Siegfried-Lenz-Preis für Ljudmila Ulitzkaja. Zarte und grausame Mädchen

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Bibliotheksbuch von Ludmilla Ulizkaja
Buch von Ljudmila Ulitzkaja. "Zarte und grausame Mädchen". 1994 in Berlin erschienen, im Verlag "Volk und Welt". Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. © Copyright Photo/BU: Andreas Hagemoser, 2020

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ljudmila Ulitzkaja erhielt den Siegfried-Lenz-Preis, der nur alle zwei Jahre in Hamburg vergeben wird. Sie erhielt den Preis und sie erhielt ihn auch wieder nicht. Zugesprochen wurde ihr die erst seit 2014 vergebene Auszeichnung. Aus irgendeinem Grunde – man ahnt, dass es um die Epidemie geht – wird die feierliche Verleihung erst im März 2021 stattfinden. Am 19. März 2021. Kann man sich gut merken, Eselsbrücken: Verschiebung wegen Covid-19, 19-20-21. Die Zeremonie der Preisübergabe wird im Hamburger Rathaus stattfinden. Übergeben wird der Siegfried-Lenz-Preis durch der Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, im Moment ist das Herr Tschentscher, den wir von den Pressekonferenzen mit Frau Merkel und Herrn Söder kennen zum Beispiel am Mittwoch, den 17. Juni, der ja nun kein Feiertag mehr ist.

Gut, dass es sich um einen zweijährlichen Preis handelt. So besteht je nach Verlauf der Pandemie die Chance, dass er 2022 wieder turnusgemäß einen Empfänger findet.

Die ersten Preisträger waren Amos Oz, Julian Barnes und Richard Ford. Ljudmila Ulitzkaja befindet sich also in bester Gesellschaft, wie sie selbst im Dankesbrief auch anmerkt. Am 18. März, einem historischen Datum, wird sie persönlich in Hamburg sein. Der Laudator steht noch nicht fest. Bei der Erstvergabe war es Frank-Walter Steinmeier.

Ljudmila Ulitzkajas Werke

Ljudmila Ulitzkajas Werke auf deutsch. Eine hoffentlich vollständige Liste folgt unten. Jedenfalls ist sie vollständiger als manch einschlägige Online-Enzyklopädie.

– Sonetschka: Eine Erzählung. Berlin 1992. Original: 1992.

– Zarte und grausame Mädchen. Erzählungen. Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. Volk und Welt Berlin 1994. Originale: 1992, 1993. (Steht nicht in Wikipedia.)

– Medea und ihre Kinder. Berlin 1997. Original 1996.

– Ein fröhliches Begräbnis. Berlin 1998. (1998)

– Reise in den siebenten Himmel. Volk und Welt, Berlin 2001 (2000, EKSMO).

– Die Lügen der Frauen. 2003. Original 2003: Сквозная линия / Skvoznaja linija. (Wörtlich: Durchgehende Linie, ununterbrochene.)

– Ein glücklicher Zufall und andere Kindergeschichten. 2005 Original 2003: Детство сорок девять / Detstvo sorok devjať. Wörtlich: „Kindheit 49“.

– Ergebenst, euer Schurik 2005. Original 2004.

– Daniel Stein. Hanser, München 2009, Original 2006: Даниэль Штайн, переводчик / Daniėľ Štajn, perevodčik. Wörtlich: Daniel Stein, Übersetzer.

– Maschas Glück. 2009 dtv.

– Das grüne Zelt. 2012, Original 2010

– Die Kehrseite des Himmels. 2015. Original 2012

– Jakobsleiter. 2017. Original 2012

„Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt.“ Das gilt eigentlich für alle Ihre Werke.

Wie schreibt man Ljudmila Ulitzkaja?

Man erwartet als Deutscher oder deutschsprachiger Mitteleuropäer vielleicht, dass „Ljudmila“ ohne „j“ geschrieben wird, „Ludmila“ etwa, oder „Ludmilla“. Der 10. Buchstabe unseres Alphabets – die lateinischen Buchstaben benutzen ja auch Schweden, Kroaten, Dänen und Türken, die ihre eigenen dazwischenmengen, weshalb sich gegenüber den gewohnten 26 Buchstaben sowohl die Anzahl als auch die Reihenfolge im Wörterbuch verändern kann – wurde nicht dazwischengemogelt. Es handelt sich ja um eine Umschrift. Der Name der Schriftstellerin schreibt sich tatsächlich ja Людмила Улицкая. Es gibt im kyrillischen Alphabet, das viele Völker benutzen – man denke an die Bulgaren – Buchstaben, die „ja“, „je“, „jo“, und „ju“ lauten. Im Deutschen braucht man für die Verschriftung (oder Transliteration) zwei Buchstaben.

Das ist so ähnlich wie mit dem „sch“ (im Buchstabieralphabet ‚Schule‘, nicht ‚s-c-h‘ wie Ess-Zeh-Haa), für das manche anderen Sprachen nur einen Buchstaben benötigen. Ein „S“ mit einem diakritischen Zeichen zum Beispiel oder eine eigene Letter. $, nee, die nicht. Das ist eine Abkürzung für US, wie wir von Ayn Rand aus dem Buch „Atlas wirft die Welt ab“ wissen. „Sch“ ist im Russisch-Kyrillischen „Ш“, in anderen Schriften vermutlich „ȿ“, „Ṥ“, „Ṣ“, „Ṧ“, „Ṩ“, „ʂ“ und so weiter.

„Ja“ schreibt sich im Original „я“, „Ju“ nicht „You“, sondern „ю“. L. Ulitzkajas Name hat 14 Buchstaben, je 7 für den Vor- und Nachnamen. Im Original. Im Deutschen braucht man mehr zweimal acht, also sechzehn.

Wikipedia nennt sie „Людмила Евгеньевна Улицкая“. Das ist falsch. Zumindest, wenn man nicht weiß, wie man mit den Informationen umgeht. Das Patronym in der Mitte wird, außer vielleicht bei einem Verhör der Polizei, nicht mit gesprochen. John F. Kennedy oder John Fitzgerald Kennedy kann man sagen, Ljudmila Jewgenjewna Ulitzkaja nicht. Ljudmila Jewgenjewna (Людмила Евгеньевна) sagen Vertraute oder Chefs, es ist respektvoll. Kinder nennen sie vielleicht Ljumila oder auch Ljudmila Jewgenjewna. Familienmitglieder verwenden vermutlich Diminutive oder Kosenamen.-

Damit man sich einmal von der im Deutschen bekannten Umschrift löst, hier eine andere Umschrift in lateinische Buchstaben: Lyudmila Ulitskaya (Lyudmila Evgenyevna). Diese wird im Englischen benutzt.

Der Blödsinn „Lyudmila Evgenyevna Ulitskaya“ steht bei der englischen Wikipedia auch nicht in der url, wie man sieht: https://en.wikipedia.org/wiki/Lyudmila_Ulitskaya. Bei der Deutschen ist das Patronym (Vatersname), der Namensteil in der Mitte, Teil der internetadresse: https://de.wikipedia.org/wiki/Ljudmila_Jewgenjewna_Ulizkaja.

Auf Michael Gorbatschow übertragen: Michail Sergejewitsch ist (nur) die Anrede.

Ljudmila Ulitzkaja hat übrigens eigentlich gar nichts mit Politik am Hut, ist unfreiwillig politisch geworden. Sowohl die Siegfried-Lenz-Stiftung als auch die Wikipedia-Website „Ljudmila Ulitzkaja“ nennen ihre Putinkritik. Das gehört wohl zum guten Ton. Im englischen Wikipediaeintrag scheint das eher keine Rolle zu spielen.

Nach Gorbatschow ist nicht vor Gorbatschow. Alte Feindbilder sollte man ad acta legen. Es stehen noch große Aufgaben an.

Der Siegfried-Lenz-Preis

„Die Maske“, Erzählungen von Siegfried Lenz. © Copyright Andreas Hagemoser 2020

für Ljudmila Ulitzkaja wurde begründet vergeben. Die Siegfried-Lenz-Stiftung meint, „Ihre Romane und Erzählungen spiegeln die Tragödie des 20. Jahrhunderts, die Epoche der Gewaltherrschaft und des Genozids.“ „Die vielfältigen und vielschichtigen Figuren ihrer erzählerischen Welt kämpfen ums Durchkommen, ums Überleben. Manche glauben an Gott, andere an sich selbst, und alle hoffen sie auf Menschlichkeit.“ Vollständige Begründung unter: http://www.siegfriedlenz-stiftung.org/neuigkeiten/siegfried-lenz-preis-2020-an-ljudmila-ulitzkaja. Dort liest man auch: „Für Siegfried Lenz war nicht allein die anglophone Welt von Bedeutung, sondern auch die Welt seiner ostpreußischen Herkunft. Auch deshalb hat die Jury sich dafür entschieden, diesmal eine Autorin aus dem osteuropäischen Kulturraum auszuzeichnen.“

Die in Baschkirien geborene russische Jüdin beschäftigt sich zum Beispiel in „Daniel Stein“ mit dem Karmeliter und Übersetzer im Jahr 1943. Mehr auf der Website der Stiftung: http://www.siegfriedlenz-stiftung.de . Achtung: Die Stiftung setzt im Layout auf eine von der korrekten Rechtscheibung abweichende Schreibung. Das betrifft leider auch den Siegfried-Lenz-Preis, der korrekt nur so, also mit Durchbindungsbindestrich geschrieben wird.

1926 war Lenz in Ostpreußen geboren worden, in Lyck. Vielleicht liebt die Stiftung den Auor so, dass sie gefühlt hat, die Bindestriche würden ihn einengen. Schade, dass das auf Kosten der Rechtschreibung geht.

Die deutsche Wikipedia bietet mehr Informationen über den Preis, der mit 50.000 Euro dotiert ist. https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Lenz_Preis. Übrigens gibt es den Eintrag nur in zwei Sprachen, die andere ist bulgarisch.

Ljudmila Ulitzkaja hat mehr Wikipedia-Einträge, was ihre Bedeutung zurecht widerspiegelt.

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