Bregenzer Festspiele 2018

Halbzeit in Bregenz – Festspiele vermelden einen erfolgreichen Start

Bregenz, Österreich (Kulturexpresso). Bis jetzt spielte auch das Wetter mit und bescherte der Seebühne ausverkaufte Vorstellungen mit grandios inszenierten Sonnenuntergängen. Die ‚Carmen‘- Produktion musste heuer nur einmal ins Haus verlegt werden.

Zum Festspielfinale stehen noch zwei interessante Musiktheater-Ereignisse auf dem Programm. Die Uraufführung ‚Das Jagdgewehr‘ des Komponisten Thomas Larcher, in der Regie von Karl Markovics auf der Werkstattbühne, verspricht ein musikalisches Highlight zu werden. Rossinis ‚Der Barbier von Sevilla‘ im Kornmarktheater, in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender, mit ausschließlich ganz jungen Künstlern, die schon an der Masterclass des Opernstudios Bregenz teilgenommen haben, schließt dann den Premierenreigen.

Zwei Epochen im Orchesterkonzert

Das gestrige Konzert der Wiener Symphoniker präsentierte vorab eine weitere Komposition von Thomas Larcher. ‚Alle Tage‘ – Symphonie für Bariton und Orchester, nach vier Gedichten von Ingeborg Bachmann (österreichische Erstaufführung). Vorläufige Erkenntnis: Die Stärke des gefragten Komponisten liegt doch wohl mehr in der orchestralen Gestaltung. Wenngleich von der menschlichen Stimme fasziniert, arbeitet Larcher überwiegend mit einem melodischen Sprechgesang, welcher zuweilen die Entstehung einer notwendigen Dynamik vermissen lässt.

Bariton Benjamin Appl wird als indisponiert angesagt, doch davon ist nichts zu bemerken, seine Interpretation der schwierigen Gesangspassagen klingt kraftvoll und entwickelt dennoch in den lyrischen Passagen eine große Sensibilität.

Spricht Thomas Larcher im Einführungsgespräch noch von der Angst der Frauen vor dem großen Orchesterapparat, als er gefragt wird, warum er sein Werk für Bariton geschrieben habe, beweist hier Dirigentin Karina Canellakis, dass sie durchweg furchtlos mit einem großen Klangkörper umzugehen versteht.

Einfühlsam und doch mit Zielstrebigkeit arrangiert sie mit den Wiener Symphonikern die recht schwierige Partitur und versteht es dennoch, die bekannte Klangschönheit der Wiener zu Gehör zu bringen.

Das Schicksal pocht an die Tür

Ludwig van Beethovens fünfte Symphonie zeigt sich nach der Pause als interessante Entwicklungsstudie der klassischen Musik in der Gegenwart. Beethoven soll den prägnanten Auftakt mit den Worten: „So pocht das Schicksal an die Pforte“ erklärt haben. Ganz so dramatisch klingt das Werk an diesem Abend nicht. Karina Canellakis besitzt einen Dirigierstil, der vordergründig mit visuell ansprechenden Bewegungen zu fesseln scheint; Kommentare nach dem Konzert bezüglich des visuellen Aspekts sind interessanterweise zu vernehmen.

Cannellakis ‚begleitet‘ die Symphoniker mehr als sie zu leiten, selten ist eine prägnante ‚Vorabzeichengebung‘ zu bemerken. Schnelle Tempi geben ihrer Interpretation Schwung sowie Pathos, dennoch bremsen letztendlich die oft extrem langsamen Ausdeutungen einiger Pianopassagen den Fluss der Sinfonie. Eine überhöhende musikalische Dimension kann sich leider nicht wirklich entfalten.

Dennoch großer Jubel vom Bregenzer Publikum für die Dirigentin sowie die brillant musizierenden Wiener Symphoniker. Auf die Entwicklung der sogenannten ‚ernsten‘ Musiktradition in den kommenden Jahren darf man gespannt sein.




Argentinische Gauchos trommeln, tanzen und "batteln" an 25.7.2018 in der Komischen Oper Berlin und in Köln

Nach wessen Trommel tanzt Du? Männlichkeit, Kraft und Beweglichkeit – wortlos herübergebracht mit Malambo

Berlin/ Köln, Deutschland (Kulturexpresso). Und das bei dieser Hitze. Das, was die Tänzer von „Che Malambo – The Rhythm of Argentina“ da auf die Bühne bringen, ist einfach toll. Und es erklärt sich von selbst. Malambo ist ein typischer südamerikanischer Tanz. „Der Rhythmus Argentiniens“, das ist vielleicht ein kleines bisschen übertrieben, zeichnen doch viele Rhythmen das Silberland aus.

SO tanzen die Gauchos!

Bei aller Freude über den Sieg der deutschen Herren bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien schmerzte den Kosmopoliten, der trotzdem in der Lage ist, sich zu freuen, wenn Sportler seiner Heimat Wettbewerbe gewinnen, dass bei der Rückkehr der Helden ein Lied die Runde machte, das die argentinischen Vizeweltmeister verunglimpfte, zumindest die argentinischen Fußballer als Gauchos bezeichnete. Selten stoßen solche Verallgemeinerungen zuhause auf Zustimmung. Welcher Deutsche möchte schon als „Fritz“ oder „Kraut“ bezeichnet werden? Zudem alle Verallgemeinerungen genau das sind, Verallgemeinerungen. Viele dienten seit Generationen dazu, nach dem Prinzip ‚Teile und herrsche‘ sich über andere Völker zu erheben und von ihnen abzusondern.

Das diente nur der Waffenindustrie und den Kriegstreibern. Allein die Aussöhnung mit Frankreich unter De Gaulle und Adenauer beweist, wie richtig sie ist. Der Erzfeind war zudem nie einer, denn erst unter Friedrich II. kam es zu einem weithin bestaunten Wechsel der Allianzen. Preußen und das französische Königreich, damals der Nabel der Welt, eine Weltmacht, die DIE Weltsprache sprach, waren lange durch Bündnisse und kulturell gebunden. Österreich(-Ungarn), eine weitere Weltmacht, stand im Zweifel an der Seite Großbritanniens. Aus heutiger Sicht merkwürdig, dass die beiden deutschsprachigen Kurfürstentümer nicht verbündet waren. Und das, obwohl beide zum Heiligen römischen Reich deutscher Nation gehörten.

Daran änderte auch der Wechsel nichts. Im Siebenjährigen Krieg, der vielen als erster Weltkrieg gilt, fochten Brandenburger und Preußen an der Seite der Briten gegen Franzosen und Österreicher. Das Ende ist bekannt: Großbritannien gewann die Weltherrschaft durch seine Vormachtstellung auf den Weltmeeren. Die Franzosen, in Kanada zu Lande überlegen, wurden von ihrem Nachschub abgeschnitten.

Englisch wurde Weltsprache. Als sich manche Offiziere in Massachusetts gegen die britische Krone verschworen und einen siebenjährigen Unabhängigkeitskrieg führten, entstand ein neues Land. Deutsch war als Landessprache im Gespräch und unterlag Englisch nur knapp. Ab 1776 wurde die Weltsprache Englisch so weiter gefestigt.

Frieden und Kultur: Malambo ist dabei

Inzwischen ist klar: „Nie wieder Krieg!“ ist alternativlos. Schon die globale Erwärmung verbietet Kriege, die ungeahnte Zerstörungen anrichten. Von Moral und Ethik ganz zu schweigen. Dass die (zehn) Gebote während eines Krieges nicht befolgt werden, weiß jeder. Wettstreit darf sein, aber friedlich.

Brasilien kennt den Capoeira, eine Art friedlicher Kampftanz. Etwas aggressiver die US-amerikanischen Rapper-Battles, Poetry-Battles, Dance-Battles.

Malambo geht einen Mittelweg. Einen gewaltlosen. Die Gauchos führen musikalische und Tanzbattles durch. So könnte man es in der heutigen Zeit, in der die Deutschen sich, so scheint es, besser verstehen, wenn sie englisch sprechen, ausdrücken.

Malambo, der Tanz der Gauchos. Wer ist das eigentlich?

Gauchos haben nichts zu tun mit den Gauches oder Gauchers (sprich: Goosch und gooschee, französisch). Alexandre Jardin schrieb den wunderbaren Roman „Île des Gauchers“, den Eliane Hagedorn und Barbara Reitz ins Deutsche übersetzten. Die Insel der Linkshänder. Ein Ort, in dem die Liebe an erster Stelle steht. Noch über dem Job, meine Herren. Arbeit ist gemeint.

Wo wir nun sowieso schon englisch sprechen: Gauchos sind die argentinischen Cowboys. Sie sprechen spanisch. Argentinisches Spanisch. Und sie tanzen besser als ihre nordamerikanischen Kollegen, die auch als Kuhjungen arbeiten und auf einem hohen Ross sitzen.

Ihr Tanz ist der Malambo, in dem sich verschiedene Elemente mischen.

Der Tanz, so wie er auf der Bühne der Komischen Oper in der Behrenstraße gezeigt wird, erinnert an „Dance Battles“. Einer tanzt, nickt dem anderen zu: ‚SO, das musst Du erstmal nachmachen!‘ ‚Das kannst du nicht überbieten!‘ Der andere, oder eine andere Gruppe, lässt sich nicht lumpen und hält dagegen.

Ein bisschen erinnert es auch an indische Musik, wo ein Musiker dem anderen „antwortet“. Legendär die Berliner Konzerte des Tabla-Tarang- und Tablameisters Kamalesh Maitra aus Indien, dem die Amerikanerin Laura Patchen auf der Tabla antwortete.

Malambo verliert nicht viele Worte. Eigentlich muss man nur drei Worte sagen: Gehen Sie hin!

Alles andere werden Sie von selbst verstehen.

Wer in Berlin nicht in die Komische Oper kann, gehe in Köln in die Philharmonie.

In Berlin-Mitte fand am 24. Juli die Deutschlandpremiere statt. Bis zum 29.7. werden die 12 Meistertänzer in gedämpften rotem Licht die Zuschauer verzaubern. Das ist ein Naturgesetz. So ziemlich das einzige Wort, dass die Tänzer und Trommler im Chor verlieren, heißt: MALAMBO!

Die Instrumente dieser wirbelnden Wahnsinnstänzer sind Gitarre, Trommel und Schleuder. Noch nie gehört? Noch nie gesehen? Hingehen.

Die 12 Apostel des Malambos-Tanzes kamen nach Deutschland. Hören wir ihnen zu.

Aus dem Pressemitteilungs-Wörterbuch:

Malambo-Glossar

Malambo: volkstümlicher Männertanz aus Argentinien

Bombo: zweifellige Zylindertrommel

Zapateo: (von zapatear = stampfen, tänzeln): Figuren mit rasanter Fußarbeit

Boleadora: Lasso mit Stein am Ende, ursprünglich eine Wurfwaffe für die Jagd

Der stolze Spanier ist sprichwörtlich. Wer hat schon einmal einen stolzen Argentinier gesehen? Es wird Zeit. Wer die Welt nicht besuchen will, kann in Städten wie Köln und Berlin warten, dass die Welt zu Besuch kommt. Jetzt sind gerade die Männer aus dem Silberland da.

Während sie ähnlich dem irischen Tanz mit viel Beinarbeit die Brust herausstrecken und Elemente der Tänze und Musik der Kolonialherren einbauen, tanzen sie ihren eigenen Tanz. Den Tanz der Gauchos, den Malambo.

Der Stolz ist berechtigt.

Gauchos gibt es auch in den Nachbarländern, in Brasilien, Uruguay, Paraguay und Bolivien. Argentinien spielte in vielerlei Hinsicht gern eine Vorreiterrolle in Süd- und sogar Lateinamerika. Ihre abgesehen von Brasilien, Surinam und Guayana überall bis hoch ins nordamerikanische Mexiko lesbaren Zeitungen gaben mit den Ton an. Buenos Aires hatte einen sehr guten Klang. Diktaturen und der Krieg um Malwinen, wie die Einheimischen die Falklandinseln nennen, führten zum gegenwärtigen Niedergang. Inflation, Schuldenkrise, das ganze Programm. Nie wieder Krieg, das denkt sich bestimmt so mancher Südamerikaner. Die unsinnigen Grenzstreitigkeiten mit Chile in Feuerland sind auch längst obsolet.

Wer soviel Platz hat wie Argentinien, kann bei Grenzlinien großzügig sein. Die Pampa gibt es wirklich und Patagonien ist ein eigenes Land, aber kein eigener Staat. Hier wäre Platz für mehrere jüdische Staaten gewesen. Die Überlegungen gab es. In Patagonien gibt es nicht nur Schafe und Tourismus, sondern auch Öl und Kohle. Und eines der wichtigsten alpinen Wintersportzentren des Kontinents. In Argentinien gibt es private Güter, die größer sind als so mancher europäische Staat.

Der Malambo der Gauchos ist ein weiterer Reichtum. Schön, dass die Argentinier ihn jetzt mit uns teilen.

Komische Oper Berlin

Opernkasse Unter den Linden 41, 10117 Berlin-Mitte
Mo-Sa 11-19 Uhr, Sonntag 13-16 Uhr

Abendkasse und Eingang:
Behrenstraße 55-57
10117 Berlin
jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn

Vorstellungen „Che Malambo – Tanz- und Rhythmusspektakel aus Argentinien“

Freitag, 27. Juli 2018 um 20 Uhr
Samstag, 28. Juli 2018 um 15 Uhr
Samstag, 28. Juli 2018 um 20 Uhr
Sonntag, 29. Juli 2018 um 14 Uhr

Karten zwischen Euro 39,50 und 74,50

Sowie im Anschluss in Köln, Philharmonie

(alle Angaben ohne Gewähr)

Che Malambo – das Ensemble

Die 12 Tänzer: Federico Arrua, Fernando Castro, Francisco Matias Ciares, Claudio Daniel Diaz, Miguel Angel Flores, Federico Gareis, Fernando Gimenez, Walter Kochanowski, Facundo Lencina, Gabriel Adrian Lopez, Daniel Medina, Matias Rivas.

+Artistic Director, Gründer, Konzept, Choreographie und Inszenierung: Gilles Brinas




Theater

Berliner Schnauze mit Herz und umgekehrt bald auf einer Bühne

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Stirbt der Berliner Dialekt aus?“ Wenn jemand so freundlich fragt, dann bekommt er eine Antwort.

Die McDonaldisierung der Welt hat vor den Toren Berlins nicht halt gemacht. Die Kulturindustrie schreckt vor nichts zurück. Das Kapital kennt weder Berliner Schnauze noch Herz. Die herbe und herzliche Ausdrucksweise in Berlin und Brandenburg stirbt aus. Die Schwabisierung schreitet voran. Das ist der rote Faden der Bundesrepublik Deutschland (BRD), der auch hier gesponnen wird.

Wer „eine Bühne für alle, die diesen frechen Dialekt lieben und gern lachen“, baut, der ist die Ausnahme und bestimmt die Regel. Punkt.

Ob die Ausnahme nicht nur nett gemeint ist, sondern auch gut gemacht wird, das darf ab 1. September 2018 begutachtet werden, denn dann soll „mit einem Mix von Berliner Typen das neue MundART und Comedy Theater ‚Berliner Schnauze‘ an der Karl-Marx-Allee 133 in Berlin-Friedrichshain“ eröffnen, wie in einer Pressemitteilung vom 9.7.2018 zu lesen steht.

Angeblich würden „eine Handvoll Berliner Mimen, die den Berliner Dialekt ebenfalls mit der Muttermilch aufgesogen haben“ auf der Bühne stehen und „während der Premieren-Woche vom 1. bis 7. September 2018 … gemeinsam allabendlich (bis auf Dienstag) Auszüge ihrer Programme“ vorstellen, die da lauten.

Icke vom Kulturexpresso werde kieken, ob „Theaterleiterin Marga Bach, Sabine Genz (u.a. Atze Musiktheater, Kabarett Kartoon, Charly M), Sigrid Grajek (u.a. Claire Waldoff, Coco Lorès), Franziska Hausmann (u.a. Kabarett Kartoon, Charly M), Natascha Petz (u.a. Womedy, Triolen-Kompott), die Travestiekünstler Red Shoe Boys (Thomas Schwabe und Peter Kohn), Thomas Schmitt vom Liedkabarett-Duo MTS und Norbert Schultz (Kabarett Lachgeschäft/Gera)“ Bammel haben und was sie auf die Bühne bringen.

Für die Moderation in der Woche der Premieren würde der Schauspieler Klaus-Peter Grap sorgen und am Piano Wolfram Lauenburg sitzen.

Angeblich sollen die mich und 79 weitere Gäste im Berliner-Schnauze-Theater, das sei ein „gemütliches Wohnzimmertheater im Alt-Berliner Stil“, erwarten und „eine unterhaltsame Mischung aus Kabarett, Comedy, Musik, Tanz und Gesang nach Berliner Art: große Klappe, kesse Sprüche, durchaus auch mal deftig und anzüglich“ bieten. Berliner Herz mit Schnauze eben. Vice versa!




Ballett (Symbolbild).

Verlangen hoch drei – Ballette von Stijn Celis, Jiří Kylián und Andonis Foniadakis

Saarbrücken, Deutschland (Kulturexpresso). Im für Millionen hervorragend renovierten Staatstheater Saarland gibt es Feuer und Ekstase – das Saarländische Staatsballett, ein internationales Ensemble choreographiert vom renommierten, belgischen Ballettdirektor Stijn Celis reißt alle zu Begeisterungsstürmen von den sehr bequemen Stühlen.

Drei Choreographien von weltberühmten Choreographen werden präsentiert: „Your Passion is pure joy to me“ (Musik ursprünglich von Johann Sebastian Bach), choreographiert von Stijn Celis wird von „Nick Cave and The Bad Seeds“ romantisch-dramatischen Songs untermalt, die sehr zu Herzen gehen. Seine Songs kreisen um das Thema Gläubigkeit und wie man trotz quälender Erinnerungen überleben kann, ohne zu zerbrechen. Die sieben TänzerInnen in legerer Alltagskleidung zeigen individuelle und eigenständige Ausdrucksformen in der Balance zwischen Leid und Trost, zwischen Schmerz und Heilung. Im Kontrast zu Caves Musik steht die Musik der Avantgardekünstler Pierre Boulez und Penderecki, die in der Mitte des Tanzwerks einen Kontrapunkt setzen mit kakophonischen Klangwelten. Am Ende versöhnt klanglich ein Klavierstück des kubanischen Jazzpianisten Gonzalo Rubalcaba – leichtfüßig und elegant von den TänzerInnen wiedergegeben – welch ein Hochgenuss.

Weiter geht es mit der Choreographie „27‘52“ von Kiri Kylián nach Musikmotiven aus Gustav Mahlers „Sinfonie Nr. 10“. Die sechs TänzerInnen bat Kylián vor der Inszenierung von ihnen selbst gewählte Texte zu sprechen, die dann während des Tanzes sowohl vorwärts als auch rückwärts abgespielt wurden. Sprüche des Kampfkunst-Schauspielers Bruce Lee oder „Darf ich Sie fragen, wer Sie sind?“ aus Martin Scorseses Film „Kundun“ über den Dalai Lama oder auch „Der Albatros“ von Charles Baudelaire werden hier tänzerisch kunstvoll und atemberaubend getanzt.

In der dritten Choreographie „Selon désir“ des Griechen Andonis Foniadakis geht dann endgültig „die Post ab“ – zur Musik von J.S. Bach (Eröffnungschöre aus der Matthäus- und Johannespassion). Was man sonst nur auf Fotos sieht, wenn sich Arme und Beine sehr schnell bewegen, ist hier life zu sehen – die Bewegungen sind so schnell, dass die Augen die Bilder nicht richtig zusammensetzen können und man Mehrgliedrigkeit zu sehen glaubt. Lange, wild herumfliegende Haare, alle in griechisch anmutenden Kostümen, die Tänzer tragen die typischen griechischen Röcke – Feuer und wilde Bewegung – es ist unglaublich, was das Ensemble hier an Feurigkeit zu bieten hat.

Laut Foniadakis geht es bei „Selon désir“ um einen Gang durch das Feuer – das Leben als permanenter Kampf. „Himmel“ und religiöser Aufschwung werden gefolgt von „Hölle“, dem Chaos der Seele, Seelenqualen, Anarchie.

Atemlos bleibt man als Zuschauer zurück – wunder-, wunderschön! Tosender Beifall des Publikums folgte.




„Das achte Leben (für Brilka)“ bei den Berliner Autorentheatertagen 2018

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es ist kaum möglich, den zahlreichen Lobeshymnen für Jette Steckels Inszenierung „Das achte Leben (für Brilka)“ etwas noch nicht positiv Hervorgehobenes hinzuzufügen. Allerdings wurde das Werk auch von der Jury des Theatertreffens diskutiert und nicht ausgewählt. Bemerkenswert ist es schon, dass noch keine von Jette Steckels Arbeiten beim TT zu erleben war.

Umso erfreulicher, dass es die Autorentheatertage gibt, wo das Berliner Publikum mit Begeisterungsstürmen und Standing Ovations auf das Gastspiel des Hamburger Thalia-Theaters reagierte.

Nach fünf Stunden mit einer Pause, nach der fast alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten, schien es so, als wollten die Zuschauerinnen und Zuschauer die Menschen auf der Bühne gar nicht wieder loslassen. Die waren doch so lebendig aus dem Roman herausgesprungen als wäre es ihnen zu eng geworden zwischen den Buchseiten. Sie hatten ihre Geheimnisse preisgegeben, hatten an ihrem Leid, und manchmal auch an ihrem Glück teilhaben lassen, und sie hatten die Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt aus georgischer Perspektive, die sich von der des Westens erheblich unterscheidet.

Emilia Heinrich, Julia Lochte und Jette Steckel haben aus Nino Haratischwilis 1273 Seiten-Roman ein Konzentrat erstellt, in dem alles Wesentliche, eng zusammengedrängt, enthalten ist. Manchmal wechseln Zeiten und Schauplätze in rasantem Tempo, aber es gibt auch sehr intensive Szenen, die qualvoll lange dauern oder genussvoll ausgekostet werden.

Wie im Roman gibt es auch im Stück eine Erzählerin, Niza, 1973 geboren, in fünfter Generation der Familie Jaschi. Niza erzählt jedoch nicht sehr viel, der Text ist zum größten Teil szenisch umgesetzt. Die Titel der acht Bücher des Romans erscheinen auf einer Tafel über der Bühne. Jedes Buch behandelt das Leben eines Familienmitglieds und trägt seinen Namen.

Den Anfang macht Stasia, 1900 geboren als Tochter eines Schokoladenfabrikanten. Als alte Stasia reinigt Barbara Nüsse einen Wandteppich und erklärt ihrer Urenkelin Niza (Lisa Hagemeister) Geschichte und Symbolik dieses Familienerbstücks.

Der Teppich wird zum wichtigsten Bestandteil von Florian Lösches Bühnenbild. Ein riesiger Teppich, der über eine Rolle immer ein Stück weiter von oben herabkommt, schließlich die ganze Bühne bedeckt und über die Rampe hinaus bis in den Zuschauerraum flutet, ein Kunstwerk, in das die Geschichte der Familie Jaschi und ihrer Zeit hineingewebt ist.

Barbara Nüsse verwandelt sich in die siebzehnjährige Stasia, ein eigenwilliges, dabei liebenswürdiges Mädchen, das im Herrensitz reitet, die Musik liebt, seit seiner Kindheit nur tanzen wollte und entschlossen ist, nach Paris zu fahren und sich dort beim Ballet Russe zur Tänzerin ausbilden zu lassen.

Aber dann verliebt sich Stasia in Simon Jaschi, Oberleutnant der Weißen Garde, und heiratet ihn. Diesen eleganten Charmeur, der flott auf einem imaginären, fröhlich wiehernden Pferd angeritten kommt, spielt Mirco Kreibich neben zehn anderen Rollen. In immer neuer Verkleidung mit immer anderer Stimme und unterschiedlichster Gestik und Mimik lässt Kreibich Frauen und Männer, gute und böse, lebendig werden, d.h. er tupft sie so hin, skizziert sie ohne ihnen ganz feste Konturen zu geben.

So eine hingetupfte Gestalt ist auch Mirco Kreibichs Brilka, für die Niza die Familiengeschichte geschrieben hat. Das achte Buch ist Brilka gewidmet, und im Roman folgen auf den Titel zwei leere Seiten, denn Brilkas Leben soll von ihr selbst gestaltet werden. Sie ist zwölf Jahre alt, so selbstbewusst und rebellisch wie alle Frauen der Familie Jaschi, und sie will Tänzerin werden wie ihre Ururgrossmutter Stasia. Vor Beginn des Stücks fliegt Brilka, mit einem Tutu über ihren Jeans, tanzend über die Bühne.

André Szymanski verkörpert drei Generationen der Familie Eristawi, beginnend mit Stasias Freundin Sopio, einer geheimnisvoll faszinierenden Dichterin, die durch einen Genickschuss endet. Ihr Sohn Andro, der einen Film über seine Mutter drehen wollte, kehrt als gebrochener Mann aus einem Arbeitslager zurück, und sein Sohn Miqa wird in einem Gefängnis zu Tode geprügelt.

Die Politik greift nicht nur von außen in das Leben der Menschen ein. Stasias lebensfroher Halbschwester Christine (Karin Neuhäuser) wird ihre Schönheit zum Verhängnis, aber sie nutzt die ihr brutal aufgezwungene Verbindung zum Geheimdienst, um ihre Familie zu schützen. Stasias Sohn Kostja (Sebastian Rudolph) wird vom sensiblen kleinen Jungen zum Helden im 2. Weltkrieg, entwickelt sich nach einer verlorenen Liebe zu einem verbitterten, bösartigen Menschen, der das Leben seiner Tochter Elene (Cathérine Seifert) zerstört, und als Mitarbeiter des Geheimdienstes dafür sorgt, dass seine Schwester Kitty (Maja Schöne), nach London übersiedelt nachdem sie Mittäterin bei einem Mord war, für den Kostja verantwortlich ist.

Es gibt viele Tote in diesem Stück. Kitty macht als Sängerin Karriere, begeht aber am Ende Selbstmord, vereinsamt und von traumatischen Erinnerungen verfolgt. Viel später bringt ihre Großnichte Daria (Franziska Hartmann) sich um, eine nach Anfangserfolgen gescheiterte Schauspielerin mit einer unglücklichen Liebe. Sie ist Nizas Halbschwester und die Mutter von Brilka.

Trotzdem wird gelebt, gefeiert, herumgealbert, gesungen und getanzt. Kinder bekunden mit Quäkstimmchen ihr Erscheinen auf der Welt, wachsen heran und werden unglücklich. Manches erscheint komisch, obwohl es entsetzlich ist wie Elenes Verführung des arglosen Miqas oder ein Totschlag mit einer Toilette zu Walzerklängen.

Pauline Hüners hat wundervolle Kostüme gestaltet, manche die unterschiedlichen Zeiten nur andeutend, aber auch so prachtvolle wie die roten Gewänder bei Christines Fest, bei dem sich das Leben der Gastgeberin erschreckend verändert.

In Filmeinblendungen sind die Machthaber zu sehen, deren Namen nicht genannt werden. Es geht nicht um sie, es geht um ihre Opfer, um Menschen, die in einem Jahrhundert leben mussten, „das alle betrogen und hintergangen hat, alle die, die hofften.“

Zusammengehalten werden diese Menschen durch Stasia, auch eine Betrogene, aber tanzend bis ins hohe Alter, manchmal resigniert, weltabgewandt, Geister sehend, dann jedoch plötzlich immer noch kämpferisch und pragmatisch. Und wenn Barbara Nüsse, völlig unsentimental in einem trockenen Ton, liebevoll zu Niza sagt, sie sei etwas ganz Besonderes, dann bleibt die Zeit stehen, einen unvergesslich schönen Augenblick lang.

Das Publikum zu Tränen zu rühren, wie es den Schauspielerinnen und Schauspielern in Jette Steckels Inszenierung einige Male gelingt, geschieht selten auf deutschen Bühnen.

Gefühle sind dort seit langer Zeit in Misskredit geraten. Theater gibt sich intellektuell und gesellschaftskritisch und grenzt sich, zugunsten der Ratio, gegen Emotionen ab, zumindest gegen das Mitleiden. Coolness ist angesagt, mit flotten Sprüchen lassen sich Tragödien kommentieren, und weil das Theater einen Bildungsauftrag hat, muss das Publikum aufgerüttelt und zum Denken gezwungen werden. Wut und Ekel sind erlaubt, aber nicht Empathie. Tränen der Freude oder der Trauer dürfen, auch von harten Männern, nach Fußballspielen vergossen werden, aber nicht im Theater.

Dabei sind coole Zyniker keine angenehmen Zeitgenossen, Schocks lähmen das Denken statt es zu beflügeln, und Ekel ist nicht der Kitt, der eine erlebenswerte Gemeinschaft zusammenhalten könnte.




Vorhang auf, Bühne frei. Und immer schon fair.

„Eine Version der Geschichte“ von Simone Kucher, inszeniert von Marco Milling

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Für mich begann die Lange Nacht der Berliner Autorentheatertage 2018 mit „Eine Version der Geschichte“ von Simone Kucher. Das Stück war im vorletzten Jahr beim Stückemarkt des Theatertreffens zu erleben als szenische Lesung, eingerichtet von Bettina Bruinier. Sieben Schauspieler*innen und ein kleines Mädchen, alle nur schemenhaft anwesend, hatten die Geschichte der Geigerin Lusine vorgestellt, die plötzlich mit ihren armenischen Wurzeln und dem Völkermord an den Armeniern konfrontiert wird.

Eine Realisation des Stücks als Hörspiel ist denkbar, aber aufgrund der szenischen Lesung hatte ich es mir auf einer riesigen Bühne gewünscht, auf der die zarten, poetischen Dialoge Raum haben zum Schweben, die Stimmen der Ermordeten von überall her kommen und in den Nachgeborenen Erinnerungen wach werden lassen, damit eine verdrängte Geschichte endlich erzählt wird.

In Marco Millings Inszenierung vom Schauspielhaus Zürich gab es das Stück auf kleinem Raum, in der Box. Die sechs Schauspieler*innen waren dazu noch in einen Glaskasten eingesperrt. Es gab viel flackerndes Licht, Blackouts und hart abgeschnittene Sätze. Da blieb nichts in der Schwebe und die Poesie blieb auf der Strecke.

Aus dem Spiel mit den Geistern der Vergangenheit wurde ein Dokumentarstück, dem es an Material fehlt.




Fania Sorel in „GAS, Plädoyer einer verurteilten Mutter“.

„GAS, Plädoyer einer verurteilten Mutter“ bei den Berliner Autorentheatertagen 2018

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der belgische Dramatiker Tom Lanoye hat sich offenbar nicht vor dem Vorwurf der Rührseligkeit und des Drucks auf die Tränendrüsen gefürchtet, als er sein Stück schrieb „GAS – Plädoyer einer verurteilten Mutter“, in dem reichlich geweint wird, auf der Bühne wie im Zuschauerraum, und das als Gastspiel des Theaters Bremen bei den Autorentheatertagen zu erleben war.

Tom Lanoye erzeugt nicht einen Schock, sondern er löst einen Schock auf. Es ist ein schockierender Gedanke, der Mutter eines Attentäters zu begegnen, eines zum Islam konvertierten Fanatikers, der von Polizisten erschossen wurde, nachdem er 200 Menschen mit Giftgas getötet hatte. Mit der Trauer einer Frau um ein solches Monster möchte doch niemand etwas zu tun haben. Wenn sie nicht imstande ist, sich von diesem Sohn zu distanzieren, den vielfachen Mörder aus ihrem Leben zu streichen, dann ist das vielleicht verständlich jedoch kaum zu verzeihen. Mit ihrer Trauer bleibt sie dem Täter verbunden und schließt sich damit selbst aus der Gesellschaft aus, die mit den Angehörigen die Opfer beklagt. Es ist besser, einer solchen Frau aus dem Weg zu gehen.

Aber da sitzt sie, in der Box des Deutschen Theaters, in der sich Nähe zwischen Darstellerin und Publikum leicht herstellen lässt. Sie sitzt in ihrer Küche am Tisch in Jeans und einer bunt gemusterten Bluse. Vor ihr steht ein Becher mit Milchkaffee, den sie mit den Händen umschließt.

Fania Sorel beginnt zu sprechen. Sie erzählt von der Geburt ihres Sohnes, nach der sie sich, trotz der Schmerzen und nachdem er schließlich per Kaiserschnitt geholt werden musste, vollkommen gefühlt habe. Sie berichtet über seine Kindheit, auch über die Trotzphase, die sie mit ihm durchgestanden hat. Den Namen ihres Sohnes spricht sie nicht aus. Er war ein Kind und ein Jugendlicher wie alle anderen. Später, nach seinem Übertritt, hat er sich einen neuen Namen gegeben, den seine Mutter sich nicht merken wollte.

Eineinhalb Stunden lang spricht Fania Sorel. Meistens hat sie Tränen in den Augen. Sie ist kurz vor einem Zusammenbruch, aber sie hält sich aufrecht. Die Rede ist fast zu gut strukturiert, um von einer Frau in einer so verzweifelten Situation gehalten zu werden. Sie müsste sich doch wiederholen, aus dem Konzept geraten, plötzlich Unsinn reden.

Sie bemerkt ja nicht einmal, dass die Kanne in ihrer Kaffeemaschine überläuft, geht achtlos durch die Lachen auf dem Fußboden. Sie gießt Milch in ihren Kaffeebecher, der überfließt ohne dass sie darauf reagiert. Sie rührt einen Kuchen zusammen, schlägt Eier hinein und wirft dann ganze Eier mit der Schale dazu.

Diese Frau ist am Ende, hat niemanden mehr, mit dem sie reden könnte, wird von Reportern verfolgt und in den Medien angeprangert. Psychologen finden Erklärungen dafür, weshalb ausgerechnet dieser junge Mann zum Attentäter wurde. Aufwachsen ohne Vater ist Grund genug. Ein anderer behauptet, es sei der Kaiserschnitt gewesen, der eine Fehlentwicklung bewirkt habe.

Fania Sorel überzeugt mit dem Plädoyer, in dem alle Aspekte enthalten sind, unter denen der Fall dieser Frau, die wie ihr Sohn keinen Namen hat, betrachtet werden kann. Diese Mutter hat kein anderes Interesse, als ganz genau zu überprüfen, weshalb ihr Sohn zum Verbrecher werden konnte. Sie hat alles richtig machen wollen und kann nicht entdecken, wo sie versagt haben könnte. Hätte sie ihm verbieten sollen, dass er, wie alle seine Freunde, zu viel Zeit vor seinem Computer verbrachte? Er wurde nie auffällig, hat die Schule und ein Studium ordentlich abgeschlossen. Hätte sie ihn zurückhalten sollen als er, als erwachsener Mann, aus der Wohnung seiner Mutter auszog und ihm nachspionieren, als er sich nicht mehr bei ihr meldete?

Mit dem bärtigen Toten, der ihr in der Gerichtsmedizin gezeigt wurde, fühlt sie sich nicht verbunden, und seine Tat verabscheut sie. Sie trauert auch um die Menschen, die ihr Sohn ermordet hat und fühlt sich ihnen verbunden, auch wenn die nichts mit ihr zu tun haben wollen. Das Recht, das Kind, das sie kannte und aufgezogen hat, weiterhin zu lieben, will sie sich nicht nehmen lassen.

Fania Sorel hat mit ihrer Regisseurin Alice Zandwijk das eindringliche Porträt einer Frau geschaffen, die völlig unerwartet in eine schreckliche Situation gerät. Ausstatterin Nadine Geyersbach hat einen Trickfilm gestaltet, der die Vorstellung begleitet. Neben der Küche, in der die Mutter sitzt, ist ein leeres Zimmer mit einer Schrankwand. Dort erscheint mehrfach ein skizzierter Junge, der sich im Zimmer bewegt oder in einem ebenfalls skizzierten Bett liegt. Manchmal ist das schemenhaft gezeichnete Gesicht des Jungen durchgestrichen.

Die Tränen von Fania Sorel sind ansteckend, aber sie vernebeln das Hirn nicht. Ganz im Gegenteil bewirken sie die Auseinandersetzung mit den Vorurteilen und Schuldzuweisungen, mit denen wir alle es uns oft allzu leicht machen.




Schauspielerin Betty Despoina Athanasiadou nach der letzten Aufführung von "Nebel brutal"

NO WAY (out)? NORWAY TODAY. Norwegenreise mit Betty Despoina Athanasiadou [PAF]

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Norway today war 2003 und 2004 das erfolgreichste Stück in der Bundesrepublik Deutschland, wurde international 100mal aufgeführt und zu diesem Zweck in 20 Sprachen übersetzt. Betty Despoina Athanasiadou belebt es im Rahmen des Performing Arts Festival (PAF).

Drei Stellen greift sie auf. Diese werden monologisch vorgetragen. Das Ganze dauert nur 20 Minuten. Das kann sich auch der größte Theatermuffel gönnen. Der Eintritt ist frei. Termin Samstag, 9. Juni 19 Uhr. Club der polnischen Versager, Ackerstraße 168 in Mitte. (Keine Eintrittskarten erforderlich.)

Kein Ausweg? Oder doch? Betty Despoina Athanasiadou versucht, ihn in NORWAY TODAY zu zeigen

Betty Despoina Athanasiadou ist ein positiver Mensch, der zeigen will, dass es immer einen Ausweg gibt, immer eine Lösung. Despoina Athanasiadou ist eine Schauspielerin, die das auch zeigen kann, die seit acht Jahren ihr Talent durchscheinen lässt. Meist in Berlin.

Sie hat gemeinsam mit der Regisseurin Helena Kontoudakis drei Stellen ausgesucht, die sie als Monolog vorträgt. Sie wird allein auf der Bühne sein.

Ohne großartiges Bühnenbild. Der Club der polnischen Versager, in dem bei Filmpolska auch Filme gezeigt werden, gibt das logistisch auch kaum her.

Betty Despoina Athanasiadou als Julie wird drei Monologe sprechen, einen an den zweiten Hauptdarsteller des Originalstücks, August, gerichtet. Zwei an das Publikum gerichtet, nachgespielt, wie die Figur „Julie“ begründete, warum sie sich umbringen wolle. Im Original ist das die Passage, wie sich Julie selbst mit der Kamera aufnimmt und das dann ins Internet stellt.

Frau Athanasiadou spielte unter anderem in „Das Fremde“ von ‚Nebel brutal‘ mit:

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WHY NORWAY TODAY?

Betty Despoina Athanasiadou suchte mit der Regisseurin Helena Kontoudakis nach einem passenden Stück. Ihr gefielen die Dialoge und so fiel die Wahl auf Norway today. Das Erfolgsstück zog ein überwiegend jugendliches Publikum an; die Schauspielerin ist ebenfalls jung.

Vielleicht kann Betty Despoina Athanasiadou mit der 20minütigen Performance im Club der Versager Leben retten. Erste Hilfe geht manchmal schneller, braucht jedoch auch viel Vorbereitung, wenn es gut gehen soll.

Das Performing Arts Festival (PAF) ist ein prima Rahmen. Es begann am 5.6. und dauert noch bis zum 10. Juni 2018; es erfüllt die ganze Stadt permanent mit Aufführungen. An vielen Veranstaltungsorten:
https://www.performingarts-festival.de/2018/wege-durchs-programm/touren/
www.performingarts-festival.de

Das Collegium Hungaricum in der Dorotheenstraße in Berlin-Mitte, einer der vielen Spielorte. © 2016, Foto: Andreas Hagemoser

Norway today im Klub der polnischen Versager – wo sonst?

Die Versager aus Polen sind keine Loser. Nicht nur, weil sie besser polnisch als englisch sprechen.
Sie nehmen das Versagen ernst. Es wird erforscht, präsentiert. Selbstmordversuche gehören dazu. Selten gibt es mehr zu verlieren als das Leben. Norway Today ist also ein sehr passendendes Untersuchungsobjekt für Versagerologie, die Wissenschaft des Versagens.

Das Stück Norway today: Spoiler (Inhaltsverrat)

Das Stück ist schon so lange unterwegs und vielfach besprochen worden, der eine oder andere hat es bestimmt schon gesehen, so dass es besser ist, den Inhalt kurz anzusprechen.

Schließlich werden ja auch nur Ausschnitte gespielt und gesprochen. Drei Ausschnitte.

Julie ist zwanzig Jahre alt und schon lebensmüde. Eine Unverschämtheit und totaler Quatsch obendrein; aber das soll vorkommen und nachdem jemand Junges von der Brücke sprang, glaubt man es und steht sprachlos da.

Julie sucht online Gleichgesinnte, und hier ist das Einfallstor für das Positive, wie sich später zeigen wird. Sie will nicht allein sein. Das ist doch schon mal was. Ob es Feigheit, Langeweile oder was auch immer ist. Sie will gehen, erst nach Norwegen, dann in den Tod – aber nicht allein.

Im Chat lernt die junge Frau dann August kennen, der nur ein Jahr jünger ist. (Juli und August sind auch nicht weit voneinander weg.) Doch beide sind volljährig, niemand kann ihnen die Reise nach Norwegen verbieten. (Unter uns: Norwegen ist so besonders und schön, da bringt man sich doch nicht um. Man bekommt eher Appetit auf mehr. Eine Weltreise vielleicht.)

Reise nach Norwegen

Abgemacht. Die beiden wollen zum Preikestolen-Felsen am Lysefjord. Dieser ist 600 Meter hoch und schneebedeckt. Von dort beabsichtigen sie, herunterzuspringen. Sich das Leben zu nehmen.

Man ist modern: Dinge, die keinen Strom verbrauchen, sind (den jungen Leuten) suspekt. Allen Weltrettungsäußerungen Jugendlicher zum Trotz. Bücher oder Briefe – pfui, wie altmodisch! – gehören dazu.
Also greifen Julie und August nicht zur Feder, um einen Abschiedsbrief zu schreiben, sondern zur Videokamera, die die vermeintlich letzten Botschaften in Farbe übermitteln soll.

Zwei von drei Teilen des von Betty Athanasiadou vorgetragenen Dialogs sind nachgespielte Videobotschaften.

Am Ende steht nicht das Lebensende. August und Julie verlieben sich ineinander.

So wird aus dem Stück über Sinn und Sinnlosigkeit des Lebens schließlich eine Story, die Lebensmut sprießen lässt.

Exkurs: Ein junge hübsche Frau besuchte das Gymnasium – und schloss nie ab. Eine wahre Geschichte

In meiner Jugend hat sich eine junge, kluge, hübsche, vielversprechende Frau aufgeknüpft. Ich war 16 oder 17, sie war etwas älter. Sie arbeitete schon, jobbte neben der Schule. Sie ging zum Gymnasium Oedeme, einer jungen, erfolgreichen Schule ohne Muff unter den Talaren. Viele junge Lehrer neben erfahrenen. Ein junger, aufgeschlossener Schulleiter, dessen vielseitiges Engagement ansteckte. Der dort, wo es Sinn hatte, viele Freiheiten gewährte. Koedukation natürlich, das heißt Jungs und Mädchen lernten gemeinsam und gleichzeitig im selben Raum. Manch erfolgreiche kluge Kopf besuchte dieses Gymnasium.

Die junge, wendige, hübsche Frau – nennen wir sie Nico – war voller Entschlusskraft. Sie überlegte es sich vielleicht gut, fackelte dann aber nicht lange. Sie war praktisch begabt. Ein tolles Mädchen, eine tolle Frau. Andere hätte sich vielleicht die Pulsadern falsch aufgeschnitten oder wären aus dem zweiten Stock gesprungen. Dummheit ist nicht ausrottbar.

Der eine oder andere hätte vielleicht schlau und hinterlistig so getan, als ob ein echter Suizidversuch vorläge, um Aufmerksamkeit zu erheischen.

Nicht so Nico. Entschlusskraft und praktische, zeitnahe Durchführung gehörten zu ihren Stärken. Neben vielem anderen.

Wir werden nie erfahren, was sie noch auf die Beine hätten stellen können. Was sie noch Gutes hätte tun können – für sich und andere. Wen sie hätte glücklich machen können. Was sie an ihre Kinder weitergegeben hätte.

Sie tat das Unvollstellbare. Erklomm den Dachboden, knüpfte einen Strick und fiel – in den Abgrund.
Die Aktion verlief „erfolgreich“, beendete jedoch ihr Leben. Zerstörte ihren Körper.

Hinterließ ein tiefes Loch auch bei anderen. Trauer, Bestürzung. Die üblichen, unvermeidbaren Reden.

Ein junger Mann aus dem Mathematik-Leistungskurs meinte, es sei kaum vorstellbar, dass sie die Treppe und Leiter hinaufgestiegen sei und das getan hätte.

Viele kamen ins Grübeln. Doch es war geschehen. Es war nicht rückgängig zu machen. Und letzten Endes ging das Leben weiter – ohne sie. Leider.

Auch norway.today* basiert auf einer wahren Begebenheit

Das Stück von Igor Bauersima is „based on a true story“, wie so mancher Film jüngst oder ein Buch von Kästner, das ebenfalls auf einer Zeitungsnotiz beruht.
Kästner wehrte sich noch im Vorhinein gegen Plagiatsvorwürfe mit dem Hinweis, die Notiz sei nur kurz gewesen, das Buch dagegen hunderte Seiten lang.

Bauersima las von der Sache im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

(*Eigenschreibung des Stücks: „norway.today“)

Die Kraft der Liebe

„Ja, das war immer mein Traum“, beginnt der zweite Teil von Athanasiadous Vortrag.

In Igor Bauersimas Stück verliebt sich Julie in August (sic! nicht im August) und verschiebt ihre Körperzerstörungspläne. Es liebt sich schlechter, wenn man tot ist.

Außerdem wollen die Inder und manche Wissenschafter herausgefunden haben, dass der Körper eine Seele hat; besser ausgedrückt: Die Seele eines Menschen wohnt im Körper. So wie ein Mensch ein Auto fährt. Geht es kaputt, kauft er sich ein neues. Die Seele eines Menschen besitzt also prinzipiell die Fähigkeit, nicht nur einmal in einem Körper zu wohnen, sondern zum Beispiel in einem zweiten Körper, der nicht dasselbe Geschlecht haben muss, „wiedergeboren“ zu werden.

Das mit dem „Selbstmord“ hat also gar keinen Sinn. Man lebt als Seele sowieso weiter. Bringt nur schlechtes Karma, und wer will das schon.

Anschriften

Club der polnischen Versager
Ackerstraße 168
10115 Berlin

Nähe Torstraße und Koppenplatz, U-Bahn-, Bus- und Straßenbahnhaltestelle Rosenthaler Platz (u.a. U8, Tram 8)
www.polnischeversager.de

www.polnischeversager.de

Dort gab es im April/ Mai 2018 Vorführungen von Filmpolska:
www.filmpolska.de
Zum Beispiel am 29.4. „Opera o Polsce“/ „Opera about Poland“ von Piotr Stasik, der höchstpersönlich im Club zu Gast war. Filmvorführung zusammen mit „First Pole on Mars“/ „Pierwszy Polak na Marse“:

Marspole. „First Pole on Mars“ von Agnieszka Elbanowska im Fsk-Kino Oranienplatz (Filmpolska)

Performing Arts Festival – Eintrittskarten-Quellen und Adressen

Festivalzentrum des Performing Arts Festivals (PAF) am Kottbusser Tor (Kotti)
Aquarium, Skalitzer Straße 6, 10999 Berlin
U8/U1 Kottbusser Tor

Dort gibt es Eintrittskarten, Parties und Performances. 6.-9.6. 11 bis 20 Uhr. Am 10. 6. von 11 bis 13 Uhr.
Die Skalitzer Straße ist die Verlängerung der Gitschiner Straße nach Osten und verläuft unter der Hochbahn der U-Bahn-Linie 1.

Nebenstellen (Dependancen) unter anderem in der Werkstatt der Kulturen Neukölln
Wissmannstraße 32, 12049 Berlin. 12-18 Uhr, Samstag geschlossen.

Oder bei PANKE culture Wedding, Gerichtstraße 23 (Hof V), 13347 Berlin – zwischen Panke und Ringbahngleisen Nähe Reinickendorfer Straße am Nettelbeckplatz (U+S-Bf. Wedding).
„PANKE culture Wedding“ befindet sich in Nachbarschaft zu den Gerichtshöfen in der Gerichtstraße 12/13; das Silent-Green-Kulturquartier ist auf der anderen Seite des Nettelbeckplatzes in der Gerichtstraße 35.)

Dort gibt es Eintrittskarten, auf besonderen Wunsch auch Tickets.

Lieben und leben – Rat bei Problemen

Wer leben und lieben möchte und erst später sterben, findet Rat und Tat u.a. bei http://www.prenzlkomm.de/home.html

www.prenzlkomm.de

Anlaufstelle für verschiedene Probleme, darunter auch bei Melancholie, Selbstmordgedanken und Depression, ist die

KONTAKT- UND BERATUNGSSTELLE mit Café „von Kuchenschwarm bis Stullenliebe“ in der
Erich-Weinert- Straße 37 in 10439 Berlin (Prenzlauer Berg)
Tel.: 030 / 444 16 64 (Fax: +49 (30) 44738392) E-Mail-Adresse: kbs(a)prenzlkomm.de

Öffnungszeiten: Montag – Freitag 10 – 18 Uhr

Wem das zu kurz ist, zu weit oder sonstwie nicht in den Kram passt, kann sich bundesweit auch an die Telefonseelsorge Deutschland wenden, kostenfrei und anonym. Außerdem rund um die Uhr. Tel. 0800 111 0 111. Leicht zu merken und, wie erwähnt, Tag und Nacht erreichbar. Der Spruch der Telefonseelsorger: Sorgen kann man teilen.

Mehr über das Stück NORWAY TODAY

„Norway.today“ von Igor Bauersima ist ein Drama für zwei Personen. Ein Kammerspiel. Eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Düsseldorf. Uraufführung ebendort im November 2000. Der Regisseur führte eigenhändig Regie.

Das Theaterstück erhielt viele Preise und Auszeichnungen. Auch als Hörspiel. Die Hörspielfassung des Stücks (Berlin 2001) in der Hörspielregie und Bearbeitung von Norbert Schaeffer wurde noch im selben Jahr als Hörspiel des Monats ausgezeichnet.




Handzettel am Schwarze Brett der Gitschiner 15 in Kreuzberg für Veranstaltung in Wedding

Aus fernen Ländern: Karin Bretzinger erzählt Geschichten

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Geschichten erzählen muss man können. Karin Bretzinger kann es. Karin Bretzinger erzählt Geschichten so, dass man zuhört. Das hat sie mehrfach unter Beweis gestellt, jüngst an einem offenen Singeabend im Seepferdchen in der Brüsseler Straße 43. Um Geschichten zu erzählen, braucht man einen Rhythmus. Karin Bretzinger spielt auch Geige, damit begleitete sie sogar einmal ein Konzert von Jocelyn B. Smiths Different Voices of Berlin in Tegel unter der Leitung des legendären Regi. Den Different Voices lieh sie auch bereits ihre gut hörbare Stimme bei diversen Auftritten mit verschiedenen Stimmen.

Karin Bretzinger ist für den Frieden. Entschieden.

Am 13. Juni ist es soweit: Karin Bretzinger erzählt Geschichten aus fernen Ländern.

Wie Karin Bretzinger zur Geschichtenerzählerin wurde

Nach dem frühen Tod ihres Bruders trauerte die ausgebildete Krankenschwester zutiefst. Eines Tages sah sie in einem Brotgeschäft einen Anschlag: „Werde Märchenerzähler!“ und wurde Märchenerzählerin. Als sie die Ausbildung abgeschlossen hatte, wollte sie auch als solche tätig werden. Doch war der Bedarf zu gering. Anscheinend ließ sich mehr Geld damit verdienen, Erzähler auszubilden, als es zu sein.

Da hatten sie ihr aber ein schönes Märchen erzählt! Die Mär vom erfolgreichen Mär-Er-Zähl-Er.

Doch die Ära der Erzählerin hatte noch gar nicht begonnen.

Kar-in wurde eingeladen, bei der Gartenschau in Havelberg Geige zu spielen. Es war auch im Gespräch, dass sie zusätzlich Märchen erzählen könnte, oder eine Geschichte, oder wenigstens ein Geschichtchen.

Doch weder war die Unterstützung der Veranstalterin stark genug noch wollten die Mit-Auftreter, dass Kar-in Geschichten erzähle.

Da stampfte Kar-in B. aus B. gewaltig mit dem Fuß auf, so dass ganz Havelberg erzitterte. Wer das Gras wachsen hören konnte, vernahm es ganz deutlich. Ganz wütend wurde die Erzähler-in. Ihre Wut brannte ihr den Durchbruch in die Welt. Von nun an brannte sie für Geschichten und Märchen und war mit Haut und Haaren dabei.

Sie ging einfach in das Städtchen Havelberg, bei dem die Schau feiner Gärten stattfand, und fing an, den Leuten auf der Straße Geschichten zu erzählen.

Es hört sich an wie ein Märchen; doch hört, liebe Leute, es ist wahr! So war es. Und so sei es. Eine Geschichtenerzählerin ward geboren. Kar-in Bret-Zinger war ihr Name. Und fortan erzählte sie landauf, landab den Menschen Märchen und G‘schichten zum Wohlgefallen.

Und da sie noch lebt und wenn sie nicht gestorben sind, so lebten sie und ihre Zuhörer glücklich bis an ihr

Ende.

Karin Bretzinger erzählt Geschichten aus China, Indien und Brasilien – und wie!

Der Yala Nationalpark von Sri Lanka.
Elefanten-Begegnung. © 2018, Foto: Dr. Bernd Kregel
Wie der Handzettel zur Veranstaltung mit seinen Elefanten, fächelnden Dienern und fürstlichen Sonnenschirmträgern richtig vermuten lässt, stammen die Stories aus der Gegend um Indien und das Reich des Königs von Siam (Thailand). Tatsächlich stammen einige Geschichten, die sie am Dreizehnten des Monats Juno zum Besten geben wird, aus dem alten Indien. Andere aus dem alten China.

Es sind Weisheitsgeschichten.

Eine stammt aus dem Süden des Kontinents, den die Entdecker für Indien hielten: aus Brasilien. Dem einzigen Land weit und breit, das portugiesisch spricht. Dem Land, das den BRICS-Staaten das B gab. Dem Land, das 1:7 verlor; auch das eine Legende, obwohl nur 4 Jahre alt. Das „7:1“ ging in den Wortschatz ein, in die Alltagssprache. Zu sehr waren die Brasilianer mit dem Fußball verbunden. Zumindest auf der Schildkröteninsel, von kenntnisarmen Europäern nach Amerigo V. „Amerika“ genannt, machte den Brasilianern langfristig niemand was vor. Die Mexikaner nicht, die Costaricaner nicht und letzten Endes auch die Nachbarn aus dem Silberland nicht, die Argentinier.

Doch das gehört nicht hierher oder jedenfalls nicht in Kar-ins G‘schichtn.

Karin Bretzinger erzählt Geschichten an einem geheimnisvollen Ort: Codierung TAZ m32

Geschichten aus fernen Ländern
Plakat zur Veranstaltung von Karin Bretzinger im m32. © Karin Bretzinger
Der Veranstaltungsort scheint auch ein fernes Land zu sein. Zumindest sind die Angaben nicht für jedermann verständlich:

„TAZ m32 im KBS im dpw.“

Selbst wenn man das „DPW“ weglässt, ein Kürzel für den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband, und „KBS“ zu „Kontakt- und Begegnungsstätte“ – nicht: Beratungsstätte – auflöst, bleibt, und das ist ein Zitat aus dem elektronischen Weltnetz,

„TAZ m32“.

Ist die TAZ, die Tageszeitung, die mangels Phantasie sich nicht anders nennt, und als Kürzel sich gern kleinschreibt, nicht aus dem Wedding weggezogen? Wie die Buchhandlung Mackensen und manche andere Kulturinstitution auch? Richtig, „Die Tageszeitung“ ist jetzt im Zeitungsviertel an der Rudi-Dutschke-Straße und nicht in der Voltastraße oder irgendwo sonst im einst französischen Wedding mit seinem Eiffelturm, der jetzt zu Mitte gehört.

Das Tageszentrum m32 (TAZ m32)

Das Tageszentrum m32 stellt sich selbst so dar: Hier „verbinden sich die Angebote einer Kontakt- und Beratungsstelle mit denen einer Beschäftigungstagesstätte, ergänzt durch einige Zuverdienstmöglichkeiten für psychisch kranke Menschen.

Das vielfältige Programm ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern eine individuell abgestimmte Nutzung der unterschiedlichen Angebote. Mit diesen Angeboten bietet das TAZ m32 Hilfestellung bei einer sinnvollen Tagesstrukturierung und Beschäftigungsmöglichkeiten.

In Form des Offenen Treffs, der verschiedenen Gruppen- und Beratungsangebote und Beschäftigungsmöglichkeiten, Kriseninterventionen, aber auch alltäglichen Begleitungen wird psychisch erkrankten Menschen die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben ermöglicht.“

Weitere Informationen zum Tageszentrum m32 findet man im M32-Flyer.
http://www.kbsev.org/web/tageszentrum-m32.php

Karin Bretzinger erzählt Geschichten aus fernen Ländern

Der Yala Nationalpark von Sri Lanka.
Elefanten-Begegnung. © 2018, Foto: Dr. Bernd Kregel

Termin Mittwoch, 13. Juni, 17-19 Uhr

Wo? Veranstaltungsort: Anschrift/ Adresse:
Kontakt- und Begegnungsstätte e. V. (KBS e.V.)/ psychosoziales Tageszentrum m32
Malplaquetstraße 32
13347 Berlin

Anfahrt:
U-Bahn: U9/ U6 Leopoldplatz

Zu Fuß dann diagonal unter Bäumen nach Nordwesten in die Malplaquetstraße, die manche Kulturliebhaber vielleicht durch das gut sortierte, alteingesessene Antiquariat Niemann kennen. Einst hieß das Antiquariat Mackensen & Niemann und befand sich Tür an Tür mit der Buchhandlung Mackensen in der Utrechter Straße (sprich: Ütrechter). Die Buchhandlung ist längst abgewandert in die Langenscheidtstraße am U-Bahnhof Kleistpark in Schöneberg, das Antiquariat ein paar Häuser weiter gezogen an die Ecke Utrechter und Malplaquetstraße.
Die Kreuzung der beiden Straßen nennt man an der unbebauten spitzen Ecke auch Robert-Rescue-Platz. Eine Spitzenecke.

Wem der U-Bahnhof Nauener Platz an der U9 näher liegt, kann von dort auch durch die Liebenwalder Straße laufen und dann links in die Malplaquet einbiegen. M32 liegt dann vor der nächsten Ecke auf der anderen Straßenseite.
Telekommunikation:
Tel.: 030-400 599-0 (Zentrale)
Fax: 030-400 599-20
Tel.: 030/ 4 55 30 9-0 (KBS in der Malplaquetstraße 32 = m32)

Sri Lanka
Wolkenmädchen am Sigiriya Rock. © 2018, Foto: Dr. Bernd Kregel

info(a)kbsev.de

(Geschäftsführer: Gerd Pauli. Der KBS ist als gemeinnützig und besonders förderungswürdig anerkannt und Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband (dpw).)
(1001 Wort)

Elefantenwolke
Elefantenwolke © 2017, Foto: Andreas Hagemoser

Von der Fremde, Australien oder der Republik China auf Taiwan, erzählt auch dieser Artikel, genau wie Theater natürlich immer Geschichten erzählt, doch hauptsächlich geht es um das Bild: https://kulturexpresso.de/geheim-die-fremde-in-das-fremde-in-der-fremde-an-einem-unbekannten-brutal-nebuloesen-ort-bjoern-zahns-stueck-mit-betty-despoina-athanasiadou-bringt-die-message-in-die-botschaft/




"GerMANIA" an der Oper Lyon.

Klangsalven – An der Oper Lyon entfesselt Alexander Raskatovs „GerMania“ die Schrecken des 20. Jahrhunderts; auf den Spuren von Heiner Müller

Lyon, Frankreich (Kulturexpresso). Gemeinsam bewachen sie die Berliner Mauer, das „Mausoleum des deutschen Sozialismus“: Ernst Thälmann und Walter Ulbricht, der Kommunistenführer und der DDR-Staatschef. Ulbricht fragt: „Weißt du was Besseres?“ Thälmann antwortet: „Nein.“ Eine beißende Salve schießt aus dem Orchestergraben; Soldaten zerren einen Flüchtling weg. „Was haben wir falsch gemacht?“

Schon in der Eingangsszene von Alexander Raskatovs Musiktheater „GerMania“ legen sich die großen Fragen des 20. Jahrhunderts schwer aufs Gemüt. Der russische, in Paris lebende Komponist schuf sein Libretto nach Heiner Müllers letztem Theaterstück, „Germania 3 Gespenster am toten Mann“. Das wurde 1995, fünf Monate nach dem Tod des Dramatikers uraufgeführt. Es geht um das katastrophale Scheitern von Utopien, zwischen Zweitem Weltkrieg und Fall der Berliner Mauer.

Müllers fragmentarisch anmutende Szenenfolge – ein Vexierspiel mit Verweisen, Anspielungen und Zitaten – ist nahezu unspielbar. Raskatov hat hier zunächst einmal die Komplexität reduziert; nicht zuletzt, um den Stoff für das französische Publikum verständlicher zu machen. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreicher 90-Minüter; auf Deutsch und Russisch, mit französischen Untertiteln.

„GerMania“ wurde von der Oper Lyon in Auftrag gegeben, die regelmäßig mit unkonventionellen Produktionen Aufmerksamkeit erregt. Beleg dafür, dass die drittgrößte Stadt Frankreichs in der Gunst der Touristen zu Unrecht im Schatten von Paris steht. Die Stadt an den zwei Flüssen, Rhône und Saône, besticht nicht nur mit beschaulichen Uferwegen, mittelalterlichen Gassen und den breiten Platanen-Boulevards. Auch das Kulturleben kann sich sehen lassen; dafür steht auch die Oper von Lyon, die 2017 zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt wurde und schon architektonisch einen Hingucker darstellt: Jean Nouvel setzte ein markantes Dach aus Glas und Stahl auf die alten neoklassizistischen Mauern. Drinnen herrscht schwarz. Auf schmalen Rolltreppen saust man zwischen den verschiedenen Ebenen umher.

Düster ist auch die Inszenierung von John Fulljames. Auf der Drehbühne kreist ein Kleiderberg, der zugleich ein Schlachtfeld ist. Die Figuren krabbeln daraus hervor, wie Geister, die aus der Erde kommen. Gulag, Stalingrad und Holocaust – neue Leichen lagern sich wie Sedimente auf ein- und derselben Toteninsel ab. Deutsche und russische Soldaten, Häftlinge und Kriegerwitwen, allesamt traumatisiert und verroht, vegetieren hier. Ein alter Schäferhund ist Zeuge menschlicher Schrecken, die er nicht versteht.

In seiner schrillen, furios entfesselten Musik greift Raskatov das Fragmentarische Heiner Müllers auf. Seine kurzen, kontrastreichen Szenen bieten zahlreiche Stile: vom Wagner-Pathos über Agitprop und Modetänze bis zum lautmalerischen Schlachtenlärm mit Salven und Sirenen. Mehrmals ziehen die ersten Takte von „Ich hatt einen Kameraden“ wie Pulverdampf übers Schlachtfeld.

Oft klingen die Instrumente scharf wie Waffen; extreme Spieltechniken bedrängen den Hörer emotional und physisch. Immer wieder kippt die Musik abrupt ins Sarkastische. So singt der betrunkene Stalin „Ich bin ein blutrünstiger Hund“ als Foxtrott. Dann wieder erklingt ein jazziger E-Bass, während der „Rosa Riese“, ein perverser Serienmörder mit bunter Unterwäsche, von der Vergewaltigung seiner Mutter durch russische Soldaten berichtet. Karl Laquit, im Ganzkörperanzug aus rosa Plüsch, wimmert hier in höchster Tenorlage.

Der argentinische Dirigent Alejo Pérez bringt die kontrastreichen Szenen in einen großen Spannungsbogen. Das herkömmliche Orchester wird erweitert durch Saxophone, E-Gitarre, Klavier und sieben Schlagwerker. Für Raumeffekte sorgt eine Bläserriege im fünften Rang.

Die 16 Darsteller schlüpfen jeweils in mehrere Rollen. Den Sängern, allesamt exzellent, wird Außergewöhnliches abverlangt: Drei Damen (Sophie Desmars, Elena Vassilieva, Mairam Sokolova) als zum Selbstmord entschlossene deutsche Kriegerwitwen schluchzen, kieksen und gackern in schwindelerregenden Intervallsprüngen.

Mit Stiefeln anstelle der Arme verkörpert der „hysterische Buffo-Tenor“ James Kryshak einen völlig verrückten, schrill kreischenden Hitler. Bei politischen Äußerungen wird dessen Stimme durch Lautsprecher verdoppelt, was an den Klang des alten Volksempfängers erinnert.

Stalin wird von Gennadii Bezzubenkov verkörpert, dessen dunkler, grummelnder Bass dem Diktator etwas Animalisches verleiht.

Am Ende gab es begeisterten Applaus, vor allem für das Regie-Team. Heiner Müllers Fragen nach dem Wesen von Gewalt und Diktatur bleiben offen. Der Zuschauer wird ohne Lichtblick entlassen. Das Stück schließt mit Juri Gagarins berühmtem Gruß aus dem All: „Dunkel ist der Weltraum, sehr dunkel“. Seit Gagarins Zeiten ist er nicht heller geworden.

Weitere Vorstellungen: 23., 26., 28., 30. Mai; 4. Juni; jeweils 20 Uhr
www.opera-lyon.com