze Meute‘ zu beköstigen war – wie an jedem Feiertag. Die Frauen in der Küche und am Bedienen – daran änderte sich auch am 8. März nichts. In China ist wenigstens der Nachmittag für Frauen frei. Dass in der Volksrepublik in Peking die Kommunistische Partei Chinas das Sagen hat, scheint diese Regelung begünstigt zu haben.

Vor kurzer Zeit beschloss der Senat Berlins unter der Führung des Regierenden Bürgermeisters Müller, den Internationalen Frauentag zum gesetzlichen Feiertag im Land Berlin zu bestimmen. Viele wurden davon überrascht.

Internationaler Frauentag – und nichts funktioniert

Am S- und Fernbahnhof Friedrichstraße war am Abend viel los. Die anderswo geschlossenen Geschäfte lockten viele hierhin, um Einkäufe zu tätigen. Bücher waren wohl weniger dabei, vielleicht bei Ludwig; Dussmann hatte zu, obwohl sonst bis Mitternacht geöffnet. Dafür stand ein Schild im Schaufenster: Sonntag von 13-18 geöffnet. Die Läden im Bahnhof sind aufgrund der Sonderbestimmungen für Geschäfte in Flughäfen, Seehäfen und Bahnhöfen auch sonn- und feiertags geöffnet. Bei Edeka bilden sich lange Schlangen an dem halben Dutzend Kassen.

So dringend war unser Einkauf dann doch nicht, zudem ein alter Merkspruch zurecht heißt: „Gedränge nur dem Dieb gefällt, drum Augen auf und Hand aufs Geld!“

Wichtiger war, einen dringenden Brief loszuwerden. Auf der Post hatten wir es bereits versucht, sie hatte im Bahnhof Friedrichstraße am 8.3. zwar geöffnet, jedoch kürzer – nur bis 20 Uhr. Das wurde auf einem Zettel an der Eingangstür kundgetan, die um 20.10 Uhr – aus der Sicht vieler überraschend – verschlossen war. Ob die Post am Flughafen Tegel noch aufhatte?

Lange Schlangen, kaputte Automaten, ungewisse Briefkastenleerung – eine Feiertagsrealität

Nach den Besuchen der verschlossenen Türen bei Post und Buchladen zunächst der Gang zur Bank. Eine kleine Summe Geldes Euro einzuzahlen, gelang nicht, da der einzige Automat mit dieser Funktion der Meinung war, die Tresortür sei nicht verschlossen. Ob der Automat eine Frau war oder nicht, konnte zwar nicht abschließend geklärt werden, jedenfalls reihte er (?; Genus muss nicht Sexus sein, siehe „das Mädchen“) sich in das Feiertagsnichttun ein. An einem normalen Wochentag – der 8. März war ein Freitag – hätte ein Techniker (oder eine Technikerin) vor Feierabend da sein können, um mit dem Automaten zu reden, so aber waren die Kollegen schon Donnerstag abend im Wochenende.

Zuletzt versuchten wir gegen 21 Uhr, an der Friedrichstraße unter der Bahnunterführung die Post einzustecken. Dort stehen regengeschützt mehrere Briefkästen der Deutschen Post mit einem roten Punkt, der schon von weitem auf Sonn- und Feiertagsleerung hinweist. Da es sich um eine wichtige Sendung handelte – darum der Gang zur Post, wie erwähnt – warteten wir am Briefkasten auf das Leerungsfahrzeug. Die am Kasten vermerkte Zeit muss eingehalten werden, vor neun Uhr durfte also keine Leerung erfolgen, zwischen neun und halb zehn passierte jedoch auch nichts. Zurück zum Supermarkt, wo die Schlangen an den Kassen wenigstens kürzer geworden waren.

Sogar die erfolgsgewohnte ITB, die wie die anderen Berliner Messen IFA und Grüne Woche gewöhnlich von Ausstellerrekord zu Besucherrekord eilen, vermeldete nach Messeende Sonntagabend, 10. März, dass die Besucherzahl leicht hinter der Vorjahreszahl zurückgeblieben sei. Viele hatten den unverhofften Feiertag kurzfristig zu einem langen Wochenende genutzt und damit einem möglichen neuen Besucherrekord bei der ITB einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Reales Reisen statt richtiger Reisevorbereitung.

Während einige erst am Freitagabend merkten, dass die meisten Geschäfte geschlossen hatten, nutzten andere den kurzfristig anberaumten gesetzlichen Feiertag für Freizeitzwecke.

Internationaler Frauentag, Käte Duncker und Clara Zetkin

Mit Ausnahme der DDR wurde der Internationale Frauentag, von einer Deutschen initiiert, in Deutschland seit 1949 nicht gefeiert.

Auf dem Weg vom Bahnhof Friedrichstraße zur Buchhandlung südlich der Dorotheenstraße überquert man ebendiese. Sie hieß von 1951 bis 1995 Clara-Zetkin-Straße.

Damit ist Clara Zetkin aber nicht gänzlich aus dem Straßenbild Berlins getilgt worden. Nicht nur gibt es in Hohen Neuendorf und Glienicke/ Nordbahn, Grenzgemeinden von Berlin, Clara-Zetkin-Straßen, sondern auch in dem Bezirk, der heute Marzahn-Hellersdorf heißt, einen auf dem Stadtplan nicht zu findenden Clara-Zetkin-Weg und seit 1997 einen kleinen Clara-Zetkin-Park. Allerdings befindet sich der Park fast an der Stadtgrenze, kurz vor den Endhaltestellen der Tram und S-Bahn nach Ahrensfelde und damit an weitaus weniger prominenter Stelle. Auch sind Eiche- und Bürgerpark, Jelena-Santic-Friedenspark, Rohrbruch- und Seelgrabenpark nicht nur zentraler, sondern weitaus größer und die Gärten der Welt sogar über die Stadt hinaus bekannt.

Die Dorotheenstraße in der Dorotheenstadt führt zum Reichstag und damit zu einer der wichtigsten Wirkungsstätten Zetkins. Gregor Gysi hatte wohl auch deshalb 2012 vorgeschlagen, ein Gebäude an der kreuzenden Wilhelmstraße nach ihr zu benennen, fand aber bei Bundestagspräsident Lammert kein Gehör.

Klára Zetkinová, wie sie in Tschechien heißt, lebte von 1857-1933. Sie war unter anderem Reichstagsabgeordnete und als solche in den letzten Jahren Alterspräsidentin. Die Internationalität wurde ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt: Geboren im Königreich Sachsen erlebte sie das Zweite und Dritte Reich samt Weimarer Republik und starb in der Nähe Moskaus in der Sowjetunion. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs und des Kaiserreichs war Zetkin Mitglied der USPD, in Spartakusgruppe und -bund sowie KPD. Von 1924-29 lebte sie hauptsächlich in der Sowjetunion, 1926 wurde in Berlin ihr Buch „Im befreiten Kaukasus“ veröffentlicht.

Den Frauentag intiierte sie gegen männlichen Widerstand unter Parteigenossen auf der sozialistischen Frauenkonferenz am 27.August 1910 in Kopenhagen zusammen mit Käte Duncker, Hermann Dunckers Frau.

Internationaler Frauentag – 2019 erstmals gefeiert?

Der Tag sollte am 19. März 1911 erstmals begangen werden, ab 1921 am 8. März.

Es ging um Gleichberechtigung, Frauenwahlrecht und Arbeiterinnenemanzipation.

Zetkin als Hauptbefürworterin wechselte zur KPD, die den 8. März beging, die SPD feierte erst ab 1926 wieder, allerdings ohne festes Datum. Es gab in den Zwanziger Jahren also zwei Frauentage. Nach Einführung des Frauenwahlrechts ging ein bisschen die Stoßrichtung verloren. Man hatte ja nun das Wahlrecht (innerhalb weniger Jahre nach Einführen des Tages der Frau) erreicht, wozu genau sollte der Tag nochmal gut sein? 1933 bis 45 war der Frauentag verpönt und der Muttertag wurde herausgestellt. 1946 wurde er in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wiedereingeführt. Die SPD fing in Friedenszeiten ein bisschen wieder an, doch das ebbte ab, der Termin lag meist zwischen Februar und Mai.

Das Jahr des größten Erfolges in Frauensachen wurde 1975. Nicht nur ein Tag der Frau, ein Jahr der Frau wurde ausgerufen und auf Briefmarken zum Beispiel der Deutschen Bundespost angekündigt. Anschließend eine Dekade der Frau.

Internationaler Frauentag international

In diesem Jahr ist der Tag des weiblichen Geschlechts gesetzlicher Feiertag in etwa 26 Ländern, darunter in großen Staaten wie Russland und Weißrussland, aber auch in so unterschiedlichen Staaten wie Armenien und Nepal.

Auffällig ist die große Anzahl ehemals sozialistischer und GUS-Staaten. Zwar hat sich das Baltikum in einer Kehrtwendung dem Westen zugewandt (und den Tag abgeschafft), doch sind die drei GUS-Staaten, die schon früher in der UNO waren, genauso dabei wie alle kaukasischen, mittelasiatischen und Moldau. Von den „sozialistischen“ fehlt Venezuela, überhaupt scheint in Amerika nur Kuba mitzumachen. Angola zeigt bis heute rotschwarze Flagge mit Zahnrad und fünfzackigem Stern. Die Mongolei, Laos, Kambodscha und Vietnam verwundern als Feierstaaten wenig; eher, dass Myanmar nicht dabei ist. Sambia war 1973-90 Einparteienstaat, die Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit ist die einzige politische Partei Eritreas. Milton Obote stand für den „Afrikanischen Sozialismus“ und führte 1966 ein Einparteiensystem in Uganda ein. Obervolta wurde 1984 von dem sozialistischen Präsidenten Sankara in Burkina Faso umbenannt.

Während Alice Schwarzer vernünftigerweise 2010 forderte: „Schaffen wir ihn […] endlich ab […] ! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.“, erlebte er regional immer wieder einen Höhenflug. So in Österreich 2016 und spanischsprachigen Ländern vergangenes Jahr. Dort streikten 2018 über fünf Millionen Menschen unter dem Motto „Wenn die Frauen streiken, steht die Welt still.“ Sogar die Königin von Spanien machte mit. 2019 verlief die Feier in der Türkei verschieden: normal in Ankara, in Istanbul am Abend von der Polizei gestoppt. Das österreichische Fernsehen berichtete bereits um 20.44 Uhr: Der traditionell friedliche Marsch wurde unterbunden, indem die altherbrachte Route vom Taksimplatz durch eine dort beginnende große Einkaufsstraße bereits früh am Abend und kurz hinter dem Platz durch behelmte Polizisten mit Schilden blockiert wurde. Als die Menge sich nicht auflöste, wurden Gummigeschosse und Tränengas verschossen.

Berlin – aus heiterem Himmel

Berlin ist das einzige von 16 Bundesländern, dass den Internationalen Frauentag feiert.

Der Regierende Bürgermeister Müller (SPD) war 2018, aus welchem Grunde auch immer, auf der Suche nach einem neuen Feiertag. Den 17. Juni wenigstens in Berlin wiedereinzuführen als Tag der Deutschen Einheit, erschien wohl gedoppelt. Immerhin: Im Juni 1953 war einiges passiert, Blut war geflossen nicht nur in Ost-Berlin. Der 3. Oktober wurde von der Regierung festgelegt und zelebriert einen Verwaltungsakt. Der Reformationstag hingegen war wohl zu religiös und nur für eine kleinere Klientel relevant. Gender-korrekter ist da schon so ein Frauentag. Etwa die Hälfte der Menschen geht er direkt etwas an, die andere indirekt. Dass sowohl Zetkin als auch Duncker lange SPD-Mitglied waren, mag Müller mutmaßlich nur recht gewesen sein. Wenn die SPD unter den Frauen Stimmen gewinnt und unter den Männern nicht verliert – wer hat schon etwas gegen einen Feiertag außer im Finanzministerium oder bei der IHK? – dann hat die Einführung schon seinen Sinn.

Mit Wirkung vom 7. Februar 2019 wurde der 8. März festgelegt. Recht kurzfristig, wer vor dem 7.2. mehrere Wochen in Urlaub ging, hat das bestimmt nicht verfolgt.

Der Tag heißt im englischsprachigen Raum und weltweit International Women‘s Day (IWD).

Phumzile Mlambo-Ngcuka, UN-Unter-Generalsekretärin, stellte anlässlich des Festtages 2015 fest: „Heute hat nicht ein einziges Land Gleichheit erreicht.“

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