Sutan Takdir Alisjahbana: Verlieren und gewinnen.

Ein Roman zur Geschichte Indonesiens – Annotation zum Buch „Verlieren und gewinnen“ von Sutan Takdir Alisjahbana

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Um die Zeit zwischen den Jahren sinnvoll zu nutzen, machte ich mich mit einigen dicken Büchern auf ans Rote Meer.

Ägypten ist fest in der Hand von Pauschaltouristen, so dass der weltabgewandte Feingeist eigentlich permanent auf der Flucht vorm deutschen Volk ist. Mit etwas Glück hat man die richtigen Bücher dabei, um die Zeit zwischen Tauchabenteuern und den drei Mahlzeiten zu überstehen.

Der Mitteldeutsche Verlag hat mit seiner Bibliothek der Entdeckungen eine wunderbare Reihe geschaffen, die sich hauptsächlich asiatischer AutorInnen annimmt. Ich habe dort schon einige hervorragende Bücher entdecken dürfen. Nun ist in der Reihe der 12 Band erschienen, er heißt „Verlieren und gewinnen“ und stammt aus der Feder von Sutan Takdir Alisjahbana.

Dieser war einer der wichtigsten Intellektuellen Indonesiens und brillierte in seiner Heimat als Linguist, Lyriker, Philosoph. Er gründete eine wegweisende Literaturzeitschrift und war Mitglied des ersten Parlaments. Ein wichtiger, ein guter Mann, der nach der Befreiung vom kolonialen Joch dem Gespenst der Freiheit hinterherjagte.

In seinem Roman, der als Schlüsselroman der jüngeren indonesischen Geschichte gilt, wird auch viel nach der Freiheit gehascht. Er spielt in den Jahren des 2. Weltkriegs und beschreibt die Invasion, die Okkupation und die Vertreibung der Japaner.

So schön doppelbödig wie der Titel, ist der Roman leider nicht. Die Sprache des Romans ist eine zähe Angelegenheit, die Sätze sind hölzern. Der nüchterne, fast dokumentarische Stil, ermüdet ungemein.

Das mag an der Übersetzung liegen. Heinrich Seemann war eine Weile deutscher Botschafter in Indonesien. Er liebt bestimmt das Land, doch zur schönen Literatur fehlt ihm der Zugang. Man erfährt viel über die Landesgeschichte zwischen 1942 und 1945, aber ein Roman muss auch sprachliches Feuerwerk bieten, wenigstens Tischfeuerwerkniveau.

Bibliographische Angaben

Sutan Takdir Alisjahbana, Verlieren und gewinnen, Roman, Übersetzer: Heinrich Seemann, Bibliothek der Entdeckungen, Bd. 12, 656 Seiten, gebunden, Format: 130 × 210 mm, mit Illustrationen, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2017, ISBN: 3-95462-916-9, Preis: 26 EUR




Gullivers Reisen

Gullivers Reisen von Jonathan Swift – ein Klassiker im frischen Gewand und in einer super Übersetzung von Christa Schuenke

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Feinster Lesestoff erschien dieser Tage beim Verlag Manesse. Nicht mehr und nicht weniger als Gullivers Reisen von Jonathan Swift und übersetzt von Christa Schuenke erblickte in schönster Aufmachung das Licht der Bücherwelt. Die wundervollen Bände von Manesse begeistern die Leser seit Jahren, nicht anders ist es bei Gulliver, der vor fast 300 Jahren erstmals die Welt verzauberte.

Schönstes Leinen mit Lesebändchen und apartem Umschlag, das Buch ist ein Weihnachtsmuss für alle bibliophilen Narren dieser Welt. Klar kennt jeder die Geschichte, doch es lohnt das Wiederlesen.

Im Zeitalter von Trump, Putin und anderen Teufeln des schlechten Geschmacks helfen solche Bücher über jeden Depriberg.

Nebenher erfährt man, was Yahoos wirklich sind, warum Pferde und Menschen im Prinzip das Gleiche sind und warum Inseln fliegen können. Denn Gulliver landete nicht nur auf Liliput und Brobdingnag. Voll Witz stülpt Swift seiner Generation die Narrenkappe über. Er nudelt und pudelt sie gehörig – am Ende kam dieser wunderbare fantastische Roman heraus, der doch so unglaublich menschlich ist. Trotz Glubbdubdriber, Balnibarbiresen usw.

Holt euch das von Christa Schuenke super übersetzte Buch, bevor es ausverkauft ist!
Bibliographische Angaben

Jonathan Swift, Gullivers Reisen, Übersetzung: Christa Schuenke, Nachwort: Dieter Mehl, 704 Seiten, mit acht historischen Illustrationen, gebundenes Buch mit Schutzumschlag, Format: 9,0 x 15,0 cm, Manesse Verlag, München 2017, ISBN: 3-7175-2078-8, Preise: 28,00 EUR (D), 28,80 EUR (A), 36,90 CHF

Anmerkung:

Der Beitrag von Frank Willmann wurde im WELTEXPRESS am 5. Dezember 2017 erstveröffentlicht.




Edith Wharton, In Marokko

Mit Edith Wharton durch Marokko – Annotation zum Buch „In Marokko, Vom Hohen Atlas nach Fès – durch Wüsten, Harems und Paläste“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In der rundum hervorragenden Reihe „Die kühne Reisende“, die von Susanne Gretter in der Edition Erdmann herausgegeben wird, beglückt uns inzwischen eine Vielzahl von Büchern. Eines ist das von Edith Wharton, die durch Marokko reiste.

Eigentlich ist jedes lesenswert, ja es ist in der Tat schwierig, in den fein edierten Büchern den Blick auf eins zu konzentrieren. Weil nun aber Afrika ein besonderes Steckenpferd von mir ist, möchte ich mich kurz bei Whartons Buch aufhalten.

Im Herbst 1917 reiste Edith Wharton auf Einladung des französischen Generalresidenten durch Marokko. Sie hat nur ungefähr einen Monat Zeit, so dass ihre Reise, die Strecken zwischen den besuchten Orten absolviert sie im Auto, eine sehr schnelle gewesen ist.

Oft fehlte der zweite Blick auf ein bestimmtes „Ereignis“, doch ist gerade diese Fülle an unmittelbaren Eindrücken der besondere Reiz des Buches. Ausgestattet mit einer soliden Beobachtungsgabe, beschreibt Wharton das große Panorama eines Landes, das noch halb im Mittelalter steckend, durch die französische Kolonialmacht in die Gegenwart gezwungen wird. Neben Frauen, die ihm Harem gehalten werden wie Tiere im Zoo, benebeln uns die Düfte, die zerfallenden Paläste, der ganze großartige Sermon einer Epoche, die dem Untergang geweiht ist. Eunuchen, schwarze Sklaven, unfassbare reiche Lustgreise, Wharton schaut in jede Ecke, egal wie schmutzig oder pompös aufpoliert diese ist

Ein Abenteuer, ein Bilderreigen, ein Buch, um den dunklen Tagen des Winters erfolgreich zu entrinnen!

Bibliographische Angaben

Edith Wharton, In Marokko, Vom Hohen Atlas nach Fès, Durch Wüsten, Harems und Paläste, Reihe: Die kühne Reisende, Herausgeberin: Susanne Gretter,‎ Übersetzerin: Ebba D. Drolshagen, 216 Seiten, gebunden mit farbigen Vorsatzpapier, Format: 13,5 x 22 cm, Edition Erdmann in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden, März 2016, ISBN: 3-7374-0021-3, Preis: 20 EUR




Alexander Kluy: George Grosz, König ohne Land. Biographie.

Grosz auf großer Fahrt ins kleine Unglück – Annotation zum Buch „George Grosz, König ohne Land“ von Alexander Kluy

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es gibt wohl kaum einen deutschen Maler und Grafiker, der so wie George Grosz die zwanziger Jahre geprägt hat. Ob Expressionismus, Dadaismus oder beißende politische Satire in der Weimarer Republik, Grosz mischte überall mit und prägte diese Zeit nachhaltig. Nur wenig wissen wir hingehen vom 1933 nach den USA ausgereisten Grosz. Bevor ihm die Nazis ans Leder gingen, machte er sich aus dem Staub, auch weil er annahm, in den USA eine Malschule zu eröffnen. In New York ging es dann doch nicht so voran, der große Ruhm stellte sich nicht ein, auch weil Grosz immer neben der Malerei als Gebrauchsgrafiker arbeitete und dadurch in die falsche Schublade geriet.

Kluy hat eine gut lesbare und wissensreiche Biografie vorgelegt, die uns tief in die Abgründe der groszschen Seele führt. Anhaltender Misserfolg lähmte Grosz, es gab Phasen, wo er in Depressionen und Alkohol verschwand.

Alexander Kluy wertete zahlreiche Dokumente und Archivquellen erstmalig aus und schafft uns Lesern ein umfassendes Lebensbild voll Plackerei und Tragik. Nicht zuletzt der schreckliche Unfalltod Grosz nach einer durchzechten Nacht in Berlin lässt kaum ein Auge trocken. Gerade als er wieder in Deutschland Fuß fassen wollte, schlug das Schicksal gnadenlos zu.

Starkes Buch!

Bibliographische Angaben

Alexander Kluy, George Grosz, König ohne Land, Biografie, 480 Seiten, gebundenes Buch mit Schutzumschlag, Format: 13,5 x 21,5 cm, Deutsche Verlags-Anstalt Verlag, München 2017, ISBN: 3-421-04728-1, Preise: 25,00 Euro (D), 25,70 EUR (A), 33,90 CFR




Michiko: Nur eine kleine Maulbeere. Aber sie wog schwer.

Königliche Gedichte aus Japan – Annotation zum Buch „Nur eine kleine Maulbeere. Aber sie wog schwer“ von Michiko

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Weihnachten naht mit Sauseschritten – und der feinsinnige Herder-Verlag legt uns eine ganz besondere Gabe unter das Tannengrün. Niemand weniger als Michiko, die japanische Kaiserin verzaubert in fünfzig Gedichten unsere schnöde Menschenwelt. Kein Trump, kein Erdogan, keine Putin bläst uns die Lichter aus. Nein, es ist eine wunderbar nachdenkliche Frau aus Japan, die in ihren Miniaturen den Dingen auf den Grund geht.

Im Gedicht geht es um die Sprengung der Buddhastatue durch islamistische Kulturbanausen:

Auf einer Reise durch Afghanistan
In Bamiyan, im fahlen Licht des Mondes
tritt der erlauchte Buddha,
vor langen Zeiten seines Antlitzes beraubt,
ehrwürdig aus dem Felsen.

Gnädigste Wakadichtkunst aus Japan, Jahrhunderte alt und fein wie eine scharfe Klinge am Hals des Suppenhuhns. Köstlich illustriert von Hakko Ishitobi, seines Zeichens Meister der Kalligraphie, ist das Buch ein sanfter Traum am Weihnachtsbuchhimmel. Lässig erzählt die Kaiserin aus ihrem Leben, berichtet von Geburt und behandelt ebenso Fukushima wie Hiroshima.

Bibliographische Angaben

Michiko, Kaiserin von Japan, Nur eine kleine Maulbeere. Aber sie wog schwer, Gedichte, Hakko Ishitobi (Illustrator), 144 Seiten, Halbleinen, Herder Verlag, 1. Auflage Freiburg 2017, ISBN: 3-451-31220-5, 28 Euro

 




Die Stadt der Träumenden Bücher.

Annotation zum Comic „Die Stadt der Träumenden Bücher“ von Walter Moers

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso) Das wohl schönste Buch der Herbstsaison kommt aus dem Hause Knaus. Walter Moers hat seinen fantastischen Roman Die Stadt der Träumenden Bücher umgearbeitet und Graphic Novel- tauglich gemacht. Mit Florian Biege fand er einen einzigartigen Comickünstler, der es schafft, die feinen Abenteuer des Lindwurms Hildegunst von Mythenmetz in spitzenmässige Bilder zu verwandeln.

Ein Comic voll Liebe zu den Büchern und der Literatur, an dem man auch als „normaler Romanleser“ nicht vorbeikommt. Ab der ersten Seite fesselt die Geschichte. Bücher und Büchermacherromantik pur. Auch wenn die Abenteuer gar schrecklich sind und überall böse Wichte lauern, um Hildegunst nach seinem Abstieg in Buchheims unheimliche Bücherkeller- und Labyrinthe voll fantastischer „Buchwesen“, das Leben schwer zu machen. Denn wie im richtigen Leben, scheint immer von irgendwo Hoffnung. Wenn die Nacht am tiefsten ist, gibt es ja noch die Buchlinge…. Kleine Wesen mit Riesenaugen, deren ganze Existenz sich der Lektüre widmet… Aber lest und staunt selbst, zum lächerlichen Preis von 25 Euro eröffnet sich euch nichts weniger als: eine neue Welt!

Bibliographische Angaben

Walter Moers, Die Stadt der Träumenden Bücher (Comic), Band 1: Buchhaim, mit Illustrationen von Florian Biege, 120 Seiten, Albrecht Knaus Verlag, München, 1. Auflage 2017, ISBN: 3-8135-0501-6, Preise: 25,00 EUR (DI), 25,70 EUR (A), 33,90 CHF




Christof Meueler und Franz Dobler: Die Trikont-Story

Haut drauf, lacht aus, tanzt dazu! – Zum Buch „Die Trikont-Story“ von Christof Meueler und Franz Dobler

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein wahres Schwergewicht zur Geschichte des Münchner radikalen Musik- und Buchverlages Trikot haben die beiden Perlenfischer Christof Meueler und Franz Dobler an die Oberfläche geholt. Dank umfassender Recherche im Archiv und ausführlicher Gespräche mit den Hauptprotagonisten und Trikont-KünstlernInnen, dürfen wir schnabulierfreudige LeserInnen nun endlich allerhöchstes LeserInnenglück erfahren.

Aufwendig gestaltet (Vierfarbdruck!!!) ist das Buch auch als veritables Wurfgeschoß zu gebrauchen, falls mal wieder ein Revolutiönchen durch die BRD braust. In sechs Teilen die da heißen Anfänge, 70er, 80er, 90er, 0er, 10er, unterhalten uns die beiden Autoren aufs löblichste über das wechselhafte Geschick von Trikont. Immer im Blick bleibt dabei das Zeitgeschehen, dass Trikont überhaupt erst möglich machte. Alles begann mit Che, Onkel Ho und Fidel, dicht gefolgt vom Halb-Spaß-Guerillero Bommi Baumann.

Getreu dem Hunter S. Thompson-Motto: „Wenn die Sache irre wird, werden die Irren zu Profis“, ist Trikont quasi ein Notwehr-Verlag, entstanden aus einer Vakuumsituation im Jahr 1968. 1968 – allein diese Zahl genügt, um den reaktionären Suppenkaspern den Schaum vor die Gurkennase zu zaubern.

Der ganze Spaß liest sich flüssig, ist mit Witz gebacken und erscheint Dank des großzügig eingewobenem Bildmaterials als eine runde Sache.

Dringende und absolute Kaufempfehlung, hier findet der weltgewandte Feingeist alles für den Kampf und die Party!

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Christof Meueler und Franz Dobler, Die Trikont-Story: Musik, Krawall & andere schöne Künste, 464 Seiten, Heyne Verlag, München 2017, ISBN: 3-453-27135-7, Preise: 30,00 EUR (D), 30,90 EUR (A), 39,90 CFR




Jan Costin Wagner

Jan Costin Wagner schickt uns in die Wüste des Leids – Annotation zum Roman „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein nackter junger Mann steht mit einem Messer in der Hand in einem Brunnen. Er ist auf dem Weg zu den Engeln, der Erlösung, einem Platz außerhalb unseres Wissens. Und ist für alle anderen Protagonisten auf seinem Weg nicht mehr unerreichbar. Als sich ein Polizist beim Einsatz gegen den zukünftigen Engel bedroht sieht, greift er zur Waffe und erschießt den Mann. Das ist die Ausgangslage des kleinen Dramas, mit welcher der finnische Polizist Kimmo Joentaa konfrontiert wird, weil der schießende Polizist sein Freund ist. Kimmo erfühlt die losen Stränge des Geschehens und führt uns für zwei Tage in ein bitteres Stück Schmerz, das zwei Familien an den Rand des Irrsinns treibt.

Wagner ist ein feinfühliges Buch gelungen, er umschifft problematische Untiefen, ohne im Kitsch zu versinken, der so viele Krimis, bzw. krimiähnliche Romane ausmacht. Letztlich ist das Buch ein Zwitterwesen, eine wenig Genre, doch schon viel Literatur. Wagner hat in seiner Sprache eine Dichte erreicht, die ihresgleichen sucht.

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Jan Costin Wagner, Sakari lernt, durch Wände zu gehen, Ein Kimmo-Joentaa-Roman, 240 Seiten, Galiani Verlag, Berlin 2017, ISBN: 3-86971-018-1, Preis: 20 EUR (D), 20,60 EUR (A)




Fluchtpunkt Risiko von Sedlmeir

Die Romantik der Eigenbrötler – Punkrock, Spacepop, dicke Lippe – Annotation zu „Fluchtpunkt Risiko“ von Sedlmeir

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es sind die einfachen Wahrheiten wie „Du bist gut zu mir und ich kaufe dir ein Bier“ die wir immer wieder hören wollten. Schöner Quatsch, herrliches Selbst in einer langweiligen Welt, wo alles von der Wiege bis zur Bahre ohne Überraschung bleibt.

Sedlmeirs neue Platte verrät uns neues vom lyrischen Ich des Meisters: Der einsame, abgeklärte, halbwilde und halbvernünftige Rocker, der sich nüscht erzählen lässt, informiert in unmittelbaren Stücken (im Vergleich zur vorherigen Platte) vom guten Leben mit seiner Freundin, Frühstücksei, man isst zusammen. Er regt sich ungefiltert über schlechte VerkäuferInnen auf und geht für uns: immer geradeaus. Was hängen bleibt, ist das Lied Richtlinien für junge Männer. Es geht im Song um junge Männer wie Sedlmeir sie sich vorstellt, oder wie er sich als jungen Mann heute vorstellt. Dynamit im Hosenbein, immer nie nichts unterschreiben, dieses freie, schöne, ehrliche Leben. Dazu hat er eine wunderbare Duett-Partnerin, die da singt „Hol mir mal ein Bier“. Musikalische bestimmt Rockfeeling die Platte, Beats zwischen NDW und Rock’n’roll. Man denkt es muss so sein und weiß was er tut. Sedlmeir gibt immer 110%, weil er denkt das macht man so, er kniet sich voll in seine Rock’n’roll Identität rein. Weil einer es tun muss, hat sich Herr Sedlmeir (von sich und der Welt da draußen) breitschlagen lassen, genau das zu übernehmen. Besser als „Mathematik ist der Triumph der Kreatur im Sumpf“ kann man nicht dichten. Also alle ab zu Sedlmeirs Konzerten und dann die LP kaufen.

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Sedlmeir, Fluchtpunkt Risiko, Gesamtlänge: 33:54, Label: Rookie Records, Erscheinungstermin: November 2017, Preise: Vinyl 16,99 EUR, Audio CD 12,99 EUR, MP3 9,99 EUR




Wolfgang Hilbig

Mutter, Mutter über alles – Das unglückliche glückliche Leben des Wolfgang Hilbig

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nach einigen mehr oder weniger halben Versuchen einiger VorgängerInnen, hat sich nun Michael Opitz ernsthaft mit der Biografie des Wolfgang Hilbig befasst. Auf 672 Seiten bearbeitet er hauptsächlich das literarische Feld Hilbigs und bietet einen (in erster Linie) literaturwissenschaftlichen Zugang zu dessen Werk und Biografie.
Das mag an den Belangen noch lebender Personen liegen, doch dem interessierten Zeitgenossen fehlt in Opitz Lebensbild leider ein wenig das Grundlegende jeder spannenden Biografie: Das Suppenfleisch des Lebens.

Ohne ins Reich des Spekulativen abzurücken, ist doch gerade die komplexe Wirklichkeit des 1941 geborenen, sogenannten Arbeiterschriftstellers, eine Bezeichnung, gegen die sich Hilbig sein ganzes Leben gewehrt hat, eine Ansammlung von wahren Abgründen, die es zu deuten und zu bearbeiten gilt. Es beginnt mit der Familie, der Opa ein brutaler Schläger, Trinker und Analphabet, der Vater im Krieg verschollen, die Mutter eine einfache Frau, die ihr Kind bis weit nach der Pubertät im Ehebett schlafen lässt. Ist es da ein Wunder, dass Hilbig Zeit seines Lebens ein Beziehungsscheiternder ist? Er sucht die Nähe der Frauen, doch zu viel Nähe bringen Probleme. Fürsorge ja, Alltag nein?

Aufgewachsen im Kaff Meuselwitz ist Hilbig ein klassischer Schulversager, verlässt die Schule in der 8. Klasse und erlernt den Beruf eines Bohrwerksdrehers. In der Pubertät beginnt Hilbig zu schreiben (und wächst über die Jahre zum Autor von Weltrang), inspiriert von Groschenheften, ein wahres Wunder für einen Jungen, der in einem bildungsfernen Haushalt aufwächst. Seine Mutter hält von der Schreiberei nichts, ja verachtet sie.

Die DDR bezeichnet Hilbig später als KZ, trotzdem verlässt er sie nicht, was bis 1961 (da war Hilbig bereits zwanzig) leicht möglich gewesen wäre. Er geht zur NVA und lässt sich auf die DDR ein. Oder auf die Mutter? Hier gibt Opitz keine klaren Antworten.

Hilbig bleibt immer irgendwie bei der Mutter, unterm mütterlichen Rock, kehrt bis in die 80er immer wieder in ihr warmes Nest zurück, das ihm Zeit seines Lebens gehasste und geliebte Zuflucht bleibt. Hilbig ist süchtig. Hilbig trinkt, nein er säuft ganze Schnapsflaschen aus. Hilbig ist Alkoholiker, mal trocken, mal nicht. Erst kurz vor seinem Tod, schwer vom Krebs gezeichnet, sagt er sich von der Mutter los. Warum so spät und erst auf der Totenbahre? Welchen Anteil hat Hilbigs letzte Partnerin daran? Warum überträgt er dieser Dame sein literarisches Erbe?

Der Schriftsteller Hilbig wird von Opitz ausführlich beleuchtet, der Mensch Hilbig bleibt versteckt im Werk.

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Michael Opitz, Wolfgang Hilbig, Eine Biographie, 672 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2017, ISBN: 3-10-402210-9, 24,99 Euro