Deserteur am Mittelmeer – Zum Puppentheater von Etta Scollo mit dem Musiktheater „Geschichte vom Soldaten“ von Igor Strawinski

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Sprache und Musik, Dichtung und Klang – bei Etta Scollo geht beides Hand in Hand. Seit fast 15 Jahren widmet sich die sizilianische Wahlberlinerin der reichhaltigen Kulturgeschichte ihrer italienischen Heimat.

Nun nimmt sie sich Igor Strawinskis Musiktheater „Die Geschichte vom Soldaten“ vor, das vor 100 Jahren, im September 1918, uraufgeführt wurde. Vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs funktioniert das Stück doppeldeutig. Vordergründig harmlos geht es um einen Deserteur, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Zugleich verhandelt das faustische Märchen bleibende Wahrheiten vor der Kulisse eines verheerenden Krieges.

Die in Berlin lebende sizilianische Sängerin und Komponistin Etta Scollo schlüpft für ihre Interpretation der „Geschichte vom Soldaten“ in die Rolle eines Cuntastorie, eines sizilianischen Geschichtenerzählers. Gemäß dieser Tradition wird der Soldat von einer Handpuppe dargestellt.

Der sizilianische Sound vereint Klangfarben aus Renaissance, Barock und Mittelmeer-Folklore. „Dieser Klang meldet sich immer wieder, wenn ich kreativ bin. Ich fühle darin eine Freiheit“, erzählt Etta Scollo. „In dieser Musik wohnt die Idee des singenden Erzählens. Ich sehe auch Verbindungen zum Bänkelsänger und zur modernen Jazz-Improvisation.“

Die sizilianisch-folkloristischen Zwischenspiele geben der Inszenierung eine ganz eigene Note. Elisabeth Plessen hat den französischen Text poetisch und treffsicher übersetzt. Es spielen Musiker der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker unter Stanley Dodds. Die Ausstattung verantwortet der italienische Künstler und Transavanguardia-Vertreter Mimmo Paladino. „Es handelt sich nicht um ein harmloses Märchen“, stellt Etta Scollo fest. „Was wir heute erleben, hat mit Strawinskis Soldat viel zu tun.“

Veranstaltungshinweis:

1. und 2. Dezember 2018 im Radialsystem Berlin

Anmerkung:

Der Beitrag von Antje Rößler wurde unter dem Titel „Deserteur am Mittelmeer – Etta Scollo macht Puppentheater mit Strawinskis ‚Geschichte vom Soldaten'“ am 18.11.2018 im WELTEXPRESS erstveröffentlicht.




Mutter der Nanas – Künstlerin Niki de Saint Phalle wäre 88 Jahre alt geworden

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). 1930 wurde sie am 29. Oktober geboren, im Mai 2002 starb sie 71jährig in La Jolla, einer Community von 50.000 Einwohnern in den USA. 7 Meilen oder 11 Kilometer lang ist die Küstenlinie La Jollas am Pazifik, das zur Stadt San Diego gehört, seit Kalifornien um 1850 ein Staat wurde. Der heutige Bundesstaat der USA gehörte zu Mexiko und war eine Kriegsbeute nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg wie Arizona, New Mexico und andere Provinzen auch. Niki de Saint Phalle hatte es geschafft.
Ihr Name und ihre Kunst wurden weltweit berühmt, vor allem in Europa und in den Vereinigten Staaten von Amerika. Besonders herausragend im doppelten Sinne sind riesige bunte Frauenfiguren, die sogenannten Nanas.

Wer an einem Ort wie La Jolla seinen Alterssitz hätte, dem stünden lange Sandstrände und felsige Uferbereiche in allernächster Nähe sehr abwechslungsreich zur Verfügung. Hier an der Ostküste des Stillen Ozeans geht die Sonne, so die Wolken es zulassen, immer im Meer unter. Im größten Weltmeer, das der blaue Planet zu bieten hat.

Niki de Saint Phalle und ihr Werk. Zum Beispiel „Hon“

Der Lebensweg von Niki de Saint Phalle war lang und interessant. Sieben Jahrzehnte mit Reisen, von denen man viel erzählen könnte. Sie gewann wichtige Freunde und Mitstreiter in der Kunstwelt und lernte viele Menschen kennen.

Zum Beispiel Claes Oldenburg und Martial Raysse. Pontus Hulten hatte sie nach Schweden eingeladen. Im Moderna Museet in Stockholm sollte parallel zur elften Ausstellung des Europarates im Nationalmuseum, „Königin Christina“, eine Skulptur gezeigt werden. Herr Hulten bat die vier Künstler, Jean Tinguely eingeschlossen, sie zu bauen. Da die anderen drei absagten, verhindert waren, oder, wie Tinguely, keine rechte Lust hatten, machte Niki de Saint Phalle es allein. Schweden ist kein armes Land und recht groß. Das stolze skandinavische Königreich war durch seine Erze ziemlich unabhängig und blieb im Zweiten Weltkrieg neutral. Das ‚moderne Museum‘ für moderne Kunst ist nicht klein; die große Halle erst recht nicht. So entstand „HON“ (schwedisch für Sie). „Die größte Nana aller Zeiten“, wie es ihre Düsseldorfer Biographin, die Kunsthistorikerin Dr. Monika Becker ausdrückt.

Keine Reise nach Moskau

Letztlich machte Tinguely doch mit und Per O. Ultvedt stieß dazu. Doch den dreien fiel nichts ein. Pontus Hulten „wollte die Inspiration beflügeln, indem er den Künstlern anbot, ein paar Tage nach Moskau zu reisen“. Vielleicht dachte Hulten an die Zwiebeltürme, die den Rundungen der Nanas in nichts nachstehen.

Die Erlöserkirche in Leningrad, wie Sankt Petersburg damals noch hieß, ist ein Beispiel für den beeindruckenden Gebrauch der Farben. Auch in der russischen Hauptstadt gibt es unzählige kunsthistorische Beispiele. Die Petersburger Kirche ist von so einer beeindruckenden Schönheit und Andersartigkeit, dass sie aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Staunend hält man an und ein. Ähnlich wie die Sagrada familia in Barcelona, sind das die Orte, wo Kunst Ehrfurcht bewirkt – und Transzendenz.

„Leider wurde nicht daraus“. Aus der Reise in die Sowjetunion, schreibt Dr. Becker.

Also blieb Niki de Saint Phalle bei den Farben aus Henri Matisses Palette. Hellgrün, Gelb, Blau, Rot und Orange. Ergänzt durch ein leuchtendes Rosa. Für Sprachverführte und -verirrte: Rosa ist das, was viele heute „pink“ nennen.
Dazu kam an einigen Stellen Schwarzweiß.

Zeitdruck und Zufälle

Das Problem, rechtzeitig zur Ausstellungseröffnung im Moderna Museet fertigzuwerden, löste Pontus Hulten. Er schlug eine Nana vor, die die ganze Museumshalle ausfüllen sollte. Höchste Eisenbahn. Bis zum Eröffnungstermin 9. Juni waren nur noch 6 Wochen geblieben. Da die Halle sich in die Waagerechte erstreckt, musste „SIE“ liegen. Fast 27 Meter lang sollte sie werden und von innen begehbar! „Oberweite: 24 Meter.“

In anderthalb Monaten hätte die drei Künstler – ja, zwei Künstler und eine Künstlerin verflixt – das nie allein schaffen können. Tinguely leitete andere an.

Wieder wurde Pontus Hulten aktiv. Er wohl mehr als die Künstler war in der Verantwortung, wenn sein Stadion erst nach den Olympischen Spielen fertig geworden wäre.

Er organisierte eine Mannschaft. Darunter Rico Weber. Der war auch aus der Schweiz. So ein Zufall. Doch damit nicht genug: Weber, der sich zu dem Zeitpunkt als Koch in der Snackbar des Museums etwas dazuverdiente, war Künstler. Als deutsch und französisch sprechender Künstler war die Kommunikation im fernen Schweden kein Problem.

Jetzt hatte er für die nächsten zehn Jahre einen Job; solange arbeitete er nämlich dann mit Tinguely und de Saint Phalle zusammen. Im Register der Beckerschen Biographie taucht er allein zwölfmal auf.

Kopfkino? Nein, Kino im linken Arm

In einem Arm war ein kleines Kino vorgesehen mit genau einem Dutzend Plätze. Es sollte immer derselbe Streifen gezeigt werden. Gretas Garbos erster Film. „Luffarpetter“. ‚Luffar-Petter‘ bedeutet „Peter, der Vagabund“. Der mittellange Stummfilm von 1922 ist ein Slapstickkomödie. Ein Stummfilm, versteht sich. Dieser Spielfilm ist nie in Deutschland in die Kinos gekommen und wurde auch im Fernsehen nie gezeigt. Manchmal lohnt es sich eben doppelt, nach Schweden zu fahren.

Big Brother oder Kein Datenschutz auf der Liebesbank

Verschiedenes für Kinder und Erwachsene fand im Innern Platz. Ein halbes Tausend Besucher täglich hatte man eingerechnet, 1.800 wurden es. Ein Kritiker hatte sich sehr positiv geäußert und so strömten ein Vierteljahr lang die Leute nur so ins Museum.

Und das, obwohl es einen klaren Bruch des Datenschutzes, der Privatsphäre gab. Die Datenschutzgesetzgebung war um 1970 noch nicht so ausgefeilt.

Im Knie gab es die „beschallte Bank der Verliebten“ mit beleuchtetem roten Samt. „Von der Liebeslaube aus hatte man einen Ausblick auf die Galerie der Fälschungen, daneben ein Münzfernsprecher.

Das Geflüster der Liebenden wurde heimlich per Mikro in die Colabar in der rechten Brust übertragen.“

„Die Idee für diese Indiskretion hatte man aus der phantastischen Grottenarchitektur aus dem italienischen Orsini-Park in Bomarzo. Dort trug der Schall das, was im Innern des Felsenraumes geflüstert wurde, nach draußen in den Park.“

Leergut ohne Pfandrückgabe

„Das Leergut der Flaschen aus der Cola-Bar wurde einer komplizierten Maschine im Verdauungstrakt zugeführt, die es zermalmte.“ Gebaut, na klar, von Jean Tinguely, dem Maschinenbauer.

Selbst in Malmö würde so etwas heute nicht mehr durchgehen. Wo das Überleben der Welt gefährdet ist, werden Solarzellen, Recycling und Kreislaufdenken Existenz-entscheidend.

Kleinkopferter Großkörper

Weitere Attraktionen waren ein bewegliches Holzgehirn im Kopf, eine Radioskulptur in der Nana-Hüfte, in der linken Brust ein Planetarium. Im Herzen den „Mann im Schaukelstuhl“ von Ultveldt.

„Daß man in der Tatsache, die Figur durch das Geschlecht betreten zu müssen, absolut nichts Pornographisches zu sehen habe, wurde explizit auf der Innenseite des rechten Oberschenkels notiert.“ Warum dort? Nun zum einen war das neben dem Eingang.
Viele mussten warten. Eine rote Ampel regelte den Verkehr. Waren 150 Menschen im Innern, mussten sich die anderen die Füße vertreten. „Ein Blick durch ein beleuchtetes Aquarium mit Goldfischen und ein versilbertes Schaufelrad einer Wassermühle verwandelte“ eventuell aufkommende Unruhe, Ungeduld und Unwillen in Ruhe und „Neugierde“.

Zum anderen stand der Hinweis auf einem schwarzen Streifen, der sich als Strumpfband interpretieren ließ: „Honi soit qui mal y pense“. Der englische Hosenbandorden benutzt diesen französischen Vers, der auf deutsch bedeutet: Ein Schelm sei, wer Schlechtes dabei denkt. „Die Anregung, den Eingang mit einem Leitspruch zu versehen, hatte man von dem Höllenmaul aus dem Heiligen Hain von Bomarzo bekommen.“ Es trägt die Inschrift „Ogni pensiero vola“.

Was blieb von „IHR“, von „HON“?

Nur der Kopf blieb erhalten. Dass er so klein war, löste Diskussionen aus. Alle Köroerteile, die sie mit Emotionen verbunden sah, betonte Niki de Saint Phalle.

Neue Neuro-Forschungen strafen sie lügen. Ohne Kopf kein Gefühl, steuert doch die Hypophyse mit Hormonen alles.

„HON“ hatte Folgen – für die Theaterbühne

Dass Niki de Saint Phalle nicht nur wahrgenommen wurde und polarisierte, sondern auch inspirierte und aufgegriffen wurde, zeigt das Beispiel von „LYSISTRATA“, der Aristophanes-Komödie, im nordhessischen Kassel. Den jungen Regisseur Rainer von Diez inspirierte das berühmte Pressephoto, das das Publikum in einer Warteschlange zwischen den monumentalen Beinen der HON abbildet.

Das athenische Volk sehnt sich nach Frieden. Er wird durch die List der „Heeresauflöserin Lysistrata“ erzwungen. „Sie überredete alle Frauen Griechenlands, in den Liebesstreik zu treten“ – gemeint ist natürlich Sexualiät – „bis ihre Männer Frieden schlössen“.

Niki de Saint Phalle baute dann in Kassel eine 10 Meter große Nana im Theater.

Diez hatte Erfolg: „LYSISTRATA“blieb ausverkauft.

Rundungen im Freien

Niki de Saint Phalles Werke stehen heute in vielen Museen oder im Freien. Einiges schuf sie allein, anderes mit anderen zusammen. Als Frau wurde sie von Feministinnen besonders wahrgenommen. Ihr Tun verstand sie jedoch selbst auch frauenbefreiend.
Die erste zusammenfassende deutschsprachige Biographie erschien mit ebendiesem Hinweis 1999 und 2001 als Taschenbuch. Das Paperback wurde in den drei Jahren der Abschaffung der D-Mark in mindestens drei Auflagen gedruckt. Und das zu einer Zeit, als das gedruckte Buch bereits ernsthafte Konkurrenz erhalten hatte und das ebook am Horizont drohte. 2001, im ersten Jahr des neuen Jahrtausends (das Jahr 2000 gehört ja zum 20. Jahrhundert), war das deutsche Buch also im Schnitt schon einmal jährlich gedruckt worden. Das ist umso bemerkenswerter, als dass es noch zu de Saint Phalles Lebzeiten geschah. Natürlich erfuhr die Künstlerin posthum, ab Mai 2002, nochmals eine gewisse Aufmerksamkeit.

Das phantastische Paradies

„Le Paradis Fantastique“ (sprich Le paradi fantastiehk, alles hinten betont) ist in Zusammenarbeit Saint Phalles mit dem Frankoschweizer Jean Tinguely in den Jahren 1967-1971entstanden. Die beiden kollaborierten immer wieder. Dieses Werk ist ein gemeinsames Frühwerk. Es brachte den beiden den Durchbruch.

Die Expo 2000 in Hannover und der damit verbundene Schuldenberg sind nur ein Abglanz früherer Weltausstellungen. Viele kennen diese Phase vielleicht nur von der Innenseite eines Flakons Kölnischwasser. In einer Zeit. Als Reisen nicht so selbstverständlich und preiswert war, wirkten die Weltausstellungen und die Berichte darüber in den Zeitungen wie Magneten.

Die Ausstellungen waren auch ein Anlass, in die Zukunft zu weisen oder etwas für die Zukunft zu hinterlassen. Das Atomium in Brüssel und der Eiffelturm sind solche Wahrzeichen.

Montreal hatte sich 1967 zum Ziel gesetzt, „einem neuen Weltbild zur Reife zu verhelfen, einem Weltbildes totalen Engagements, zu dem der schöpferische und soziale Mensch fähig ist“. Was wäre für die Neuen Realisten der Nouveaux Réalistes ein besserer Anlass für eine Beteiligung gewesen? Doch zuerst musste der Auftrag an Land gezogen werden. Das erledigte die kämpferische Niki. Die Französischkenntnisse des Künstlerduos waren nicht nur in Paris, sondern auch in der Schweiz und in Quebec, dem französischsprachigen Osten Kanadas, von Vorteil. Letztlich gelang es. Die französische Regierung erteilte einen exklusiven Auftrag für eine Außenskulptur, den Dachgarten des französischen Pavillons.

Tinguelys schwarze Maschinen griffen quasi die bunten Riesenfiguren de Saint Phalles an. Seit Radha und Krishna, wie Lakshmi und Narayan in ihrer Kindheit hießen, gehört necken wohl dazu. Der indische Tanz drückt das mit verschmitzten Blicken und vielerlei Gesten bis heute aus.

Die Kosten des Ruhms

Das Konzept wurde verstanden und kam an. Zu dem großen Erfolg des PHANTASTISCHEN PARADIESES trug bei, dass der französische Pavillon beim Publikum der Welt nicht gut aufgenommen wurde. Dabei war er der größte auf der Expo und hatte acht Ebenen. Doch wurde er als zu schwer und kompliziert empfunden. Dagegen der Kontrast, wenn man auf das Dach hinaus kam. Die Fröhlichkeit der bunten Figuren, obwohl von dunklen Maschinen bedrängt, und das bei Tageslicht und frischer Luft muss wie eine doppelte Befreiung gewirkt haben nach acht Etagen bedeutungsschwangerer Schwere.

Wie sehr ein Künstler unter den Ausgaben für das Material zu leiden hat, dafür ist das phantastische Paradies ein Lehrbeispiel. Zwei Tonnen Polyester und 300 Kubikmeter Schaumstoff verarbeitete de Saint Phalle für die neuen Skulpturen auf dem Pavillon-Dach.

De Gaulle hatte zwar das beauftragt, die Finanzierung war damit aber nicht abgesichert!

Anschließend kaufte das Ministerium für Kunst und Wissenschaft vier Figuren. 80.000 DM. Immerhin. Die Materialkosten waren damit eigentlich nicht gedeckt, geschweige denn die Kosten für Produktion und Transport. Aber das nordamerikanische Publikum liebte das „Paradies“. Nach der Expo ‘67 in Montreal verließ es Kanada, ging nach nach Buffalo in den Innenhof einer Galerie und dann 1968 in den Central Park in Manhattan, New York. De Saint Phalle und Tinguely überließen es dann dem Moderna Museet. Sammler aus Texas bezahlten des Transport aus den Vereinigten Staaten von Amerika nach Schweden.

Bibliographische Angaben

Monika Becker: Starke Weiblichkeit entfesseln. Niki de Saint Phalle. In der Reihe „Rebellische Frauen“. Als List-Taschenbuch im Econ Ullstein List Verlag GmbH und Co. KG München 2001. Copyright 1999/2001. Anhang, Quellen, literatur, Register, 249 Seiten. „Originalausgabe“

Titelabbildung: Thilo Tuchscherer – „Schutzengel“ in der großen Halle im Hauptbahnhof Zürich




1 lustiger Abend vong Humor her! Willy liest Nachdenklich live im Hofbräu München Wirtshaus Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Früher wurde alles mögliche vom gedruckten Papier im Netz eingegeben. Zeitungsartikel, Bücher und anderes. Gescannt, eingetippt, hochgeladen. Oft war es dort nur eine Kopie seiner analogen Entsprechung und führte dementsprechend ein Schattendasein. Das Maßgebliche war das Buch, die Zeitung, das handfeste Archiv. Bis das Digitale und das Internet immer und immer wichtiger wurden. Bis neue Generationen, die sogenannten Digital Natives, nur noch auf das Digitale zugreifen wollen und das Analoge links linken lassen oder nur im Notfall anfassen. Oder, wie Studenten, wenn sie dazu gezwungen werden, auch eine Buchquelle zu verwenden. Jetzt aber kriecht einer aus dem Netz heraus: Willy Nachdenklich.

Von Analog nach Digital führt keine Einbahnstraße

Heute gibt es ein Gegenbewegung. Noch gibt es Bücher und sogar neue Buchhandlungen entstehen und sind entstanden. Jetzt werden Internet-Stars handfest. Ihre Ergüsse, die bisher nur am Bildschirm oder auf dem Display flimmerten, werden auf Papier gedruckt und die Seiten zwischen Buchdeckeln gebunden.

Willy Nachdenklich goes Print – ein Internetauftritt in Buchform

Ein Beispiel ist Willy Nachdenklich. Er macht in den „Social Media“ eine Seite namens „Nachdenkliche Sprüche mit Bilders“. Hinter der Kunstfigur verbirgt sich ein Großhandelskaufmann aus Amberg. Ursprünglich wollte er die von Rechtschreibfehlern strotzenden kurzen Mitteilungen in den „sozialen Medien“ aufs Korn nehmen. Indem er Bildern kurze Sprüche hinzufügte, die absichtlich Fehler enthielten und Ziffern statt Wörtern. Ein Unfug namens „Vong-Sprache“ entstand, die sogar in Wikipedia einen Eintrag erhielt. Aus vielen einzelnen Sprüchen entstand nun ein Buch.

Wie erkennt man, dass es sich um Vong-Sprache handelt?

M8 = MACHT. Gesehen an einer Straßenbahn der Metro-Linie 8 am Berliner Naturkundemuseum. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

3 Merkmale tauchen immer wieder auf.

1. Der inflationäre Gebrauch der Ziffer „1“ auch dort, wo nicht eine Anzahl, sondern nur ein unbestimmter Artikel auftaucht.

(Beispiel auf Vong: „1 unbestimmter Artikel auftaucht“; es geht hier nicht um die Zahl unbestimmter Artikel, sondern darum, ob der Artikel ein bestimmter ist – der, der, das – oder nicht.)

1a) die Silbe oder das Wortteil „acht“ kann durch die Ziffer 8 ersetzt werden. So wird Macht zu M8, „wir durchwachten die Nacht“ zu wir durchw8en die N8 und Wachteln werden zu W8eln. M8 bezeichnete vorher bereits – neben anderem – die 8er Metro-Tram vom Hauptbahnhof zur Petersburger Straße, einen Gasnebel, Autobahnen auf den britischen Inseln, in Russland, Malawi und anderswo, chinesische Handys und ein Leica-Kamera. Nun gibt es wegen des Vong-Blödsinns, an dem sich 100.000e laben, noch eine Missverständnismöglichkeit mehr.

Im Englischen kennen wir das ja mit den Ziffern 2 (two) und 4 (four), die phonetisch für „to“ („too“) und „for“ verwendet werden. This is too much (das ist zuviel). (wird zu: This is 2 much.)

Beispiele aus der Musik, in den Namen von Bands und Chören: U2 ist keine U-Bahnlinie wie in Berlin seit 1986, sondern eine Musikgruppe oder steht für „You, too“ = „Du auch“ oder „Sie auch“.

Jocelyn B. Smith gründete wenige Jahr nach der Jahrtausendwende den Chor „4bridges“. Das heißt auf deutsch: „Für Brücken“, im Sinne von „Wir wollen Brücken bauen zwischen Menschen und Kulturen“. (Der Chor trat unter anderem bei einer Großveranstaltung auf dem Flughafen Tempelhof auf; heute gibt es ihn nicht mehr. Einige Mitglieder singen jetzt bei den „Different Voices of Berlin“.)

Von der Kritik an falsch und zu lässig Hingekliertem zum Jugendwort des Jahres!

2. Leichte, aber meist gut erkennbare Falschschreibungen wie „I bims“ statt „Ich bin‘s“. 2017 wurde „I Bims“ Jugendwort des Jahres! Wie weit sind wir gekommen.

3. taucht eine Dreierkombination häufig auf; „vong … her“ (statt des sowieso schon Umständlichen „von …her“. Der Artikel vor dem Bezugswort wird weggelassen, z.B. „vong Grammatik her“ statt „der Grammatik“.
Vong = von.)

– Sätze mit Füllwörtern und aus dem gesprochenen Übernommenem können ja immer noch richtig sein. Die Sprachebene ist zwar eine andere. Aber es handelt sich ja immer noch um deutsch. Vong-Sprache dagegen ist bewusst falsch und suhlt sich in albernen running gags für Insider. Selbst Erfundenes wird immer wieder wiederholt.

Das sei ja nichts Schlimmes, meinen die einen. Cool, meinen die Fans. Nervig, meint eine Mehrheit. Wo Geld verdient werden kann, wird mitgemacht; auch von den Etablierten. Da kann die Kunstkritik noch so wettern. Andy Warhol, Basquiat und sogar Joseph Beuys, der einiges auf dem Kasten hatte, wurden für banal erklärt. Das sei ja keine Kunst. Andy Warhols Drucke sind weit verbreitet und heute zweifelt ihn fast niemand mehr an. Egal, ob die „Vong-Sprache“ nun wirklich ein Idiom oder eine Sprache ist oder nur ein Schmarrn – Blödsinn – alles, was weit verbreitet ist, kommt in der Mitte an. Zudem, wenn es so harmlos ist und weder den Staat noch sonst etwas Mächtiges gefährdet.

Auf den Zug aufgesprungen

Mehrere große Unternehmen wie die Sparkasse und sogar die Walterin und Hüterin der deutschen Sprache in ihrer Rechtschreibung, die Duden-Redaktion in Mannheim, veröffentlichten Werbung und ähnliches in der „Vong-Sprache“, die nichts anderes als einen bestimmte Verballhornung der guten alten deutschen Sprache ist, die immer wieder und, wie es scheint, immer weiter unter die Räder kommt.

Willy Nachdenklich materialisiert sich/ Willy Nachdenklich zum Anfassen

Online hat Willy Nachdenklich 360.000 Fans, da wir uns mit diesen Medien nicht so auskennen, können wir das nicht verifizieren. Ein Flyer von Hofbräu München: „Damit hat er als Internet-Star Kultstatus erreicht.“

Weiter: „Jetzt gibt es Willys unterhaltsame Lebensweisheiten in Buchform“ – „aber vor allem auch live auf der Bühne!“

„Willy liest dabei nicht nur vor – er improvisiert und interagiert mit seinem Publikum und garantiert damit einen köstlich amüsanten Abend“.

Das Hofbräu München Wirtshaus Berlin präsentiert im Erdgeschoss viel Livemusik, nicht nur von Blaskapellen aus Bayern. Am 7.11. steht eine Kapelle mit Blechbläsern aus dem Weserbergland auf dem Programm.

Ein Stockwerk höher liegt die Event-Etage oder „Eventetage“ für Veranstaltungen wie Public Viewing von Fußballspielen mit Beteiligung des Vereins Bayern München. Dort wird am 8. November die Lesung von Willy Nachdenklich stattfinden.

Lesung von und mit Willy Nachdenklich

Willy Nachdenklich liest Willy Nachdenklich

Wann? 8.11.2018 20 Uhr, Einlass: 18.30 Uhr (frües Kommen 1 Vorteil vong bessere Plätze her)

Wo? Hofbräu München Wirtshaus Berlin, Karl-Liebknecht-Straße 30, 10178 Berlin

Tickets, das sind Eintrittskarten, im Berliner Wirtshaus nahe dem Alex oder online unter www.msm-musik.de

Wirtshaus Berlin: Telefon (030) 67 96 65 52 0
E-Mail: reservierung@berlin-hofbraeu.de




Fotoreportage: Sauerbraten für die Zocker – Palazzo entführt mit seinem neuen Berliner Programm zu einem köstlichen Vier-Gänge-Menü in die Welt der Spieler und Gestrandeten

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Glücksjäger“ lautet der Titel der neuen Berliner Show des Palazzo. Das gilt auch für die Gäste. Sie dürften wohl schnell fündig werden. Schon dank der witzigen und atemberaubenden Darbietungen der internationalen Artisten. Vor allem aber dank den Künsten von Spitzenkoch Kolja Kleeberg.




Carmen auf kubanisch. Erst Bizet, dann Hammerstein, jetzt Carmen La Cubana: Premiere in Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Carmen kennt jeder, Carmen La Cubana ist neu. 1875 bezog Bizet Stellung und schuf die meistgespielte Oper der Welt. Möglich wurde das, weil Prosper Merimée 1845 die Figur „Carmen“ erschuf. Das Buch ist ein Bestseller; die Oper noch erfolgreicher als das Buch. Jeder kennt die Melodien wahrscheinlich bereits aus der Kindheit, und sei es mit verballhorntem Text.

Carmen La Cubana – das erste Musical aus Kuba

„Mit Carmen la Cubana kommt 2018 das erste Musical aus Kuba nach Deutschland, England, in die Schweiz und nach Asien“, besagt die Pressemitteilung vom 25. September diesen Jahres. Veranstalter BB-Promotion kann Kuba, das wissen wir spätestens seit der begeisternden Tanzveranstaltung „Ballet revolucion“ zur Jahreswende. Sowohl unter den Events im Admiralspalast als auch unter den Ballett- und Tanzaufführungen ein herausragendes Ereignis, das lange in Erinnerung bleibt. Zu bereuen bleibt nur, dass man nicht zweimal die Gelegenheit ergriff, das farbenfrohe, bewegte Feuerwerk zu genießen.

Eine sensationelle Augenweide! Das kubanische ,Ballet Revolución‘ macht aus modernem Tanz, Ballett und Street Dance einen bildschönen, bewegten Mehrwert

Diesmal sind Tänzer und Sänger vom Golf von Mexiko zu uns gekommen, wo Sonne, Klima und Völkermischmasch den einzigartigen Zauber Kubas begünstigte. Die Rhythmen, die nicht zuletzt 1999 durch den Dokumentar-Film „Buenavista Social Club“ von Wim Wenders auch wieder ins europäische Bewusstsein gekommen sind, ließen die Kubaner den Sozialismus und den damit verbundenen jahrzehntelangen Mangel überleben und aushalten. Im Fokus war der Kulturverein „Club Social“ des Stadtviertels Buena Vista der Hauptstadt Havanna. Einst von der Sowjetunion unterstützt und im Auge des Sturms, als die Welt unter Kennedy und Chrustschow so nah am atomaren Abgrund stand wie noch nie, blieb die Zuckerrohrinsel jahrzehntelang isoliert und vom Welthandel weitestgehend ausgeschlossen. Bescheidenen Tourismus gab es auf der karibischen Großinsel, die anderes bietet als das benachbarte Jamaica.

Doch Cuba, wie sich Land und Insel auf spanisch und englisch schreiben, ist mehr als ein Riesenfreilichtmuseum US-amerikanischer Autos aus den 50er Jahren, die immer wieder repariert werden mussten.

Kuba bietet mehr und kann noch überraschen. Irgendwo zwischen den Lähmungen lauerte die Ewigkeitskraft der Musik. Einer wiedererkennbaren Musik.

Diese mit „Westlichem“ zu kombinieren (tatsächlich liegen Frankreich und Europa östlich von hier über den Atlantik), hat seinen ganz eigenen Reiz.

Der Pressetext weiß über das neue Musical: „Es ist die atemberaubende Neuinterpretation des legendären Carmen-Stoffs und der vertrauten Melodien Georges Bizets.“

Die Macher von Carmen La Cubana

„Der international anerkannte Opern- und Musical-Regisseur Christopher Renshaw (u.a. The King and I, AIDA am Sydney Opera House) sowie der Grammy- und Tony-Award ausgezeichnete Arrangeur Alex Lacamoire (u.a. Hamilton, The Greatest Showman) verlegen die Handlung nach Kuba am Vorabend der Revolution.“

„Opulente, farbenprächtige Tableaus und dichte Szenen führen von einer Zigarrenfabrik im ländlichen Südosten der Insel in das lebendige Treiben der Bars und Clubs Havannas.“ Ausgerechnet die Schicksalszeit Kubas wird ausgewählt. Sowohl Stadt und Land bieten den Hintergrund des von Carmen La Cubana. Das Bühnenbild spiegelt die Karibikinsel mit seinem Flair wunderbar wider.
Dass Kuba nicht nur aus der Hauptstadt besteht, nach der die Havanna-Zigarre benannt ist, sondern auch aus dem großen Land, deren Landwirtschaft den Tabak dazu, Zuckerrohr und vieles mehr hervorbringt, wird dadurch nebenbei ins Gedächtnis gerufen, was sehr angenehm ist.

Santiago de Cuba, nicht zu verwechseln mit Santiago de Chile, und Santa Clara, in der die Waffen sprachen und in der Revolution alles klar machten, gibt es eben auch in diesem riesigen Land. Die Insel erstreckt sich vom Atlantik im Osten bis zum Golf von Mexiko im Westen.

Die DDR war kleiner als es Kuba ist.

Weiter zum Musical Carmen la Cubana: „Eine 14-köpfige Latin-Big-Band gibt dieser ‚Carmen‘ musikalisch ihre einzigartige kubanische Note. In drei Jahren Entwicklungszeit entstand ein Stück Musiktheater, das mit karibischen Rhythmen, leidenschaftlichem Gesang und temperamentvollem Tanz auf künstlerisch höchstem Niveau überzeugt.“

Das können wir bestätigen. Besonders die Szenen mit viel Volk, die lebendiger noch sind als bei Anatevka mit großem Ensemble, würde man gern mehr sehen. Aus heutiger Sicht ein Anachronismus die Liebesschwüre der sitzengelassenen Verlobten, die erst einen Brief der Mutter bringt und später mit dem Hinweis auf ihre Krankheit José überredet, mitzukommen.

Dabei ist die hübsche, jedoch nicht aufgedonnerte Marilú mit einer weißen Bluse gekleidet. Noch mehr Unschuld geht nicht.

Carmen und Romeos Julia

Alle applaudieren Carmen (Luna Manzanares). Im Berliner Admiralspalast. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Doch wir wissen, wie es mit der „rassigen“, wunderschönen Carmen ausgeht. Sie überlebt nicht.

Auch kann José sie nicht vergessen, kehrt zu ihr zurück und wird von Eifersucht zerfressen und überwältigt. Er tötet er sie, dann sich selbst.

Carmen hatte sich einem berühmten Boxer zugewendet.Die Figur des El Nino, der am Ende gegen seinen sportlichen Konkurrenten Kid Cowboy in den Ring steigt, ist ein schöner Seitenverweis des Musicals. Gerade Ringer und Boxer konnten sich auf den Weltsportbühnen wie WM und Olympischen Spielen immer wieder beweisen und Bronze, Silber und Gold holen.

Unangenehm die Einsprengsel englischer Wörter und Ausdrücke, die die Atmosphäre von 1958/59 kaputtmachen.
Bei „Asta-la-vista, Baby“ denkt jeder an Arnold Schwarzenegger in „Terminator“ – und nicht an Kuba.

Insgesamt tut das dem Ganzen jedoch keinen Abbruch und man kann sich an den wirbelnden Großszenen nicht sattsehen und -hören.

Carmen La Cubana ist nicht die erste Weiterentwicklung von Bizet

1943 eroberte Oscar Hammersteins Carmen Jones als Afroamerikanerin den Broadway. Wer weiß, ob die Figur noch bis Tahiti vordringt. Die Weltmusicalgeschichte ist nicht zu Ende.

Premiere von Carmen La Cubana

Der Tag der deutschen Einheit hinterließ Spuren. Nicht nur durch den teils böigen Wind und örtlichem Sturm. Der Feiertag hat vieles durcheinandergebracht. So findet die Premiere am Tag nach dem Feiertag der Wiedervereinigung statt, einen Steinwurf vom Tränenpalast am S- und Fernbahnhof Friedrichstraße entfernt. Am 2. Oktober gab es bereits eine Preview, sozusagen eine zweite Generalprobe. Im Vorpremierenpublikum viele Damen spanisch chic in schwarz und dunkelrot gekleidet – das Publikum geht mit, der Saal ist schon vor der Premiere voll.

Nach der Weltpremiere und einer erfolgreichen Saison 2016 am Pariser Théâtre du Châtelet ist Carmen la Cubana erstmals vom 2.10. (Previews; Premiere am 4.10.) bis 14.10.2018 im Admiralspalast in Berlin zu erleben.

Premiere von Carmen La Cubana am Donnerstag, den 4. Oktober 2018 um 19.30 Uhr im Admiralspalast,
Friedrichstraße 101, 10117 Berlin.

Eintrittspreis ab 26,-
50% Ermäßigung für Jugendliche bis einschließlich 14 Jahre

Carmen La Cubana – bis Sonntag 14.10.2018 im Berliner Admiralspalast

Hauptdarstellerinnen: Luna Manzanares (Carmen) und Albita Rodríguez (La Señora)

Co-Arrangeur: Edgar Vero
Musical-Director: Hector Martignon

Die Gastronomie des Admiralspalasts bietet während der Pausen und vor den Aufführungen von Carmen La Cubana für 7,50 Euro einen alkoholischen Cocktail an: Cuba Libre.

www.carmen-la-cubana.de




Volksbühne Ost am 16. März 2016 noch mit Räuberrad.

Es ist wieder da! Das Rad auf zwei Beinen steht wieder vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Seit dem 24. September 2018 steht es wieder da, das Rad auf zwei Beinen oder Räuberrad. Frank Castorf, der von 1992 bis Sommer 2017 die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz prägte, ist jetzt der unsichtbare Dritte, der Verschwundene. 25 Jahre sind eine lange Zeit, ein Vierteljahrhundert. Das laufende Rad, im Gegensatz zum fliegenden, das die Eisenbahn symbolisiert, fasste die Zeit zusammen und brachte sie auf den Punkt. Zierte die TheaterFlyer.

Bert Neumann erfand das Rad neu: Das Rad auf zwei Beinen

Bert Neumann hatte das Speichenrad auf Beinen, das auf großen Füßen lebt, 1990 entworfen, im Jahr der Wiedervereinigung. Am 1. Juli wurde die D-Mark als offizielles Zahlungsmittel auch in Ost- und Mitteldeutschland eingeführt einschließlich Ost-Berlins, wo in Mitte, dem Bezirk Nummer 1 in der Zählung von 1920, dem Gründungsjahr Groß-Berlins, die Volksbühne steht. Am 3. Oktober wurde die Vereinigung, für manche die „Wiedervereinigung“, vollzogen durch Beitritt von fünf Bundesländern als Verwaltungsakt. 2018 wird der 28. Geburtstag mit einem Riesenfest begangen. Der 3.10.2018 ist ein Mittwoch. Seit Montag, dem 24.9.2018 steht das Räuberrad wieder da, als wäre nichts gewesen. Abschied und Entfernung dagegen ließen die Wogen hochschlagen. Manche meinte sogar, es sei Castorfs Rad oder er habe es geraubt. Oder nachdem Castorf Berlin beraubt wurde, wäre das Rad gleich mitgegangen.
Oder jemand hätte das Rad mitgehen lassen, irgendeine dunkle demokratische Institution. Nichts dergleichen. Die, die wenig wissen, spekulieren viel, urteilen schnell.

Der Bildhauer Rainer Haußmann baute das Rad auf zwei Beinen

Die Faktenlage ist natürlich anders, selten stimmen Legenden zu 100%. Die Senatskulturverwaltung hatte verlautbaren lassen, dass das „Rad, das der Schweizer Bildhauer Rainer Haußmann nach den Plänen Bert Neumanns gebaut hatte“, restauriert an den Rosa-Luxemburg-Platz zurückkehre. An der „Optik“ habe sich „nichts verändert“. „Nur die Statik wurde angepasst und die Füße erneuert.“ Wir übersehen jetzt einmal die Widersprüche der Mitteilung und erinnern uns ans Prinzip, an den Anfang. Bert Neumann hatte das recht einfache Rad mit sechs Speichen, das Rad auf zwei Beinen, 1990 für die Inszenierung der „Räuber“ durch Frank Castorf entworfen. Deswegen „Räuber“-Rad oder Räuberrad. Honi soit qui mal y pense, wer waren die Räuber? Die Politiker, die den später ehemaligen DDR-Bürgern die D-Mark schenkten, taten dies auf Kosten der westdeutschen Steuerzahler der Bundesrepublik. Trotz des Geschenks wurde vielen DDR-Bürgern am 3. Oktober ihre alte Identität geraubt. Für manche war das zuviel.

Wer sind die Räuber?

Ob alle, die in den 90ern auf Brandenburgs vielen schönen Alleen in den Tod fuhren, wirklich nur die Motoren der Westautos von Volkswagen, Audi und BMW nicht beherrschten? Auch im Zusammenhang mit der Treuhand denken viele an Raub und Räuber. Von verschiedenen Standpunkten aus. Am 1. April 1991 wurde die Treuhandanstalt ihres Präsidenten beraubt. Detlev Rohwedder wurde ermordet. Der oder die Täter sind bis heute unbekannt. US-amerikanische Investmentbanken waren nicht unglücklich über die Wirkung seines Todes. Bei der neuen Chefin ging alles viel schneller und Verkäufe waren mit weniger verbindlichen Verantwortlichkeiten für ausländische Investoren verbunden.

Ob Deutschland dabei seines östlichen Tafelsilbers beraubt wurde – zum Zeitpunkt der DM-Einführung am 1.7. 1990 waren 8500 Betriebe Volkseigentum und treuhänderisch verwaltet – oder nur viele Menschen ihrer Arbeit – mehr als 4 Millionen waren in den über 8000 VeBs tätig – ist wie so vieles Ansichtssache. Gras wächst über die Sache. So wie auf dem Rosa-Luxemburg-Platz.

„… die Menschen materiell und seelisch nicht unter die Räder kommen zu lassen.“

Detlev Rohwedder wurde am 10. April 1991 mit einem Staatsakt geehrt. Das ehemalige Reichsluftfahrtministerium Wilhelm- Ecke Leipziger Straße (jetzt Bundesfinanzministerium), in dem die Zentrale der Treuhandanstalt ihren Sitz hatte, wurde nach ihm benannt. Auch eine Straße in Duisburg, nicht weit vom Wohnort des gebürtigen Gothaers entfernt. Detlev Karsten Rohwedder wurde in seinem Düsseldorfer Haus erschossen. Durch das Fenster, aus über 60 Meter Entfernung.
Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte über Rohwedders Wirken bei der Treuhand: „Kaum einer sah von Beginn an die Schwierigkeiten so deutlich wie Rohwedder. Ihm war das gewaltige Ausmaß der notwendigen Umstellungen mit ihrem Zeitbedarf und ihren tief einschneidenden sozialen Wirkungen vollkommen bewußt. Um so kraftvoller bemühte er sich darum, die Menschen materiell und seelisch nicht unter die Räder kommen zu lassen.“

Das eine Rad, für manche Symbol des rebellischen Theaters, das umso wichtiger wurde, wie die reiche Beschenkung der ehemaligen DDR-Bürger für viele in den Hintergrund rückte.

Der Streit ums Rad

 

Temporäres Räuberrad auf der triangulären öffentlichen Grünfläche vor der Berliner Volksbühne
Auf- und abgebaut an einem Nachmittag: „Stärkung der Freiheit von Kunst und Kultur durch Eröffnung der Geistkonserve.“ © 2018, Foto/BU: Andreas Hagemoser

In den Vordergrund geriet der Schmerz über Verlorenes, war dies nun gut oder schlecht gewesen. Als das Rad, das Lücken schloss, gar zum Symbol des Widerstands gerierte, selbst verschwinden wollte, gab es einen Aufstand. Eigentümer ist das Land Berlin. Frank Castorf wollte die Plastik partout zum Gastspiel beim Theaterfestival in Avignon mitnehmen und das passte nicht jedem. Nachfolger Chris Dercon war es egal, hatte es den Anschein gehabt. Lange blieb er nicht. Der Intendant schmiss im April das Handtuch, aktuell leitet Klaus Dörr das Haus kommissarisch. Dem Eigentümer Land Berlin hätte es nicht egal sein sollen. Doch gemeckert hatten Bert Neumanns Erben. Sie befürchteten einen Abriss gar und waren wohl auch deshalb mit dem Abbau nicht einverstanden.

Was jetzt passiert ist, ist nichts anderes als das in einem Kompromiss vereinbarte. Abbau – Castorf durfte zum Amtszeitende das Rad nach Avignon mitnehmen – Transport, Sanierung in Berlin, Aufbau am alten Standort.

Gutes Rad teuer

22.000 Mark hatte das Rad auf zwei Beinen gekostet, gut 11.248 Euro. Die Restaurierung war teurer als die Anschaffung. Verlautbart wurde, dass für „die Restauration Kosten in Höhe von ca. 25.000 Euro entstanden, die die Kulturverwaltung trägt“. Mehr als das Doppelte. Ans Bein gepinkelt haben die Hunde dem Rad. Deshalb der Austausch der Füße.

Rebellisches im Berliner Ensemble

Wirklich Rebellisches findet zurzeit wohl andernorts statt. In der Berliner Theaterlandschaft zum Beispiel das Stück „Auf der Straße“ im Berliner Ensemble. Ausverkaufte Vorstellungen, bestes Theater, erschütterte Besucher, die verändert wieder aus dem Kleinen Haus herauskommen. Das nächste Mal am 27. und 28. Oktober. Waren das Neue, die Wirkung, nicht einmal der Maßstab? Veränderung – Change? Karen Breece trifft den Nagel auf den Kopf und spart nicht mit Kritik. Sie trifft ins Herz und jeden anders, persönlich.

Das Rad der Geschichte dreht sich langsam. Langsam wie eine Laus.

Es scheint, dass das schwere Rad weitergelaufen ist. Weit ist es noch nicht gekommen, gerade mal zum Bertolt-Brecht-Platz am Schiffbauerdamm. Hier scheint es mit seiner Energie eine Weile verweilen zu wollen. Jocelyn B. Smith und die Different Voices tragen dazu bei und wirken an Karen Breece‘ Stück mit.

Das Rad der Geschichte dreht sich langsam. Langsam wie eine Laus.

Am Rosa-Luxemburg-Platz steht nur noch das Symbol. Die Energie ist weg.

Sie kann nicht verschwinden, das wissen wir. Der Energieerhaltungssatz. Wir erinnern uns.

Die Energie ist immer da, sie ist lediglich woanders

Die Energie ist woanders, verwandelt vielleicht, aber sie ist immer da.

Noch in Mitte, aber näher an der Friedrichstraße, näher an der Spree. Ein bisschen weiter westlich. Im Berliner Ensemble ist die Energie der Veränderung jetzt spürbar, „Auf der Straße.“

Im Theater. Jocelyn B. Smith mit Different Voices of Berlin im Brecht-Theater Berliner Ensemble

Büchse auf! Aus der Dose Leben. Feuerstein öffnet Geistkonserve (vor Volksbühne) – für Stärkung der Freiheit von Kunst und Kultur




"Publikumsbeschimpfung" von Peter Handke in den Kammerspielen in Berlin.

Publikumsbeschimpfung in den Kammerspielen – Aufstand oder Aufstehen?

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Endlich wieder eine richtige Publikumsbeschimpfung in einem Deutschen Theater. Nein, nicht wirklich. Es ist „nur“ ein Stück. Ein Stück von Peter Handke. Ein Stück? Ein Sprechstück. In einem Akt. Ein Abwasch sozusagen, der Ausdruck seiner Ablehnung des herrschen Falschen war, des kleinbürgerlichen Nachkriegstheaters im besetzten Westdeutschland.

"Publikumsbeschimpfung" von Peter Handke in den Kammerspielen in Berlin.
„Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke in der Regie von Martin Laberenz. © 2018, Foto: Julian Marbach

Das Original wurde am 8. Juni 1966 in Frankfurt am Main im Theater am Turm erstmal aufgeführt. Damals führte Claus Peymann Regie. In ein paar Tagen, genauer am 6. Oktober 2018, wenn das Stück in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Premiere haben soll, wird Martin Laberenz Regie führen. Nach dem Stück darf das beschimpfte Publikum Party feiern. Mit dem Regisseur. Mit dem Sprecher auch? Nein, denn es soll gespielt werden. Schauspieler sollen spielen und auf die Namen Manolo Bertling, Peter René Lüdicke, Jeremy Mockridge, Batali Seelig, Johann Jürgens / Leo Schmidthals und Birgit Unterweger hören. Spielen auf einer von Volker Hintermeier gestalteten Bühne und in von Aino Laberenz Musik Leo Schmidthals gefertigten Kostümen.

Was sich Laberenz mit seinen Dramaturgen Jan Hein und Katrin Spira da wohl wieder ausgedacht hat? Wollen wir sehen. Am Samstag, den 6. Oktober 2018, ab 19.30 Uhr.

Ob er „Aufstand gegen das Bestehende“ (Peymann) heute noch zum „Aufstehen“ (Lafontain/Wagenknecht und so weiter) reicht?

Oder wie Fragen in der Pressemitteilung des Deutschen Theaters vom 26.9.2018 lauten: „Was hat es noch auf sich mit diesem Stück, das in Tiraden an das Publikum gipfelt, um sich am Ende beim Zuschauer zu bedanken? Was will, kann, darf und fordert das Theater und was das Publikum – wie treffen sie am Abend selbst aufeinander?“

„Schaun mer mal, dann sehn mer scho.“ (Beckenbauer)




Musiker auf dem Zeig-Courage-Fest

Zeig Courage! Berlin feiert mit Live-Musik am Leopoldplatz

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Noch bis 22 Uhr wird auf dem Berliner Leopoldplatz unter dem Motto ZEIG COURAGE! gefeiert. Gegen 19 oder 20 Uhr werden die Stände der vielen Projekte abgebaut, die sich hier vorstellten: Zum Beispiel NARUD e.v., Veranstalter unter anderem auch eines jährlichen interkulturellen Fußballturniers, und die Kinderkunstwerkstatt Seepferdchen aus der Brüsseler Straße.

Zeig Courage – aber zeig dich

Kirche am Leopoldplatz am Wedding am U-Bahnhof Leo U6 und U9
Sonnenschein auf der Kirche am Leopoldplatz: Entspannte Stimmung auf dem Zeig-Courage-Fest. Auf der Bühne: KonstanThyme. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Ein Besucher mit einem Halskettchen mit einem Leuchter, den viele als jüdisch einordnen, beklagte sich über die geringe Werbung für das Festival. Spät und eher zufällig habe er von dem Fest erfahren und wünschte sich mehr Resonanz. Seiner meiner nach sei nicht genug auf das Festival Zeig Courage hingewiesen worden.

Silke Fischbeck aus dem „Seepferdchen“ zeigte sich besser informiert und wusste, dass die Veranstaltung seit Wochen kommuniziert wurde.

Der Aufforderung Zeig Courage! wären wohl noch mehr Menschen mit Mut gefolgt, wenn sie von dem gut erreichbaren Open-air-Event gewusst hätten. Zum Leopoldplatz in Wedding, jetzt ein nördlicher Teil von Berlin-Mitte, führen zwei U-Bahn- und viele Buslinien, auch die Ring-S-Bahn und die in den Westen hineinfahrende Straßenbahn auf der Seestraße sind nicht weit weg.

Zeig Courage macht Musik

Stabbrot auf dem Leopoldplatz (Leo).
Feuerschale. Gemütliche Essenszubereitung auf dem „Zeig-Courage“-Fest am 19. September 2018 in Berlin. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Ein Bühnenprogramm, dass bis etwa halb sechs noch in der Sonne stattfand bei angenehm warmen Spätsommerwetter und eher hochsommerlichen 28-30 Grad, bildete die Klammer zu den vielen Einzelaktivitäten. Zwischen den Imperativen „Willkommenskultur aktiv leben!“ und Zeig Courage und dem englisch formulierten „I am Jonny“, das an „Je suis Charlie Hebdo“ erinnert immer wieder tolle Live-Auftritte im Halbstundentakt.

Silke Fischbeck trat mit Gesang und Gitarre auf, mit und ohne Kinder aus dem „Seepferdchen“.

Flora E. Bernhagen von der Flora-Medienwerkstatt Berlin und Ralf Neubauer von Get-up-Stand-up-TV treten auch mit der Wulaba-Band auf. Darauf wies auch der Moderator hin. Bei den Wulaba-Projekt, wo es um Freiheit geht, sind Flüchtlinge beteiligt. Unterstützt wird die im Dezember 2015 von Menschen aus aller Welt gegründete Gruppe unter anderem von dem Flora-MW-Verlag. Die Musik umfasst viele Stile, politische Lieder, Reggae, Soul, aber auch traditionelle afrikanische Musik oder Hip-hop.

Die engagierte Flora E. Bernhagen hat auch schon mehrere Bücher veröffentlicht: aktuell die „Denk-Welle“, davor „Mauer-Brüche“ und zuerst „Kleines Rotbuch“. Die Lyrikbände verbinden Politik und Weltgeschehen mit Autobiographischem. Flora hat viel erlebt. Ihre Gedichte erzählen auch davon.

Bereits vor 18 Uhr auf der Bühne KonstanThyme, ein Straßenmusiker, den man außer auf der Straße im Weltnetz und auf CD finden kann.

Der Titel der CD ein bisschen so, wie es atmosphärisch auf dem Platz vorgelebt wurde: „Paradies und Das“.

 




"Die Gerechten" von Albert Camus im Berliner Maxim-Gorki-Theater.

Das Drama „Die Gerechten“ von Albert Camus demnächst am Maxim-Gorki-Theater in Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nicht nur für mich wird es mal wieder Zeit, das Drama „Die Gerechten“ von Albert Camus zu sehen und über das Theaterstück, das auf einer wahren Begebenheit basiert, nachzudenken.

1905 verübte die Terror-Truppe (oder Freiheitskämpfer, d.I.d.t.? der Sozialrevolutionäre in Moskau einen Anschlag auf den russischen Großfürsten Sergei. „1931 wurden“ laut Wikipedia „bei Payot in Paris in französischer Übersetzung die von Boris Savinkov 1909 veröffentlichten und 1917 ergänzten Erinnerungen eines Terroristen publiziert“, die Camus gelesen haben muss wie auch den 1933 von Irène Némirovsky geschriebenen Roman L’affaire Courilof (Der Fall Kurilow, 1995). Daraus zog der französischer Schriftsteller und Philosoph, Nobelpreisträger für Literatur und Existentialist Camus den Stoff für sein Drama in fünf Akten.

Das Drama in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel wird unter der Regie von Sebastian Baumgarten neu aufgelegt. Am Samstag, den 29. September, soll um 19.30 Uhr auf der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters Premiere sein und auf der Bühne sollen Mazen Aljubbeh, Jonas Dassler, Lea Draeger, Aram Tafreshian und Till Wonka stehen.

In einer Pressemitteilung der Maxim-Gorki-Theaters vom 12.9.2018 heißt es zur Premierenankündigung: „Die Gerechten von Albert Camus ist einerseits ein spannender politischer Kriminalfall auf Basis einer wahren Geschichte: des Attentats 1905 auf den Großfürsten und Zarenonkel Sergej, mit dem russische Revolutionäre der staatlichen Barbarei ein Ende setzen wollten. Auf der anderen Seite verstrickt Camus mit diesem Stück über Terrorismus seine Figuren in den Widerspruch zwischen Rechtfertigung der Gewalt und dem Tragen persönlicher Schuld. Sebastian Baumgarten sucht mit Camus in der russischen Geschichte nach einem Verstärker, der die aktuellen Kollisionen erfahrbar macht.“

Anmerkung:

Mehr zum Drama „Die Gerechten“ von Albert Camus nachdem ich das Stück gesehen habe.

d.I.d.t. = der Idiot der tippt




Donald Runnicles

Zum Musikfest Berlin 2018: Donald Runnicles dirigiert Bernd Alois Zimmermann und Richard Wagner

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In einem Sonderkonzert im Rahmen des Musikfests der Berliner Festspiele zog Donald Runnicles, der Dirigent des Orchesters der Deutschen Oper Berlin, in der Philharmonie Berlin wieder alle Register seines Könnens. Von Bernd Alois Zimmermann (1919-1970), einem Komponisten der damaligen, avantgardistischen „Neuen Musik“, dirigierte er „Photoptosis“, Prélude für großes Orchester und „Stille und Umkehr“.

Die neue Musik auch als Zeitgenössische Musik, französische Musique nouveau tituliert, fasst ein Genre zusammen, welches äußerst vielfältig ist und sich Strömungen vor und nach dem 2. Weltkrieg gliedert.

Zimmermanns Werk bringt alles zum Vibieren – die große Orgel in der Philharmonie – sie klang, als ob gleich ein Mississippi-Dampfer ablegt – sie „feuerte“ ohrenbetäubend ihre Klaviatur „aus allen Rohren“. Anmutungen von atonaler Musik oder Zwölfton-Musik kamen auf, ein Sägeblatt wurde zum Singen gebracht, die großen Pauken mit den bloßen Händen wie bei Trommelpercussions „gestreichelt“, Glockenspiel, Harfe, ein Heer von Geigen, Violinen, – eben das gesamte große Orchester vermittelte dank der kundigen Führung durch Runnicles ein einmaliges Hörerlebnis. Auch der visuelle Genuss war groß – von den Seitenrängen konnte direkt dem Orchester en detail zugeschaut werden – von welchem der vielzähligen Instrumente die – vereinzelt kakophonisch – anmutenden Klänge kamen. Das große Chaos dann geführt von Runnicles zu besinnlicher Stille. Einmalig bravourös!

Nach der Pause wurde dann Richard Wagners Siegfried, 3. Aufzug zum Besten gegeben! Ein besonderer Hochgenuss, diese unglaublich romantische Musik des Komponisten mit so einem umstrittenen menschlichen Ruf. Jedes Wort seiner Wortschöpfungen der Minnegesänge sind wie in Stein gemeißelt – so geschraubt wirkt das Mittel- und Althochdeutsch anmutende Liebeswehen. Gut, dass der Text auf Textbändern zu lesen ist – es wäre einem etwas entgangen, wenn man sich nur auf die bezaubernde Musik und die Sänger*innen konzentriert hätte – kein Hollywood-Blockbuster-Liebesfilm kann es mit diesen Kompositionen aufnehmen – aber ähnlich schwülstig, herzerweichend bewegend.

Die Besetzung der Sänger*innen-Rollen war hochkarätig. Siegfried: Simon O’Neill, Der Wanderer: Michael Volle, Erda: Judit Kutasi, Brünnhilde: Allison Oakes – eine/r sang besser und ergreifender als der/die andere, begleitet vom phänomenalen Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Regie ihres Zaubermeisters Donald Runnicles.

Großer Schlussapplaus goutierte das herausragende Konzerterlebnis.

Nebenbei bemerkt wurde dieses Konzert beim Musikfest Berlin vom RBB für den Hörfunk aufgezeichnet. Als Sendetermin auf RBB-Kulturradio ist derzeit der 29. September 2018 vorgesehen.