Gisela Breitling: Künstlerin, Autorin und Frauenrechtlerin

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Buch-Cover Gisela Breitling
Umschlag eines Buches über Gisela Breitling mit einem Foto von Dr. Helga Satzinger. © 2018, Foto/BU: Dirk Fithalm

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Keine Ahnung, warum jetzt fast alle alten Leute an Demenz erkranken. So erging es auch Gisela Breitling. Man kann ihr nicht vorwerfen, unbewusst gelebt zu haben. Nein. Sie hat sich ausgedrückt. Sie malte; und sie schrieb. Was sie nicht tat: Gisela Breitling schwieg nicht. Künstlerin, Autorin, Feministin – alles richtig, um sie zu charakterisieren. Alter schützt vor Torheit nicht, vor Alzheimer erst recht.

Ende der 80er fasste ein Stuttgarter Verlag Breitlings Wirken so zusammen: Gisela Breitling,
1939 in Berlin geboren,

1962-68 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Berlin

1968 Stipendium des Institut Francais de Berlin für Paris

Ernennung zur Meisterschülerin

1977/78 Stipendium Villa Massimo, Rom

seit 1965 zahlreiche Einzel- und Gruppenaustellungen im In- und Ausland

zahlreiche Textveröffentlichungen*

die Künstlerin lebt in Berlin.

In der obigen Zeile irrt der Verlag inzwischen. 1987 irrte er nicht, doch Gisela Breitlings Leben, dass zuletzt in einer Seniorenresidenz in Lankwitz stattfand, ist vorüber.

Gisela Breitling starb am 12. März 2018.

In Berlin.

Dort, wo sie auch am 27. Mai 1939 geboren wurde.

In einem Wonnemonat, in einem Großdeutschen Reich, in dem noch vieles möglich war und Krieg keine Selbstverständlichkeit. Einem Deutschen Reich, das nicht mehr in den Grenzen von 1937 lebte, sondern das Sudetenland „heimgeholt“ hatte und die nördlichste Stadt Deutschlands wieder Memel nannte. Dafür bezahlte Deutschland und Millionen andere teuer. Brutale und menschenverachtende Jahre standen bevor, doch war das halbes Dutzend Jahre vor ihrer Geburt schon voller Grausamkeit.

Gisela Breitling: Selbstbildnisse in den alten dunklen Farben eines Poussin

Ein Künstler, der in so eine Zeit hineingeboren wurde, nur wenige Monate vor dem bis dahin größten Krieg der Menschheitsgeschichte, gerade mal ein Vierteljahr und ein paar Tage, würde wohl solche Bilder malen. Solche Bilder wie ihre Selbstporträts. Hermann Peter Piwitt beschrieb sie als „Selbstbildnisse in den alten dunkeln Farben eines Lorenzo Lotto, eines Poussin.“ Doch er fährt nach der Beschreibung dieser speziellen Dunkelheit auch lobend fort „von einer solchen Ruhe des Ausdrucks, daß man sich dazustellen möchte, ins Bild hinein, um an ihrem furchtlosen Für-sich-Sein teilzuhaben.“ (Hermann P. Piwitt, „Vor-bilder weiblich“, Stuttgart 1987).

Gisela Breitling malte Traumbilder von Frauen aus Mythologie und Geschichte

„Oder es wird in Allegorien und Traumbildern von heimgesuchten Frauen aus Mythologie und Geschichte erzählt“, schrieb er, was man unterschreiben kann. Die passenden Werke heißen „Unbefleckte Empfängnis“ oder „Martyrium der Venus“. Niedergemacht von einem „kalten Gottesauge“.
Seneca Falls ist Motiv, heute fast unbekannt. Im Juli 1848 fand hier auf Initiative von Elizabeth Cady-Stanton und Lucretia Mott die Seneca Falls Convention, der erste Frauenrechtskongress der USA, statt.

Breitling porträtierte Olympe De Gouges (1748-93), die Frauenrechtlerin und Schriftstellerin. Sie wurde in Frankreich zur Zeit der Terrorherrschaft Robbespierres geköpft.

Der Kampf der Gisela Breitling, „Suffragette“ und die göttliche Ordnung

Es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis die Frauen wenigstens ein Wahlrecht erhielten, selbst in „urdemokratischen Ländern“ wie dem Vereinigten Königreich oder der Schweiz. In der Eidgenossenschaft wurde das Wahlrecht 1971 eingeführt, wie der Spielfilm „Die Göttliche Ordnung“ wunderschön zu berichten weiß. In Großbritannien geschah es ein paar Jahre früher. 1918 erteilte das Parlament das Wahlrecht für Frauen über 30.

1903 hatte Emmeline Pankhurst in Großbritannien die „Women’s Social and Political Union“ gegründet, eine bürgerliche Frauenbewegung, die in den folgenden Jahren sowohl durch passiven Widerstand, als auch durch öffentliche Proteste bis hin zu Hungerstreiks auf sich aufmerksam machte. Neben dem Wahlrecht kämpfte sie für die allgemeine Gleichstellung der Frau.

Schön dargestellt in dem Spielfilm „SUFFRAGETTE – TATEN STATT WORTE“ u.a. mit Carey Mulligan, Helena Bonham Carter und MERYL STREEP als Frau Pankhurst, der am 16. Juni ‘16 als DVD und Blu-Ray erschien.

Das Frauenwahlrecht im deutschsprachigen Raum

Der Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Ralf Wieland, lud am Mittwoch, dem 7. März 2018, um 18 Uhr anlässlich des 100. Jubiläums der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland ins Berliner Landesparlament zu einer Feierstunde ein. Die Festrede hielt Sabine Schudoma, Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs des Landes Berlin.

Eingeführt wurde das Wahlrecht im Deutschen Reich im selben Jahr wie im Vereinigten Königreich: 1918.

Als eines der letzten europäischen Länder führte die Schweiz erst 1971 das Wahlrecht für Frauen ein.

Am 28. Juni 2017 feierte „DIE GÖTTLICHE ORDNUNG“ Deutschlandpremiere beim 35. Filmfest München. Der deutsche Kinostart der Komödie, die im Jahr ‘71 spielt, war am 3. August ‘17. Hauptdarsteller sind Marie Leuenberger und Max Simonischek. Weitere Darstellerinnen: Sibylle Brunner, Marta Zoffoli, Rachel Braunschweig, Bettina Stucky und Ella Rumpf. Gedreht wurde er von Petra Volpe und damit von einer Regisseurin.

Die Gemeinsamkeiten von Gisela Breitling und Salvador Dali

Breitling hat etwas mit Dali gemein. „Neben der Malerei befasst er sich am eifrigsten mit schriftstellerischer Arbeit“, schreibt Fleur Cowles (1908-2009) in „The Case of Salvador Dali“ (Heinemann 1959).
Die US-Amerikanerin Fleur Fenton Cowles, selbst Autorin, Herausgeberin und Künstlerin, fährt fort: „Wenn auch einige Maler seiner Generation mit entsprechendem Ruf sich nebenher als Schriftsteller betätigen, hat er (Dali) doch durch seine recht eindrucksvolle Bibliographie von Büchern, Prosastücken und Essays bereits einen Platz in der Literatur errungen, der selbst vor seinen Feinden sicher ist.“

Dali entwarf Schmuck und Bühnenbilder, Kleider und Schlipse. Er illustrierte und schrieb Bücher, malte Kulissen und Werbeplakate, dekorierte Schaufenster, arbeitete an Drehbüchern mit, machte Filmtrickzeichnungen und Filmausstattungen, schrieb Aufsätze und hielt Vorlesungen.

Vielleicht war Dali breiter aufgestellt, wie es heute in der Wirtschaftssprache unschön heißt. Vielleicht war Dali auf mehr verschiedenen Feldern unterwegs. Aber die Hauptbeschäftigung der beiden ist identisch.

Gisela Breitling verfasste unter anderem *„Der verborgene Eros: Weiblichkeit und Männlichkeit im Zerrspiegel der Künste“ (Fischer, Frankfurt/Main 1990) und „Feministischer Liebesbrief oder Notizen für M.“ in der von Rodrigo Jokisch herausgegebenen Anthologie „Annäherungsversuche“ (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1984, ISBN 3499178036). „So wollen wir denn wieder über Liebe reden“. In dem Sachbuch geht es um Emanzipation; wie das damals hieß.

Gisela Breitling konzentrierte sich auf das Malen und Schreiben; und den Feminismus. Vielleicht sollte man sagen: die Gerechtigkeit.

Sie entriss viele wichtige Frauen dem Vergessen. Fällt sie dem Vergessen jetzt selbst anheim?

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